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DER SPIEGEL

„Ironie muß sein“

SPIEGEL: Mr. Jordan, Sie sind durch düstere Thriller wie "Mona Lisa" und "The Crying Game" berühmt geworden. Wenn man Ihnen "Interview mit einem Vampir" nicht angeboten hätte, wären Sie je auf die Idee gekommen, einen Horror- oder Fantasy-Film zu drehen?
Jordan: Aber ja. Vor zehn Jahren habe ich einen Märchenfilm gemacht, "Die Zeit der Wölfe", nach einem Buch von Angela Carter. Und mit Angela Carter war ich bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren über ein neues gemeinsames Projekt im Gespräch. Es sollte "Vampirella" heißen. Nach "The Crying Game" wollte ich unbedingt etwas Märchenhaftes oder Phantastisches anpacken, und vom "Interview" war ich auf Anhieb begeistert.
SPIEGEL: Kannten Sie schon Bücher von Anne Rice?
Jordan: Eines, ja, aber nicht die Vampir-Romane.
SPIEGEL: Haben Sie dem Film absichtlich einen Schuß schwarzen Humors beigegeben, den der Roman nicht hat?
Jordan: Ein bißchen Ironie muß sein. Daß ein Vampir, weil er sich nicht an Menschen herantraut, Ratten oder Pudel auslutschen muß: Ist das nicht komisch? Oder daß die kleine Vampirin durch die Stadt schlendert wie durch einen Bonbonladen auf der Suche nach Näschereien: Ist das nicht auch komisch? Es geht um ein wenig Entmythologisierung.
SPIEGEL: Ob wohl Anne Rice Sinn für solchen Humor hat?
Jordan: Wer weiß.
SPIEGEL: Hätten Sie gern, wie im Roman, eine fünfjährige Vampirin gehabt?
Jordan: Ich habe Probeaufnahmen mit einer Sechsjährigen gemacht. Sie war sehr anrührend und schön, aber man merkte, daß sie weder die Situation noch ihren Text wirklich versteht. Ich brauchte ein Kind, das eine erwachsene Frau spielen kann.
SPIEGEL: Bedeutet Ihr Interesse für Fantasy-Stoffe eine Abwendung vom Realismus?
Jordan: Aber wieso? Ich denke, auch jene meiner Filme, die man auf den ersten Blick für realistisch hält, führen ins Phantastische. Eine Geschichte erzählen ist wie eine Reise unternehmen. So führt in "The Crying Game" der Weg des Helden aus der sehr kompakten, bedrückenden Bürgerkriegsrealität Nordirlands in eine Welt, die ihm so fremd ist, daß sie ihm traumhaft und imaginär erscheint.
SPIEGEL: Was interessiert Sie am Horrorgenre?
Jordan: Oh, ich hoffe, "Interview" ist kein Horrorfilm wie "Der Exorzist" oder "Das Schweigen der Lämmer". Bei mir bangt man doch nie mit einem unschuldigen Opfer, das überfallen wird.
SPIEGEL: Und was mögen Sie besonders an Vampiren?
Jordan: Das Surreale, das Potential an Phantasie. Ich mag Mischgeschöpfe, Fabelwesen. Mir würde auch ein Engel mit seinen Flügeln gefallen oder eine Kentaurin - halb Pferd, halb Frau.
SPIEGEL: Es soll also nicht zu sehr menscheln?
Jordan: Im Gegenteil. Das eigentliche Erfolgsgeheimnis von Walt Disney besteht, glaube ich, darin, daß man eine Maus oder eine Ente menschlicher machen kann als einen wirklichen Menschen.
SPIEGEL: Haben Sie eine Theorie oder Erklärung dafür, warum plötzlich Vampire wieder Mode sind?
Jordan: Keine Ahnung. Vor zehn Jahren war es genauso mit den Hexen. Aber vielleicht paßt es zu unserem Jahrhundertende, daß eine gewisse Fin-de-siecle-Dekadenz wiederkehrt.

DER SPIEGEL 49/1994
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