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DER SPIEGEL

Der elektrische Mensch

Der geniale Erfinder der Glühbirne, Thomas Alva Edison, musste sich jahrelang harter Konkurrenz erwehren. Schließlich unterlag er im „Stromkrieg“.
Thomas Alva Edisons ganzes Leben ist ein Paradebeispiel für Tatendrang und Unternehmergeist. Geboren 1847 als jüngstes von sieben Kindern in dem kleinen Handelsort Milan im Norden Ohios, zieht er mit seiner Familie nach Port Huron, Michigan, als er sieben ist. Sein Vater betreibt dort einen kleinen Holz- und Getreidehandel.
"Al", wie man ihn nennt, ist stark schwerhörig, wahrscheinlich als Komplikation einer Scharlacherkrankung, und kann dem Schulunterricht kaum folgen. Sein Lehrer nennt ihn "addled", hohlköpfig, ein Urteil, das sehr bald widerlegt wird. Alles in allem hat Edison wohl nur drei Monate die Schule besucht. 1855 kehrt er ihr den Rücken – für immer. Nun unterrichtet ihn die Mutter, und häufig zieht sich der Junge zurück, verschlingt ein Buch nach dem anderen und experimentiert. Er ist der klassische Autodidakt, auch seine sozialen Kontakte sind sehr eingeschränkt, Folge der Schwerhörigkeit.
Mit zwölf Jahren fährt Edison als "trainboy" auf den Zügen zwischen Port Huron und Detroit mit, bietet Süßigkeiten und Zeitungen an. Bald druckt er seine eigene Zeitung, die nur im Zug verkauft wird. Auch richtet er sich im Gepäckwagen des Zugs ein kleines Chemielabor ein, hier kann er experimentieren. Und während der langen Aufenthalte in Detroit liest er sich durch die Bestände der öffentlichen Bibliothek.
Die erste feste Anstellung bekommt er als Telegrafist; dann, 1869, geht er nach New York. Zeitweilig arbeitet er bei einer Firma, die den Handelskurs für Gold telegrafisch übermittelt. In Newark, New Jersey, beginnt schließlich seine Karriere als professioneller Erfinder. 1876 baut er in Menlo Park sein berühmtes Laboratorium auf, in dem er viele bahnbrechende Ideen umsetzt. Fast im Monatstakt werden Patente für Innovationen oder Verbesserungen bestehender Apparaturen erteilt. Bald ist Edison finanziell gut ausgestattet. Zu seinen Financiers gehören einige der reichsten Leute Amerikas: John Pierpont Morgan und die Vanderbilts. Diese "Raubtierkapitalisten" sind gern bereit, Risikokapital zu investieren.
Ein Gerät, das Töne aufnimmt und wiedergibt, hat ihn 1877 berühmt gemacht: Der Phonograph wird eine Weltsensation, und Edison ist klug genug, sich seine Erfindung schnell patentieren zu lassen. 1878 stellt er das Gerät im Weißen Haus Präsident Rutherford Hayes vor, etwa 7000 Stück werden gebaut. Ein weiterer Meilenstein aus Edisons Erfinderwerkstätten ist 1891 die Entwicklung des "Kinetographen", einer der ersten Filmkameras, und des Wiedergabegeräts, des "Kinetoskops".
Aber das ewige Tüfteln und Forschen hat einen hohen Preis. Edisons Familienleben ist das eines Mannes, der bis zu 95 Stunden am Stück Experimente durchführt und dabei die Nahrungsaufnahme verweigert haben soll. Mit seiner Ehefrau Mary hat er drei Kinder; als er sie 1871 überstürzt geheiratet hat, war sie erst 15 Jahre alt.
Erst als Mary schwer erkrankt, unternimmt das Paar eine gemeinsame Erholungsreise nach Florida. Aber auch hier kann Edison keine Pflanze ansehen, ohne an biochemische Prozesse zu denken, keine Maschine begutachten, ohne sie auf Improvement – Verbesserung – hin abzuklopfen. Improvement ist einer der Schlüsselbegriffe seines Lebens. Mary stirbt 1884 mit nur 29 Jahren. Zwei Jahre später heiratet Edison erneut, wieder hat das Paar drei Kinder.
Mit nicht einmal 40 Jahren ist er ein gemachter Mann, könnte sich zurückziehen und das Leben genießen. Er tut das Gegenteil, investiert unermüdlich in neue Geschäftsfelder, in Forschung und Entwicklung. Auch seine wohl berühmteste Erfindung, die Glühbirne, ist das Ergebnis besessener Arbeit.
Seitdem Elektrizität zur Verfügung steht, haben Erfinder versucht, sie für die Beleuchtung zu nutzen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelingen erste Experimente mit Lichtbogenlampen und Glühbirnen. Aber die Resultate sind kurzlebig und untauglich für eine kommerzielle Nutzung. Der Brite Joseph Swan gibt nicht auf, er setzt auf einen Glühfaden im Vakuum – wie Edison, unabhängig von ihm. 1880 wird Swans Erfindung patentiert und in der Folge kommerziell genutzt.
In den USA gelingt Edison 1879 der Durchbruch. Über 6000 Glühfäden haben er und seine Mitarbeiter in monatelangen, nervenaufreibenden Experimenten ausprobiert. Edison verlangt von den Assistenten die gleiche Hingabe, die er selbst vorlebt. Er kommt, so erzählt er gern, mit vier Stunden Schlaf aus. Einmal versteigt er sich zu der Aussage: "Es gibt wirklich keinen Grund, warum Menschen überhaupt zu Bett gehen sollten."
Baumwoll- und Leinenfasern, Holzspäne und Papierröllchen, sogar Barthaare kommen in Edisons Labor als Glühfäden zum Einsatz. Erst japanischer Bambus bringt den gewünschten Erfolg. Nun können bis zu 1200 Stunden Leuchtdauer erreicht werden! Am 27. Januar 1880 bekommt er das grundlegende Patent US223898 zugesprochen. Mit seinem britischen Konkurrenten Swan arrangiert er sich. 1883 gründen die beiden sogar eine gemeinsame Firma.
Industrielle und Bankiers sind von Edisons Vorführungen in Menlo Park beeindruckt. Edison erhält 1880 den Großauftrag, den Passagierdampfer SS "Columbia" mit Gleichstrom inklusive Generator auszurüsten. Weltweit ist es das erste Schiff, das elektrisches Licht erhält. Edisons berühmter Ausspruch "Wir machen Strom so billig, dass nur noch die Reichen Kerzen anstecken werden" scheint sich zu bewahrheiten. In New York City erleuchtet er ein Jahr später eine Druckerei. Die Arbeiter sind begeistert, endlich können sie die Abzüge unter hellem Licht prüfen! Und natürlich tut Edison seinem Finanzier J. P. Morgan einen Gefallen. Dessen Domizil an der Madison Avenue ist das erste elektrisch beleuchtete Privathaus in New York City.
Im September 1882 gelingt ein großer Wurf: In der Pearl Street an der Südspitze Manhattans geht das erste große Kraftwerk in Betrieb. Monatelang haben Edisons Arbeiter unterirdische Leitungen gezogen, nun wird der Schalter umgelegt, 400 Birnen erleuchten Wohnungen und Büros der ersten 85 Kunden. Zwei Monate später hat das Kraftwerk schon 946 Kunden. Gewaltige "Jumbo"-Generatoren mit einem Gewicht von jeweils rund 27 Tonnen liefern den Strom. Die Kunden bezahlen ungefähr 1,2 Cent je Lampe pro Stunde. Dafür sind alle Installationen gratis, inklusive Ersatzbirnen. Aber – all das funktioniert mit Gleichstrom niedriger Spannung, der nur im Umkreis von gut einer Meile zu gebrauchen ist. Bei größeren Entfernungen nehmen die Verluste stark zu, die Birnen glimmen bloß noch.
Nun betritt Edisons größter Rivale die Bühne, George Westinghouse. Nach einer Karriere als technisch begabtes Wunderkind beim Militär hat Westinghouse die Druckluftbremse für Eisenbahnzüge erfunden, ein Riesengeschäft. Als Selfmademan wittert er, wo Geld zu verdienen ist. Der Stromsektor gehört definitiv dazu.
Ab 1888 arbeitet der serbischstämmige Wissenschaftler Nikola Tesla für ihn, der sich mit Edison überworfen hat. Tesla favorisiert den Wechselstrom, der besser zu transformieren ist und per Hochspannungsleitung über längere Strecken fast verlustfrei übertragen werden kann. Allerdings birgt die hohe Spannung auch Gefahren, eine Berührung mit den Leitungen kann tödlich enden. Edisons Spannung dagegen ist gewöhnlich auf 110 Volt begrenzt.
Das schreckt Tesla nicht, in den nächsten Jahren entwickelt der skurrile Erfinder, finanziell gut ausgestattet, ein komplettes Wechselstromsystem. Zwar fehlt noch eine brauchbare Glühbirne, aber Tesla hat einen Trumpf im Ärmel: den Wechselstrommotor. Für 75 000 Dollar, damals eine Riesensumme, verkauft er die Patente für den Motor an Westinghouse. Der baut ihn in Ventilatoren ein und verdient damit ein Vermögen.
Edison begreift, welch mächtige Konkurrenz da entsteht, und versucht, Westinghouse und den Wechselstrom zu diskreditieren. Ein halbseidener Tüftler namens Harold Brown wird engagiert. Brown setzt bei Schauveranstaltungen Hunde und Katzen bis zu 1000 Volt Gleichstrom aus – sie überleben. Dann verbindet er sie mit nur 300 Volt Wechselstrom – elendig sterben die Tiere. Die Quälerei soll vor Augen führen, wie gefährlich der Strom des Konkurrenten ist. Brown verkündet: "Wechselstrom taugt nur für den Hundezwinger, das Schlachthaus und das Staatsgefängnis." Physikalisch ist der Effekt unter anderem dadurch zu erklären, dass durch die ständige Richtungsänderung beim Wechselstrom schon geringe Stromstärken ausreichen, um etwa Herzkammerflimmern auszulösen.
Einer von Edisons Assistenten erfindet auch gleich ein neues Wort, "to westinghouse". Es bedeutet: durch Strom sterben. Gleichzeitig entsteht der bis heute gebräuchliche Begriff "electrocute" (aus "electro" und "execute"). Brown ist es auch, der Elektrizität zur Tötung von Menschen propagiert. Der geschickte Lobbyist bearbeitet das Parlament von New York so lange, bis es 1888 ein Gesetz verabschiedet, das die Elektrokution als einzige Methode bei Hinrichtungen vorsieht. Im März 1889 wird die enorme Summe von 10 000 Dollar für die Konstruktion eines elektrischen Stuhls bewilligt. Jetzt schlägt Browns Stunde, er wird sich am Bau der Apparatur beteiligen.
Westinghouse ist entsetzt. Er verabscheut die Todesstrafe und will sie unter keinen Umständen mit dem Einsatz von Wechselstrom in Verbindung gebracht wissen. Kategorisch verbietet er den Gebrauch seiner Generatoren für solch barbarische Zwecke.
Aber die Dinge nehmen ihren Lauf. Das erste Opfer der neuen Methode ist der 30-jährige William Kemmler. Der Alkoholiker und Schläger hat seine Geliebte mit einer Axt getötet. Der Fall zieht sich hin, schließlich entscheidet der Oberste Gerichtshof in New York, dass es sich bei der Elektrokution nicht um eine "grausame oder ungewöhnliche Strafe" gemäß dem 8. Zusatzartikel der Verfassung handelt. Nun kann auch Westinghouse nicht mehr helfen, der mit 100 000 Dollar Kemmlers Anwälte bezahlt hat. Was den Unternehmer besonders erbittert: Der tödliche Strom fließt doch aus einem seiner Generatoren!
Um das Verbot des Herstellers zu umgehen, hat die Gefängnisbehörde einen gebrauchten Stromerzeuger nach Brasilien exportiert und wieder zurückgebracht. Er steht einige Hundert Meter von der Hinrichtungskammer entfernt, eine Dampfmaschine treibt ihn an. Der 6. August 1890 ist als Termin vorgesehen. Im Staatsgefängnis von Auburn bereitet man Kemmler vor. Seine Hose wird dort aufgetrennt, wo die erste Elektrode am unteren Rücken sitzt, sein Schädel oben kahl rasiert für die zweite. Kemmler geht völlig gelassen zum Hinrichtungsstuhl; bittet sogar höflich darum, seine Gurte fester zu ziehen. Schließlich setzt man ihm die lederne Maske auf. Der Schalter wird umgelegt, 1000 Volt fließen für 17 Sekunden durch seinen Körper. Aber Kemmler stöhnt, er lebt noch! Entsetzt befiehlt der anwesende Arzt, den Strom sofort wieder einzuschalten, die elektrische Spannung zu verdoppeln. Es dauert quälende zwei Minuten, dann steigt Rauch von Kemmlers Kopf auf, der Raum füllt sich mit dem Gestank verbrannten Fleisches, Zeugen übergeben sich, fallen in Ohnmacht. Erst nach 70 Sekunden schaltet man den Strom endgültig ab. Kemmler ist tot, er hat fürchterlich gelitten.
Schilderungen der Exekution verbreiten sich in Windeseile. Westinghouse erreichen die Berichte daheim in Pittsburgh. Er ist entsetzt. "Das hätten sie mit einer Axt besser hingekriegt", so sein Kommentar.
Edison bewertet das Desaster kühl: Man habe die Elektroden falsch platziert. Es sei am besten, so sein Kommentar, sie an den Händen anzubringen, "in Eimern voller Wasser mit ein bisschen Pottasche, um das Fett auf der Haut zu lösen". Einstweilen bleibt Hängen die bevorzugte Hinrichtungsmethode, aber mit der fortschreitenden Elektrifizierung ändert sich das schnell. 1916 sterben in den USA erstmals mehr Menschen auf dem elektrischen Stuhl als am Galgen.
Edisons Schmutzkampagne verfängt am Ende nicht, der Wechselstrom setzt seinen Siegeszug fort. Mit der Weltausstellung 1893 in Chicago kommt der Durchbruch für Westinghouse.
Der prestigeträchtige Auftrag, die "World's Fair" mit Strom zu versorgen, wird öffentlich ausgeschrieben. Edisons Firma General Electric gibt ein absurd teures Angebot ab, Westinghouse bekommt den Zuschlag. Edison ist sauer, seine patentierten Glühbirnen wird er dem Konkurrenten nicht verkaufen. Westinghouse schreckt das nicht, eine weit effektivere Birne, die Edisons Patente umgeht, ist schon marktreif.
Am 1. Mai schaltet Präsident Grover Cleveland zur Eröffnung der "World's Fair" rund 100 000 Glühlampen ein. Die Welt ist begeistert von der prachtvoll illuminierten "City of Light". Zwölf gigantische Wechselstromgeneratoren der Westinghouse Electric & Manufacturing Company liefern während der folgenden sechs Monate verlässlich Energie. Werbewirksam prangt der Firmenname in der riesigen Maschinenhalle. 27 Millionen Menschen sehen das Spektakel, gut ein Drittel der gesamten Bevölkerung der USA! Die "Chicago Tribune" entwickelt am 2. Juni 1893 kühne Visionen: "Wenn die Bewegung jedes Wassertropfens, der die Niagarafälle hinabströmt, in Elektrizität umgewandelt wird, was für eine gewaltige Energiequelle ist der Menschheit dann an die Hand gegeben."
Und genau so kommt es: Ende des Jahres erhält die Firma Westinghouse den Zuschlag für ein riesiges Wasserkraftwerk an den Niagarafällen. Es wird die 30 Kilometer entfernte 300 000-Einwohner-Stadt Buffalo mit Strom beliefern. Damit ist der jahrelange Streit um die beste elektrische Grundversorgung endgültig zugunsten des Wechselstroms entschieden. Auch der Konkurrent General Electric setzt jetzt zu einem guten Teil auf diese Technik und baut die Überlandleitungen des Projekts.
Edison gibt viele Jahre nach dem "Stromkrieg" zu, sich geirrt zu haben, aber für ihn ist das abgehakt. Bis zu seinem Tod im Oktober 1931 arbeitet er unermüdlich, manchmal 16 Stunden am Tag. Am Ende hält er nicht weniger als 1093 Patente allein in den USA. Noch im September 1930 weiht er ein mit Gleichstrom betriebenes Netz von Vorortbahnen in New Jersey ein. Seine Züge werden 54 Jahre lang fahren.
Von Thorsten Oltmer

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2016
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