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DER SPIEGEL

BRASILIENBibi Perigosa und der Koksbaron

Fabiana Escobar war mit einem Drogenboss verheiratet; er organisierte den Handel in der Favela Rocinha, sie sortierte das Geld und gab es aus. Inzwischen hat die Polizei den Slum in Rio de Janeiro befriedet. Der Gangster sitzt in Haft - und seine Frau packt aus.
Sie nennen sie Bibi Perigosa, hier, in der Rocinha, einer der größten Favelas von Rio der Janeiro. Bibi, die Gefährliche. Sie zählte das Geld, das ihr Mann, der Drogenboss, nach Hause brachte, meist in Säcken, umgerechnet etwa 270 000 Euro jede Woche. Sie war dabei, als seine Gang Schnellfeuergewehre aus Paraguay kaufte und ließ sich von ihm erzählen, wie Diebe und Verräter lebendig in Brand gesteckt wurden. Als sie erfuhr, dass ihr Mann eine Geliebte hatte, zertrümmerte sie deren Schönheitssalon.
Einmal ließ sie sich mit einer vergoldeten Maschinenpistole fotografieren; auf einem anderen Bild umarmt sie ihren Ehemann, in dessen Hosenbund Pistolen und Granaten stecken.
Doch diese Zeiten sind vorbei, Bibi Perigosa ist jetzt nur noch Fabiana Escobar, so heißt sie bürgerlich. Ihr Ex-Mann sitzt seit fünf Jahren im Gefängnis, und sie schlägt sich so durch. Doch statt zu schweigen, redet sie, auch weil sie will, dass es anderen Frauen besser ergeht. Denn es gibt Tausende junge Mädchen in den Armenvierteln Brasiliens, die sich an Macht, Geld und Ansehen der Drogenbosse berauschen. Die Rolle der Frauen in den Gangs werde unterschätzt, sagt die Ex-Kommissarin Marina Maggessi. Sie seien ein wichtiger Bestandteil der Organisation, und sie werden immer öfter auch als unauffällige Kuriere eingesetzt.
Allein in der Stadt Rio ist die Zahl der weiblichen Gefangenen zwischen 2007 und 2012 um 66 Prozent gestiegen. Im gesamten Bundesstaat sind derzeit über 1700 Frauen inhaftiert - die meisten wegen Drogenhandels.
Dunkle Stiegen führen in Escobars Haus. Von der Dachterrasse hielten früher die Späher der Drogengangs nach der Polizei und rivalisierenden Banden Ausschau. Unten, im Wohnzimmer, stehen rosafarbene Möbel aus Kunstleder und ein Schminkspiegel, auf dem roten Sofa zerkaut ein Pitbullwelpe ein Stofftier.
Fabiana Escobar, 35, trägt einen Jeansrock, Bluse, schwarze Leggings und auf den Armen immer noch Liebesschwüre für ihren Ex-Mann, für Saulo de Sá Silva, 37, lange rechte Hand des am meisten gefürchteten Drogenbosses von Rio: Antônio Francisco Bonfim Lopes, genannt Nem. Nem herrschte über die Rocinha, und Saulo de Sá Silva war sein Stellvertreter. Ein Mann mit dunklem Haar, weichem Gesicht und Brille, zu dem der Spitzname Koksbaron so gar nicht passen mag.
15 Jahre lang war Bibi, die Gefährliche, mit Saulo, dem Koksbaron, verheiratet. Es fing an wie so oft, mit großer Liebe und kleinem Geld. Sie war 17, wollte Sozialarbeiterin werden, träumte von Kindern und einem Häuschen. Er war 19, Postbote und wollte schnell reich werden. Er begann zu dealen. Die Polizei sagt, er habe mit seinen Briefen auch Drogen ausgetragen. Vor acht Jahren kam er ins Gefängnis, sägte nach wenigen Tagen das Lüftungsgitter seiner Zelle auf und floh. Die Familie, inzwischen mit zwei Kindern, schlüpfte in der Rocinha unter, mit deren Drogenboss Saulo befreundet war.
Dort stieg das Paar ein ins große Drogengeschäft, dort wurde Fabiana zu Bibi Perigosa, zur Gangsterbraut. Ihr Ehemann managte das Geschäft, sie half bei den Abrechnungen. "Es war fast wie in einem normalen Unternehmen."
Die Rocinha war Nems privates Königreich. Eine Stadt in der Stadt, ein gigantisches Labyrinth aus bunten Hütten und Häusern, die wie Waben an den Hängen kleben. Über 80 000 Menschen leben hier, zwischen Strand und Urwald, an einem der schönsten Orte von Rio.
Nems Gang nannte sich "Amigos dos Amigos", Freunde der Freunde. Er hatte 500 Mann unter Waffen, viele davon eher noch Kinder; er versorgte halb Rio mit Kokain und entschied über Leben und Tod. Es war ja auch sonst keiner da, keine Polizei, keine Armee. Nems Leute waren die einzige Ordnungsmacht. Wenn ein Einwohner bestohlen wurde, suchte er Hilfe bei den Drogenbossen. "Einem Jungen, der einen Ventilator gestohlen hatte, wurde zur Strafe die Hand mit Benzin übergossen und angesteckt", erzählt Escobar. "Anschließend gaben sie ihm einen Eimer, um das Feuer zu löschen". Der Eimer war mit Benzin gefüllt.
Und Bibi Perigosa war in diesem Reich die Königin. Sie kaufte Goldschmuck, Kleider, einen Flachbildfernseher, ein Strandhaus, ein Auto. Sie mietete einen Hubschrauber, der für ihren Mann Saulo Rosenblätter über der Favela abwarf. Bei den Partys in der Favela, genannt Baile Funk, die vor allem den Drogenverkauf ankurbeln sollten, thronte sie in ihrer Loge hoch über der Tanzfläche und ließ gegrillte Langusten und Champagner aus Edelrestaurants kommen. Saulo kaufte ein teures Motorrad, auf dem sie nachts durch die Gassen der Favela rasten.
Auch die anderen Drogenhändler lebten im Überfluss. Sie kauften die neuesten Fitnessgeräte aus den USA, bauten Swimmingpools und Heimkinos. Drogenboss Nem hielt sich einen kleinen Privatzoo mit Tukanen, Affen und Alligatoren.
Doch nun ist der Krieg vorbei, das Königreich verloren. Die Rocinha wurde befriedet. Im November 2011 besetzten Soldaten und Polizisten das Viertel. Sie hatten sich angekündigt, sie wollten Kämpfe vermeiden. Tatsächlich fiel kein einziger Schuss. Danach hissten sie die brasilianische Flagge, um zu zeigen: Wir haben das Gelände unter Kontrolle. Vor einigen Monaten eröffnete der Gouverneur eine Polizeiwache auf dem Gipfel und ließ 80 Überwachungskameras installieren. 700 Polizisten patrouillieren Tag und Nacht.
Insgesamt 40 strategisch wichtige Favelas will die Regierung bis zur Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr zurückerobern, die Rocinha war Nummer 28. Es ist ein gewagtes Spiel mit offenem Ausgang, doch bislang scheint die Strategie aufzugehen. Morde und Überfälle sind drastisch zurückgegangen, die befriedeten Slums blühen auf, der Immobilienmarkt boomt. Im vergangenen Jahr gab es im gesamten Bundesstaat Rio 4041 Morde, so wenige wie noch nie seit 1991.
Der Drogenhandel allerdings geht weiter, meist per Telefon. Und viele einstige Bosse sitzen im Knast. Nem flüchtete 2011 aus der Rocinha, bei einer Straßenkontrolle in einem vornehmen Viertel wurde er festgenommen, er hatte sich im Kofferraum eines falschen Diplomatenwagens versteckt. "Die Polizei hat ihm seinen Lebensraum entzogen", sagt die einstige Drogenlady. Die Mitglieder seiner Bande zerstreuten sich, einige gingen in noch unbefriedete Favelas, andere haben umgesattelt auf legale Jobs oder Autodiebstähle. "Ohne Favela sind die Gangster wie Fische ohne Wasser", sagt Escobar.
Ihr Motorrad hat ein Dieb mitgehen lassen. Den Goldschmuck haben die Polizisten eingesteckt, als sie ihr Haus durchsuchten. Der Flachbildfernseher ist verschwunden, das Auto verrostet, das Strandhaus für wenig Geld verkauft. Und Saulo sitzt im Gefängnis von Bangu im Westen der Stadt, dort sind die gefährlichsten Gangster von Rio inhaftiert. Anfangs besuchte sie ihn regelmäßig, jeden Donnerstag fährt ein Kleinbus mit den Frauen der Drogenbosse zum Knast.
"In Wirklichkeit haben wir ein Jammerleben geführt", sagt Escobar. "Immer war ich auf der Hut, immer auf der Flucht." Saulo konnte das Armenviertel nie verlassen. "Einmal stand er oben auf der Terrasse unseres Hauses, blickte aufs Meer und weinte. Der Strand war so nah und doch unerreichbar."
Wenn die Frauen der Drogenbosse nicht im Gefängnis landen, enden sie oft einsam und verbittert. Ihre Männer suchen sich eine neue Geliebte, sie sterben bei einer Schießerei oder sie werden verhaftet. Doch Fabiana Escobar will nicht verbittert sein, sie will sich vor allem an ihrem Ex-Mann, dem Koksbaron, rächen.
Neulich ging sie in ein Liebesmotel und tanzte halbnackt vor der Webcam, alle konnten es im Netz sehen. "So stelle ich Saulo vor seinen Freunden bloß." Vor allem rächt sie sich jedoch, indem sie über das Geschäft der Drogenbosse redet.
Sie erzählt, wie Saulo eine elektronische Buchhaltung einführte und den Dealern Alkohol während des Drogenverkaufs verbot. Kommuniziert wurde über das soziale Netzwerk Orkut. Die Kokapaste brachten nach ihren Schilderungen Kuriere aus Bolivien und Paraguay, Saulo richtete Labors ein, wo sie den Rohstoff zu Kokain verarbeiteten. Bald versorgte die Gang Dutzende Favelas mit dem Rauschgift. "Die Rocinha wurde ein Großmarkt für Kokain." Sie habe nie Drogen genommen, beteuert Fabiana Escobar. "Für uns war es reines Geschäft." Als Komplizin sieht sie sich nicht: "Ich stand zu Saulo, weil er mein Mann war."
Gewalt hätten sie verabscheut, versichert Escobar. Allerdings kaufte das Paar dafür ziemlich viele Waffen: eine Bazooka, Schnellfeuer- und Sturmgewehre. Ständig waren sie auf der Hut vor der Polizei oder verfeindeten Drogengangs. Wenn Fabiana Escobar schlief, standen fünf Leibwächter vor der Tür, trotzdem schreckte sie bei jedem Geräusch auf. "Wir hatten Spitzel, die Bescheid sagten, wenn die Polizei eine Razzia plante." Einmal türmte sie über die Dächer, während Polizisten ihr Haus stürmten.
"Wir wollten in kurzer Zeit möglichst viel Geld zusammenkriegen, um uns ein neues Leben aufzubauen", sagt sie. Und Saulo versprach, bald sei es so weit: "Such schon mal ein Haus am Strand." Sie kaufte eine Villa im Nordosten, am Meer. Doch wenige Tage später klopfte die Polizei an die Tür. "Beim Hauskauf musste ich meine Steuernummer angeben, so haben sie uns gefunden", sagt Escobar.
Saulo de Sá Silva wurde verhaftet, sie wurde verhört und wieder freigelassen. Ein Dealer bot ihr an, ein Kokainlabor aufzubauen, aber sie lehnte ab, sie will mit Rauschgift nichts mehr zu tun haben.
Stattdessen eröffnete sie eine Boutique, aber die Leute haben nicht mehr so viel Geld wie früher, als der Drogenhandel noch blühte. Sie musste schließen, die Räume hat sie an einen Schönheitssalon verpachtet. Das Geschäft wird gerade renoviert, aber über dem Eingang prangt noch der alte Name: "Danger Girls."
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 13/2013
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