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DER SPIEGEL

Was Künstler zum Fall Pussy Riot sagen

Alles, was die Sängerinnen gemacht haben, war richtig. Sie haben sich für ihre Band den richtigen Namen ausgesucht, den richtigen Ort für ihren Protest, den richtigen Zeitpunkt. Dass die Reaktion auf ihren Auftritt in der Kirche so stark war, zeigt ja auch, dass sie den Nerv getroffen haben. Ich habe hier in Berlin ein Protestvideo gegen die Inhaftierung gedreht, damit die Menschen in Russland übers Internet erfahren können, dass wir zuschauen und mitleiden.
Peaches, 45, kanadische Punk-Rockerin
Meinungsfreiheit in der Kunst und überhaupt, come on, gaspadinga Putin, Dir als lupenreinem Demokraten (hab ich doch schon mal gehört) müsste das doch eigentlich gut gefallen, lass die Frauen frei. Pussy Riot, die Bühne für unser gemeinsames Concerto ist angerichtet.
Udo Lindenberg, 66, Sänger
Für mich ist das wirklich Beeindruckende, dass sich da drei Frauen in die Gefahr begeben, für drei Jahre in den Knast zu gehen, und das, was sie tun, trotzdem mit einem Hochgefühl tun. Man merkt ihren klugen Auftritten die freudige Erkenntnis darüber an, dass es nichts zurückzunehmen gibt. Sie leisten Widerstand, weil alles andere nur Elend bedeuten kann. Bei uns funktioniert so ein simpel punkiger Gestus natürlich längst nicht mehr, in Russland dagegen ist der ästhetisch provozierende Kampf für mehr Freiheit ein sinnvoller Lebensentwurf. Das macht mich fast ein bisschen neidisch, auch wenn ich selber nicht in den Knast gesteckt werden möchte.
Schorsch Kamerun, 49, Sänger, Autor, Regisseur
In Moskau sitzen drei junge Musikerinnen im Schaukasten eines politischen Schauprozesses. Derweil tritt Putin beim olympischen Schaulaufen in London als jovialer Patriarch auf, der das Gericht um ein mildes Urteil bittet. Drei weitere Goldmedaillen für Russland - in den Disziplinen Demokratieverachtung, Abgeschmacktheit und Zynismus.
Thea Dorn, 42, Autorin
Wer die Kunst angreift, indem er sie vor Gericht stellt, schafft sich selbst ab. Das war schon immer so, und im Falle Putin wird es auch so sein, und das ist auch irgendwie beruhigend.
Leander Haußmann, 53, Theater- und Filmregisseur
Es ist eine Hexenverfolgung, die man da inszeniert. Aber der noch unglaublichere Skandal ist für mich, wie wenig man im Westen davon Notiz nimmt, dass seit Putins Wahl alle Demonstrationen und öffentlichen Proteste mit großer Brutalität niedergeschlagen werden.
Thomas Ostermeier, 43, Regisseur und Intendant der Berliner Schaubühne
Die jungen Frauen wussten, dass ihre Aktion in Putins Russland herbe Konsequenzen nach sich ziehen wird. Ihr Mut ist daher absolut bewundernswert. Dass sie jetzt für drei Jahre ins Gefängnis sollen, ist trotzdem ein Skandal. Es macht mir Angst, wie eng Kirche und Staat in Putins Russland inzwischen verwoben sind - das ist eine besondere Form des Putinismus. Was Putin in Russland treibt, ist eine Aneinanderreihung von Unmöglichkeiten. Leider unterscheidet sich die Unerbittlichkeit der orthodoxen Kirche im Umgang mit Pussy Riot nicht groß von jener der katholischen Kirche. Mal angenommen, die drei Damen hätten eine ähnliche Performance im Kölner Dom gemacht - der Kölner Kardinal Meisner wäre ebenfalls im Dreieck gesprungen. Gut, dass bei uns Kirche und Staat zweierlei sind.
Wolfgang Niedecken, 61, Sänger der Gruppe BAP
Durch die Heftigkeit der Reaktion auf den Auftritt in der Kirche wird deutlich, wie groß die Schwäche und die Angst Putins sein müssen. Man will ein Exempel statuieren, welches eine derart abschreckende Wirkung erzielt, dass Nachahmer gewarnt sind und der Protest gegen ein undemokratisches Russland keine Fanfare bekommt. Das Gegenteil findet statt. Jetzt ärgert sich Putin bestimmt schon und verwünscht den Moment, als er Bestrafung forderte, ganz gleich, wie listig er versucht, ihr Ausmaß in der Öffentlichkeit jetzt zu relativieren. Ohne Gesichtsverlust kommt er da nicht raus, und wenn er aber weitermacht, wird diese Farce gegen die Freiheit ein schmerzhafter Bumerang für ihn, und er muss den Scheiterhaufen anzünden, auf dem Jeanne d'Arc ihren Mut in die Geschichte einbrannte. Freiheit für die Aufruhrmösen, denn Lieder können die Welt verändern!
Matthias Hartmann, 49, Regisseur und Intendant des Wiener Burgtheaters
Wenn Kunst dazu führt, dass vermeintlich lupenreine Demokraten ihre despotische Fratze zeigen, hat sie ihren Zweck erfüllt. Freiheit für Pussy Riot!
Marius Müller-Westernhagen, 63, Musiker
Es gehört zur Perfidie der immer schärfer "gelenkten" Putin-Demokratie, nach innen auf die Justiz Druck zu machen und nach außen plötzlich ein mildes Urteil zu fordern, wenn der internationale Druck zu groß wird. Putin ist ein lupenreiner Mediendiktator, der auch seinen Außenminister vorschickt, die Aufgabe des Syrien-Mandats von Kofi Annan zu bedauern, nachdem Russland monatelang dieses Mandat bekämpft hatte. Putin mag ein schlauer Diktator sein, aber ein großer Präsident wird er nie werden.
Moritz Rinke, 44, Theater- und Romanautor
Pussy Riot und ihre Geschichte erfüllen mich mit Fassungslosigkeit. Es gibt kein besseres Wort dafür. Ich bin fassungslos über die Unverschämtheit, mit der der russische Staat in seltsamer Einigkeit mit der Kirche seine Macht exekutiert. Darüber, dass sich die Historie eines politischen Schreckens so ungestört neu entwickeln und wiederholen kann. Und über die erwartbare Folgenlosigkeit unseres Protests - denn die Geschäfte werden weitergehen! Pussy Riot sind wahrscheinlich keine großen Künstlerinnen; aber Fassungslosigkeit zu erzeugen - also die Welt in ihrer Unsicherheit und Brüchigkeit zu reflektieren -, das ist ein künstlerischer Akt, dessen Dimension ich gar nicht genug bewundern kann.
Martin Kušej, 51, Regisseur und Intendant des Residenztheaters in München
Es ist eine Schmierenkomödie: Erst wird ein Schauprozess von unvergleichlicher Härte gegen die drei Musikerinnen inszeniert, dann bittet Papa Putin das Gericht, das ohnehin unter seiner Fuchtel steht, medienwirksam um ein mildes Urteil. Die Frauen hätten ihre Lektion bereits gelernt - so die Verlautbarung des pädagogisch gestimmten Pseudo-Demokraten. Was ist los mit einem System, das eine harmlose Protestaktion nicht aushalten kann? Ist Russland wirklich so schwach?
Juli Zeh, 38, Autorin
Der Prozess offenbart die unheimliche Verbindung zwischen Politik und Orthodoxie in Russland, die übrigens bis nach Deutschland reicht. Die in Moskau geborene Autorin Sonja Margolina beschreibt genau das anschaulich in ihrem unlängst erschienenen Kriminalroman "Brandgeruch". Und mein Kollege Martin Mosebach sollte vielleicht seinen Wunsch, die deutschen Blasphemiegesetze unerbittlich anzuwenden, angesichts dieses Moskauer Schauprozesses doch noch einmal überdenken.
Monika Maron, 71, Schriftstellerin

DER SPIEGEL 33/2012
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