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Sport

Uefa-Kongress

Alte Seilschaften, neuer Präsident

Die Wahl von Aleksander Ceferin zum neuen Uefa-Präsidenten gilt als sicher. Trotz der Skandale hat sich im Machtzentrum des europäischen Fußballs wenig geändert - und der DFB spielt eine zweifelhafte Rolle.

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Präsidentschaftskandidat Ceferin (Mitte)

Von
Mittwoch, 14.09.2016   09:06 Uhr

Der Umwälzungsprozess im Weltfußball hat bislang Dutzende Top-Funktionäre aus den Ämtern gespült - Europa blieb davon bisher weitgehend verschont. Im Vorfeld des 12. Außerordentlichen Uefa-Kongresses war daher auch bestens zu beobachten, wie wenig sich in der Europäischen Fußball-Union geändert hat.

Am heutigen Mittwoch wird nun also im Grand Resort Lagonissi Hotel nahe der griechischen Hauptstadt Athen der achte Präsident in der Geschichte des Verbands gewählt. Die Frage lautet längst nicht mehr, wer Präsident wird, sondern lediglich, wie hoch der Slowene Aleksander Ceferin den Niederländer Michael van Praag besiegt. Doch nur 40:15 oder gar mit knapp 50 Stimmen der Uefa-Mitgliedsländer?

Der ungleiche Kampf zwischen dem 48-jährigen Ceferin und van Praag, 68, ist allerdings keine Auseinandersetzung zwischen Alt und Jung, wie er von manchen Lobbyisten aus dem Uefa-Business gemacht wird. Wobei van Praag ohnehin nicht für das alte System steht, sondern viel eher für Erneuerung und Transparenz. Ceferin wiederum vertritt als kometenartiger Aufsteiger der Saison die alten, nach wie vor dominierenden Seilschaften.

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Aleksander Ceferin

Nun darf auch noch Michel Platini in Griechenland vorbeischauen, der ehemalige Präsident, der wegen einer korruptionsverdächtigen Millionenzahlung vier Jahre gesperrt ist. Die rechtsprechende Kammer der Fifa-Ethikkommission unter dem deutschen Richter Hans-Joachim Eckert hat ihm einen Auftritt in Lagonissi angeblich aus "humanitären Gründen" erlaubt.

Vielleicht spricht Platini vor dem Wahlkongress gar keine Abschiedsworte, sondern gibt ein Versprechen ab. Das Versprechen, dass er nach seiner Sperre - die nicht wirklich eine ist - auf die große Bühne zurückkehrt. Sein designierter Nachfolger Ceferin jedenfalls wird exakt von jener Fraktion gemacht und protegiert, die schon Platini, den ehemaligen Weltfußballer, 2007 auf dem Uefa-Kongress in Düsseldorf, ins Amt bugsierte.

Russische Funktionäre entscheiden darüber, sie haben mehr als ein Dutzend osteuropäischer Verbände im Schlepptau. Von den ganz großen Verbänden stimmen auch die Franzosen, Portugiesen und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) für den Rechtsanwalt Ceferin, der weder ein überzeugendes Programm vorzuweisen hat, noch eine beeindruckende Vita als Fußballfunktionär neuen Typs.

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Michael van Praag

Ceferin steht für das alte System, das belegten die vergangenen Wochen mit den vielen Geschichten über Wahlabsprachen und Hinterzimmer-Deals, vorzugsweise eingefädelt von Russlands Sportminister, Fifa-Councilmitglied und Fußballverbandschef Witali Mutko. Ceferin streitet alles ab und tut so, als sei er Opfer der Verschwörung westlicher Medien. Der gesamte Wahlkampf lässt sich im Grunde auf eine Aussage von Mutko reduzieren. Man wolle Ceferins Gegenspieler Michael van Praag verhindern, weil der holländische Verbandschef mit seinem Eintreten für Transparenz und einem neuen Geschäftsklima einen Keil in die Fußballfamilie getrieben habe.

Mutko. Platini. Ceferin. Und Fifa-Präsident Gianni Infantino mischt auch kräftig mit: Dessen frisch verpflichteter Berater Kjetil Siem, ein Norweger, hat für Ceferin aktiv Wahlkampf betrieben. Und der DFB agiert wieder einmal auf der Seite jener, die das alte System vertreten und verteidigen. Alles wie gehabt also in der Uefa. Wenn der neue DFB-Präsident Reinhard Grindel nun in Griechenland Äußerungen von sich gibt, die als Kritik am Auftritt von Platini interpretiert werden, ist das wenig ernst zu nehmen. Es entscheiden Taten, nicht Worte.

Der DFB und Grindel hätten Zeichen für eine Erneuerung setzen können. Sie haben es nicht getan, so wie es ihre Vorgänger nicht getan haben. Der suspendierte Wolfgang Niersbach - ehemals DFB-Präsident sowie Vorstand in der Uefa und im Weltverband Fifa - ist stets auf dem Platini-Zug mitgefahren. Platini hatte 2016 Fifa-Präsident werden wollen, für Niersbach schien der Weg auf den Uefa-Thron geebnet. Es kam etwas anders.

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DFB-Präsident Reinhard Grindel

Die Novizen Grindel und Friedrich Curtius, von den Sommermärchen-Enthüllungen des SPIEGEL in die Positionen als Präsident und Generalsekretär des DFB gespült, werden seit Monaten auf internationalem Parkett belächelt. Naiv seien sie, sagen Uefa-Delegierte. Zu offensichtlich haben sie ihr Hauptanliegen vertreten, die Bewerbung für die Europameisterschaft 2024. Sie waren deshalb eine leichte Beute für die mit allen Wassern gewaschenen Vollprofis um Witali Mutko.

Da können die Deutschen hundertmal beteuern, die Entscheidung für den Kandidaten Ceferin sei aus sportfachlichen Erwägungen getroffen worden. Dem Ceferin-Herausforderer van Praag hat Grindel allerdings auch persönlich gesagt, dass die EM-Bewerbung höchste Priorität habe. Dabei erhofft man sich eben auch die Unterstützung der Russen. Warum eigentlich, wo Deutschland bislang allein auf weiter Flur ist und nicht einmal einen Gegenkandidaten für die EM 2024 hat?

Ausgerechnet die Russen, die mit ihrem von Mutko mit initiierten Staatsdopingsystem die Sportwelt in Atem halten, die zudem verdächtigt werden, die WM 2018 gekauft zu haben, weshalb die Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt. Diese Konstellation bleibt brisant. Muss der DFB doch demnächst im politischen Berlin die üblichen Staatsbürgschaften und Unterstützungspakete aus Steuermitteln akquirieren.

Beim Uefa-Kongress sollte es eigentlich "um die Programme der Kandidaten gehen und um deren Reputation", hat van Praag gesagt. Stattdessen entscheiden alte und frisch geknüpfte neue Seilschaften. Die Dominanz der Russen-Fraktion um Witali Mutko hält der Holländer für ein "katastrophales Zeichen". Van Praag sagt: "Das ist schlimm. Es sollte nicht so sein, dass eine Regierung bei Wahlen in Sportverbänden so großen Einfluss hat. Was die Uefa braucht, ist die totale Transparenz, nicht nur in finanziellen Dingen." Die Transparenzfrage aber wurde, in guter alter Uefa-Tradition, auf unbestimmte Zeit verschoben.

insgesamt 3 Beiträge
jujo 14.09.2016
1. ...
Es ist beschämend und langsam ermüdend. Die Führungsköpfe werden ausgetauscht, die Nachrücker gehören der gleichen Nomenklatura an, egal ob UEEFA, FIFA oder IOC. Die Kontinuität der Korruption bleibt erhalten.
Es ist beschämend und langsam ermüdend. Die Führungsköpfe werden ausgetauscht, die Nachrücker gehören der gleichen Nomenklatura an, egal ob UEEFA, FIFA oder IOC. Die Kontinuität der Korruption bleibt erhalten.
zeroslammer 14.09.2016
2. Das schönste ist doch
das unser DFB Präsident, der bei den fragwürdigen Entscheidungen mitmischt, bis vor kurzem Bundestagsabgeordneter war. Das hält er so gern zurück. Natürlich CDU. Nebenbei bemerkt, die Partei, deren Mitgliedern soviel [...]
das unser DFB Präsident, der bei den fragwürdigen Entscheidungen mitmischt, bis vor kurzem Bundestagsabgeordneter war. Das hält er so gern zurück. Natürlich CDU. Nebenbei bemerkt, die Partei, deren Mitgliedern soviel kriminelle Energie nachgewiesen werden kann, wie keiner zweiten. Der reinste Selbstbedienungsladen. Menschen mit so einem Charakter an die Spitze des DFB zu setzen...Macht korrumpiert.
betonklotz 14.09.2016
3. Ja, was soll man denn auch anderes erwarten?
Moderner Profisport ist eine kommerzielle Veranstaltung, und bekanntermaßen vertragen sich Kommerz und hehre Ideale nicht miteinander. Und da nun einmal die meisten sich diese Veranstaltungen trotzdem zu Gemüte führen, wird [...]
Moderner Profisport ist eine kommerzielle Veranstaltung, und bekanntermaßen vertragen sich Kommerz und hehre Ideale nicht miteinander. Und da nun einmal die meisten sich diese Veranstaltungen trotzdem zu Gemüte führen, wird sich da auch nichts ändern. Und @zeroslammer ich weiss nicht, ob sie mit Ihrer Einschätzung bezüglich der kriminellen Energie richtig liegen. Sind die anderen, insbesondere im Verhältnis zu ihrer Mitgliederzahl besser?

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