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DER SPIEGEL

„Der Regen wäscht es weg“

Johannes Clair kämpfte in Afghanistan und kam traumatisiert zurück. Erst hat er es verdrängt, nun sucht er mit Therapien den Weg ins Leben.
Zur Person
Johannes Clair, 29, Zeitsoldat bei der Bundeswehr, war von Juni 2010 bis Januar 2011 als Infanterist für Spezielle Operationen in Nordafghanistan stationiert. Er erlebte Sprengstoffanschläge und die Detonation von Minen und Autobomben, wurde mit Mörsergranaten bombardiert und schoss selbst auf Menschen. 2012 schrieb er über seine Erlebnisse den Bestseller "Vier Tage im November" (Econ Verlag). Erst danach wurde bei ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.
SPIEGEL: Herr Clair, wann haben Sie gemerkt, dass Ihr Einsatz in Afghanistan Sie seelisch tief verletzt hat?
Clair: Der erste Auslöser war ein Bericht über den Tod eines Kameraden, den wir durch einen Selbstmordattentäter verloren haben. Den habe ich zweieinhalb Jahre danach gelesen, an einem Sonntagnachmittag im Bett, und das hat mich im Kopf wieder in den Einsatz zurückversetzt. Ich habe geheult wie ein Baby. Meine damalige Freundin hat mich geschüttelt, bis ich wieder zu mir kam – und da war klar, es muss sich etwas ändern.
SPIEGEL: Zweieinhalb Jahre lang konnten Sie das Trauma verdrängen?
Clair: Meine Freundin hatte mir schon gesagt, dass ich mich verändert hatte. Aber ich war einfach taub auf dem Ohr.
SPIEGEL: Welche Veränderungen haben Sie bei sich bemerkt?
Clair: Ich bin ständig unter Spannung. Dabei geht es immer um das Gefühl von Sicherheit. Wenn das Gefühl verloren ist, löst das in mir Panik aus. Weil es mich in das Ausgeliefertsein im Gefecht zurückführt. Menschenansammlungen, überhaupt unübersichtliche Situationen, sind ein riesiges Problem.
SPIEGEL: Ganz alltägliche Situationen?
Clair: Genau. Wenn ich in der Fußgängerzone bin, spiele ich ständig im Kopf Bedrohungsszenarien durch, beispielsweise: Da springt jetzt einer raus vor mir, hat ein Messer in der Hand, fordert sonst was – wie reagiere ich darauf? Ich will vorbereitet sein. Es geht immer um das Gefühl: Ich will auf keinen Fall die Kontrolle abgeben müssen.
SPIEGEL: Wie halten Sie die ständige Angst aus?
Clair: In den letzten Jahren habe ich mich sehr zurückgezogen. Ich habe eine Vielzahl von Vermeidungsstrategien entwickelt, um mich nicht mit den Problemen konfrontieren zu müssen, obwohl sie ja da sind. Zum Beispiel kaue ich exzessiv Fingernägel, wenn ich angespannt bin. Ich stopfe mich mit Süßigkeiten voll. Oder ich spiele stundenlang am Computer. Darin versinke ich manchmal zwölf Stunden am Stück. Abends habe ich dann Kopfschmerzen, aber immerhin war ich den ganzen Tag in einer anderen Welt.
SPIEGEL: Wann fühlen Sie sich gut?
Clair: Vorgestern zum Beispiel, da hatte ich einen richtigen Run: Ich habe mich komplett diszipliniert ernährt, Sport gemacht, bin früh ins Bett gegangen. Es war ein perfekter Tag. Aber einen Tag später hat es mich in der Gruppentherapie nach ein paar Minuten so rausgerissen, dass ich die Gruppe verlassen habe, in mein Zimmer gegangen bin und mich mit Schokolade vollgestopft habe.
SPIEGEL: Waren Sie glücklich an Ihrem perfekten Tag?
Clair: Ich glaube, glücklich trifft es nicht. Es ist nur so, dass ich in dem Moment mein Ziel erreicht hatte. Endlich funktionierte mal wieder etwas. Und dann gibt es Tage wie gestern, an denen ich mir denke: Warum funktioniert das nicht? Es muss doch gehen! Wenn man ein gebrochenes Bein hätte, würde man nicht denken, das wächst schon wieder zusammen – natürlich geht man zum Arzt. Natürlich akzeptiert man, wie lange das dauert. Natürlich geht man in die Reha. Nur bei Dingen, die die Seele verwundet haben, haben wir Menschen den Anspruch, dass übermorgen alles wieder gut ist. So geht es mir auch.
SPIEGEL: Wann waren Sie das letzte Mal im Leben gelassen? Vorgestern? Oder eher gestern, als Sie so viele Süßigkeiten gegessen haben?
Clair: Nein, beim Süßigkeitenessen bin ich nicht gelassen, sondern angespannt, das nehme ich dann nur nicht bewusst wahr. Gelassen war ich gestern Abend. Ich war echt mies drauf, aber dann habe ich noch einen sehr langen Spaziergang im Wald gemacht, und das war echt gut.
SPIEGEL: Und im Wald haben Sie keine Angst, dass jemand hinter einem Baum lauert?
Clair: Im Gegenteil. Da kann ich durchatmen. Die Natur ist ehrlich. Manche Menschen sind falsch und hinterhältig. Tiere sind ehrlich. Wenn ein Hund dich nicht mag, zeigt er dir das sofort. Das finde ich großartig. Und die Natur bringt dich nur in Gefahr, wenn die Natur eben so ist – das hat aber nichts mit dir zu tun.
SPIEGEL: Was hilft Ihnen noch?
Clair: In den letzten Jahren hatte ich zwei Strategien, um mich wirklich mal rauszunehmen. Die eine war Sport. Aber ich hatte mit Beginn der Traumatherapie damit aufgehört. Jetzt komme ich langsam wieder rein, alle zwei Tage gehe ich laufen. Es fällt mir schwer, weil ich mich draußen nicht sicher fühle. Ich muss mich überwinden. Aber wenn ich es dann gemacht habe, fühle ich mich gut. Besonders nach dem Regen ist es im Wald total geil, die Luft ist so klar und frisch, und der Regen – ich hab immer so ein bisschen das Gefühl, der Regen wäscht alles weg, für den Moment zumindest.
SPIEGEL: Und die zweite Strategie?
Clair: Lego. Legobauen war in den letzten Jahren tatsächlich das Einzige, bei dem ich wirklich an nichts anderes gedacht habe. Selbst wenn ich Computer spiele, läuft auf dem Laptop rechts daneben ein Film nebenbei.
SPIEGEL: Weil Sie sich vom Ablenken ablenken wollen?
Clair: Ja. Aber beim Lego konzentriere ich mich völlig. Als kleiner Junge habe ich extrem viel mit Legosteinen gebaut, und wahrscheinlich habe ich damit jetzt einfach etwas Schönes aus meiner Kindheit wiederentdeckt. Hier steht eine ganze Kiste. Zu Hause in Hamburg habe ich noch mehr. Die Gedanken kreisen dabei nicht, weil ich so ein Perfektionist bin, es muss alles stimmen, und dann suche ich stundenlang nach Teilen. Das ist nicht eben mal schnell zusammengefummelt.
SPIEGEL: Das hilft Ihnen, mit dem Trauma zu leben?
Clair: Ja, mir eine kindliche Seite zu bewahren, das ist eine Ressource für mich. Zum Beispiel haben wir gestern Abend eine Runde um den See gedreht, da ist ein großartiger Kinderspielplatz. Ich bin einmal über alle Geräte hinübergeturnt und -getobt, ganz schnell, und es hat richtigen Spaß gemacht. Einfach mal wieder Kind sein, Mensch sein. So wie beim Legobauen. Ich habe kein Problem damit, das zu erzählen, da kann jeder drüber schmunzeln, das ist mir so was von scheißegal. Wenn das hilft, dann hilft das.
SPIEGEL: Geht es Ihnen besser, seit Sie in Therapie sind?
Clair: In ganz kleinen Schritten geht es vorwärts. Wenn man mir vor einem Jahr vorgeschlagen hätte, ins Restaurant zu gehen, hätte ich einfach Nein gesagt. Inzwischen würde ich darüber nachdenken und nach Tagesform entscheiden – manchmal geht es, manchmal nicht. Ich sehe, dass ein Prozess stattfindet, ich sehe aber auch, wie anstrengend der ist. Ich begreife, dass ich noch tiefer in die Problematik eindringen muss, um sie aufzuarbeiten, und das macht mir enorm viel Angst.
SPIEGEL: Wie könnten Sie sich von dieser Angst befreien?
Clair: Ich möchte im Hier und Jetzt leben. Die meisten Menschen, die auch mit Schwierigkeiten kämpfen, hadern die ganze Zeit mit ihrer Vergangenheit und haben auch noch Angst vor der Zukunft. Da befinde ich mich auch gerade. Aber ich habe ja auf beides keinen Einfluss. Einfluss habe ich nur im Hier und Jetzt. Das zu erkennen, da wünsche ich mich hin.

"Ich habe geheult wie ein Baby. Erst da war klar, dass sich etwas ändern muss."

Von Charlotte Klein

SPIEGEL WISSEN 4/2015
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