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Sport

Bottas-Erfolg in Russland

Der falsche Sieger?

Valtteri Bottas hat Mercedes durch seinen Formel-1-Erfolg in Russland zurück auf Platz eins der Team-Wertung gebracht. Mit Blick auf die Fahrer-WM könnte der Rennstall aber nicht ganz zufrieden sein.

REUTERS
Aus Sotschi berichtet Karin Sturm
Sonntag, 30.04.2017   21:28 Uhr

Irgendwie hatte Kimi Räikkönen da etwas nicht ganz mitbekommen: "Wieso liegen wir hinter Bottas?" fragte er nach seinem Boxenstopp seinen Renningenieur über Funk fast entrüstet. "Der hat doch von Anfang an geführt", entgegnete der - was dem Ferrari-Piloten ein gedehntes "Ach sooo" entlockte.

Offenbar hatte Räikkönen nicht realisiert, dass es sein finnischer Landsmann Valtteri Bottas gewesen war, der schon am Start an beiden Ferrari-Piloten vorbeigezogen war und die Führung übernommen hatte. Aber es war nicht die "normale" Nummer eins bei Mercedes, Lewis Hamilton, den wohl auch Räikkönen vorne erwartet hatte. Und am Ende war es dann auch Bottas, der in Russland souverän vor Sebastian Vettel gewann und in seinem 81. Grand Prix den ersten Sieg feierte.

Bei Mercedes war man zunächst natürlich hocherfreut, nach der Qualifikationsniederlage gegen Ferrari doch noch gewonnen zu haben. Es war ein Erfolg, an den zumindest Niki Lauda vor dem Start nicht mehr geglaubt hatte: "Ich hätte heute all mein Geld auf Ferrari gesetzt", sagte der österreichische Mercedes-F1-Aufsichtsratschef, "aber Valtteri ist heute wirklich unglaublich stark gefahren, er ist einfach eine coole Socke."

Bottas' Leistung war tatsächlich beeindruckend: Er zeigte einen imposanten Start und nutzte den fast einen Kilometer langen Weg bis zur ersten Anbremszone, um an beiden Ferrari vorbeizugehen. Es folgte eine starke erste Rennphase mit den Ultrasoft-Reifen bis zum Boxenstopp. Danach hielt der Mercedes-Pilot trotz eines Verbremsers dem massiven Druck von Vettel stand. Die Gegebenheiten der Strecke, die ein dichtes Heranfahren an den Konkurrenten sehr schwierig machen, nutzte er dabei optimal.

Hamilton bleibt entspannt

Alles richtig gemacht also - an einem Wochenende, an dem beim favorisierten Teamkollegen Hamilton kaum etwas funktionierte. Dieser gratulierte Bottas zum Sieg und meinte, er müsse "den Speed wieder finden". Woran es denn nun genau gelegen habe, darauf wollte er sich nicht festlegen, "da müssen wir erst einmal alle Daten noch genauer analysieren, auch wenn ich schon die ein oder andere Idee habe."

Möglicherweise kamen mehrere Faktoren zusammen: Hamilton hatte von Anfang an Probleme, die Reifen auf eine angebrachte Temperatur zu bringen und dort zu halten. Außerdem machte er kryptische Andeutungen darüber, dass er in einigen Bereichen nicht mit den gleichen Abstimmungsparametern hätte fahren können wie sein Teamkollege. Hinzu kamen Überhitzungsprobleme der Antriebseinheit und Probleme mit einem immer wieder aussetzenden Zylinder - "sodass ich eigentlich nie richtig ins Rennen eingreifen konnte".

Der Brite schien seinen vierten Platz aber locker wegzustecken und eher von einem einmaligen Ausrutscher als von einem grundsätzlichen Problem auszugehen. Immerhin hatte er Bottas in den ersten drei Rennen über die Distanz stets im Griff. Teamchef Toto Wolff denkt wohl nicht viel anders. Auf die Frage, ob er weiter mit einem wechselnden teaminternen Sieger und so mit einer ähnlichen Situation wie in den vergangenen Jahren zwischen Hamilton und Rosberg rechnen würde, reagierte der Österreicher gelassen: Erstens habe Hamilton diesmal ungewöhnliche Probleme gehabt und zweitens sei das Verhältnis zwischen den beiden ja doch ganz anders. Er glaube nicht, dass es da Ärger geben werde.

Vettel baut seinen Vorsprung aus

Ganz anders? Weil man eben doch weiß, dass Bottas zwar hin und wieder ein Highlight setzen, beim WM-Titel letztlich aber doch nicht eingreifen kann? Der Finne selbst spricht von "einem Vierkampf bis mindestens Mitte der Saison"- und bezieht dabei auch noch Räikkönen mit ein. Aus diesem Blickwinkel könnte Bottas für Mercedes in Russland der falsche Sieger gewesen sein. Zwar hat das Team in der Konstrukteurs-Wertung mit einem Punkt Vorsprung auf Ferrari wieder die Führung übernommen. Aber in der Fahrer-WM hat Sebastian Vettel seinen Vorsprung auf Hamilton mit seinem zweiten Platz auf 13 Punkte ausgebaut. Der Abstand zwischen Hamilton und Bottas (Platz drei) beträgt nur noch zehn Punkte. Und je geringer dieser ist, desto schwerer wird es für Mercedes, schon früh eindeutig auf Hamilton zu setzen, notfalls eben auch per Stallorder.

Nach den ersten drei Rennen, die Hamilton intern klar dominierte, war das angesichts der harten Ferrari-Konkurrenz durchaus schon ein Thema - zumindest als Gedankenspiel. Denn bei den dortigen Verantwortlichen gibt es eine Erinnerung, die zumindest etwas Sorge auslösen könnte: 2007 nahmen sich bei McLaren-Mercedes Hamilton und Fernando Alonso, die damals tatsächlich fast gleichwertig waren, immer wieder gegenseitig die Punkte weg - und am Ende holte sich Ferrari-Pilot Räikkönen den WM-Titel.

Vettel, der am ehesten von einer solchen Konstellation profitieren könnte, wollte sich allerdings noch nicht darauf festlegen, dass aus seiner Sicht lieber Bottas als Hamilton vor ihm bleibt. "Am besten keiner von beiden", sagte der Deutsche, bevor er den Sieger noch lobte: "Er ist heute aber auch wirklich sehr stark gefahren und hat verdient gewonnen." Aber so ganz unterschwellig hätte man da vielleicht auch eine kleine Betonung des Wörtchens "heute" heraushören können.

insgesamt 8 Beiträge
carinesophie 01.05.2017
1. Hamiltion: Gedopte 10 Punkte vor Bottas
Eigtl. wäre der Abstand wohl nur 6 Punkte, wenn die sportlich unfaire Stallorder von Mercedes im vorletzten Rennen nicht Bottas zum Vorbeilassen von Hamilton gezwungen hätte. Denn dadurch hatte Hamilton am Ende 2 Punkte mehr [...]
Eigtl. wäre der Abstand wohl nur 6 Punkte, wenn die sportlich unfaire Stallorder von Mercedes im vorletzten Rennen nicht Bottas zum Vorbeilassen von Hamilton gezwungen hätte. Denn dadurch hatte Hamilton am Ende 2 Punkte mehr (oder 3?), und Bottas ebensoviele Punkte weniger, also 2x2 Punkte hat Hamilton unsportlicherweise zuviel gegenüber Bottas; es wäre schlimm, wenn Bottas so die WM verliert, er ist ja schließlich der Nachfolger von Rosberg.
jjcamera 01.05.2017
2. Endabrechnung
Jede Wette, dass Bottas in der Endabrechnung bei Mercedes vor Hamilton liegen wird. Er ist der bessere Fahrer. Allerdings wird es für den Gesamtsieg nicht reichen. Den holt Ferrari.
Jede Wette, dass Bottas in der Endabrechnung bei Mercedes vor Hamilton liegen wird. Er ist der bessere Fahrer. Allerdings wird es für den Gesamtsieg nicht reichen. Den holt Ferrari.
joergb. 01.05.2017
3. Souverän siegen sieht anders aus!
Bei einer Zieldurchfahrt nur noch 1 sec Vorsprung zu haben und diese auch noch durch einen kleien Startegie-Lapsus bei Ferrari und durch die Blockade von Massa zu erringen, dass nenne ich nicht gerade soverän! Vettel konnte sogar [...]
Bei einer Zieldurchfahrt nur noch 1 sec Vorsprung zu haben und diese auch noch durch einen kleien Startegie-Lapsus bei Ferrari und durch die Blockade von Massa zu erringen, dass nenne ich nicht gerade soverän! Vettel konnte sogar auf uralten Ultrasoft-Reifen die gleichen Zeiten fahren, wie Bottas mit neuen Supersoft-Reifen. Wenn also Vettel nur 4 oder 5 Runden vorher auf Supersoft gewechselt hätte, dann wäre Vettel bereits in der 47 oder 48 auf Bottas aufgelaufen und hätte mit seinen Traktionsvorteil auf Supersoft schnell in ein Überholvorgang umsetzen können. Der Ferrari war auf Supersoft mehr als eine halbe Sekunde schneller, als der MGP. Tja, dass war der klene Strategie-Lapsus, aber ich möchte hier nicht unerwähnt lassen, dass Bottas schon ein starkes Rennen gefahren ist, zumal Sotschi auch noch eine ausgesprochene MGP-Strecke ist. Dadurch wird es jetzt bei MGP ein weiteres Nachdenken geben, trotz dieses glücklichen Sieges.
wasistlosnix 01.05.2017
4. Glück gehabt
das 2 Ferraris dazwischen lagen und damit eine Stallorder nichts geändert hätte.
das 2 Ferraris dazwischen lagen und damit eine Stallorder nichts geändert hätte.
hr.schnackermüller 01.05.2017
5. Scheinbar.....
.....wird Ferrari konkurrenzfähig. Was auch Nikki Lauda unumwunden zugibt. Aber Hamilton scheint nach Rosbergs Abgang wohl sein Feindbild abhanden gekommen zu sein. Und Bottas scheint in bester finnischer Tradtion nur mit einem [...]
.....wird Ferrari konkurrenzfähig. Was auch Nikki Lauda unumwunden zugibt. Aber Hamilton scheint nach Rosbergs Abgang wohl sein Feindbild abhanden gekommen zu sein. Und Bottas scheint in bester finnischer Tradtion nur mit einem Eispickel anzukratzen zu sein. Da muss Hamilton im Bottas-Raikkönen Sandwich aufpassen, dass ihm am Start nicht die Reifen zu sehr abkühlen. Herrlich!

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