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Großer Preis von Baku

Hamiltons Funkstille

Lewis Hamilton war wütend: Beim Großen Preis von Baku spielte die Technik in seinem Mercedes verrückt. Doch die Mechaniker durften ihm nicht helfen.

DPA

Mercedes-Fahrer Hamilton

Aus Baku berichtet Karin Sturm
Sonntag, 19.06.2016   20:37 Uhr

Weltmeister Lewis Hamilton flippte beim Großen Preis von Europa am Boxenfunk aus.

Verzweifelt versuchte er, von seinem Renningenieur Informationen darüber zu bekommen, was die "Warnhinweise, die ich alle fünf Sekunden auf meinem verdammten Armaturenbrett erhalte," zu bedeuten hätten. Nur um immer wieder hören zu müssen, dass man ihm leider nichts sagen dürfe.

Denn seit dieser Saison gibt es eine Änderung im Reglement, die den Technikern nahezu verbietet, den Fahrern während des Rennens via Funk bei der Einstellung der Technik zu helfen.

Hamilton machte das rasend: "Es blinkt immer und macht nicht das, was es soll", funkte der 31-Jährige an die Box. Aber langsam blicke er durch, er wolle sich jetzt selbst helfen. "Nein, mach das nicht", hielt sein Ingenieur dagegen.

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Nicht wenige Experten sind inzwischen zu der Erkenntnis kommen, dass diese Einschränkungen zu weit gehen.

Martin Brundle, ehemaliger Formel-1-Pilot und heutige Kommentator von Sky England, gibt zu bedenken: "Das Funkverbot wurde eigentlich eingeführt, um zu verhindern, dass die Fahrer zu viele Anweisungen bekommen, die das echte Fahren betreffen - ob taktischer Art wie über Strategien der Gegner oder technische wie Bremspunkte, schnellere Linienwahl", so der Brite.

Aber das, worum es bei den heutigen hochkomplexen, elektronisch gesteuerten Antriebseinheiten und den entsprechenden Reglern und Anzeigen am Lenkrad ginge, das habe mit Rennfahren nicht mehr viel zu tun, das müsse man ja eher IT-Experte als Rennfahrer sein, um damit richtig umgehen zu können. Außerdem, so glaubt Brundle, würde den TV-Zuschauern dadurch, dass die Ingenieure auch bei solchen Problemen nichts mehr sagen dürften, wichtige Informationen vorenthalten, "die manchmal zur Einschätzung des Renngeschehens von außen notwendig wären."

Villeneuve: "Das ist doch albern"

Auch Jacques Villeneuve, der Weltmeister von 1997, findet das Ganze nur noch lächerlich: "Wenn man Dinge umschreiben muss, die man nicht sagen darf - das ist doch albern. Dann müsste man den Funk komplett abschaffen." Was er aber angesichts der heutigen Technologie auch für kaum praktikabel hält. Weil kein Fahrer mehr verstehen könne, was da eigentlich abgehe. Fans, die meinen, früher seien die Piloten ja auch ohne Funkhilfen ausgekommen, gibt er zu bedenken: "Da gab es aber auch diesen ganzen Hightech -Kram überhaupt nicht. Was übrigens viel besser war!"

Tatsache ist: Natürlich gibt es Unterschiede, wie die Fahrer mit diesem Aufgabengebiet umgehen. Von den hundert Details, die man sich merken müsste, und die wahrscheinlich niemand wirklich komplett behalten und dann auch noch während des Fahrens umsetzen kann, merkt sich Hamilton die zehn wichtigsten.

Wenn er dann - wie in Baku - damit nicht weiterkommt, ist er erst einmal ziemlich verloren. Am Ende reichte es trotz der Probleme noch für Platz fünf. Sieger Rosberg dagegen versucht, sich im Rennen wirklich jedes Detail zu merken. Worauf er dann in Baku, als das Problem auch bei ihm auftrat, den vorsichtigen Hinweis des Ingenieurs, es könne "am Modus" liegen, verstand und sofort richtig reagierte, während Hamilton mit der gleichen Information deutlich hörbar erst einmal nichts anfangen konnte. Gemeint war der sogenannte Engine Mode, also der Modus, auf den der Motor eingestellt ist.

Allerdings hilft auch das komplette Wissen manchmal nicht wirklich weiter: Der Startunfall zwischen Rosberg und Hamilton in Barcelona vor ein paar Wochen war ja in erster Linie darauf zurückzuführen, dass sich Rosbergs Mercedes in einem falschen Motormodus befand und deshalb nach der ersten Kurve plötzlich langsamer wurde.

Ein Schalter stand in einer falschen Position, obwohl der Deutsche eigentlich natürlich wusste, wie er hätte stehen sollen. Aber er hatte in der Startphase wohl einfach vergessen, ihn umzustellen. Und sein Renningenieur, der an Hand der Daten das Desaster kommen sah, durfte ihn nicht warnen.

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