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DER SPIEGEL

Ich oder keiner

Jedes Jahr werden Hunderte Bürger zu Lebensrettern. Sie haben zugepackt, wo andere weggeguckt hätten. Was aber macht die einen zu Helden, die anderen zu Zauderern? Geschichten aus dem Land der Mutigen.
Sie haben sich schon mal gesehen, aber das war vor drei Jahren, für eine Viertelstunde, und eigentlich kann sich Lena Formanowicz nicht mehr erinnern. Nicht an sein Gesicht; nicht, dass er überhaupt da war. Was also jetzt sagen, und dann noch das Richtige? Es macht das Reden nicht leichter, dass sie ohne Horst Hoffmann seit drei Jahren tot wäre.
Sie treffen sich in einer Gaststätte, wie Gaststätten eben so sind in Dortmund, gutbürgerlich, und so auch heißen, "Haus Unland". Lena Formanowicz, 22, will sich bedanken. Es war längst Zeit dafür, aber sie hat diese Zeit gebraucht. Sie hat einen Blumenstrauß mitgebracht, Rosen, Astern, außerdem eine Flasche Kräuterschnaps, 35 Prozent, um nicht mit leeren Händen vor ihm zu stehen. Doch was ihr dieses Wiedersehen wirklich bedeutet, sagt nicht das Geschenk in ihrer Hand, sondern das Tattoo, weiter oben, am linken Arm: zwei chinesische Schriftzeichen, eines für Leben, eines für Glück, mit dem Datum 05.12.09.
Horst Hoffmann hat sie an diesem Tag aus einem brennenden Auto gezogen, bei ihrer Freundin Jessica hat er es versucht, aber nicht mehr geschafft. Hoffmann riskierte in jenen 15 Minuten an einem Dortmunder Autobahnkreuz sein Leben, er hielt an, statt weiterzufahren, er griff zu, statt zu gaffen, und als der Tank explodierte, spürte er die Hitzewelle, die ihm ins Gesicht schlug.
Er gehört damit nicht zu denen, die Schlagzeilen gemacht haben, weil sie panisch, perplex, primitiv zusahen, wie Menschen auf Bahnsteigen in Berlin oder München zusammengetreten wurden. Hoffmann, 57, war nur eine Randnotiz in örtlichen Zeitungen. Es gab ein paar Zeilen über ihn, als er die Rettungsmedaille des Landes Nordrhein-Westfalen bekam, und sein Bürgermeister zu Hause in Siddinghausen, Kreis Paderborn, beglückwünschte ihn. Das war es.
Aber so klein diese Geschichte in der öffentlichen Wahrnehmung auch sein mochte, es gibt viele Geschichten dieser Art. Mehr als hundert bundesweit, die jedes Jahr mit einer Rettungsmedaille enden. Und dazu noch die, in denen es keine Medaille gibt, weil sie schlimm ausgehen. Weil die Chance kleiner war als die Gefahr. Weil etwa Helfer auf der Autobahn von einem heranrasenden Wagen erfasst wurden. Oder wie in der vergangenen Woche, in einem besonders berührenden Fall, als ein siebenjähriger Junge in Andersleben, Sachsen-Anhalt, seinen fünfjährigen Freund aus einem zugefrorenen Teich ziehen wollte und dabei selbst ertrank.
All diese Geschichten, so klein sie auch in der Zeitung stehen mögen, handeln von etwas Großem, von menschlicher Größe nämlich. Von Lebensrettern, die in einer Viertelstunde alles gegeben haben, wenn andere längst aufgegeben hätten. Eine Viertelstunde, auf die sie keiner vorbereitet hatte.
Warum sie das tun? Und andere nicht? Es kommt vor, dass es für diese 15 Minuten Mut nicht mal einen Dank der Geretteten gibt. Und wer denkt schon an die 15 Minuten Ruhm, die angeblich jeder Mensch im Leben sucht, wenn es für den Retter genauso gut die letzten 15 Minuten seines Lebens sein könnten?
Was also unterscheidet die Helden von den Mutlosen, die mit der Zivilcourage von denen, die in nichts hineingezogen werden wollen? Dazu gibt es schon seit Jahrzehnten Untersuchungen, Verhaltensexperimente, Befragungen. Forscher haben Fallgruppen gebildet, sortiert nach dem Vorleben der Retter und - was oft wichtiger ist - nach den Umständen der Rettung. Doch was den Einzelnen in Sekunden dazu bewegt, für sein eigenes Überleben womöglich das Falsche, für das eines anderen das Rettende zu tun, das können nur die wissen, die es schon getan haben. Jeder für sich, für seinen Moment der Entscheidung. Menschen wie Horst Hoffmann aus Siddinghausen, Anke Heilbronner aus Berlin, Peter Ratzenböck aus Osterhofen, Dennis Harter aus Kiel. Aber in Wahrheit können sie sich das hinterher manchmal selbst nicht erklären.
Hoffmann fährt die Strecke seit 32 Jahren, aus der Route ist längst eine Routine geworden. Erst die A 44, dann die 40, am Kreuz Dortmund-West auf die Sauerlandlinie. 96 Kilometer von Siddinghausen bis zu seinem Arbeitsplatz bei der Dortmunder Blankstahl GmbH, fünfmal in der Woche und manchmal auch samstags. Hoffmann ist Betriebsleiter, er mag die Ruhe an solchen Samstagen, wenn er die Dinge erledigen kann, für die in der Woche keine Zeit bleibt. Am 5. Dezember 2009 wollen sie eine Stahlziehmaschine umbauen.
4.45 Uhr: Nachtschwarze Autobahn, kaum Verkehr, Hoffmann biegt am Dortmunder Westkreuz ab. Auf der linken Seite, im Dreieck der beiden auseinanderlaufenden Spuren, stehen Büsche und Bäume, von hier sind es noch 15 Minuten bis zum Firmenparkplatz, aber im Vorbeifahren sieht er aus den Augenwinkeln etwas aufblitzen. Eine Flamme. Warum eine Flamme? Einundzwanzig, zweiundzwanzig ... Hoffmann bremst, stoppt, steigt aus. Er klettert über die Leitplanke, durch Brombeersträucher, dann steht er vor einem Auto, aus dem Flammen züngeln.
Lena Formanowicz kann sich nicht erinnern, wie es passiert ist. Vielleicht war sie auf dem Beifahrersitz eingedöst. Sie kamen von "Anton's Bierkönig", einer Disco in Dortmund, wollten noch nach Castrop-Rauxel, und wie immer fuhr ihre Freundin Jessica, 26, mit der sie in derselben Praxis arbeitete - Jessica als Arzthelferin, sie selbst noch als Azubi.
"Pussyfahrerin" hieß Jessica im Freundeskreis, weil sie so langsam fuhr und nie, wenn sie etwas getrunken hatte. Jetzt aber war sie an der Abbiegung geradeaus ins Grün gerast. War sie eingeschlafen? Der Opel Tigra hatte einen Baum getroffen, sofort Feuer gefangen. Lena Formanowicz drückte die Beifahrertür auf, schnallte sich noch ab, aber sie konnte nicht aufstehen. Links neben ihr Jessica, gegen das Armaturenbrett gedrückt, kein Stöhnen, nichts.
Später wird Horst Hoffmann sagen, er sei sich vorgekommen wie ein Roboter. Es brennt, er riecht das ausgelaufene Benzin, er packt Lena und zieht sie vom Sitz, weg vom Auto, ins Gras. Dann rennt er auf die andere Seite. Die Frau am Steuer ist eingeklemmt, das Feuer schlägt aus dem Armaturenbrett hoch, die blonden Haare brennen. Hoffmann schlägt die Flammen mit der Hand aus, zerrt an ihr, aber er kann sie nicht herausbekommen.
Er weiß nicht, ob sie noch lebt. Wenn sie vor Schmerzen gestöhnt hätte, wäre er weggerannt, sagt er heute - vor dem Grauen, vor seiner eigenen Hilflosigkeit. Aber sie ist ganz still. Dann knallt es, eine Verpuffung, der ganze Innenraum steht in Flammen, er kann nichts mehr tun. "Mir zitterten die Hände, ich bin weggegangen, konnte es nicht mehr mit ansehen", sagt er heute. Als die Polizei kam und seine Daten aufgenommen hatte, fragte er nur noch, ob er weiterfahren könne. Um 5.15 Uhr stellte er seinen Seat auf den Firmenparkplatz, an die Stahlziehmaschine konnte er nicht mehr denken.
Lena Formanowicz hatte sich damals das Schlüsselbein gebrochen, das Kreuzband gerissen, sie kann seitdem das Knie nicht mehr ganz beugen, aber das ist nicht der eigentliche Spätschaden. Sie hat das Unglück lange verdrängt, hat erzählt, sie habe einen Skiunfall gehabt, nicht mal die Eltern ihres Freundes wissen bis heute, was passiert ist. "Sie hat ihre alte Selbstsicherheit total verloren", sagt ihre Mutter. Und als Lena Formanowicz in der Zeitung las, wie ihr Retter heißt, im Dezember 2011, als er die Landesrettungsmedaille bekam, hatte sie Angst, sich bei ihm zu melden. Weil dann "alles erst recht wieder hochkommen konnte".
Auch Hoffmann wollte lieber vergessen. "Ich habe mich nicht als Held gefühlt." Er wälzte sich abends im Bett, er fragte sich, was er hätte besser machen können und ob er versagt hatte. Eine junge Frau gerettet, aber eine verbrannt, "das ist das Schreckliche, ich hatte die Bilder immer vor Augen". Jeden Morgen fuhr er an der Stelle vorbei, dann sah er das brennende Auto wieder vor sich, und langsam dämmerte ihm auch, wie knapp es für ihn selbst gewesen war. "Das war mir in dem Moment nicht bewusst"; später sagte seine Frau, dass er Glück gehabt habe, viel Glück, und was alles hätte passieren können, in den Flammen. Aber trotzdem, eines, sagt Hoffmann, eines sei ihm wirklich nie in den Sinn gekommen: dass er besser gar nicht da gewesen wäre. Dass er besser 15 Minuten früher, 15 Minuten später an der Stelle vorbeigefahren wäre, und ein anderer hätte tun müssen, was er getan hat.
In der Wissenschaft gibt es ein eigenes Forschungsfeld über das Verhalten von Augenzeugen, die "Bystander Intervention Research". Die Forscher sagen, dass einer wie Hoffmann, in einer Situation wie dieser, der Letzte gewesen wäre, der so etwas hätte denken können. Die Kombination aus Lebenslauf und Umständen des Augenblicks machte ihn zum klassischen Helfer.
Hoffmann hatte mit zehn Jahren seinen Vater auf der Zeche verloren, er war der einzige Sohn, mit vier Schwestern, er musste schon früh in der Familie Verantwortung übernehmen. Und später im Beruf: Als Betriebsleiter teilt er seine 90 Kollegen für die Arbeit ein. Dazu kommt: Er lebt auf dem Land. Mitglied im Fußballverein. Mitglied im Schützenverein. Eingewoben ins soziale Netz, das in der Provinz noch engmaschiger ist als in der Großstadt. Hier weiß der Helfer, dass auch ihm geholfen würde. Und selbst wenn er nicht so berechnend wäre: Zu helfen gehört zum Verhaltenskodex; wer dagegen verstößt, wird zum Außenseiter, über den sich das ganze Dorf hinterher den Mund zerreißt.
US-Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Hilfsbereitschaft bei Menschen auf dem Land tatsächlich größer ist als in der Großstadt. Das Gleiche gilt für Angehörige von Berufsgruppen, die viel mit Menschen zu tun haben, Busfahrer, Lehrer, Kindergärtnerinnen. Wie jene Ina König aus Niedersachsen, die im vergangenen Sommer zur Heldin wurde, als sie bei einem Waldausflug einem Kind in einen Zechenschacht hinterhersprang, ohne zu wissen, wie tief es nach unten ging. 25 Meter rutschte und stürzte sie, landete in einem Wasserloch und hielt den Jungen umklammert, bis die Feuerwehr beide heraufzog.
Wenig herausgekommen ist dagegen bei der Suche der Forscher nach einer Art "Retterpersönlichkeit": Dass der Klick im Kopf, einzugreifen und ein Leben zu retten, eine genuine Charaktereigenschaft sein könnte, glaubte man früher, heute ist es umstritten. Selbst Menschen, die im "Dritten Reich" unter Todesgefahr Juden versteckten und denen US-Soziologen früher eine "altruistische Persönlichkeit" unterstellten, werden heute eher als Getriebene der Umstände gesehen.
Die Helden der Nazi-Zeit habe vielmehr verbunden, dass "sie Handlungsspielräume wahrnahmen, wo andere keine sahen", glaubt der Flensburger Sozialpsychologe Harald Welzer. Das habe nur "zum geringsten Teil mit ihrer Persönlichkeit" zu tun, stattdessen mit "situativen Bedingungen" und "sozialen Verpflichtungen".
Zu diesen Bedingungen gehört der wohl wichtigste Faktor, den Forscher bei Lebensrettern beobachten: ob sie allein sind, es deshalb ganz allein auf sie ankommt. So wie bei Horst Hoffmann, der als Erster und minutenlang Einziger am Unfallort war. Wenn er nicht geholfen hätte, hätte es in diesem Moment keiner getan. Und wenn Peter Ratzenböck nicht alles versucht hätte, wären jetzt drei Menschen tot. Am 5. Dezember 2009. Am selben Tag also, nur ein paar Stunden weiter auf der Uhr und 514 Kilometer weiter im Süden der Republik. Es gab keinen sonst, der die drei aus der Vils hätte ziehen können.
Am Morgen hat Daniel Duschl, 23, seinen Opa beerdigt, am Abend denkt er, dass er selbst stirbt. Was sonst soll jetzt noch kommen? Nur der Tod. Er hängt kopfüber im Sicherheitsgurt, auf dem Rücksitz, in einem BMW 318i, der hinten keine Türen hat. Der BMW liegt auf dem Dach in der Vils, und mit dem Kopf ist Duschl schon unter Wasser.
Er denkt noch an seinen Bruder und dass das Letzte, was sie miteinander hatten, ein Streit war, am Morgen. Dann an seine Eltern, den Moment, wenn sie die Nachricht bekommen würden, dass er nie mehr zu ihnen zurückkehren wird. Er sieht ein weißes Licht, er glaubt, das muss er sein, der Tod, aber dann spürt er eine Hand. Der Gurt schnappt auf, die Hand zieht ihn, lässt nicht los, zieht ihn hoch, bis zur ersten Luft für sein zweites Leben. Oben muss Duschl kotzen.
Peter Ratzenböck, 24, hatte es also geschafft, erst den Stefan, dann die Steffi, und nun, als Letzten, auch noch den Daniel. Ratzenböck hatte sich vorher als Einziger aus dem sinkenden BMW befreien können. Er brauchte nur einen Moment, um zu wissen: weit und breit keiner, der den Unfall gesehen hatte. Dann war er zum Auto getaucht, das immer tiefer gesackt war, dreimal, in Galgweis, Niederbayern, bei null Grad Außentemperatur.
Ratzenböck kann das alles mit dieser niederbayerischen Gelassenheit erzählen, bei der ständig ein "Was soll man da groß sagen" durchklingt: wie sie an dem Abend zu einer Hüttengaudi nach Pleinting wollten und danach noch weiter, mit dem Stefan am Steuer, der Steffi und dem Daniel hinten, und er selbst auf dem Beifahrersitz. Selbst wieder richtig fahren konnte er ja noch nicht, nur gerade wieder so ein bisschen gehen, nach dem Unfall mit seinem Motorrad - 50 Meter durch die Luft, Lungenriss, offener Oberschenkelbruch, wie's einen halt so hinhaut.
Wie dann der BMW auf der Brücke über die Vils ins Schlingern kam, hochstieg, in den Fluss krachte. Und er dann raus, durchs Seitenfenster, und jeden aus dem Wagen zog. Am Ende den Daniel, als der Wagen schon auf dem Grund der Vils lag. "Ich habe an seinem Arm gezerrt, bis er draußen war, vorher hätte ich nicht aufgehört." Das alles kann er erklären, eines nicht: was in ihm vorging, warum er nicht einfach weglaufen wollte, in Angst, in Panik, in einem Fluchtreflex. So wie die Steffi, die er hinterher suchen musste. Entsetzt war sie von der Unfallstelle weggerannt.
Vor Gefahr zu flüchten ist ein Urinstinkt. Früher rannte der Jäger vor dem Mammut davon und ließ seinen niedergetrampelten Jagdkumpel im Stich. Im Eskapismus der Gegenwart reicht es schon, die Tür zu schließen, den Fernseher lauter zu drehen. Sich nicht berühren zu lassen. Wie bei Kitty Genovese, 1964.
Der Fall Genovese ist so etwas wie der Klassiker der Forschung über Augenzeugen. Genovese war nachts, um kurz nach drei, von der Arbeit nach Hause gekommen. Vor ihrem Wohnblock im New Yorker Stadtteil Queens lauerte ihr ein Mann auf, fiel über sie her, stach zu. Die Frau schrie um ihr Leben, tatsächlich ging in einigen Wohnungen das Licht an, einer rief nach unten: "Lass das Mädchen in Ruhe."
Der Täter rannte weg, das Licht ging wieder aus, der Täter kehrte zurück. Genovese stöhnte: "Ich sterbe, ich sterbe." Wieder: Lichter an, Fenster auf, der Angreifer verschwand. Aber als immer noch keiner aus seiner Wohnung ging, um nachzuschauen, zu helfen, kam der Mörder noch einmal zurück und brachte Genovese zum Schweigen.
Später stellte sich heraus, dass 38 Menschen ihre Schreie gehört hatten. Einer sagte einem Zeitungsreporter hinterher: "Ich wollte nicht hineingezogen werden."
Auch in Deutschland steht das unter Strafe, Paragraf 323c Strafgesetzbuch, bekannt als "Unterlassene Hilfeleistung": "Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not" nichts tut, obwohl ihm das zuzumuten wäre, muss mit bis zu einem Jahr Gefängnis rechnen.
Doch nichts macht Menschen schneller zu Feiglingen als eine Menge von Menschen um sie herum. Einige werden dann feige aus Scham: Wer eingreift, zieht die Blicke auf sich, bei vielen Menschen viele Blicke. Umso größer die Blamage, wenn sich herausstellt, dass man die Sache viel zu dramatisch eingeschätzt oder aber seine Fähigkeiten als Helfer dramatisch überschätzt hat. Also abwarten, nichts riskieren, im Zweifel lieber die eigene Souveränität retten als das Leben des anderen.
Noch häufiger aber lähmt eine Menschenmenge, weil jeder darin untertauchen kann. Warum ich, wenn es doch noch so viele andere gibt? Nach dem Mord an Genovese schickten zwei US-Psychologen Versuchspersonen in einen kleinen Raum. Sie sollten über ein Mikro mit Probanden in den Nachbarzimmern sprechen, über Probleme des Studentenlebens. Eine lockere Plauderei. Mal waren es angeblich Gespräche zu zweit, mal Konferenzschaltungen mit mehreren Teilnehmern. Tatsächlich kamen aber alle Stimmen vom Tonband, und plötzlich stammelte eine: "Ich ... äh ... um ... ich glaube, ich ... ich brauche ... äh ... jemanden äh ...", und schließlich: "K... könnte jemand ... äh ... äh ... mir ... eh ... helfen? Ich ... sterbe."
Das Ergebnis: 85 Prozent der Getesteten, die dachten, sie sprächen allein mit dem Sterbenden, stürzten aus dem Zimmer, um zu helfen - im Schnitt schon nach 52 Sekunden. Bei denen, die meinten, sie seien zu sechst in der Leitung, verließen dagegen nur 31 Prozent ihren Raum. Und bis dahin waren schon mehr als zwei Minuten verlorengegangen.
"In Gruppensituationen sinkt das Verantwortungsgefühl drastisch, da jeder die Verantwortung gern auf den nächsten abschiebt", sagt der Heidelberger Wirtschaftspsychologe Frank Musolesi. Ebendas hat Musolesi auch in eigenen Tests erlebt.
Vor zweieinhalb Jahren setzten sich einige seiner Studenten abwechselnd auf eine Treppe des Heidelberger Hauptbahnhofs. Sie waren ordentlich gekleidet, sie rochen nicht, sie brüllten nicht herum, sie krümmten sich einfach nur, als hätten sie starke Schmerzen. Doch von den 7000 Passanten, die an ihnen vorbeikamen, boten nur 94 ihre Hilfe an. Das Gleiche in der Heidelberger Fußgängerzone: Großstadt, Menschenmenge, Gleichgültigkeit. Ein Heer von Vorbeigehern, Vorbeiguckern, die sich damit beruhigten, dass sich schon andere kümmern werden, mit besseren Nerven, stärkeren Armen, mehr Zeit.
Oder weil andere angeblich eher zuständig sind: Im April 2011 schlug ein Gymnasiast in der Berliner U-Bahn-Station Friedrichstraße einem Mann, der auf einer Bank saß, erst eine Flasche ins Gesicht. Dann trat er ihm auf den Kopf, bis zur Bewusstlosigkeit. Doch es waren nicht nur diese Aufnahmen aus einer Überwachungskamera, die schockierten. Als ein junger Berlin-Tourist aus Bayern den Schläger in den Schwitzkasten nahm, sah er einen Mann vom Reinigungsdienst und rief: "Hilf mir doch!" Aber der Mann, mit Schaufel und anderen Geräten, habe nur "Ich darf nicht" gesagt, dann sei er weitergegangen. Auch die anderen auf dem Bahnsteig halfen nicht, 20, 30 Passanten, die nur herüber- oder wegstarrten, bis der Täter und dessen Freund flüchten konnten.
Dennis Harter kennt das auch: dass Zufallszeugen so einfrieren, dass sie nicht mal dem Guten gegen die Bösen helfen. Es ist gerade erst hell geworden am 4. Mai 2012, als Harter, 24, mit der Regionalbahn Lübeck-Travemünde im Bahnhof Kücknitz einfährt. Harter macht eine Lehre, Orthopädieschuhtechnik, er ist auf dem Weg zur Berufsschule, er lehnt seinen Kopf gegen die Scheibe, hört Musik, um ihn herum Pendler wie er, ein ganzer Waggon voll.
Sein Blick schweift über den Bahnsteig und bleibt an einem Mann hängen, der an einem Geländer lehnt. Sieht aus wie ein Obdachloser. Drei junge Kerle haben ihn umzingelt. "Und plötzlich", erinnert sich Harter, "tritt einer dem Mann voll ins Gesicht." Harter springt auf, ruft in den Wagen: "Hey, da draußen wird einer zusammengeschlagen!" Keine Reaktion. Er ruft: "Ich gehe da jetzt raus!" Keine Reaktion. Da stürmt er allein aus dem Zug auf das Trio zu. "Lasst den Mann in Ruhe! Ich hab die Polizei gerufen!"
In dem Moment hört er ein Pfeifen, die Zugtüren hinter ihm schließen sich. Harter drückt auf den Knopf, klatscht mit den Händen an die Scheiben. Doch niemand zieht die Notbremse. Der Zug fährt ab, mit seinem Rucksack, seinem Handy.
Als Harter sich umdreht, stehen die Schläger vor ihm. Drei gegen einen. Harter bekommt einen Faustschlag aufs Jochbein, er fällt. Immer wieder treten ihm die Angreifer gegen den Kopf. Er versucht, die Arme dazwischenzubekommen. Und hofft, dass die Leute im Zug wenigstens die Polizei gerufen haben.
Es geht minutenlang, dann haben die Jugendlichen genug. Harter auch. Der Obdachlose ist verschwunden, Harter wird ihn nie mehr wiedersehen. Er schleppt sich blutend zu einer Bushaltestelle. Als er in den nächsten Bus steigt, fragt niemand, was passiert ist, ob er Hilfe braucht.
Der Bus hält in Travemünde am Hafen. Harter trifft seine Lehrerin. Sie ruft die Polizei und einen Rettungswagen. Im Krankenhaus diagnostizieren die Ärzte zwei angebrochene Rippen, eine angebrochene Nase, ein gebrochenes Jochbein, überall Prellungen.
Keiner aus dem Zug hatte die Polizei angerufen. "Vielleicht waren die einfach zu geschockt", sagt er achselzuckend. Er kommt aus einer Familie, in der ihm die Eltern vorgelebt haben, dass man aufeinander achten soll. Auf die Frage, wie sie es fand, dass ihr Sohn dazwischengegangen ist, als Einziger, sagt seine Mutter nur: "Ich habe nichts anderes von ihm erwartet."
Dennis Harter macht den anderen im Zug auch gar keinen Vorwurf - höchstens einem: dem nämlich, der seinen Rucksack hat mitgehen lassen, der im Waggon liegen geblieben war. Aber denen mit der plötzlichen Querschnittslähmung aus Angst, Routine, Müdigkeit? "Es ging alles so schnell."
Zum Lebensretter zu werden, wenn es dabei gegen andere geht, dafür liegt die Hemmschwelle ohnehin höher als nach einem Unglück. "Viele Menschen wollen sich nur deshalb nicht einmischen, weil sie Ärger befürchten", sagt etwa der emeritierte Osnabrücker Kriminologe Hans-Dieter Schwind. Prügler und Pöbler sind unberechenbar. Um in einem U-Bahn-Wagen den Rechtsstaat abzuschaffen und eine Terrordiktatur zu gründen, reicht ihnen ein Schlag. Danach trauen sich nur noch ganz wenige, dem Opfer zu helfen. Die meisten haben genug damit zu tun, woandershin zu gucken, nur nicht dem selbsternannten Gewaltherrscher des Waggons in die Augen.
Und trotzdem überwinden sich immer wieder Menschen. Selbst dann. Überwinden die Angst, auch zum Opfer zu werden, überwinden die Ausreden, hinter denen sich die Angst verstecken lässt. Etwa die, dass bestimmt alles viel harmloser ist, als es aussieht.
Am 5. April 2011 geht die Berliner Schulsekretärin Anke Heilbronner, 47, mit ihrem Hund Gassi. Der übliche Spaziergang in der Mittagspause, durch eine Schrebergartensiedlung in Lichtenberg. Vorbei an Gartenlauben, frisch gemachten Beeten, den ersten Blumen, einem Mann in einer grauen Jacke. Einer ranzigen, grauen Jacke. Und neben sich ein Mädchen, blond, vielleicht zehn, zwölf Jahre alt, mit Leggins in Pink. "Die beiden sprachen nicht miteinander, und das Mädchen spielte die ganze Zeit nervös mit seinen Händen", erinnert sich Heilbronner. "Ich dachte gleich: Das sind doch nie im Leben Vater und Tochter."
Der Mann versucht, das Mädchen an die Hand zu nehmen, es zieht den Arm weg. Nach etwa 150 Metern biegt er mit dem Kind auf ein verlassenes Gelände ab, zu einer weißen Baracke.
In Heilbronners Kopf jagen sich die Gedanken: Soll sie um Hilfe schreien? Soll sie in die Baracke rennen? Was, wenn sich doch alles ganz einfach aufklärt? Und wenn nicht? Dann könnte es sein, dass der Mann sie umbringt und dem Kind trotzdem etwas antut. "Aber ich dachte mir, wenn ich nichts mache, passiert ein Unglück."
Heilbronner ruft in ihrer Schule an, ein Kollege soll kommen, die Polizei mitbringen, schnell. Doch noch während sie ins Handy spricht, hört sie einen Schrei. Das Kind.
Sie hält einen Radfahrer an, kann jetzt nicht mehr warten, gemeinsam stürzen sie auf die Hütte zu. Als Heilbronner nach der Klinke greifen will, fliegt die Tür auf, und der Mann stürmt an ihnen vorbei. In der Hütte wirft sich das Kind weinend in Heilbronners Arme.
Später, bei der Polizei, erkennt sie auf Fotos Uwe K. wieder, einen Mann, der schon elf Jahre wegen Kindesmissbrauchs gesessen hat. Er ist gerade erst wieder draußen. Knapp drei Monate später nimmt die Polizei ihn fest, in der Zwischenzeit hatte er noch eine 16-Jährige überfallen. Im Prozess stellt sich heraus, dass Uwe K. das Mädchen mit den blonden Haaren an einer Schule für Lernbehinderte abgefangen, ihm ein Handy versprochen hatte, wenn es mitgeht. Er wird zu dreieinhalb Jahren verurteilt, wegen sexuellen Missbrauchs und sexueller Nötigung.
"Für mich war es völlig selbstverständlich, nicht einfach weiterzugehen", sagt Heilbronner. Auch sie stammt aus einer Familie mit vielen Kindern, auch sie ist in einem Dorf groß geworden, in dem die Gemeinschaft noch etwas zählte. "Vielleicht kommt es daher", sagt sie.
Und vielleicht stimmt es dann auch, dass ihr die Sache mit der Mutter des Mädchens nichts ausgemacht hat. Weil es um so etwas für Anke Heilbronner nicht geht.
Die Mutter hat sich nie bei ihr bedankt.
Von Jürgen Dahlkamp, Jan Friedmann, Andreas Ulrich und Antje Windmann

DER SPIEGEL 11/2013
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