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Regenrennen in São Paulo

Safety (Car) first

Dreher, Beinahekollisionen und Crashs: Das Regenchaos beim Formel-1-Rennen in São Paulo brachte die Fahrer an ihre Grenzen. Die Rennleitung ging daher lieber auf Nummer sicher. Nicht allen gefällt das.

REUTERS

Safety Car in São Paulo

Aus São Paulo berichtet Karin Sturm
Montag, 14.11.2016   11:00 Uhr

"November Rain" hatten Guns N' Roses bei ihrem Konzert am Samstagabend in São Paulo noch gespielt - am Sonntag waren sie dann Gäste von Mercedes in Interlagos. Und da war bald klar, dass der Novemberregen, der schon seit Stunden über der Strecke niederging, Probleme für das Rennen bringen würde. Nicht nur für die Fahrer und die in der Nässe auf den Tribünen ausharrenden Fans. Sondern auch für die Rennleitung und ihren Chef Charlie Whiting und für die Sportkommissare.

Nach den regenbedingten Safety-Car-Starts in Monaco und Silverstone hatte es viel Kritik am "übervorsichtigen Handeln" der FIA-Verantwortlichen gegeben - und tatsächlich wartete Rennleiter Whiting diesmal sehr lange mit seiner Entscheidung. Noch eine Stunde vor dem Rennen sagte er, "wenn der Regen nicht schlimmer wird, dann gibt es einen normalen Start."

Aber nachdem dann Romain Grosjean schon auf der Aufwärmrunde von der Strecke flog, gab es eben doch wieder einen Start hinter dem Safety-Car und es dauerte sieben Runden bis zu endgültigen Freigabe. Doch die Bedingungen waren immer noch sehr schwierig: Sebastian Vettel leistete sich einen spektakulären Dreher, konnte aber weiterfahren. Ein Abflug von Marcus Ericsson im Sauber brachte das Safety-Car erneut auf die Strecke, nachdem das Auto des Schweden auch noch die Einfahrt in die Boxengasse blockierte.

"Ich habe überhaupt nichts gesehen"

Danach hatte die Formel 1 wieder einmal viel Glück: Beim Neustart drehte sich Kimi Räikkönen auf der Geraden vor dem Anbremsen der ersten Kurve und knallte in die Mauer. Auch Max Verstappen hinter ihm hätte beinahe die Kontrolle verloren, konnte den Red Bull gerade noch abfangen, Nico Hülkenberg und EstebanOcan schafften es mit Blitzreaktionen gerade noch, dem kreiselnden Ferrari auszuweichen, dann war auch schon die Rote Flagge draußen. Für Vettel, der am Ende noch Fünfter wurde, die einzig richtige Entscheidung: "Es geht einfach nicht, wir müssen abbrechen", hatte er sofort nach der Wiederfreigabe gefordert. "Ich wäre beinahe in Kimi gecrasht, mitten auf der Geraden, ich habe überhaupt nichts gesehen."

So ein Unfall bei Tempo 300 könnte auch in der heutigen, im Vergleich zu früher deutlich sichereren Formel 1 fatale Folgen haben. Der Crash von Jules Bianchi in Suzuka 2014 schwebt über allen derzeitigen FIA-Entscheidungen in Sachen Sicherheit - spätestens seitdem die Familie Bianchi Klage gegen die FIA eingereicht hat, weil sie dem Weltverband schwere Versäumnisse in Sicherheitsfragen in Suzuka vorwirft und ihr damit die Schuld am Tod ihres Sohnes gibt.

Seitdem sind Whiting und sein Team sehr bemüht, unnötige Risiken auszuschließen. So versuchte man in Interlagos bei ständig leicht wechselnden Bedingungen eine Lösung zu finden: Nach 35 Minuten Pause gab es einen neuen Versuch, nach mehreren Runden hinter dem Safety-Car forderte Lewis Hamilton über Funk, "Charlie, lass uns fahren." Doch die Rennleitung entschied anders, brach wieder ab - Hamilton protestierte: "So nass ist es gar nicht, das ist Blödsinn."

Es dauerte aber noch 40 Minuten, bis Hamilton und seine Verfolger zum dritten und letzten Mal starten durften. Der Brite klang nach seinem Sieg dann auch deutlich versöhnter: "Es ist nicht einfach, solche Dinge zu entscheiden. Das eine Mal war ich vielleicht anderer Meinung, aber grundsätzlich haben die Verantwortlichen heute auch vieles richtig gemacht."

Die Regenreifen funktionieren nicht

Die Entscheidung der Rennleitung, diesen dritten Versuch trotz unverändert schlechter Wettervorhersagen zu wagen, war ein gewisses Risiko - aber so brachte man immerhin noch ein reguläres Rennen über die Bühne, auch wenn die Hälfte der Distanz hinter dem Safety Car absolviert worden war. Dass man es einging, lag vielleicht auch daran, dass mit Mika Salo ein Fahrervertreter unter den Sportkomissaren saß, der in solchen Fällen eher altmodisch ist: "Ich will Rennen für Männer", sagte der Finne am Sonntag in Interlagos.

Dass Regen aber schnell gefährlich werden kann, liegt vor allem auch am Material, vor allem den Reifen. "Die heutigen Reifen verhindern kein Aquaplaning mehr", sagte Nico Rosberg nach dem Rennen. Die Regenreifen von Pirelli, die sogenannten full wets, seien "so schlecht, dass man damit unter solchen Bedingungen kaum fahren kann", wie Nico Hülkenbeg während des Rennens feststellte.

Schon nach den Safety-Car-Starts in Monaco und Silverstone hatten die Fahrer versucht, den Fans zu erklären, warum die Autos auch bei von außen gar nicht so schlimm aussehenden Bedingungen oft nicht mehr zu kontrollieren seien. Selbst langsamer fahren hilft nicht, denn je langsamer die Autos unterwegs sind, desto mehr fallen die Reifentemperaturen ab - und damit wird die Haftung immer schlechter. Für 2017 ist laut Rosberg allerdings Besserung in Sicht: "Wir arbeiten mit Pirelli daran. Die neue Generation Regenreifen soll deutlich besser werden."

insgesamt 19 Beiträge
vhn 14.11.2016
1. Grenzwertig...
... war es sicher. Aber auch spektakulär. V.a. die geniale Fahrweise von Verstappen. Gott sei Dank ist kein Unfall mit Verletzungen passiert. Wäre auch schade gewesen, wenn dieses verrückte Rennen die WM entschieden hätte.
... war es sicher. Aber auch spektakulär. V.a. die geniale Fahrweise von Verstappen. Gott sei Dank ist kein Unfall mit Verletzungen passiert. Wäre auch schade gewesen, wenn dieses verrückte Rennen die WM entschieden hätte.
haifasuper 14.11.2016
2.
Entnervt hab ich gestern nach Runde 25 ausgeschaltet . Es ist einfach traurig zu sehen, was mit der Formel1 passiert. Sicherheit schön und gut, aber dieses aufgesetzte Image von den Besten Fahrern der Welt ist einfach nur ein [...]
Entnervt hab ich gestern nach Runde 25 ausgeschaltet . Es ist einfach traurig zu sehen, was mit der Formel1 passiert. Sicherheit schön und gut, aber dieses aufgesetzte Image von den Besten Fahrern der Welt ist einfach nur ein Treppenwitz. Wem Rallye ein Begriff ist, weiß das.
Duder234 14.11.2016
3.
Je mehr die Gefahr in der Formel 1 eingegrenzt wird, desto langweiliger wird es. Gefahr für Leib und Leben gehört nunmal dazu. Dafür kassieren die Fahrer auch Gefahrenzuschläge in Millionenhöhe. Sonst kann man die Rennen [...]
Je mehr die Gefahr in der Formel 1 eingegrenzt wird, desto langweiliger wird es. Gefahr für Leib und Leben gehört nunmal dazu. Dafür kassieren die Fahrer auch Gefahrenzuschläge in Millionenhöhe. Sonst kann man die Rennen auch gleich an der Konsole austragen lassen.
Boesor 14.11.2016
4.
Vettel erzählt viel am Funk, die anderen genauso. Man bekommt es nur nicht immer zugeschaltet. Aber in Brasilien hat sich jeder Fahrer, der "von der Strecke gedrückt wurde" direkt beschwert und erkundigt ob das [...]
Vettel erzählt viel am Funk, die anderen genauso. Man bekommt es nur nicht immer zugeschaltet. Aber in Brasilien hat sich jeder Fahrer, der "von der Strecke gedrückt wurde" direkt beschwert und erkundigt ob das Team was machen kann. Das ist ganz normal. Und Hamilton? Der will halt noch WM werden, natürlich will der auch beim Regen-Roulette fahren, schlechter ganz für ihn ja nicht werden. Lt. Toto Wolff wollten aber wohl 80% der Fahrer nicht fahren als das Rennen unterbrochen wurde. Und da die dort ihren Allerwertesten riskieren werden die wohl auch ihre Meinung kund tun dürfen.
peinbe 14.11.2016
5.
Der Unterschied ist jedoch, dass Vettel immer herum jammert und allen anderen die Schuld für dies und jenes attestiert. In allen möglichen Foren wird er (zu recht) nur noch als `Cry-Baby` betitelt. Offensichtlich ist er [...]
Zitat von BoesorVettel erzählt viel am Funk, die anderen genauso. Man bekommt es nur nicht immer zugeschaltet. Aber in Brasilien hat sich jeder Fahrer, der "von der Strecke gedrückt wurde" direkt beschwert und erkundigt ob das Team was machen kann. Das ist ganz normal. Und Hamilton? Der will halt noch WM werden, natürlich will der auch beim Regen-Roulette fahren, schlechter ganz für ihn ja nicht werden. Lt. Toto Wolff wollten aber wohl 80% der Fahrer nicht fahren als das Rennen unterbrochen wurde. Und da die dort ihren Allerwertesten riskieren werden die wohl auch ihre Meinung kund tun dürfen.
Der Unterschied ist jedoch, dass Vettel immer herum jammert und allen anderen die Schuld für dies und jenes attestiert. In allen möglichen Foren wird er (zu recht) nur noch als `Cry-Baby` betitelt. Offensichtlich ist er frustriert weil er mit seinem `tollen` Ferrari nicht (mehr) an die Spitze kommt. Und klar, Hamilton will WM werden. Wer will ihm das verdenken?.. Wenn der liebe Nico nicht aufpasst, wird er es am Ende noch. Zudem ist ja bei der ganzen Veranstaltung ein Haufen Geld im Spiel (Sponsoren, Eintrittsgelder, usw.) Da versucht man natürlich ein Rennen immer laufen zu lassen. Und die, die dabei ihren Allerwertesten riskieren sind genauso von den Einnahmen abhängig. Dass man lieber in einer trockenen Lounge abhängt als bei Schmudelwetter im offenen Cockpit im Kreis rum zu fahren, ist ja logisch. Man kann es verwerflich finden oder was auch immer. Aber die Fahrer sind am Ende nun mal die `Hampelmänner`, die für die Show sorgen müssen, damit der Rubel rollt - das war schon bei den Römern so. Für Gehälter von ein paar Millionen im Jahr kann man wohl auch erwarten dass mal das eine oder andere Rennen in widrigen Bedingungen absolviert wird. Dass jeglicher Motorsport (auch mit allen möglichen Verbesserungen) nicht ohne Risiko ist, ist ja auch keine neue Erkenntnis. Keiner wird in ein F1-Cockpit gezwungen. Übrigens sind, meines Wissens nach, die schwersten Unfälle bisher immer auf trockener Strecke passiert.

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