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DER SPIEGEL

Falltür im Strafraum

special: Campino hat vor fünf Jahren Geld gesammelt, damit sich sein Lieblingsverein Fortuna Düsseldorf einen neuen Spieler kaufen konnte. Herr Boning, investieren auch Sie in die Fußball-Unterhaltung?
Boning: Da gibt es Wichtigeres. Ich brauche zum Beispiel eine neue Spülbürste.
Campino: Unsere Aktion damals war sehr wichtig. Auf einer Tournee hörten wir im Radio, daß selbst Union Solingen unsere Fortuna mit 1:0 besiegt hatte. Die Stimmung war mies, das Konzert wurde schlecht. Da haben wir als Fortuna-Obolus eine Mark auf jede Konzertkarte draufgeschlagen. Außerdem waren damals in der Bundesliga die "Husch husch Neger in den Busch"-Rufe beliebt. Mit der Finanzierung des Ghanaers Anthony Baffoe konnten wir ein kleines Zeichen setzen.
special: Glauben Sie wirklich, daß das Signal ankam? Die Vereinsfunktionäre werden sich in erster Linie über die unerwartete Einnahme gefreut haben.
Campino: Fußball ist natürlich Kommerz und Show. Da geht es um Kohle. Aber im Kern bleibt Fußball ein Sport für die Masse. Ich kann zum Beispiel mit diesen neuen Vl-P-Logen nichts anfangen: Wie kann es spannend sein, in einem wohltemperierten Raum hinter einer Glasscheibe zu sitzen, während unten gerade ein Schuß gegen den Pfosten knallt?
Boning: Eine VlP-Lounge verschafft eine wohnliche, optimale Atmosphäre zwischenmenschlicher Nähe. Vielleicht sollte man die Stadien so umbauen, daß jeder wie im Autokino das Spiel von schrägen Parkplätzen aus betrachten kann.
special: Die Fans in der Schalker Nordkurve kommen mit Bus und Bahn - und wollen stehen.
Boning: Schalke war schon immer Avantgarde. Früher war der Verein ein Symbol der Heimatliebe, und als der Trend zur Unterhaltung ging, lag Schalke mit dem dicken Einpeitscher Charly Neumann vorn.
special: Egidius Braun, der Präsident des DFB, spricht am liebsten von der "gesellschaftspolitischen Aufgabe" des Fußballs.
Boning: Der DFB sollte sich lieber überlegen, wie man den Fußball für die Unterhaltung im dritten Jahrtausend nach Christi Geburt fitter machen kann - etwa durch Falltüren im Strafraum, in die Spieler plötzlich einbrechen. In jedem zweiten Spiel könnte dann einer unter der Grasnarbe verschwinden.
Es wäre wieder Platz für Idole wie Uwe Seeler.
special: Fasziniert Sie denn keiner der heutigen Stars?
Boning: Nur Mario Basler, weil er Gelegenheitsraucher ist. Allenfalls noch Matthias Sammer, weil er sich mal mitten im Spiel eine Wunde tackern ließ. Ich habe mir überlegt, ob ich das mit mir machen lassen würde. Wenn mir im Studio ein Scheinwerfer auf den Kopf fallen würde, würde ich die Wunde mit Wäscheklammern verschließen, das tut nicht so weh.
special: Was ist mit Stefan Effenberg?
Campino: Der Aufstand um seinen Stinkefinger bei der WM in den USA zeigt die Armseligkeit des deutschen Fußballs. Wer weiß, vielleicht wäre Effenberg noch richtig kreativ geworden, wenn das Publikum darauf nicht reagiert hätte.
special: Vergrault der Bundestrainer systematisch solche Typen?
Campino: Früher haben Leute wie Sepp Maier alles lockerer gesehen. Von den aktuellen Stars hat nur Klinsmann kein Reih-und-Glied-Verhalten. Ich glaube aber nicht, daß Berti Vogts für die Verarmung des deutschen Fußballs verantwortlich ist.
special: Leiden Sie manchmal mit ihm?
Campino: Ja. Immer wenn die deutsche Mannschaft verliert, kriegt der auf ganz linke Art richtig einen reingesemmelt. Niemand sonst kriegt in Deutschland so gemeine Verrisse. Ich habe eine große Schrankwand, an die ich alle Headlines und Verrisse über Berti Vogts klebe. Bis er geht, wird diese Wand voll sein.
Boning: Ich finde es bedauerlich, daß die Kritik sogar seinen Ausflug in die Lyrik im Keim erstickt hat. Jeder, der sich heute als Lyriker versucht, verdient einen gewissen Anfangsrespekt. Vogts wurde sofort der Mund verboten. Man sollte sich daran erinnern, daß es mit Sepp Herbergers vergleichsweise banaler Volkslyrik doch so wunderbar geklappt hat. Warum ist die Latte so hochgelegt worden?
Campino: Vogts bemüht sich ja. Er hat zum Beispiel Rhetorikkurse besucht. Auf seinem Grabstein sollte stehen: "Ich hab''s versucht."
Boning: Warum teilt man die Aufgaben des Bundestrainers nicht einfach auf - einer trainiert die Mannschaft, ein anderer fungiert als Repräsentant für Siege und Niederlagen? Ich denke für den zweiten Job an Frank Elstner oder Hans-Joachim Kulenkampff.
special: Warum nicht gleich einer jener Politiker, die es mit Macht zum Fußball drängt?
Boning: Ja gut, Willi Lemke oder Gerhard Mayer-Vorfelder haben erkannt, daß es sich bei Fußball nicht nur um Sport handelt, sondern um eine Institution in der Gesellschaft, die ähnlich wichtig ist wie die Politik selbst. Oder Jürgen Möllemann: Wie der sich vornahm, gleichzeitig die FDP und Schalke 04 zu retten, und das in einem Atemzug in einer Talkshow ankündigte, das war anständig, heldenhaft und hatte meine vollste Sympathie.
Campino: Bei Franz Beckenbauer wiederum ist eine Kanzlerkandidatur nicht undenkbar. Genausogut kann er aber auch unseren Probenraum aufräumen, das hat noch niemand geschafft.
special: Für Nationalspieler ist Politik ein Tabu-Thema, denen scheint es nur um den Gehaltszettel zu gehen. Andreas Möller zum Beispiel hat öffentlich beklagt, 1,2 Millionen Mark pro Jahr seien ihm zu wenig. Hat einer wie er einen Künstler-Bonus verdient?
Boning: Einen kleinen Zuschlag auf jeden Fall. Schließlich hat der Andy die Sporthosenmode um eine Tragevariante bereichert, indem er die Hose extrem nach oben zieht. Auf diese Weise werden die Beine optisch verlängert.
Campino: Möller hat doch nur auf ein Problem hingewiesen, das jeder Bundesbürger hat: Er verdient zuwenig. Im Ernst kann ich aber das Gezerre über die hohen Gehälter nicht ganz verstehen. Die Zuschauer sind doch mit daran schuld, daß immer mehr bezahlt wird. Das ist wie bei den Rockkonzerten. Alle jammern, kaufen aber trotzdem 80-Mark-Tickets für Pink Floyd. Gespart wird dann bei der Nachwuchscombo, da will man keine Mark mehr riskieren.
special: Und denen machen auch noch die Nationalkicker Konkurrenz, indem sie selbst singen.
Campino: Der Musikgeschmack wird leider eindeutig in der DFB-Chefetage festgesetzt. Eine Hymne von AC/DC würde viel mehr Schwung ins Stadion bringen.
Boning: Daß manche Fußballer mehr draufhaben, zeigen ja die diversen Solo-Darbietungen. Gerd Müllers Platte "Da macht es bumm" ist mein Favorit.
Campino: Der beste Song stammt von Gert Fröbe: "Laß doch mal Dampf ab auf dem Fußballplatz". Das sollte man remixen.
special: Um es dann vor Länderspielen anstelle der deutschen Nationalhymne zu spielen?
Campino: Der DFB fürchtet offenbar, daß Länderspiele als reine Unterhaltung gesehen werden. Um sich dagegen abzugrenzen, wird vorher das Deutschlandlied gespielt.
Boning: Länderspiele sind doch antiquiert. Wieso gibt es eigentlich noch keine EU-Mannschaft? Man hätte elf Spieler aus jedem Land der Gemeinschaft, dazu einen Ersatzspieler. So würde die EU, dieses bürokratische Phantom, etwas durchschaubarer.
special: Welche Deutschen sollten in dieser Auswahl stehen?
Campino: Klinsmann. Da könnte man sich wenigstens darauf verlassen, daß beim anschließenden Getalke kein Mist den Mund verläßt. Bei allen anderen besteht ein Sicherheitsrisiko, wenn sie reden.
Boning: Ich wäre für Mario Basler. Wenn der abzieht, und der ist ja beidfüßig, dann kracht das Holz. Außerdem fühle ich mich als Raucher verbunden mit allen Rauchern auf dem Fußballplatz.
special: Wigald Boning, Campino, wir danken Ihnen für das Gespräch.
Das Gespräch führten Udo Ludwig und Alfred Weinzierl.
Campino, 34, ist seit 1981 Sänger der "Toten Hosen". Boning, 29, wurde durch die RTL-Show "Samstag Nacht" als Komiker bekannt.
Von Udo Ludwig und Alfred Weinzierl

SPIEGEL SPECIAL 6/1996
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