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Bayer Leverkusen

Rudi will runterkommen

Im Rheinderby nur Remis, auf Platz neun in die Winterpause: Bayer Leverkusen wird den Ansprüchen nicht gerecht. Klub-Boss Rudi Völler will an Trainer Roger Schmidt festhalten - und sehnt sich nach besinnlichen Tagen.

Getty Images

Rudi Völler

Von
Donnerstag, 22.12.2016   10:52 Uhr

Rudi Völler inszeniert sich immer wieder gerne als konfliktfreudiger Rebell. Mal legt er sich mit Journalisten an, mal mit Schiedsrichtern, präsentiert eigenwillige Ideen, wie gesonderte Anstoßzeiten für Abstiegskandidaten oder er bezeichnet Kollegen als "Schweinchen schlau".

Nach dem 1:1 beim 1. FC Köln profilierte sich der Sportdirektor von Bayer Leverkusen als Aufständischer, der sich aus Überzeugung gegen einen Trend der vergangenen Wochen stellt. "Im Moment gibt eine große Hysterie, die letzten sieben Klubs aus der Tabelle haben alle ihren Trainer entlassen", erklärte Völler, dabei sei doch völlig klar: "Von denen, die jetzt unten stehen, werden zwei absteigen, vielleicht drei." Das Fazit dieses kleinen Vortrags: Der Effekt von Trainerwechseln werde überschätzt. Die Frage sei daher, so Völler: "Warum muss man da immer mitmachen?"

Auch in Leverkusen tobt ja eine Trainerdebatte, vom grassierenden Entlassungswahn wollen sie sich aber nicht anstecken lassen. "Die letzten zwei Tage waren nicht einfach", räumte Völler ein, "aber trotzdem werden wir natürlich so weiter gehen".

"Ein paar Tage zur Besinnung"

Völlers Erläuterungen wurden zu einem Plädoyer für Besonnenheit in bewegten Zeiten. Er sei froh, dass die Winterpause erreicht sei, "für alle Beteiligten ist es ganz gut, dass wir ein bisschen runterkommen, dass wir ein paar Tage zur Besinnung haben".

Zwar hatte Bayer Leverkusen in Köln "ein gutes Spiel" absolviert, wie Roger Schmidt nach dem ebenso niveauvollen wie intensiven Derby erklärte, aber die Frage, ob der 49-Jährige der richtige Trainer ist, um die großen Potenziale dieses hoch veranlagten Teams zur Entfaltung zu bringen, bleibt trotzdem unbeantwortet.

Klar ist nach dieser Partie nur, dass Schmidt vorerst nicht entlassen wird. Allerdings hat der Trainer in den vergangenen Wochen massiv an Ansehen verloren hat. Nicht nur wegen seines mitunter verbohrt wirkenden Verhaltens gegenüber Schiedsrichtern und seiner Loyalität zu einem Fitnesstrainer, mit dem die Spieler nicht klar kamen. Vor allem aber ist seine Facharbeit wenig überzeugend. Die Mannschaft spielt nicht mehr den superaggressiven Balleroberungsfußball der ersten beiden Jahre, und die Gründe, die Schmidt für dieses Verkümmern der ehemaligen Stärken anführt, klingen nach Ausreden.

Auch nach dem 1:1 in Köln sprach er vor Verletzungen: "Mit Lars Bender fehlt uns unser Stabilisator im Mittelfeld, das hat man der Mannschaft angemerkt, und Karim Bellarabi ist mit seiner Geschwindigkeit sehr wichtig für unser Spiel". Wie eine hängen gebliebene Schallplatte weist er auf die Jugendlichkeit seiner Mannschaft hin, die sich im "Umbruch" befinde. Diese Argumente schaden seiner Glaubwürdigkeit. Denn das Team mag jung sein, verfügt aber über jede Menge internationale Erfahrung. Und vor der Saison hatte Schmidt noch behauptet, es sei "ein großer Vorteil", dass er in seinem dritten Jahr mit einer "eingespielten Mannschaft" zusammen arbeiten könne.

Die Selbstkritik fehlt

Auffallend ist, dass Schmidt die Ursachen für die schwache Hinrunde nur in Bereichen verortet, die außerhalb seines eigenen Verantwortungsbereichs liegen: Verletzungen, Unerfahrenheit, wenig Trainingszeit in englischen Wochen. Der kritische Blick auf die eigene Arbeit fehlt. Dabei gibt es Gerüchten zu Folge wachsende Probleme im Alltag. So ist von Störungen im Verhältnis zwischen Teilen der Mannschaft und Schmidt die Rede, und dass nicht mehr alle Spieler an Schmidts radikalen Stil glauben, bestätigte Hakan Calhanoglu in Köln. "Wenn wir unser Spiel durchziehen wollen, muss das jeder machen. Das ist bei uns Pflicht, und wenn einzelne Spieler nicht mitmachen, dann funktioniert unser System nicht."

Übersetzt heißt das: Es ziehen nicht mehr alle mit. Angeblich haben die Leverkusener Verantwortlichen sich trotz Völlers Kritik an der allgemeinen Hysterie zuletzt intensiv mit der Frage beschäftigt, ob ein Trainerwechsel sinnvoll ist. Nach Informationen des "Kicker" wurde bei Julian Nagelsmann angefragt, ob ein Wechsel an den Rhein denkbar wäre, doch der Hoffenheimer ist in der Winterpause nicht zu haben. Statt irgendeine Notlösung zu präsentieren, hoffen sie nun lieber auf die Wende mit Schmidt.

Und dass man diese Entscheidung sogar als Akt der Rebellion verkaufen kann, gefällt Rudi Völler besonders gut.

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