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DER SPIEGEL

PopDer Feind trägt Façonschnitt

Über der norddeutschen Tiefebene regnet es, der Himmel ist fahl, und durch das Land schlängelt sich ein Zug, vielleicht sechs bis acht Waggons. Es ist Erich Honeckers Sonderzug, sein Original-Salonwagen fährt in der Mitte. Der ganze Zug ist mit dicker gelber und blauer Folie beklebt, und die Rentner, die in Göttingen oder in Ludwigslust auf den Bahnsteigen stehen und vorbeifahrende Züge zählen, meinen, der Sonderzug der FDP rase hier durch Norddeutschland, und sie winken ihm kräftig nach.
Den Zug hat aber die Gruppe BAP gemietet, das hat zwar auch drei Buchstaben und ein P am Schluß - deswegen kann man es den Rentnern nachsehen, wenn sie die vorbeihuschenden gelbblauen großen Buchstaben lesen und sich irren -, aber hier geht es um ganz etwas anderes: um eine Rocktournee.
Als der Zug im Bahnhof Hamburg-Altona einfährt, regnet es immer noch. Vielleicht 600 Fans stehen auf dem extra abgeriegelten Bahnsteig, und als sie den Zug kommen sehen, klatschen sie und pfeifen und freuen sich, alles das, was man auf Rockkonzerten eben so macht. Der Zug kommt zum Stehen, eine gelbe Plane wird von einem der Waggons weggeklappt, und da stehen sie, die Jungs von BAP, Lederhüte auf dem Kopf, hinter ihnen eine Lichtorgel, und dann rocken sie los, in den Bahnhof Altona hinein.
Im Jahre 1982 schlugen die Jungs von BAP das erstemal zu. Sicher, vorher hatten sie auch schon Musik gemacht, aber 1982 war ihr Jahr. Die Platte "Für Usszeschnigge" verkaufte sich innerhalb von zwölf Monaten 500 000mal. Sie war auf Platz eins der deutschen LP-Charts. Auf Platz eins der deutschen Single-Charts war damals das Stück "Verdamp lang her".
Damals hörte der junge Mensch, wenn er Glück hatte, Bands wie Aztec Camera, Orange Juice und die Fehlfarben. Wenn er ein bißchen weniger Glück hatte, hörte er Howard Jones, Gary Numan und die Spider Murphy Gang. Aber beides war in Ordnung, weil, na ja, das kann heute niemand mehr erklären. Das war eben New Wave. Das ist schon zu lange her. Vielleicht war es in Ordnung, weil es damals zum erstenmal etwas gab, das heute Pop genannt wird. Das reine Hören, die erste richtige Verbindung zwischen Musik und Kapitalismus, keine Sex-Pistols-artige Ablehnung, sondern einfache Bejahung.
Es war die Zeit der spitzen Schuhe, des Façonschnitts auf dem Kopf, der gelben Pullunder und der Karottenhosen von Fiorucci. So eine Zeit war das. Es war eine Zeit des stundenlangen Anstarrens des Covers der ersten ABC-Platte, weil man nur einmal so streng popperhaft sein wollte wie Martin Fry; Backen einsaugen, gutsitzende Anzüge tragen, blonde Tolle in die Stirn.
In diesem großen Sommer 1982 schlugen BAP zu. Es war grauenvoll. Sie sangen eben dieses Stück, das "Verdamp lang her" hieß, es wurde im ganzen Land pausenlos im Radio gespielt, und die Jungs waren vom ersten Augenblick an Feinde - weil sie Gröhl-Rock spielten, die Sorte Musik, die eben nicht in Neon-Kneipen lief, sondern in Jugendzentren, schlimmer noch: Es war die Sorte Musik, die Lehrer gut fanden. Es war Bob-Dylan-Hörer-Musik, Langhaarigen-Musik, und dann war es auch noch auf Kölsch. Pfui.
Vierzehn Jahre später gibt es BAP immer noch. Martin Fry kennt heute keiner mehr; wahrscheinlich arbeitet er in einem Schuhgeschäft in Sheffield. Die Platten von BAP aber, die sind seit diesem Sommer '82 regelmäßig in den deutschen Hitparaden. Und zwar ganz oben. Wie konnte so etwas passieren? Und warum fahren BAP jetzt, 14 Jahre später, mit dem blau-gelb beklebten Salonwagen Erich Honeckers durch Deutschland?
Ihr Frontmann, Wolfgang Niedecken, sieht heute aus wie einer, der nach Jahren des vergeblichen Kampfes endlich politische Ambitionen bekommen hat. Ihm gehen oben die schwarzen, lockigen Haare aus, deswegen trägt er sie an den Seiten und hinten lang, aber der Grund für diesen Haarschnitt ist ein anderer: Der wirkliche Grund ist nämlich das frühzeitige Entdecken des Façonschnitts als Feind.
Als Wolfgang Niedecken klein war, so ist in seiner Autobiographie zu lesen, war die Härte des Kampfes gegen die Obrigkeit, gegen die Lehrer und gegen den Vater dadurch sichtbar zu machen, wie lang sich die Haare hinten über den Kragenspiegel kräuselten. Vater Niedecken (der Bandname BAP bezieht sich übrigens direkt auf ihn; auf Kölsch sagt man zu seinem Vater eben "Bapp") war, wie wohl alle Väter zu dieser Zeit, strikt gegen lange Haare. Der kleine Wolfgang hatte damals die Beatles entdeckt, schrabbelte in einer Beat-Band mit und ließ sich, so gut es eben ging, die Haare über die Ohren wachsen.
Das hat nicht nur ihn geprägt, sondern eine ganze Generation. Ganze Musicals beschäftigten sich nur mit diesem Thema; lange Haare waren zuerst geheimes Erkennungszeichen der Beat-Jugend und später, als die Haare noch länger wurden, Protestanklage gegen Axel Springer, den Vietnamkrieg und gegen die vermeintliche Repression durch das Kapital.
Es ist natürlich ein Generationsproblem, daß man heute so etwas gar nicht mehr nachvollziehen kann. Heute tragen Leute wie der britische Popstar und Oasis-Sänger Liam Gallagher und das derzeit erfolgreichste männliche Model, der Österreicher Werner Schreyer, ihr Haar lang und verstrubbelt und über die Ohren, und der Façonschnitt gilt wieder als Inbegriff des Spießertums; aber das ist den Männern von BAP inzwischen völlig Wurscht.
Es ist aber auf der anderen Seite auch ein Generationsproblem, daß 50jährige, vom jahrelangen Drogenverzehr ausgemergelte Rockmusiker wie die Rolling Stones immer noch auf irgendwelchen Bühnen stehen und es in zehn Jahren noch tun werden - und sich nur dadurch von Genesis und Pink Floyd unterscheiden, daß es den Stones als letzten gelungen ist, einer Sonderreihe des Volkswagen Golf ihren Namen zu leihen.
So sind Niedecken und seine Männer nicht, so sind sie nie gewesen. Sie haben, und das ist das Erstaunliche, eine Grundehrlichkeit behalten, die die Fans honorieren. Sie haben nie diesen Bono-Vox- und U2-Fehler gemacht und sich mit ihren Inhalten und ihrer Musik von denen getrennt, die den Grundstamm ihrer Hörer ausmachen: den leicht verbissenen, politisch engagierten, ehrlichen Biertrinkern.
BAP haben sich, so jedenfalls sehen das die BAP-Hörer, nie verkauft. Das ist wichtig, weil dieser Punkt zum Verständnis der Perspektive, aus der heraus sie argumentieren, akzeptiert werden muß. Scheißegal, daß es nie wichtig war, ob man sich überhaupt verkauft hat oder für wieviel oder an wen. BAP-Fans honorieren den ehrlichen Gitarrenriff. Und das ist eben nicht nur nicht zu verkaufen, sondern es bildet auch noch die verklärte Abgrenzung zum Kapital, es ist eine Utopie, ein romantisches Moment.
In einer derart ironiegesättigten Zeit, in der Kneipenbesucher, Studenten, Bankangestellte und Journalisten gleichzeitig Filme toll finden, die, wie "Pulp Fiction", im Grunde nur von anderen Filmen handeln; einer Zeit, in der Werbespots verstanden und bejubelt werden, die ausschließlich auf andere Werbespots Bezug nehmen - in so einer Zeit so ironiefrei auf die Welt zu blicken, das setzt entweder himmelschreiende Dummheit voraus oder königliche Größe. Wolfgang Niedecken scheint, wie jeder große Entertainer, beides zu besitzen.
Jeder Depp kann sich Stil kaufen. Wichtiger noch: Jeder Depp kann sich ironischen Stil kaufen. Man kann sich also 1996 Kleidung kaufen, die sauteuer ist und aussieht, als ob ein Penner sich nicht so kleiden würde. Das hat spätestens seit der letzten Prada-Kollektion - in der Putzlumpen aus Dralon und Sechziger-Jahre-Vorhänge zu Eintausendeinhundert-Mark-Kleidern umfunktioniert wurden - jeder begriffen. Das mag zwar köstlich und auf eine prickelnde Art Fin de siècle sein, angefüllt mit dem Geschmack des Wir-haben-schon-Verstanden, aber wirklich erfüllend ist es nicht.
Der Erfolg von BAP beruht darauf, daß sie das Spiel ablehnen. Es interessiert sie einfach nicht. Ironie, mittlerweile auf allen Ebenen erhältlich, in jedem Kaufhaus und an jeder gut sortierten DEA-Tankstelle, läßt sie völlig kalt. Und während sich alle noch streiten, was denn nun gute Ironie sei oder schlechte - der Filmemacher Quentin Tarantino produziert anscheinend gute Ironie, der Werbefilmer Roman Kuhn mit seinen Spots für C&A anscheinend schlechte -, und sich die Menschen ernsthaft Gedanken darüber machen, in welche der beiden Kategorien nun die Videos und überhaupt die Existenz solcher Phänomene wie Captain Jack und Squeezer fallen, währenddessen sind BAP mit ihrer neuen Platte "Amerika", der gelb-blauen, wieder ganz, ganz oben.
Das Spiel der Stile, das Popspiel, das 1982 begonnen hatte, haben BAP nicht nur nicht begriffen, sie haben das Spiel gar nicht an sich herankommen lassen. Nicht nur, weil sie anders waren als das Spiel, mit einer anderen Geschichte, sondern weil der Kölschrock, den die Gruppe Bläck Fööss erfunden hat und den BAP perfektioniert haben, den ironischen Bruch, die Diskrepanz zwischen dem, was wichtig ist, und dem, was sein sollte, nicht akzeptiert. BAP sind nicht mit der Zeit ein hermetisches Phänomen geworden, sie waren es schon immer.
Anders als die Gruppe Pur, die zwar noch höhere Verkaufszahlen aufweisen kann, sich aber wesentlich unintelligenter vermarktet (SPIEGEL 39/1996), ist BAP darauf bedacht, erst einmal rockig zu sein, klare, handgestrickte, in ihrem Sinne unprätentiöse Musik zu machen, angesiedelt irgendwo zwischen Bob Dylan, Bruce Springsteen und John Cougar Mellencamp.
Einige meinen, das Phänomen BAP könne nur dadurch erklärt werden, daß man lernt, die Stadt Köln zu verstehen. Genauer, und das ist das wichtigste: BAP könne nur verstehen, wer den Kölner Karneval versteht; eine Zeit des Aufbegehrens, des Fünfe-jerade-sinn-Lassens, eine Zeit des anarchistischen, urdeutschen Triebes des Neuaufbaus durch Zerstörung. Wildfremde Menschen fassen sich während des Kölner Karnevals gegenseitig in den Schritt, und ähnlich wie die Berliner Love Parade soll der Karneval als Reinwascher funktionieren, als Sublimierung für Krieg, für Verdroschenwerden und so weiter.
Das ist natürlich alles Unsinn, denn BAP gibt es aus nur einem einzigen Grund: weil Wolfgang Niedecken Ironie für "abgefuckt" hält. Klar spielen BAP mal auf dem Kölner Karneval. Klar trinken sie gerne mal ein Bier. Und klar fahren sie mit einem gelb-blau beklebten Zug durch Deutschland.
Als es noch nicht klar war, daß Wolfgang Niedecken hauptberuflich Musiker sein wollte, malte er im Köln der siebziger Jahre fotorealistische Gemälde. Er war mit den amerikanischen Künstlern Julian Schnabel und Larry Rivers befreundet, fuhr sogar nach New York, um eigentlich dort zu bleiben und Künstler zu werden. Als er aber einmal in Köln Jörg Immendorffs lustige KPD-Bilder sah, muß er einen Entschluß gegen die bildende Kunst gefaßt haben. In seiner Autobiographie schreibt Niedecken über eines der Bilder Immendorffs: *___... in roter Schrift unter dem Bild: ,Alles für den Sieg des ____kämpfenden vietnamesischen Volkes!' - Die Härte. Dieses Bild ____war vor allem revolutionär schlecht gemalt. Nicht zum ____Aushalten. Eine naive, romantisierende Nachtansicht von Köln. ____So ein Bild wünschte sich Lieschen Müller über dem Kanapee. ____ ____Natürlich ohne diesen Text und besser gemalt. Ich kapierte ____diesen Mann nicht. Meinte der das ernst, oder war das der ____totale Zyniker?"
Spätestens da hat Wolfgang Niedecken keine Lust mehr gehabt, das Spiel zu spielen. BAP wurde gegründet, wurde zwangsläufig zu einem der größten Erfolge der deutschsprachigen Musik, und der Rest ist Geschichte.
Der BAP-Sonderzug verläßt Hamburg-Altona. Es geht jetzt nach Bremen, dann nach Essen und schließlich nach Köln, zum Heimspiel im Kölner Hauptbahnhof. Regen peitscht gegen die Scheiben. Drinnen, an mit blauen und gelben Plastiktüchern überzogenen Tischen, sitzen 60 mehr oder weniger interessierte Journalisten und starren auf ihre Handys. In kleinen Bastkörben auf den Tischen gibt es Hanuta, Twix, Bounty, Gummibären und verschiedene Früchte. Bier gibt es keins.
Eine Handvoll Fans darf auch mitfahren, sie belagern Niedecken die ganze Zeit. Hier bitte ein Foto mit der Instamatic, hier ein Autogramm mit Filzer aufs T-Shirt. Alle, Niedecken auch, haben ein entwaffnend offenes Lächeln, fröhliche Augen, alle dürfen nahe ran, Niedecken nimmt sich Zeit, um mit ihnen zu reden, fragt nach, und alle sind glücklich, so wie Fans eben glücklich zu machen sind. Das geht in Ordnung.
Im Beihefter zur neuen Platte "Amerika", der überall stapelweise im Zug ausliegt, ist eine Vita der neu hinzugekommenen Bandmitglieder zu finden. Alptraumartige, verschlungene Karrieren führen offenbar zu BAP: Der Neue am Baß, Werner Kopal, spielte früher bei Klaus Lage, bei der Zeltinger Band, bei Bläck Fööss und Herwig Mitteregger und war dann, bevor er zu Niedecken stieß, als Bassist der RTL-Nachtshowband von Thomas Koschwitz engagiert. Der neue Trommler, Mario Argandona, hatte die Hauptrolle im Musical "Jesus Christ Superstar" in Santiago de Chile im Jahre 1972. Richtig die Hauptrolle. Das heißt, er hat Jesus gespielt. In einem Musical.
Im Beihefter steht außer einem wirklich wirren, ellenlangen Text von Heinrich Böll auch noch folgender Satz: "Die einzelnen Songs (des neuen Albums) wirken wie die Stücke einer Torte, die alle nach innen zeigen." Das, in einem Satz, ist das Große an BAP.
In München haben BAP am Hauptbahnhof nicht spielen dürfen, es gab irgendeine Art Zuständigkeitsgeplänkel, jedenfalls erschien BAP den Münchner Behörden als ein zu hohes Sicherheitsrisiko, und das gibt den Menschen, die BAP mangelnde Subversivität vorwerfen, wieder etwas weniger Halt. Der wahre Grund: Die Stadt München kann BAP nicht spielen lassen, weil es Langhaarige sind. In München bei der Stadtverwaltung operieren sie tatsächlich noch mit diesen Begriffen. Nach 30 Jahren Langhaarigkeit und jeden Tag Notzucht an dreijährigen Kindern im Fernsehen gibt es für die immer noch langhaarige Krakeeler und Bombenleger.
Ein paar Tage später fährt der Zug im Kölner Hauptbahnhof ein. Heimspiel. Und die Bayern haben dann mit ihrer Sorge um die Sicherheit dummerweise doch recht behalten: Ein Mann fällt auf die Gleise, ein Bein und ein Arm werden vom Zug abgetrennt. In der Bild-Zeitung steht anderntags, daß BAP just in diesem Moment "Verdamp lang her" gespielt haben. Das wäre zu schön, um wahr zu sein.
... in roter Schrift unter dem Bild: ,Alles für den Sieg des
kämpfenden vietnamesischen Volkes!' - Die Härte. Dieses Bild war
vor allem revolutionär schlecht gemalt. Nicht zum Aushalten. Eine
naive, romantisierende Nachtansicht von Köln. So ein Bild wünschte
sich Lieschen Müller über dem Kanapee. Natürlich ohne diesen Text
und besser gemalt. Ich kapierte diesen Mann nicht. Meinte der das
ernst, oder war das der totale Zyniker?"
Von Christian Kracht

DER SPIEGEL 41/1996
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