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DER SPIEGEL

FILMDer Sieger geht leer aus

Neil Jordan inszeniert in dem Film „Michael Collins“ Irlands Freiheitskampf als wuchtiges Nationalepos.
Er war in Hut und Nadelstreifenanzug auf dem Fahrrad kreuz und quer durch Dublin unterwegs, ohne Geleitschutz, obwohl die enorme Summe von 10 000 Pfund auf seinen Kopf ausgesetzt war - und so radelt Michael Collins nun, dargestellt von Liam Neeson, auch durch diesen Film: ein breiter, bedächtiger Brocken, der nicht leicht nimmt, was er um 1919/20 als seine Mission versteht, Fememorde, Gefängnisausbrüche, Bombenanschläge gegen die britische Kolonialherrschaft über Irland.
Vier Jahre zuvor, 1916, als man nach der Zerschlagung des Dubliner Osteraufstands die Rädelsführer an die Wand stellte, hatten die Briten den Bauernburschen Michael Collins aus West Cork noch nicht ernst genommen. So kam er mit dem Leben davon wie der Mathematiklehrer Eamon de Valera, den seine amerikanische Staatsbürgerschaft rettete, und bald gehörten die beiden Unzertrennlichen zu den Führern eines wachsenden Widerstands. Den Intellektuellen de Valera (Alan Rickman) zeigt der Film als pingeligen Chefideologen, der auf saubere Manschetten achtet, den volkstümlichen Kraftkerl Collins hingegen, Anführer des Guerillakampfs der "Irisch-Republikanischen Armee", stellt er immer ins dichteste Getümmel.
So ist der Film "Michael Collins" - bei weitem der aufwendigste, massigste, spektakulärste, der in Irland je produziert wurde - Nationaldrama, repräsentative Historie und unausweichlich eine Geschichte voll Terror, Folter und Mord: So viel blinde Gewalt, so viel vergossenes Blut, bis die Briten 1921 vor der IRA in die Knie gingen und die "Terroristen" an den Verhandlungstisch luden. Fortan wollte Collins den Frieden als seine Mission verstehen.
Zu den bekannten furchtbaren Hinterhältigkeiten der Geschichte gehört aber, daß sie die Früchte eines Sieges zu vergiften liebt. Diesem Verhängnis entrannen auch Collins und de Valera nicht. Über der Gründung des irischen Freistaats, die sie mit so viel Blut und Gewalt erkämpft hatten, zerbrach 1922 ihre Freundschaft: De Valera entfesselte einen noch blutigeren, gewalttätigeren Krieg gegen die neue Ordnung, für die Collins sich stark machte; und de-Valera-Anhänger lockten, als ihre Niederlage nicht mehr abzuwenden war, Collins in einen Hinterhalt und ermordeten ihn. Ein paar Jahre später jedoch hatte sich der Verlierer de Valera, da er der gerissenste Kopf weit und breit war, ins Zentrum der Macht zurückmanövriert: Er wurde Irlands republikanischer Herrscher und blieb es fast ein halbes Jahrhundert lang.
Allein de Valeras Regime - so sieht das jedenfalls Neil Jordan, 47, der Schriftsteller und Filmemacher - hat durch seine nationalistische Bigotterie Irland in Rückständigkeit und Trübsal erstarren lassen. Und da die Geschichte von den Siegern geschrieben wird, hat er auch bewirkt, daß in den Schulbüchern sein großer Kamerad, Mitstreiter, Widersacher Michael Collins nur noch als Randfigur erscheint.
Was für ein energiegeladener Film, und was für eine Ausweglosigkeit in seinem Ende! Wer weiß denn, ob Irlands Geschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können? Weiß man, wer mehr recht hatte, Antonius oder Octavian, Danton oder Robespierre, Collins oder de Valera? So wird das Kino zum Ort, um sich einen Augenblick lang vom gräßlichen Fatalismus der Geschichte erschrecken und überwältigen zu lassen.
Das ursprüngliche Drehbuch zu "Michael Collins" hat Neil Jordan 1982 geschrieben, schon damals versprach er Liam Neeson die Hauptrolle, und mit den Jahren wurde ihm das unrealisierte Projekt zur "Obsession", bis endlich der US-Erfolg seines "Interview mit einem Vampir" die Finanzierung des irischen Epochen-Epos ermöglichte: Die berühmten Schauspieler und Techniker begnügten sich mit den in Irland üblichen Gagen, sonst gäbe es den Film nicht. 1996 gewann "Michael Collins" in Venedig den Goldenen Löwen.
Ist es das, was Jordan gewollt hat? Hätte er sich, als er das Drehbuch entwarf, vorstellen können, daß man ein gutes Stück von Dublins zentraler O'Connell Street mit der abschließenden hohen Tempelfassade des Hauptpostamts auf einem Gelände am Stadtrand würde nachbauen müssen? Und daß nach einem Radio-Aufruf mehr als 10 000 Dubliner als unbezahlte Komparsen zusammenströmen würden, um diese Kulissen-City zu bevölkern, oder das Fußballstadion am Blutsonntag? So ist der Film aus sich heraus und in manchem Sinn über Jordan hinweg zu einer nationalen Sache geworden.
Nichts hat Jordan falsch gemacht. Trotzdem geht "Michael Collins" als Kinodrama einen allzu gleichförmigen Gang, und den Durchbrüchen ins Phantastische, die Jordans Filmen stets ihre Leidenschaftlichkeit gaben, läßt die Historie keinen Raum. Dennoch bleibt Jordan dabei: "Ganz unbedingt ist dies für mich mein wichtigster Film. Und zugleich mein unpersönlichster."
Vielleicht ist die Chance, ihn zu machen, einfach zu spät gekommen, und so hat auch die Treue zu Liam Neeson ihn gravitätisch werden lassen: Der war 1982 im richtigen Alter dafür. Umstürzler sind nicht Familienväter; es sind junge Kerle, die mit einer Bombe unter dem Arm Allesoder-Nichts spielen. Collins war 31, als er starb.
Urs Jenny
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 14/1997
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