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F-1-Spionageaffäre

Fia wendet Kronzeugenregelung auf Alonso an

Die Urteilsbegründung der Fia in der Formel-1-Spionageaffäre belegt: Sowohl McLaren-Mercedes-Testfahrer de la Rosa als auch Alonso waren über die geheimen Ferrari-Daten informiert. Dennoch geht der Weltmeister straffrei aus.

Freitag, 14.09.2007   18:19 Uhr

Hamburg - "Hi Mike, kennst du die Gewichtsverteilung des roten Autos? Das wäre sehr wichtig für uns, damit wir das im Simulator erproben können." So locker und offen kommunizierte McLaren-Mercedes-Testfahrer Pedro de la Rosa nach den Fia-Unterlagen mit dem einstigen Chefdesigner des Rennstalls, Mike Coughlan. Auch die Boxenstopp-Strategie von Kimi Räikkönen oder das Bremssystem von Ferrari waren Thema der E-Mails, die jetzt bekannt wurden.

So tauschten sich de la Rosa und Fernando Alonso am 25. März über die Gewichtsverteilung im Ferrari aus. Als Alonso die Angaben bezweifelt, betont de la Rosa, dass die Informationen vom Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney stammen: "Er war es auch, der uns gesagt hat, dass Kimi in Australien in Runde 18 einen Boxenstopp einlegt." Die Prophezeiung traf beinahe zu - Räikkönen tankte in der 19. Runde.

In den 14 Seiten der Urteilsbegründung betont der Motorsport-Weltverband deshalb, dass die Silberpfeil-Piloten tief in die Spionageaffäre verwickelt waren: "Die E-Mails zeigen eindeutig, dass sowohl de la Rosa als auch Alonso vertrauliche Informationen über Ferrari von Coughlan erhalten haben; dass beide Fahrer wussten, dass es sich um vertrauliches Material handelte, und dass beide wussten, dass Coughlan das Material von Stepney erhalten hatte." Stepney hatte Coughlan 780 Seiten an internen Dokumenten zugespielt.

Die Fia gab zudem bekannt, dass Alonso "Immunität" erhielt, weil er umfassend ausgesagt hatte. Der Weltmeister darf seine Punkte in der Fahrerwertung ebenso behalten wie Teamkollege Lewis Hamilton, der offenbar nicht über die Spionage beim Gegner Bescheid wusste. Im Freien Training zum morgigen Großen Preis von Belgien (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) fuhren Hamilton und Alonso gestern die Bestzeiten heraus.

Der Weltverband stellte in den Schreiben auch fest, dass man nicht beweisen müsse, ob McLaren die Ferrari-Daten wirklich genutzt hat. Die Indizien gegen die Silberpfeile seien auch so erdrückend gewesen. Beispielsweise seien zwischen dem 11. März und dem 3. Juli dieses Jahres nach einem Bericht der italienischen Polizei 288 SMS und 35 Telefonanrufe zwischen Coughlan und Stepney registriert worden.

McLaren-Teamchef Ron Dennis, der insbesondere in der italienischen Presse hart attackiert wurde, bestritt weiterhin, das Material von Ferrari genutzt zu haben: "Ich akzeptiere nicht, dass wir es verdient haben, so bestraft zu werden, und dass unser Ruf so beschädigt wird. Das World Council hat von Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Pedro de la Rosa Stellungnahmen bekommen, in denen sie kategorisch feststellen, dass keine Ferrari-Informationen von McLaren benutzt wurden. Ich habe nicht die Absicht zurückzutreten."

Bislang hat McLaren-Mercedes noch nicht entschieden, ob das Team Berufung gegen das Urteil der Fia einlegen will. "Wir haben sieben Tage Zeit, um Einspruch einzulegen und ich wäge sorgfältig unsere Position ab, bis wir die Erklärung vollständig analysiert haben", so Dennis. Mercedes Motorsportchef Norbert Haug sagte: "Wir schauen uns das Papier an und sehen dann weiter. Ich will mich auf den Sport konzentrieren."

In einer Erklärung von Mercedes hieß es: "Unser Partner McLaren hat eindeutig klar gemacht, dass in unserem Formel-1-Auto keinerlei fremdes Gedankengut oder Ideen, die fremden Konstruktionszeichnungen entstammen, Verwendung finden. Dies gilt auch für Spekulationen bezüglich Kenntnissen über fremde Rennstrategien, Gewichtsverteilung im Formel 1-Fahrzeug, etc."

Inzwischen wurde bekannt, dass in der Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar für den Rennstall bereits jenes Geld enthalten ist, dass die Silberpfeile für den voraussichtlichen Sieg in der Konstrukteurswertung erhalten hätten - dem Team waren von der Fia jetzt alle Punkte aberkannt worden. Nach Angaben des Branchendienstes "Formula Money" soll es sich dabei um bis zu 68,9 Millionen Dollar handeln.

all/AP/Reuters/sid/dpa

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