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DER SPIEGEL

VerlegerWeißes Loch

Rechte Freunde: Wie der Verleger Herbert Fleissner den Österreicher Kurt Waldheim vor Unglimpf bewahren wollte.
Bill Bryson, ein Amerikaner, braust durch Europa. "Die Franzosen mögen uns nicht", notiert er, "Italiener parken überall", "alles an Liechtenstein ist lächerlich" und: "In keiner Sprache klingen die Speisekarten so unschön wie auf deutsch."
Bills heitere Euro-Sause liegt schon ein Weilchen zurück, auf englisch erschien sie - "Very, very funny", Sunday Times - im Jahre 1991. Die deutsche Version kommt dieser Tage in die Läden; unterm Titel "Wo bitte geht''s nach Domodossola?" und mit der guten Aussicht, das Buch des Jahres zu werden*.
Es birgt nämlich ein Geheimnis: eine nachträglich eingeklebte leere Seite, wo vordem eine bedruckte war. Und der blinde Fleck unterbricht Brysons Erzählfluß just an einer Stelle, an der er schön in Fahrt ist und das Opfer prominent - Kurt Waldheim, damals _(* Bill Bryson: "Wo bitte geht''s nach ) _(Domodossola? Ein Amerikaner entdeckt ) _(Europa". Aus dem Amerikanischen von ) _(Claudia Holzförster. Ullstein-Verlag, ) _(Berlin; 272 Seiten; 34 Mark. ) noch Österreichs allerhöchst umstrittener Bundespräsident.
Wie bitte geht das? Im Buch-Imperium des Herbert Fleissner, Verleger von Schönhuber, Zitelmann & Co., geht alles. Brysons "Domodossola" (so heißt ein italienisches Alpendorf) erscheint im Ullstein-Verlag, und dort hat der Miteigentümer Fleissner in Sachen Programm das Sagen, auch das Nein-Sagen.
Ende Januar waren schon ein paar hundert "Domodossolas" ausgeliefert, als sich plötzlich die Stopp-Kelle hob. Grund: Fleissner hatte ergrimmt gelesen, was dieser hin- und hergelaufene Amerikaner, auf Seite 251, über Waldheim schrieb; eine Schmach für die weithin bekannte Männerfreundschaft Fleissner-Waldheim.
Denn Bryson hieß Waldheim einen "pathologischen Lügner", der im Verdacht stehe, "Kriegsverbrechen begangen zu haben", und eine so undurchsichtige Vergangenheit besitze, "daß nur er weiß, was er getan hat". Bryson giftig: "Es muß schon ein ganz besonderes Volk sein, das einem solchen Mann die Treue hält."
Fleissner hielt ebenfalls. Doch nun war die Frage: Schwärzen der schmerzenden Passagen oder Einstampfen der gesamten "Domodossola"-Auflage, geschätzte 5000 Stück? Das eine fiele auf, das andere täte weh; also kleben und kleben lassen, in Handarbeit, Buch für Buch. Eine Zensur findet bekanntlich nicht statt.
Wie aber erklärt man dem geschätzten Leser das weiße Loch auf Seite 251? Der Ullstein-Verlag läßt mitteilen, es handele sich um einen "Herstellungsfehler", ein Versehen des Druckers, um einen "sogenannten Schimmelbogen". Oder Schummelbogen?
Herbert Fleissner jedenfalls, gern Gast in Wien, kann dem Freund Waldheim frei ins Auge blicken; der legt gerade letzte Hand an ein lang ersehntes autobiographisches Werk. "Die Antwort" soll es heißen (und geben), in zwei Monaten wird es erscheinen, in freundlicher Umgebung: im Wiener Amalthea-Verlag, der, wie so vieles, zum Imperium des Herbert Fleissner gehört. Y
* Bill Bryson: "Wo bitte geht''s nach Domodossola? Ein Amerikaner entdeckt Europa". Aus dem Amerikanischen von Claudia Holzförster. Ullstein-Verlag, Berlin; 272 Seiten; 34 Mark.

DER SPIEGEL 10/1995
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