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DER SPIEGEL

LITERATURNur die Natur ist gerecht

Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR erscheinen in diesem Herbst auffällig viele Romane über das Leben in dem untergegangenen Staat. Deren Helden fühlen sich beschädigt oder befreit - und bleiben in jedem Fall Gezeichnete.
So schön kann ein Roman anfangen. "Setzen", sagt die Lehrerin Inge Lohmark zu ihrer Klasse. "Schlagen Sie das Buch auf Seite sieben auf." Und genau dort beginnt auch das erste Kapitel von Judith Schalanskys Roman "Der Hals der Giraffe": auf Seite sieben.
Spielerischer Auftakt für ein faszinierendes Buch. Der Leser sieht sich in die Rolle des Schülers versetzt. Im Schulbuch ist von Ökosystemen und Naturhaushalten die Rede, von "den Abhängigkeiten und Wechselbeziehungen unter den Arten, zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt, dem Wirkungsgefüge von Gemeinschaft und Raum". Davon wird - im weitesten Sinne - auch der Roman handeln.
Was die neunte Klasse des Charles-Darwin-Gymnasiums irgendwo in Vorpommern von ihrer versierten und strengen Biologielehrerin vorgesetzt bekommt, bleibt dem Leser nicht erspart. Zum Glück. Es gibt eine Menge zu lernen, zu entdecken und zu staunen in diesem "Bildungsroman", wie die 1980 in Greifswald geborene Autorin ihr Werk keineswegs ironisch nennt.
Die Romanheldin, die da 2008 vor ihrer Klasse steht, der letzten, die an dieser Schule Abitur machen wird, ist in der DDR ausgebildet worden und will von einigen ihrer pädagogischen Grundsätze durchaus nicht lassen. Sie hält viel vom Frontalunterricht, macht sich mit unangekündigten Tests unbeliebt, sie siezt die Schüler und hält überhaupt auf Distanz. Leistung ist ihr wichtig, das Gymnasium sollte nicht jedem offenstehen, findet sie.
Der Schulleiter, der aus dem Westen kommt, hält der Kollegin vor: "Kreidelastiger Unterricht. Mangelhafte Sozialkompetenz. Verknöcherte Persönlichkeit." Das mag seine Richtigkeit haben, und doch ist die Lehrerin Lohmark eine Persönlichkeit, ein schräger Vogel, eine großartige Romanfigur.
Sie passt nicht recht in die neue Zeit, aber gerade das macht ihren Charme aus, dieser Trotz: "Neuerdings pochte ja jeder auf seine Selbstverwirklichung. Es war lächerlich. Nichts und niemand war gerecht. Eine Gesellschaft schon gar nicht. Nur die Natur vielleicht. Nicht umsonst hatte uns das Prinzip der Auslese zu dem gemacht, was wir heute waren: das Lebewesen mit dem am tiefsten gefurchten Gehirn."
Und froh ist sie über ihr Fach, mehr denn je. Der Biologieunterricht sei "Tatsachenbericht", glaubt sie, gesichertes Wissen, das "durch keine Umstellung auf ein anderes politisches System hinfällig wurde". Auch so lässt sich über die Jahre kommen, lassen sich Umbrüche und Umwertungen überbrücken.
Fünf deutsche Schriftsteller - zwischen Anfang 30 und Mitte 50 - publizieren in diesem Herbst Romane, in denen die DDR den Hintergrund und Hallraum abgibt. Die Romanhelden sind gezeichnet von ihrer DDR-Vergangenheit, manche beschädigt, manche befreit, alle verwoben mit dem Land, das als gespenstisches Schattenreich in ihre Gegenwart ragt.
Die Bücher sind zugleich sehr gegenwärtig, sie spielen überwiegend nach der Jahrtausendwende. Der Staat, der seit mehr als 20 Jahren nicht mehr existiert und für die jüngeren Deutschen ein Fall für die Geschichtsbücher ist, tritt nur noch als Bezugspunkt in Erscheinung.
Der Roman, der das Leben in der DDR am lebendigsten vermittelt und vergegenwärtigt, stammt von einem späten Debütanten. Eugen Ruge, 57, in Sosswa am Ural geboren und in der DDR aufgewachsen (1988 siedelte er in den Westen über), hat Erfahrungen als Theaterautor gesammelt, bevor er sich an dieses Buch mit dem etwas umständlichen Titel "In Zeiten des abnehmenden Lichts" wagte.
Das Werk ist als Familien- und Generationenroman angelegt: eine Jahrzehnte übergreifende historische Erkundung, traditionelle Erzählkunst im besten Sinne, treffsichere Dialoge, stimmige Dramaturgie. Es gibt eine Gegenwartsebene, das Jahr 2001, es gibt Kapitel, die in der Vergangenheit spielen, zwischen 1952 und 1995, unchronologisch angeordnet, und es gibt jede Menge Erinnerungen, die noch weiter zurückreichen.
Da ist etwa das Jahr 1966: In der DDR zeichnet sich zwei Jahre nach der Ablösung des sowjetischen Machthabers Chruschtschow eine harte Linie ab. Der Historiker Kurt Powileit, die tragische Figur des Romans (am Ende wird er in Demenz versinken), ist Teilnehmer eines Tribunals am Ost-Berliner Institut für Geschichtswissenschaften. Ein Kollege ist in die Schusslinie geraten, weil er sich in einem Brief unvorsichtig geäußert hat.
Der Mann übt beflissen und unbeholfen Selbstkritik, er habe "feindlich" und "verantwortungslos" gehandelt, und er wird doch - auch mit Kurts Stimme - aus der Partei ausgeschlossen: mit allen bitteren Konsequenzen für die berufliche Zukunft.
Der Verhörton im Tribunal weckt bei Kurt - er vertritt die mittlere Generation im Roman - verdrängte Erinnerungen an das Jahr 1941 in Moskau, wo er als junger Exilant in die Fänge des Geheimdiensts geraten war. Er hatte sich in einem Brief an seinen ebenfalls in Moskau lebenden Bruder kritisch zum Hitler-Stalin-Pakt geäußert. Wegen "antisowjetischer Propaganda und Bildung einer konspirativen Organisation" wurden beide ins Arbeitslager geschickt.
"Zählappelle bei dreißig Grad minus; der morgendliche Anblick der vereisten Barackendecke, ein Anblick, der verbunden war mit der Erinnerung an die dumpfe Geschäftigkeit von zweihundert Barackenbewohnern" - Kurt kann selbst kaum glauben, "dass er das alles erlebt, dass er es überlebt hatte." Dennoch hat er in der DDR Karriere als Wissenschaftler gemacht, nachdem er 1956 die Sowjetunion verlassen konnte.
Nun, 1966, als ihn die Vorgänge am Institut an all das erinnern, fragt Kurt sich, ob es nicht auch ein Fortschritt sei, "wenn man die Leute - anstatt sie zu erschießen - aus der Partei ausschloss". Immerhin erkennt er sein opportunistisches Spiel. Anders als seine kommunistisch-orthodoxen Eltern, die an ihren Idealen blind festhalten, treiben ihn Zweifel um.
Jedes Kapitel gibt die Perspektive eines Familienmitglieds wieder, quer durch die Generationen. Viele Erinnerungen kreuzen sich, widersprechen sich, familiäre Lügen und Legenden werden entlarvt.
Gegen die gepflegte Erzählkunst von Ruge, gegen seine unaufgeregte Präsentation von Geschichtswissen und seine anschauliche Darstellung menschlicher Tragödien und Komödien, wirkt ein anderer umfänglicher Roman (er umfasst sogar noch einige Seiten mehr als Ruges Werk) geradezu unbeholfen und auf Effekte getrimmt.
"Sturz der Tage in die Nacht" heißt das Buch (noch so ein bemühter Titel) der 1974 in Potsdam geborenen Antje Rávic Strubel. Es ist der sechste Roman der Autorin, die dieses Mal offenbar vom Ehrgeiz getrieben wurde, ihrer in der DDR wurzelnden Geschichte eine archaische Dimension zu verleihen.
In Kurzfassung: Junger Mann verliebt sich auf einsamer Insel in ältere Frau. Eine Zufallsbegegnung. Der 1984 in der DDR geborene und Pflegeeltern anvertraute Erik kann nicht wissen, dass es sich bei der attraktiven Vogelforscherin Inez, mit der er einige Nächte verbringt, um seine Mutter handelt. Ihr wurde das Baby gleich nach der Geburt auf Betreiben der Stasi fortgenommen.
Der Zufall ist ein heikles literarisches Sujet. Max Frisch hat in seinem 1957 publizierten Inzest-Roman "Homo faber" viel Aufwand betrieben, um der Begeg-nung von zwei Blutsverwandten, die nichts voneinander wussten (hier Vater und Tochter), Glaubwürdigkeit zu verleihen. Mit Ge-raune ist der ödipalen Konstellation jedenfalls nicht beizukommen: "Es hatte begonnen, wie es immer beginnt. Es beginnt auch jetzt noch immer." So lautet der Anfang des Strubel-Romans.
"Das Mädchen" heißt kurz und prägnant der Roman von Angelika Klüssendorf, Jahrgang 1958, die in Leipzig aufgewachsen und 1985 in den Westen ausgereist ist. Und so wird hier auch erzählt: ohne Umwege, knapp und zielgenau zur Sache.
Die Geschichte einer Jugendlichen, die von ihrer brutalen und oft betrunkenen Mutter gequält wird, ist ungeheuerlich. Es beginnt mit einer klaustrophobischen Szene: Das Mädchen ist mit seinem kleinen Bruder tagelang in der Wohnung eingeschlossen. Die Autorin kommt ganz ohne Rückblenden aus, sie erzählt aus dem Moment heraus, von der ersten bis zur letzten Zeile im Präsens.
Schläge mit dem Ledergürtel, stundenlange Verbannung in den Kohlenkeller, hinterhältiger Psychoterror sind an der Tagesordnung. "Sie verschwindet in der Raserei der Mutter wie in einem Strudel, lässt sich nach unten auf den Grund sinken und ist einfach nicht mehr da", heißt es schlicht und wahrhaft ergreifend.
Dass der Roman in der DDR spielt, zeigt sich nur in wenigen Szenen, wenigen Details. Im Fach Staatsbürgerkunde bringt sie den Lehrer durch einfache Fragen in Verlegenheit. Warum, will sie wissen, müsse sie auf einem ihr zugewiesenen Territorium leben, das sie nicht verlassen darf? Was habe sie verbrochen, dass sie nie den Rest der Welt sehen darf?
Die Geschichte dieser Qual könnte sich auch andernorts, zu anderer Zeit abspielen. Das Gefühl der Hilflosigkeit und Eingeschlossenheit allerdings ist eine Metapher für die Befindlichkeit in dieser von Mauern umgebenen Diktatur.
Die klüssendorfsche Prosa wirkt wie eine Ich-Erzählung, doch bleibt sie streng bei der dritten Person, die drangsalierte Heldin ist "sie" oder "das Mädchen". Auch bei Schalansky, bei Ruge, teilweise bei Strubel findet sich dieses Stilmittel: eine eng an den Romanfiguren geführte Personalperspektive.
Anders als bei Klüssendorf, die ohne Wenn und Aber in ihre Geschichte eintaucht, finden sich bei den anderen Autoren auffällig viele Zweifel an der Genauigkeit der Erinnerung. Die Protagonisten verlieren die Sicherheit, was ihre eigene Geschichte, ihre Vergangenheit angeht.
Diese Zweifel werden in Inka Pareis drittem Roman "Die Kältezentrale" auf die Spitze getrieben. Die Autorin wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren und kam zwei Jahre vor dem Mauerfall als Studentin nach Berlin, sie hat den Osten, anders als ihre Kollegen, nur als Besucherin erlebt.
Und eine Ausnahme ist auch ihr Roman: Er wird durchgängig in der Ich-Form erzählt. Der namenlose Held bemüht sich im Jahr 2006, einen bestimmten Tag im Mai 1986 zu rekonstruieren. Er hat damals als Handwerker in der titelgebenden Kältezentrale gearbeitet, die nichts anderes ist als eine Art vorsintflutliche und störanfällige Klimaanlage im Verlagsgebäude des "Neuen Deutschland".
In dem beklemmenden Roman finden sich zahlreiche klaustrophobische Situationen, bis in die Erzählgegenwart hin-ein. Der Held lebt seit 1987 im Westen, doch die Krebserkrankung seiner ersten Frau führt ihn zurück: in seine DDR-Vergangenheit, zum Franz-Mehring-Platz, wo das Zeitungsgebäude heute noch steht.
Den Handwerker quält die Frage, ob 1986 ein Lkw aus der Ukraine, der auf dem Werkshof stand, radioaktiv verseucht war. Unter dessen Plane verbrachte seine spätere Frau möglicherweise eine Nacht mit einem Nebenbuhler, eine Liebesnacht, die, so argwöhnt er, die Krebserkrankung ausgelöst haben könnte.
Auf der Suche nach der Wahrheit verwirrt sich die Erinnerung des Ich-Erzählers mehr und mehr. Er fragt sich: "Was blieb in einem übrig von Dingen, die zwei, drei Jahre zurücklagen, was von solchen, die vor Jahrzehnten stattgefunden hatten?" Dem Buch aber gibt das einen unheimlichen Sog, eine innere Spannung bis zur letzten Seite.
Der Überblick, der Zusammenhang geht am Ende völlig verloren. Da hilft dem Helden auch das probate Hilfsmittel der Gegenwart nicht weiter: eine Satellitenaufnahme im Internet, die den Blick auf das Dach der ehemaligen Arbeitsstätte gestattet, wo noch immer in großen Buchstaben "Neues Deutschland" steht. Inka Pareis Roman ist nicht zufällig ein Rückblick von sehr weit oben - das Vergangene erscheint in anderen Proportionen.
Die prinzipienfeste Biologielehrerin aus Vorpommern im Roman von Judith Schalansky sieht das menschliche Schicksal ohnehin von einer höheren Warte aus. Sie ist vom endgültigen Sieg der Natur über unsere Gattung überzeugt: "Die Rückgabe an die Alt-Eigentümer war nur eine Frage der Zeit … Man musste größer, weiter denken, über das mickrige menschliche Maß hinaus."
Sie schaut sich in ihrer Stadt um und persifliert in Gedanken das berühmteste Nachwende-Versprechen eines deutschen Politikers aufs Wunderbarste : "Noch war dieser Ort nur eine schrumpfende Stadt, die Produktion längst eingestellt, aber die wahren Produzenten waren schon am Werk. Nicht der Verfall würde diesen Ort heimsuchen, sondern die totale Verwilderung. Eine wuchernde Eingemeindung, eine friedliche Revolution. Blühende Landschaften."
Auch wer vom Thema Ende und Erbe der DDR so gar nichts mehr wissen will, sollte die Romane von Judith Schalansky, von Eugen Ruge, von Angelika Klüssendorf und von Inka Parei unbedingt lesen. Es sind nämlich keine Romane über die DDR, sie spielen nur zufällig dort.
Es geht in ihnen um nichts anderes als unsere Lern- und Zukunftsfähigkeit, um familiäre Verwerfungen und die Deutungshoheit innerhalb der Generationen, um Brutalität und Lieblosigkeit, um den Verlust der Orientierung. Es sind Bücher von heute, erstaunlich und lesenswert.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 41/2011
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