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DER SPIEGEL

PopNie mehr Sonne

Der Sänger Scott Walker, ein legendärer Verschollener der Popgeschichte, meldet sich zurück.
Es sind unscheinbare Geräusche, die Scott Walker nervös machen - das Klicken eines Fotoapparats zum Beispiel. Für Scott Walker klingt es wie das Klicken beim Entsichern einer Waffe.
Es geschah mit einem Klicken, als Scott Walker erfuhr, daß man einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatte. Seine Vergangenheit als Popstar holte ihn ein, als vor drei Jahren die CD "No Regrets: The Best of Scott Walker and The Walker Brothers" in die britischen Charts rauschte - was eine Londoner Boulevardzeitung dazu bewog, demjenigen 1000 Pfund zu versprechen, der ein aktuelles Foto des menschen- und medienscheuen Stars liefere. Das Rennen machte ein unscharfer Schnappschuß, der den Musiker zeigt, wie er auf einem Mountainbike flüchtet. "Es war eine bizarre Situation, sehr bedrohlich, genauso wie in den sechziger Jahren", erinnert sich das Opfer.
Nun ist Scott Walker, 51, dessen größter Hit "The Sun ain't gonna shine anymore" fast 30 Jahre zurückliegt, wieder eine öffentliche Figur. Nach elf Jahren Auszeit hat er eine neue Platte veröffentlicht. "Tilt" heißt das von der Kritik bejubelte Werk - und es läßt einen bizarren Mythos wieder aufleben: die Legende vom genialisch begabten Sänger und verschreckten Star Scott Walker, über den David Bowie einst sagte: "Walkers Stimme gleicht einem Engelschor, der in der Unterwelt gefangengehalten wird."
Walker, der eigentlich Engel heißt, wuchs in Ohio als Sohn eines Ölmanagers auf, und weil er ein hübscher Junge war und noch dazu musisch begabt, wollte er Anfang der sechziger Jahre Popstar werden - und scheiterte erst mal. Dann tat er sich mit zwei anderen Knaben zusammen, ein gewitzter Manager verpaßte ihnen den Künstlernamen The Walker Brothers und setzte sie 1965 in ein Flugzeug nach London; und alles wurde gut.
Denn die Engländer liebten die "King size"-Beatles-Frisuren, die mächtigen Sonnenbrillen und die Filmstarposen der drei so sehr, daß die Walker Brothers mit pompösen Balladen wie "Make it easy on yourself", "My Ship is coming in" und besonders "The Sun ain't gonna shine anymore" zeitweilig sogar die Beatles an Popularität überrundeten. Vor allem hatten sie das Scott Walker zu verdanken.
Seine Stimme war dunkel und verhieß Einsamkeit. Das Geheimnis seines Unglücks schien er hinter der nachtschwarzen Brille zu verbergen, die ihn stets gegen die böse Welt abschirmte. Tatsächlich verschanzte er sich schon 1966 für eine Woche in einem Kloster, ein Jahr später folgte ein Selbstmordversuch. Schließlich, als er das Gefühl hatte, daß die Sonne tatsächlich nie mehr für ihn scheinen sollte, trennte er sich von seinen "Brüdern".
Der musikalische Teil der Scott-Walker-Legende beruht zum größten Teil auf vier Solo-Platten, schlicht "Scott 1-4" betitelt, die er nach seinem Abgang aufnahm: lauter Versuche, die kreischenden Teenager-Fans für immer zu verschrecken. Er las Camus, übertrug für seine Platten Texte des belgischen Chansonniers Jacques Brel ins Englische und komponierte mit wilder Leidenschaft eigene Lieder. Am Anfang ging das erstaunlich gut; dann aber rebellierte der Fanklub, der mißverstandene Star zog sich verbittert zurück.
Totalen Schiffbruch erlitt er zuletzt 1984 mit der Solo-Platte "Climate of Hunter", die keiner hören wollte - und das trotz überragender Kritiken.
Immerhin gedieh der Mythos Scott Walker: Bald kursierten diverse Gerüchte. Er sei beim Pferdezüchten in Argentinien zu Tode getrampelt worden, er plane eine Gala-Show in Las Vegas mit Frank Sinatra, oder er hause in einem schottischen Schloß und beschwöre einsam die Geister.
In Wahrheit lebte Walker allein in einer Einzimmerwohnung am Stadtrand von London, hörte Jazz und Klassik und malte Aquarelle. Erst der Erfolg von "The Best of Scott Walker and The Walker Brothers" beflügelte ihn, seinem Ruf als Jerome Salinger der Popmusik ein Ende zu machen.
Selbst an Interviews scheint sich Walker allmählich wieder zu gewöhnen. "Es muß wohl sein, daß Menschen mich ansprechen", sagt er ernst, "nur bitte nicht so oft!" Dann schaut er nervös auf das Aufnahmegerät, das gerade ein Klicken von sich gegeben hat. Y

DER SPIEGEL 22/1995
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