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DER SPIEGEL

MoralEff, Punkt, Punkt, Punkt

Die englische Schimpfvokabel „fuck“ ist schriftlich bis heute geächtet - ein neues Buch dokumentiert die Karriere des Unworts.
Als Norman Mailer 1948 seine Kriegserlebnisse aus dem Pazifik in einem Roman schilderte, war Amerika geschockt - und der junge Debütant galt sogleich als neuer Starautor. Der Ton des Buches "Die Nackten und die Toten" war rauh und direkt. Nur eines traute sich Mailer nicht: Das Wort "fuck", obwohl von seinen Kameraden gedankenlos hundertmal am Tag gebraucht, schwächte er ab in "fug". Sein Anwalt hatte ihn zu diesem Phantasieausdruck überredet.
Das "F-Wort" galt der amerikanischen Nation damals wie heute als obszön und sei in den besseren Kreisen noch immer nicht gesellschaftsfähig, sagt Jesse Sheidlower, 27, der jetzt die Geschichte des Unwortes dokumentiert hat.
Im "ersten Wörterbuch über ein einziges Wort", so der Herausgeber, hat er auf 236 Seiten Hunderte von Variationen aus dem Alltagsgebrauch aufgelistet, beginnend bei A wie "absofuckinglutely"*. _(* Jesse Sheidlower: "The F-Word". ) _(Random House, New York; 236 Seiten; ) _(12,95 Dollar. )
Die Bedeutung mancher Ausdrücke, wie etwa "Dutch fuck" hat Sheidlower selbst erst während der Recherche gelernt: Gemeint ist das Anstecken einer Zigarette an einer anderen.
Der Wortstamm kommt aus dem Germanischen, im Englischen wurde es 1475 erstmals erwähnt. Bis 1795 stand es in Wörterbüchern, dann war es gebannt bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts. Shakespeare spielte darauf an, ohne es je zu verwenden; noch 1958 wurde fucked als "f-d" buchstabiert. Zuvor war es allerdings bereits 1922 in James Joyce'' Werk "Ulysses" gedruckt erschienen, das in den USA bis 1933 verboten war.
Sheidlower zitiert reichlich Briefe von Ernest Hemingway sowie Werke von Henry Miller, Jack Kerouac und D. H. Lawrence (dessen "Lady Chatterley" bis 1959 in den USA nicht erscheinen durfte). Und natürlich auch Mailer, der für das "fug" bitteren Spott ertragen mußte. Auf einer Party hatte ihn die Schriftstellerin Dorothy Parker auf den Arm genommen: "So, Sie sind also der Autor, der nicht weiß, wie man ficken buchstabiert." Das saß - in späteren Büchern pflegte Mailer auch mit Amerikas Unwort realitätsgetreuen Umgang.
Dennoch mußten die Lektoren des renommierten Verlages Random House (der auch Mailer verlegt) ihren Chef Samuel I. ("Si") Newhouse erst um Erlaubnis bitten, bevor sie sich an die Dokumentation des "F-Wortes" machen durften. Das sei Usus bei mutmaßlich kontroversen Buchprojekten, sagt Sheidlower.
Die Erstauflage betrug 50 000 Exemplare - ein bißchen viel, denn man hatte nicht mit der Zurückhaltung vieler Buchhändler gerechnet. "Wir hatten gehofft, daß sie das Buch prominenter präsentieren", klagt Sheidlower. Man habe immerhin auf eine Erwähnung des Wortes auf dem Einband verzichtet.
So beugt sich auch der Autor der traditionellen Prüderie. Zwar lassen Filmregisseure wie Martin Scorsese und Spike Lee ihre Helden längst unzensiert fluchen, in Fernseh-Talkshows jedoch wird das Wort weiterhin mit einem Piepston geblockt. In Rap-Songs ist der Ausdruck oft die Zentralvokabel, in der Rockmusik lebt er seit den Tagen eines Country Joe McDonald, der in Woodstock einst den "Fuckchor" ("Gimme an F!") eingeführt hatte. Zeitungen und Magazine drucken hingegen immer noch allenfalls nur drei Pünktchen oder Striche nach dem Anfangsbuchstaben f.
Die New York Times ist da noch nicht soweit. Obwohl dort ein Kolumnist beinahe jeden Ausdruck der Alltagssprache diskutiert, wehrt sich die Redaktionsleitung seit Jahrzehnten standhaft gegen jeglichen Gebrauch - selbst in Zitaten. Y
* Jesse Sheidlower: "The F-Word". Random House, New York; 236 Seiten; 12,95 Dollar.

DER SPIEGEL 49/1995
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