Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Felipe Massas Karriere-Rückblick

"Crashgate hat wehgetan"

Mit Felipe Massa verlässt einer der beliebtesten Fahrer die Formel 1. Hier schreibt er über die Siegermentalität der Brasilianer, seinen schweren Unfall und den Betrug, der ihn den WM-Titel gekostet hat.

Getty Images
Freitag, 11.11.2016   10:26 Uhr

Zum Autor

An diesem Wochenende fahre ich ein ganz besonderes Rennen: meinen letzten Grand Prix von Brasilien. Natürlich wird mein eigentlich letztes Formel-1-Rennen zwei Wochen später in Abu Dhabi sein, mein 250. Grand Prix. Aber emotional wird das Sao-Paulo-Wochenende mein eigentlicher Abschied sein - weil mir das so unglaublich viel bedeutet.

Ich erinnere mich an die Zeiten, als ich als Kind als Zuschauer nach Interlagos kam und dort Nelson Piquet, Ayrton Senna und Rubens Barrichello gesehen habe. Und ich weiß noch genau, wie alle Leute auf der Tribüne aufgesprungen sind, wenn ein Brasilianer vorbeigefahren ist. Hier habe ich auch den schönsten Tag meiner gesamten Karriere erlebt, als ich 2006 zum ersten Mal den Brasilien-GP gewonnen habe. In Sao Paulo, in meiner Heimatstadt. Das war eine emotional einzigartige Erfahrung.

Und auch wenn ich hier 2008 das WM-Finale um nur einen Punkt verloren habe, wusste ich an diesem Tag trotzdem, dass ich mein Bestes gegeben hatte. Ich hatte das Rennen gewonnen, es gab nichts, was ich hätte bedauern oder anders machen müssen. Das hat es mir auch leichter gemacht, die knappe Niederlage zu akzeptieren.

Was in jenem Jahr in Singapur passiert ist - Stichwort Crashgate, wo ich durch Betrug wichtige Punkte verloren habe - habe ich erst viel später erfahren. Und es hat wehgetan. Es war vielleicht der härteste Moment meiner Karriere. Meinen schweren Unfall in Ungarn, der dann im folgenden Jahr passiert ist, sehe ich dagegen nicht als einen solchen Moment an. Denn ich kann mich an nichts erinnern, was da in Budapest passiert ist. Trotzdem werde ich natürlich all denen, die mir damals geholfen haben, ewig dankbar sein. Ich habe auch immer noch Kontakt zu meinen Ärzten von damals, treffe sie immer wieder mal, wenn wir in Ungarn sind. Natürlich muss ich auch Gott dafür danken, dass er mich da beschützt hat.

Meine Zeit war wohl einfach noch nicht gekommen.

Wenn ich auf meine Karriere zurückschaue, dann bin ich wirklich stolz auf das Erreichte. Wenn man als Kind von der Formel 1 träumt, dann scheint das unerreichbar zu sein. Aber das Leben war sehr gut zu mir, hat mir viel mehr gegeben, als ich erwarten konnte. Ich hätte mir nie vorstellen können, je für Ferrari und Williams zu fahren. Als ich klein war, habe ich Nelson Piquet und Ayrton Senna als Fahrer in diesem englischen Team gesehen, und es war nur ein Traum, in ihre Fußstapfen treten zu können. Mit Ferrari habe ich viele Rennen gewonnen, ich stand oft auf dem Podium und habe den Kampf um den WM-Titel ganz knapp verloren. Aber ich bin trotzdem ein zufriedener und fröhlicher Mensch.

Vielleicht wäre es für mich einfacher gewesen, in Brasilien voll akzeptiert zu werden, wenn ich diesen einen Titel gewonnen hätte. Aber das ist nichts, worüber ich mir wirklich den Kopf zerbreche. Das brasilianische Publikum war über Jahrzehnte daran gewöhnt, Weltmeister zu haben, von Emerson Fittipaldi über Piquet bis zu Senna. Und die Brasilianer sind nun mal generell auf Sieger fixiert. Das sieht man immer wieder beim Fußball und man konnte es auch kürzlich bei den Olympischen Spielen beobachten.

Diese Einstellung schlägt auch in den Medien immer wieder mal durch. Du musst gewinnen, sonst wirst du sofort Zielscheibe deutlicher Kritik. Aber es ist mir gelungen, mich damit nicht allzu sehr zu beschäftigen. Ich habe immer versucht, das so weit wie möglich zu ignorieren. Weil ich ja weiß, wie diese Dinge in Brasilien laufen. Ich bin aber so oder so stolz, Brasilianer zu sein, die Flagge meines Landes sehr oft hochgehalten zu haben. Ich glaube, dass ich die Menschen in meiner Heimat auch oft stolz machen konnte mit dem, was ich erreicht habe. Emotional fühle ich mich sehr stark mit Brasilien verbunden, und ich wünsche mir nichts mehr als eine bessere Zukunft für mein Land. Das würde mich sehr glücklich machen.

Ich habe in meiner Zeit in der Formel 1 sehr viele Fahrer kommen und gehen sehen, eine Menge Freundschaften aufgebaut und mir auch den Respekt meiner Kollegen und der Teams, für die ich gefahren bin, erarbeitet. Was Sauber für mich getan hat, wo man mir zum Abschied meinen Rennwagen geschenkt hat, wie Ferrari mich verabschiedet hat, wie Williams reagiert hat, als ich entschieden habe aufzuhören - das zeigt mir, wie viel ich den Leuten in diesen Teams bedeutet haben muss. Und es ist auch ein schönes Gefühl, dass manchmal junge Formel-1-Fahrer, die auf dem Weg an die Spitze sind, zu mir gekommen sind und mich um Rat gefragt haben.

Natürlich ist es ein etwas komisches Gefühl, mit 35 Jahren aufzuhören, aber so ist es nun mal im Sport, und ich glaube, ich habe den richtigen Moment gefunden. Ich bin jedenfalls mit meiner Entscheidung absolut im Reinen. Es ist ein Kreis, der sich schließt, aber gleichzeitig auch ein neuer, der sich öffnet. Ich bin jung genug, um noch in anderen interessanten Rennserien zu fahren und auch in der Zukunft aufregende Dinge zu tun. Aber vielleicht brauche ich ein bisschen Zeit, um zu entscheiden, was das sein wird. Ich hatte bis jetzt ein tolles Leben, habe gut verdient und möchte auf jeden Fall in Zukunft auch viel Gutes tun, anderen, nicht so glücklichen Menschen etwas zurückgeben, nachdem es das Schicksal mit mir über so lange Zeit so gut gemeint hat.

insgesamt 6 Beiträge
navysailor 11.11.2016
1. Wow
Wenn er wirklich so ist und denkte, wie er hier wiedergegeben wird, dann gehört ihm mein tiefster Respekt. Sehr demütig und überlegt.
Wenn er wirklich so ist und denkte, wie er hier wiedergegeben wird, dann gehört ihm mein tiefster Respekt. Sehr demütig und überlegt.
herr_jaspers 11.11.2016
2. Massa ist
zweimal betrogen worden - erst im Rennen, dann durch nicht rückgängig gemachte Wertung von Analdo Ferlonso, nachdem der Betrug aufgedeckt wurde.
zweimal betrogen worden - erst im Rennen, dann durch nicht rückgängig gemachte Wertung von Analdo Ferlonso, nachdem der Betrug aufgedeckt wurde.
ekel-alfred 11.11.2016
3. Geld hat ihn in die F1 gebracht
Massa konnte nur mit Hilfe seines reichen Papas in die F1 einsteigen. Das Talent eines Senna oder Schuhmachers hatte er nie. Leider geht ohne Sponsoren für wirklich gute Fahrer nichts, sonst hätten wir noch bessere in der F1.
Massa konnte nur mit Hilfe seines reichen Papas in die F1 einsteigen. Das Talent eines Senna oder Schuhmachers hatte er nie. Leider geht ohne Sponsoren für wirklich gute Fahrer nichts, sonst hätten wir noch bessere in der F1.
Nudolf 11.11.2016
4. Nicht zu vergessen...
... sein soziales Engagement als bekennender Christ. Daraus entspringend auch die ehrliche und berührende Anteilnahme an den Schicksalen seiner Kollegen Bianchi und Schumacher. Einfach ein feiner Mensch in einem gierigen Umfeld.
... sein soziales Engagement als bekennender Christ. Daraus entspringend auch die ehrliche und berührende Anteilnahme an den Schicksalen seiner Kollegen Bianchi und Schumacher. Einfach ein feiner Mensch in einem gierigen Umfeld.
colinchapman 11.11.2016
5. kann man Massa nicht vorwerfen
Selbst die Karriere eines Ayrton Senna kam Ende 1981 ins Stocken, als die väterlichen Sponsorgelder in der Formel Ford versiegt waren, für einen Winter war die Karriere von Senna vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Es [...]
Zitat von ekel-alfredMassa konnte nur mit Hilfe seines reichen Papas in die F1 einsteigen. Das Talent eines Senna oder Schuhmachers hatte er nie. Leider geht ohne Sponsoren für wirklich gute Fahrer nichts, sonst hätten wir noch bessere in der F1.
Selbst die Karriere eines Ayrton Senna kam Ende 1981 ins Stocken, als die väterlichen Sponsorgelder in der Formel Ford versiegt waren, für einen Winter war die Karriere von Senna vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Es braucht halt Geld und Talent, Lance Stroll könnte ein gutes Beispiel hierfür werden.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Formel-1-Datenbank

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP