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DER SPIEGEL

HandelÜberblick verloren

Im Berliner Kaufhaus des Westens tobt ein Kleinkrieg um den Ladenschluß. Verloren hat bisher vor allem der Kunde.
Wenn Gewerkschaftssekretäre schlecht schlafen, dann träumen sie womöglich von Verkäuferinnen wie Hannelore Heschke.
Die 55jährige Angestellte arbeitet seit elf Jahren am Dallmayr-Kaffeestand im Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe), Verzehrabteilung, sechster Stock. Der Job macht ihr Spaß, die meisten Kunden kennt sie persönlich. Gerne steht Frau Heschke auch am verkaufsoffenen Donnerstagabend hinter ihrem Tresen.
"Am schönsten aber", findet sie, "ist es Samstag nachmittags." Zu dieser Zeit seien die Kunden "einfach entspannter", außerdem bekomme sie zum Ausgleich einen Tag in der Woche frei. Dann radelt die Verkäuferin durch den Grunewald, "der ist wochentags nämlich schön leer".
Mitarbeiterinnen wie Hannelore Heschke lobt KaDeWe-Personalchef Ulf Willecke in den höchsten Tönen. Leider hat er zuwenig Heschkes eingestellt.
Viel öfter als nötig gilt in dem Berliner Vorzeigekaufhaus für Verbraucher: Wir müssen leider draußen bleiben. An drei von vier Samstagen im Monat werden die Eingangstüren des altehrwürdigen Konsumtempels schon um 14 Uhr geschlossen, obwohl eine Öffnung bis 18 Uhr im Augenblick gesetzlich möglich wäre. Der Grund: Der Betriebsrat stellt sich stur.
Rund 1,5 Millionen Mark Umsatz, schätzt die Geschäftsleitung, geht dem Haus an jedem Samstagnachmittag verloren, an dem die Pforten verriegelt bleiben. Selbst den Verkauf an Sonntagen hat der Berliner Senat den Geschäften in der Berliner City vom 29. Juni bis zum 25. August erlaubt - Teil einer Werbekampagne mit dem Titel "Schaustelle Berlin". Über 50 Unternehmen nutzen die zusätzlichen Öffnungsmöglichkeiten, aber das KaDeWe bleibt dicht.
Der Clinch in Deutschlands ältestem Kaufhaus, das mit 2500 Angstellten zu Berlins größten privaten Arbeitgebern gehört, ist in der Hauptstadt zum Politikum geworden.
Wirtschaftssenator Elmar Pieroth (CDU) tingelt mit KaDeWe-Chef Wilhelm Stratmann durch die Talkshows. Ihre Botschaft: Solange Gewerkschaften und Betriebsräte auf bestehende Tarifvereinbarungen pochen, nützen die liberalsten Ladenschlußgesetze nichts.
Im KaDeWe ist die Stimmung zwischen den Sozialpartnern auf dem Nullpunkt. "Das Tischtuch ist zerschnitten", poltert Stratmann, der Betriebsrat betreibe "die reinste Blockadepolitik". Die Unternehmensleitung habe "im Haus längst den Überblick verloren", keilt die KaDeWe-Betriebsratsvorsitzende Christel Hünefeld zurück, "und zwar komplett".
Seit Monaten beharken sich die Kontrahenten mit juristischen Anträgen, Umfragen in der Belegschaft und natürlich mit Gerüchten.
Die Geschäftsführung bereite die Entlassung von Mitarbeitern vor, die künftig samstags nicht arbeiten wollten, streuen Gewerkschaftsvertreter. Die Personalleitung wiederum bezichtigt den Betriebsrat, aus der Düsseldorfer Zentrale der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen ferngelenkt zu sein.
Deren Funktionäre nämlich sperren sich seit Jahren gegen eine Ausweitung der Ladenschlußzeiten, wie sie jetzt - in moderater Form - in Bonn beschlossen wurde. Diese Änderung wollen sie torpedieren, indem sie die neuen Zeiten teuer machen: Sie fordern einen 55prozentigen Zuschlag für Arbeit nach 18.30 Uhr. "Die fürchten", sagt Personalchef Willecke, "daß unser Beispiel Schule machen könnte."
Jeder wähnt die Mehrheit der Mitarbeiter auf seiner Seite. Die Unternehmensführung verweist auf eine betriebsinterne Umfrage, wonach 550 Angestellte freiwillig ihre Bereitschaft zur Mehrarbeit am Samstag erklärt haben.
Hünefeld kontert mit einer eigenen Untersuchung: "Über drei Viertel der Mitarbeiter sind zu weiteren Überstunden nicht bereit." Nun sollen die Richter entscheiden, ob die Geschäftsleitung zusätzliche Samstagsarbeit anordnen kann.
Das juristische Hickhack, schätzen KaDeWe-Manager, kann noch bis Ende des Jahres weitergehen. "Die ganze Welt lacht über uns", grämt sich Stratmann.
"Eine Katastrophe" sieht er heraufziehen, wenn der KaDeWe-Betriebsrat nicht einlenke. Denn die stärker werdende Konkurrenz der Einkaufszentren am Rande der Stadt macht auch dem Warenhaus am Tauentzien zu schaffen.
Über 400 Millionen Mark hat die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH in den Umbau des KaDeWe investiert, um den Konsumpalast noch prächtiger zu gestalten. Im September sind die Bauarbeiten nach fünf Jahren abgeschlossen, dann kann das Publikum auf über 60 000 Quadratmetern einkaufen - ein deutscher Rekord.
Stratmann muß den Umsatz von derzeit 500 Millionen Mark bis zur Jahrtausendwende auf eine Milliarde Mark pro Jahr steigern. Doch das kann nur gelingen, wenn die Verbraucher nicht zur Unzeit vor die Tür gesetzt werden.
Denn der KaDeWe-Besucher ist ein ganz besonderer Kauftyp. Während ein Durchschnittskunde von Karstadt oder Hertie rund zwei Stunden im Warenhaus verbringt, beträgt die "durchschnittliche Verweildauer" eines Einkäufers am Tauentzien zwischen vier und fünf Stunden - das Kaufhaus des Westens ist ein heimlicher Freizeitpark.
Ihr Einverständnis wollen sich die Betriebsräte allenfalls teuer abkaufen lassen. Sie fordern zusätzlichen Freizeitausgleich, Neueinstellungen und Extra-Prämien.
Schon jetzt werden die meisten Verkäufer mit einem 25prozentigen Lohnaufschlag am verkaufsoffenen Samstag entschädigt. Alle fünf Wochen bekommen sie zudem fünf Tage hintereinander frei.
Eine weitere Erhöhung der Personalkosten, sagt das Management, würde die eh knapp kalkulierte Gewinnspanne zusätzlich schmälern. "Die Gewerkschaft will die Liberalisierung der Öffnungszeiten so teuer machen", glaubt Personalchef Willecke, "daß es sich einfach nicht mehr rechnet."

DER SPIEGEL 32/1996
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