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DER SPIEGEL

Intifada

Der bewaffnete Kampf machte PLO-Chef Jassir Arafat für seine Landsleute zu „Mr. Palestine“. Doch dann ging er auf Friedenskurs, erkannte Israel an. Seine Präsidentschaft scheiterte – und die Gewalt ging weiter.
Der Anfang ist ein Unfall. Checkpoint Erez, 8. Dezember 1987: Der Fahrer eines israelischen Armeelastwagens verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug. Der mit Panzern beladene Truck rast in die Fahrzeugschlange am Grenzübergang zum Gazastreifen, trifft zwei Kleinbusse, in denen Palästinenser sitzen. Vier Menschen sterben. Schnell verbreitet sich das Gerücht, der Israeli sei mit Absicht in die Autos gerast.
Aus Rache, so heißt es. Der Fahrer sei mit dem israelischen Geschäftsmann verwandt, der wenige Tage zuvor in Gaza erstochen wurde. Es stimmt nicht, aber das Gerücht trägt seinen Teil dazu bei, die Lage in den besetzten palästinensischen Gebieten eskalieren zu lassen.
Zur Beerdigung der Unfallopfer im Gazastreifen kommen Zehntausende, es wird eine Massendemonstration gegen Israel. Bei Protesten im Flüchtlingslager Dschabalja, aus dem drei der vier Toten stammen, wird ein Jugendlicher erschossen, der einen Molotowcocktail auf eine Armeepatrouille geworfen hatte. Hatem Sissi wird für die Palästinenser als erster Märtyrer in die Geschichte der Intifada eingehen.
Der Volksaufstand, der in den folgenden Wochen losbricht, überrascht die israelische Besatzungsmacht. Aber auch für die PLO, die palästinensische Befreiungsbewegung unter Jassir Arafat, kommt der Ausbruch völlig unerwartet. Die PLO-Führung befindet sich mehr als 2000 Kilometer entfernt von Gaza im Exil in Tunis, sie hat wenig Einfluss auf die Abläufe in der Heimat.
"Der bewaffnete Kampf ist der einzige Weg zur Befreiung Palästinas", heißt es seit 1968 in der Charta der vier Jahre zuvor gegründeten, zunächst von Ägypten dominierten PLO. "Vom Mittelmeer bis zum Jordan" soll das Land befreit werden. "Ziel der palästinensischen Revolution ist es, das zionistische Gebilde in unserem Land auszulöschen", sagt der einstige Studentenaktivist und Fatah-Begründer Arafat, der seit 1969 an ihrer Spitze steht.
Mit Anschlägen auf israelische Ziele und spektakulären Flugzeugentführungen sorgen PLO-Gruppierungen wie die linksradikale Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) dafür, dass die palästinensische Frage auf die Agenda der Weltpolitik kommt. Algier, Entebbe und Mogadischu werden zu weltbekannten Schauplätzen palästinensischen Terrors.
Während der Olympischen Spiele 1972 in München stürmt ein Terrorkommando der PLO-Einheit "Schwarzer September" das Quartier der israelischen Mannschaft, nimmt Sportler als Geiseln und tötet zwei Israelis. Das Drama zieht sich hin, Fernsehsender in aller Welt übertragen live. Der Versuch, die Geiseln auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck zu befreien, endet in einer Katastrophe: Neun Geiseln, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist kommen ums Leben.
Vor der Uno erringt Arafat dennoch 1974 einen großen diplomatischen Erfolg: Die PLO wird offiziell als Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt. Bei seinem denkwürdigen Auftritt vor der Uno-Vollversammlung in New York trägt Arafat unter seiner Jacke ein Pistolenholster. "Heute kam ich zu euch, in einer Hand den Ölzweig und in der anderen Hand das Gewehr des Freiheitskämpfers. Lasst nicht den grünen Zweig aus meiner Hand fallen", sagt er.
Arafat behauptete gern, er sei in Palästina geboren, mal sprach er von Gaza, mal von der Altstadt Jerusalems. Tatsächlich kam der Sohn palästinensischer Eltern 1929 in Kairo zur Welt. Als die Uno 1947 die Teilung Palästinas beschloss, erwarb er in Kairo gerade die Hochschulreife. Er brüstete sich später damit, als einer der jüngsten Offiziere in der legendären Armee des Abd-al Kadir al-Husseini gegen Israel gekämpft zu haben; tatsächlich soll er nach Aussagen von Kommilitonen im Krieg 1948 vor allem als Verbindungsmann für die Waffenbeschaffung zuständig gewesen sein.
Ende der Fünfzigerjahre geht Arafat nach Kuwait, wo er ein erfolgreiches Bauunternehmen aufzieht. Politisch bleibt er radikal, 1958 gründet er mit Gleichgesinnten die Fatah, später die stärkste Fraktion innerhalb der PLO.
Jordanien wird in den Sechzigerjahren das wichtigste Rückzugsgebiet für Arafats Fatah. Hier leben Hunderttausende palästinensische Flüchtlinge, die PLO greift nach der Macht im Staat. Nach einem Geiseldrama auf jordanischem Boden und einem Anschlag auf ihn hat König Hussein genug und startet im September 1970 eine brutale Militäroffensive gegen die PLO und ihre Unterstützer, bei der Tausende Palästinenser getötet werden – im palästinensischen Gedächtnis als "Schwarzer September" verewigt.
Arafat zieht weiter in den Libanon, wo er eine regelrechte Armee aufbaut. PLO-Sitz ist nun Beirut, vom Südlibanon aus feuern Arafats Kämpfer regelmäßig Raketen auf Israel. Der wachsende Einfluss der PLO, durch den sich besonders die libanesischen Christen bedroht sehen, ist 1975 Mitauslöser für den libanesischen Bürgerkrieg.
Israel reagiert mit dem Einmarsch in den Südlibanon, zunächst 1978, dann 1982, am Ende bleibt der Südlibanon 18 Jahre unter israelischer Besatzung.
Der Libanon-Feldzug ist hauptsächlich das Werk von Verteidigungsminister Ariel Sharon, er will die PLO samt Erzfeind Arafat aus Beirut vertreiben. Die israelische Armee und verbündete christliche Milizen belagern die libanesische Hauptstadt. Arafat muss mit etwa 10 000 palästinensischen Kämpfern schließlich abziehen. Als er in Tripoli an Bord eines Schiffes geht, reckt er die Faust: "Der Kampf geht weiter! Wir setzen ihn fort, bis wir in Jerusalem sind, der Hauptstadt des palästinensischen Staates."
Seine unbeugsame Haltung trägt zum Heldenstatus bei, den Arafat bei immer mehr Palästinensern genießt. Indem er den Mythos schafft, er lebe für nichts anderes als die Befreiung seines Volkes, wird er zu "Mr. Palestine".
Neues Refugium ist nun Tunis, wo ihn 1987 die Nachricht vom Ausbruch der Intifada erreicht. Die Menschen im Gazastreifen, in Ostjerusalem und im Westjordanland leben zu dieser Zeit 20 Jahre unter israelischer Besatzung. Auch wenn ihnen Israel verhasst ist, ertragen die allermeisten das Leben unter israelischer Militärverwaltung, solange sie Arbeit und ein Auskommen haben. Widerstand gegen die Israelis regt sich in den palästinensischen Gebieten kaum.
Hunderttausende Palästinenser pendeln jeden Tag aus Gaza und der Westbank nach Israel, dort sind sie als billige Arbeitskräfte willkommen. Sie schuften auf dem Bau oder in der Landwirtschaft. Israels Regierungen behaupten, dass es den Palästinensern doch gar nicht schlecht gehe – besser jedenfalls als den Palästinensern in Jordanien oder anderen arabischen Ländern. Eine eigenständige palästinensische Wirtschaft, die dazu beiträgt, dass die besetzten Gebiete ohne Hilfe von außen überleben könnten, entwickelt sich so jedoch nicht.
Viele Palästinenser sind auf internationale Hilfen und auf Überweisungen von palästinensischen Gastarbeitern in aller Welt angewiesen. Ein Sozialsystem gibt es nicht, umso wichtiger ist die Versorgung durch die eigene Familie. Auch deshalb haben die besetzten Gebiete ein so hohes Bevölkerungswachstum. Zu Beginn der Ersten Intifada sind mehr als zwei Drittel der Palästinenser unter 30, fast jeder zweite ist 15 oder jünger. Viele von ihnen leben auf engstem Raum, in Flüchtlingslagern im Gazastreifen und im Westjordanland häufig ohne Kanalisation, Strom gibt es nur stundenweise. Der Ölpreisverfall von 1986 führt dazu, dass viele arabische Staaten ihre Hilfszahlungen an die Palästinenser drosseln.
Die gravierenden sozialen Probleme tragen maßgeblich dazu bei, dass die Palästinenser schließlich revoltieren. Die Intifada ist vor allem eine Kampagne zivilen Ungehorsams, aber auch der politischen Emanzipation. Von Israel eingesetzte Bürgermeister und Polizisten quittieren den Dienst. Im Januar 1988 ruft Hanna Siniora, christlicher Politiker und Chefredakteur der Tageszeitung "al-Fadschr", zum "gewaltlosen Aufstand" auf: "Die Generation von 1967 ist erwachsen und sagt der älteren Generation, dass es nicht genügt, auf Cocktailpartys zu gehen. Wir geben eine Botschaft, dass die Besatzung nicht lange so andauern kann." Die palästinensischen Arbeiter in Israel sollten streiken. Erst nach Wochen stellt sich die PLO hinter den Vorschlag.
Israel reagiert mit kollektiver Bestrafung, verhängt tagelange Ausgangssperren, manchmal werden ganzen Ortschaften Wasser und Strom abgestellt. Doch die Proteste weiten sich aus, die frustrierte palästinensische Jugend geht auf die Straße. Fast täglich liefern sie sich Straßenschlachten mit den israelischen Sicherheitskräften. Die Bilder der Palästinenser, oft sind es noch Kinder, die sich mit Steinen israelischen Panzern entgegenstellen, gehen um die Welt. Und sie sorgen dafür, dass sich das Bild vom israelischen Goliat verfestigt, der einen palästinensischen David niederdrückt.
"Wenn die Truppen die Hand eines Steinewerfers brechen, ist er für anderthalb Monate nicht mehr in der Lage, Steine zu werfen", sagt der Kabinettssprecher öffentlich. Verteidigungsminister Yitzhak Rabin fordert die Truppen auf, mit "Macht, Kraft und Prügeln" gegen die palästinensischen Aufständischen vorzugehen; "der Knochenbrecher", heißt er bald bei den Palästinensern.
Fernsehbilder zeigen, dass israelische Soldaten randalierenden Palästinensern tatsächlich Arme und Beine brechen. Die Kinderhilfsorganisation "Save the Children" schätzt, dass bis zu 30 000 palästinensische Kinder durch Stockschläge von israelischen Soldaten verletzt wurden. Im Herbst 1988 führt die Armee Gummigeschosse ein und verwendet sie rücksichtslos gegen Demonstranten. Die Geschosse können eine tödliche Wirkung haben, wenn sie aus kurzer Distanz abgefeuert werden.
Für die Generation der unter 20-Jährigen, die nie etwas anderes als ein Leben unter israelischer Besatzung kennengelernt hat, wird die Intifada zu einem nationalen Erweckungserlebnis, viele fühlen sich jetzt erst wirklich als Palästinenser. Zum ersten Mal haben sie den Eindruck, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, ohne von der Willkür der israelischen Besatzer oder vom Wohlwollen der arabischen Bruderstaaten abhängig zu sein.
Aber die Einheit ist brüchig: Mit großer Brutalität gehen Palästinenser gegen angebliche oder tatsächliche Kollaborateure des israelischen Geheimdienstes vor. Schätzungen zufolge werden rund 700 Palästinenser von Landsleuten ermordet, das sind bald so viele, wie von der israelischen Armee getötet werden.
PLO-Chef Arafat weiß die Intifada für seine Zwecke zu nutzen. Die palästinensische Führung strebt inzwischen eine Verständigung an und nimmt in Oslo Geheimverhandlungen mit Israel auf, die 1993 zum Washingtoner Abkommen führen. Der Kurswechsel ist auch einer geänderten Realität geschuldet: Mit dem Ende des Kalten Krieges hatten die Palästinenser die Sowjetunion und die DDR als wichtige Partner verloren. In der Golfkrise 1990/91 schlägt sich der PLO-Chef auf die Seite von Iraks Diktator Saddam Hussein und verspielt damit Sympathien im Westen und in der arabischen Welt. Mehrere Hunderttausend palästinensische Gastarbeiter werden aus Kuwait ausgewiesen. Viele palästinensische Familien, die abhängig sind von den Überweisungen vom Golf, stürzt das in die Katastrophe.
Gleichzeitig fordert eine neue politische Bewegung den Alleinvertretungsanspruch der PLO für die Palästinenser: Ein paar Tage nach Beginn der Intifada ruft im Gazastreifen ein Flugblatt zum "Widerstand gegen die israelische Besatzung" auf. Unterschrieben ist das Pamphlet von der "Bewegung des islamischen Widerstandes" – der "Hamas". Ihr Gründer und spiritueller Mentor ist Scheich Ahmed Yassin, ein strenggläubiger Prediger, der bereits in den Sechzigerjahren ein Netzwerk aus Moscheen und Koranschulen gründete und seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt. Israel sieht in den Aktivitäten der Islamisten zunächst eine willkommene Konkurrenz zur Fatah.
Unter dem wachsenden Erfolgsdruck versucht die PLO nun erstmals, greifbare Ergebnisse im Dialog mit Israel unter der Schirmherrschaft der USA zu erzielen. 1988 erklärt Arafat öffentlich seine Bereitschaft, Israel anzuerkennen und dem Terror abzuschwören. Die Hamas sabotiert den Friedensprozess nach Kräften. Für sie gibt es nur ein Ziel: die Zerstörung Israels. Als Arafat am 13. September 1993 Yitzhak Rabin und Shimon Peres im Garten des Weißen Hauses in Washington die Hand reicht, ist das für die Hamas Verrat. Israel sichert den Palästinensern erstmals die Selbstverwaltung im Gazastreifen und im Westjordanland zu, damit wird die Grundlage für die Palästinensische Autonomiebehörde geschaffen, aus der irgendwann die Regierung eines unabhängigen palästinensischen Staates entstehen soll. Im Gegenzug verpflichtet sich die PLO, die Vernichtung Israels aus ihrer Charta zu streichen. "Die PLO erkennt das Recht des Staates Israel auf Existenz in Frieden und Sicherheit an", schreibt Arafat im historischen Briefwechsel mit Rabin.
Die Stadt Jericho im Westjordanland und knapp zwei Drittel des Gazastreifens werden als Erste übergeben. Am 1. Juli 1994 betritt Arafat zum ersten Mal seit 27 Jahren wieder palästinensischen Boden: Zehntausende Palästinenser begrüßen den Ra'is, ihren Präsidenten, in Gaza. "Ich kehre zurück auf den ersten befreiten palästinensischen Boden", sagt Arafat vor jubelnden Anhängern. "Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie das mein Herz bewegt." Internationale Organisationen öffnen Büros, Palästinenser kehren aus dem Exil zurück und investieren in ihrer Heimat – Mitte der Neunzigerjahre ist die Zuversicht groß, dass mit einer Zweistaatenlösung der Nahostkonflikt tatsächlich bald beigelegt wird.
Doch Extremisten auf beiden Seiten torpedieren den Prozess. Die Hamas entführt israelische Soldaten, in Hebron verübt der fanatische Siedler Baruch Goldstein ein Massaker an betenden Palästinensern. Die Hamas reagiert mit einer Welle von Selbstmordattentaten in Israel – zuerst gegen militärische Ziele, dann gegen Zivilisten. Für die Hamas ist jeder Israeli ein Todfeind.
Die Ermordung Rabins durch den rechtsradikalen Studenten Yigal Amir am 4. November 1995 wird zum Wendepunkt. Kurz scheint es, als könne die Bluttat Israelis und Araber sogar zusammenführen. Arafat betritt zum ersten Mal offiziell israelischen Boden, als er der Witwe Leah in ihrer Wohnung in Tel Aviv sein Beileid ausspricht. Ägyptens Präsident Hosni Mubarak und Jordaniens König Hussein nehmen an der Beerdigung auf dem Jerusalemer Herzlberg teil.
Auf Rabin folgt Außenminister Shimon Peres, der maßgeblich an den Verhandlungen beteiligt war. Israels Rechte, angeführt vom Likud unter Benjamin Netanyahu, wirft dem neuen Premier Peres zu große Nachgiebigkeit gegenüber den Palästinensern vor. Bei den Direktwahlen zum Ministerpräsidenten im Mai 1996 gewinnt Netanyahu mit nur 30 000 Stimmen Vorsprung. Israels Araber haben Peres ihre Unterstützung entzogen, nachdem bei der israelischen Vergeltungsoperation "Früchte des Zorns" gegen die Hisbollah im Dörfchen Kana 106 libanesische Zivilisten starben.
In den palästinensischen Gebieten ist seit Januar 1996 Jassir Arafat gewählter Präsident der Autonomiebehörde, der etwa 40 Prozent des Westjordanlandes übertragen werden. Die Behörde will den Aufbau eines unabhängigen Staates vorbereiten – doch Millionengelder landen in den Taschen der korrupten PLO-Elite. Der Internationale Währungsfonds wird 2003 bei einer Untersuchung feststellen, dass allein von 1995 bis 2000 rund 900 Millionen Dollar an öffentlichen Geldern verschwunden sind. "Das ist inakzeptabel und unmoralisch", kritisiert später Salam Fayyad, ein ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank, den Arafat 2002 auf Druck Washingtons zum Finanzminister macht; 2007 wird Fayyad Premierminister.
Auch der Nepotismus und die Unfähigkeit der Autonomiebehörde, funktionierende Strukturen zu schaffen, führen dazu, dass angesichts der anhaltenden Besatzung und dem Siedlungsbau der Israelis die Hamas als gewaltvolle Alternative zur PLO immer populärer wird.
Arafat hat es vom bewunderten Guerillakämpfer zum Staatsmann geschafft, der mit den Präsidenten und Regierungschefs dieser Welt auf Augenhöhe verhandelt. Doch während er höchst effizient eine international agierende Untergrundbewegung am Laufen hält, Rivalen aus dem Weg räumt und weltweit Verbündete sammelt, scheitert er daran, einen palästinensischen Staat aufzubauen. Mit dem Hinweis darauf, dass die israelische Besatzung das Handeln schwer mache, lassen sich viele Palästinenser nicht mehr abspeisen.
Auch die israelische Regierung kritisiert Arafat: Anstatt die Hilfsgelder aus dem Ausland in den Aufbau demokratischer Strukturen zu investieren, rüste er weiterhin den bewaffneten Arm seiner Fatah-Bewegung für Anschläge gegen Israel auf. Während er sich im Ausland als geläuterter Friedensstifter gebe, heize er in Palästina die antiisraelische Stimmung an. Tatsächlich verurteilt Arafat einerseits Selbstmordattentate in Israel, um bei anderer Gelegenheit – auf Arabisch – mehr "Märtyrer" für die palästinensische Sache zu fordern.
So ist die Stimmung gereizt, als im Jahr 2000 US-Präsident Bill Clinton den PLO-Chef und den neuen israelischen Ministerpräsidenten Ehud Barak zu neuen Friedensverhandlungen in Camp David empfängt. Sie sollen sich auf ein Endstatus-Abkommen einigen, das die Palästina-Frage ein für alle Mal löst.
Nie zuvor und nie wieder danach sind Israelis und Palästinenser wohl einer Übereinkunft so nahe gekommen wie in jenen 14 Tagen im Juli 2000. Drei Streitpunkte bleiben ungelöst: Israel beharrt darauf, einige Prozent des Westjordanlandes zu annektieren, dort, wo riesige Siedlungen bestehen. Als Ausgleich soll ein Teil der Negev-Wüste dienen. Arafat lehnt das ab, die jüdischen Siedlungsblöcke würden den zukünftigen palästinensischen Staat zerschneiden.
Der zweite Knackpunkt ist der Status Jerusalems. Die Palästinenser bestehen auf der vollen Souveränität über Ost-Jerusalem, das die Hauptstadt ihres zukünftigen Staates werden solle. Das lehnt Barak ab. Auch in der Flüchtlingsfrage können sich beide nicht einigen. Arafat beharrt auf einem Rückkehrrecht für die 1948 geflohenen und vertriebenen Palästinenser – für Israel ist das inakzeptabel.
Die Gespräche geraten ins Stocken; kaum noch einer glaubt an eine Lösung. Und so bricht im September 2000 die Zweite Intifada los.
Als Auslöser gelten der demonstrative Besuch des israelischen Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem heute muslimischen Tempelberg und der Einsatz der Polizei gegen die tags darauf protestierenden Palästinenser. Es gibt aber auch die Ansicht, Palästinenser hätten den Aufstand von langer Hand geplant.
Der endlose Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt ist jedenfalls wieder in Gang gesetzt. Doch diese Zweite Intifada ist schon bald kein Volksaufstand mehr, keine Rebellion der Jugend, der Steinewerfer gegen Panzer. Sie entwickelt sich zu einem Terrorkrieg der militanten Untergrundgruppen.
Im Dezember 2000 beginnt eine Welle von Selbstmordattentaten in Israel, bis 2005 sterben etwa 1000 Israelis, und 3300 Palästinenser werden durch israelische Sicherheitskräfte getötet. Nicht nur die Hamas schickt fanatisierte Palästinenser mit Sprengsätzen in israelische Busse, Cafés und Restaurants – auch die Aksa-Brigaden von Arafats Fatah und der Islamische Dschihad beteiligen sich an der Terrorkampagne. Israels Sicherheitskräfte antworten mit der gezielten Tötung von Terroranführern, wie dem Hamas-Mitbegründer Ahmed Yassin. Sharon, inzwischen Regierungschef, erklärt Arafat offiziell zum "Feind Israels".
Doch zu diesem Zeitpunkt ist Arafat offenbar längst nicht mehr Herr der Lage. In seinen Ansprachen wird er immer fahriger, das Reden fällt ihm zusehends schwer. Der Mann in der feldgrünen Uniform zeigt Anzeichen einer Erkrankung, womöglich Parkinson. Die Anschläge steuern vor allem charismatische lokale Fatah-Anführer wie Marwan al-Barghouthi, Kommandeur der Tansim-Milizen im Westjordanland. Er wird 2002 von der Armee gefasst und in Israel zu fünffach lebenslanger Haft verurteilt.
Während sich Israel unter dem Eindruck der Terroranschläge immer stärker von den Palästinensern abwendet, verkörpert der geschwächte Arafat die geplatzten Hoffnungen der Palästinenser. Nur wenige trauen sich, den kranken Ra'is offen zu kritisieren; die israelischen Militärschläge führen immer wieder zur Solidarisierung.
Ab 2001 kann Arafat die Mukata, seinen Amtssitz in Ramallah, kaum noch verlassen. Mehrfach riegeln israelische Truppen das Gelände ab, machen den Palästinenserpräsidenten zum Gefangenen, legen seinen Amtssitz schließlich in Schutt und Asche "Ich werde lieber sterben, als mich zu ergeben", verkündet er. 2004 darf er zur Behandlung nach Paris ausfliegen, wo er am 11. November stirbt.
Während palästinensische Selbstmordkommandos Zivilisten in Haifa, Netanja und Tel Aviv töten, errichtet Israel ab Juni 2002 eine Sperranlage zum Westjordanland, die Israel schützen und Grenzen ziehen soll. Die gewaltigen Mauern und Zäune verlaufen großteils auf palästinensischem Gebiet, das so faktisch annektiert wird, palästinensische Bauern werden von ihren Feldern getrennt.
Erst 2005 einigen sich Sharon und der neue palästinensische Präsident Mahmoud Abbas auf einen Waffenstillstand. Doch der langjährige PLO-Kampfgefährte von Arafat kann die Palästinenser nicht in dem Maße hinter sich vereinen, wie es Arafat lange Zeit gelang. Dem Mann mit den dicken Brillengläsern fehlen Ausstrahlung und rhetorisches Talent, außerdem gilt er als langjähriger Finanzchef der PLO als einer der Verantwortlichen für Korruption und Geldverschwendung.
2005 zieht Israel alle jüdischen Siedler aus dem Gazastreifen ab. Damit endet zwar die Zweite Intifada, der Kampf der Hamas gegen Israel geht aber weiter. Die Islamisten gewinnen die Parlamentswahlen 2006 gegen die Fatah. Israel, EU und USA verweigern aber die Zusammenarbeit mit der neuen Regierung, weil die Hamas weiterhin nicht bereit ist, das Existenzrecht Israels anzuerkennen.
Schon bald kämpfen Palästinenser gegeneinander. 2007 vertreibt die Hamas die Fatah ohne größeren Widerstand aus Gaza, diese wiederum unterdrückt die Islamisten im Westjordanland. Danach gibt es in Palästina de facto zwei Staaten.
Gaza – regiert von der Hamas, abgeriegelt von Israel und Ägypten, nach drei israelischen Militärkampagnen kaum überlebensfähig. Die Hamas hat dort ein autoritäres, islamis-tisches Regime errichtet, lässt angebliche Kollaborateu-re öffentlich hinrichten.
Das Westjordanland – regiert vom farblosen und alten Mahmoud Abbas, der sich, obwohl sein Mandat längst abgelaufen ist, an die Macht klammert. Im Juni 2014 verständigen sich Fatah und Hamas zwar auf eine Übergangsregierung – die Parlamentswahlen in Gaza und dem Westjordanland sind aber auf unbestimmte Zeit verschoben.
Wegen der Zusammenarbeit mit Hamas bricht Israel die Gespräche ab, die zuletzt unter Vermittlung von US-Außenminister John Kerry mühsam in Gang gekommen sind. Präsident Abbas habe unglücklicherweise einen Pakt mit Hamas einem Frieden mit Israel vorgezogen, sagt Premier Netanyahu. Abbas wiederum beklagt Israels Sanktionen gegen die Autonomiebehörde und die Blockade von Steuergeldern.
Kurz darauf werden drei jüdische Religionsschüler von radikalen Palästinensern entführt und getötet, aus Rache bringen vermutlich extremistische Siedler einen 16-jährigen Palästinenser um. Die Gewaltspirale ist wieder in Gang und eskaliert in 50 Tagen Krieg zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen. 2000 Palästinenser und 73 Israelis sterben.
So bleiben die Palästinenser staatenlos – und Israel, das sich stolz die einzige Demokratie im Nahen Osten nennt, behält die Fremdherrschaft über Millionen Palästinenser. Bald jährt sich der Beginn der Besatzung zum 50. Mal. Sicherheit hat sie den Israelis bis heute nicht gebracht. ■
Von Christoph Sydow

SPIEGEL GESCHICHTE 2/2015
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