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Sport

Der FC Bayern und die Foul-Debatte

Rummenigges Bärendienst

Drei Verletzte nach drei Spieltagen und der FC Bayern wird nervös: Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge fordert, der DFB müsse seine Stars besser schützen. Das ist verständlich - aber komplett überflüssig.

REUTERS

Karl-Heinz Rummenigge

Ein Kommentar von
Mittwoch, 19.09.2018   15:52 Uhr

Vier Spiele Pause, dazu eine Geldstrafe in Höhe von 10.000 Euro. Das DFB-Sportgericht hat Leverkusens Karim Bellarabi nach seinem bösen Foulspiel gegen Bayerns Rafinha hart bestraft. Hinter den Forderungen von Uli Hoeneß blieb das Urteil trotzdem weit zurück. "Sowas gehört drei Monate gesperrt - und zwar für Dummheit", hatte der Bayern-Präsident unmittelbar nach dem Spiel gesagt. Mehr noch: Bellarabi sei "geisteskrank", so die spontane Diagnose von Hoeneß in der ersten Erregung, in seiner absoluten Lieblingsdisziplin eben.

Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat sich für seine Einschätzung dagegen deutlich mehr Zeit genommen. Das harte Urteil gegen Bellarabi hat er begrüßt - um im selben Zug seinen Verein in die Opferrolle zu rücken. "Was uns allen nicht gefällt, ist ein bisschen die Gangart, wie gegen uns gespielt wird", sagte Rummenigge. "Das ist etwas, was abgestellt werden muss in der Bundesliga, da sind der DFB und insbesondere die Schiedsrichter gefragt, dass sie ein bisschen die Stürmer und Spieler schützen."

Übertriebene Brutalität gegen die Bayern-Stars? Rummenigge wünscht sich also mal wieder die große Foul-Debatte. Das ist einigermaßen perfide.

Rummenigges Aussagen im Video:

Foto: Performgroup

Die Verärgerung und Enttäuschung sind ja nachvollziehbar: Vor Rafinha hatte sich bereits Kingsley Coman nach einem Foul verletzt. Corentin Tolisso erlitt zudem eine schwere Knieverletzung nach einem unglücklichen Zweikampf. Drei lange Ausfälle zu einem so frühen Saisonzeitpunkt, das ist bitter, das ist ärgerlich. Aber Verletzungen werden sich leider in einem Spiel wie Fußball nie vermeiden lassen. Dass dem FC Bayern nun die bewusst getroffene Entscheidung, die wahrscheinlich gut 50 Pflichtspiele der Saison mit einem vergleichsweise schmalen Kader anzugehen, auf die Füße zu fallen droht, ist nun einmal die unschöne Kehrseite dieser Entscheidung.

Rummenigges Forderung, der DFB müsse seine Spieler besser schützen, ist überflüssig. Denn genau das ist doch bereits geschehen: Schiedsrichter Tobias Welz hat die Attacke Bellarabis auf dem Feld mit dem Platzverweis korrekt geahndet, das Sportgericht sich mit dem Urteil ebenfalls klar positioniert. Zweikampfhärte ist okay, exakt bis an die vielzitierte Grenze des Erlaubten. Das nennt sich: Regelwerk.

Was konkret stellt sich Rummenigge also darüber hinaus vor? Dass der Unparteiische vor dem kommenden Bundesliga-Duell in der Schalker-Kabine auftaucht und die S04-Spieler ermahnt, sie mögen doch etwas zurückhaltender in die Zweikämpfe gehen? Unredlich ist der Vorstoß dazu - weil Rummenigge am Ende vielleicht doch in den Kopf des einen oder anderen Schiedsrichters kriecht.

"Zum Teil von der Öffentlichkeit motiviert"

Noch deutlich kritischer ist allerdings die nebulöse Behauptung Rummenigges zu sehen, die harte Gangart gegen die Bayern-Stars sei "zum Teil von der Öffentlichkeit motiviert, nach dem Prinzip: Jedes Mittel ist recht, um Bayern München Probleme zu kreieren". Irgendwer da draußen hat sich gegen uns verschworen! Ein Argumentationsklassiker, der die Bayern-Familie regelmäßig zusammenrücken lässt. Selbst- und Feindbildpflege galore. Rummenigge schüttelt solche Sätze noch beim Boarding am Flughafen lässig aus dem Jackettärmel, Populismus meets Folklore. Wen genau er mit der "Öffentlichkeit" meinte, ließ er allerdings offen.

Wer also könnte die anderen Klubs in der Öffentlichkeit angestachelt haben, die Spiele gegen die Münchner nicht kampflos herzuschenken? Moment. Sechs Tage vor seiner jüngsten Wortmeldung saß der Vorstandsvorsitzende im vereinseigenen Klub-TV. Ein 20-Minuten-Wohlfühl-Interview, "1:1-Talk" nennt der Klub das, da äußert man schon mal Dinge, die man eigentlich ganz anders meint. "Ich würde nicht empfehlen, das Fell des Bären bereits nach dem 2. Spieltag zu verteilen", sagte Rummenigge dort generös. "Wir sind sehr an Konkurrenz interessiert."

Und wundert sich nun, dass andere Klubs dann wirklich einen Fetzen davon haben möchten.

insgesamt 40 Beiträge
gnarze 19.09.2018
1. Schaun mir mal....
in die Berichte der sozialen Medien über die Verletzungen der Bayernspieler..... ein nicht unerheblicher Anteil der User quittiert diese mit DaumenHoch und/oder Lachemoticons. Insofern ist durchaus ein gewisser öffentlicher [...]
in die Berichte der sozialen Medien über die Verletzungen der Bayernspieler..... ein nicht unerheblicher Anteil der User quittiert diese mit DaumenHoch und/oder Lachemoticons. Insofern ist durchaus ein gewisser öffentlicher Druck vorhanden. Ganz allgemein ist das Hauptproblem dagegen, dass Schiedsrichter keine einheitliche Linie fahren. Gräfe z.B. gilt als ziemlich großzügig. Das muss geändert werden. Und wenn nun die Schiedsrichter VOR dem Spiel ALLEN Mannschaften klar machen, was sie noch dulden und was nicht(wenn möglich im gleichen Rahmen), dann hat Rummenigges öffentliche Aussage vielleicht für alle besseren Spieler in der Bundesliga etwas gebracht.
spon_2937981 19.09.2018
2. Herr Helms
Lieber Herr Helms, müssen Sie denn hier wirklich die Haudrauf-Argumentation nutzen und dem Populismus frönen? Man könnte z.B. inhaltlich etwas sauberer arbeiten und sehen, was 'Schutz der Spieler' bedeutet. Die STRAFE [...]
Lieber Herr Helms, müssen Sie denn hier wirklich die Haudrauf-Argumentation nutzen und dem Populismus frönen? Man könnte z.B. inhaltlich etwas sauberer arbeiten und sehen, was 'Schutz der Spieler' bedeutet. Die STRAFE für Bellarabi hat nicht unmittelbar etwas mit 'Schutz' zu tun, dem in dem Moment war ja Rafinha schon verletzt. Eine gewisse Schutzwirkung geht von Ermahnungen und Verwarnungen (aka Gelbe Karte) aus. Ok, berechtigter Einwand: hätte bei Bellarabi nichts verhindert. Es gibt jedoch genügend verletzungsverursachende Fouls (unbelegter Eindruck meinerseits), die sich andeuten und mit konsequenterer Anwendung von Ermahnungen und Verwarnungen hätten verhindert werden können. Und ja: womöglich wäre eine solche konsequentere Anwendung auch zum Nachteil aktueller oder ehemaliger Bayernspieler (Ribery, Vidal, van Bommel...) Zum Schluss: dass Sie Hoeneß in den Mund legen, er habe Bellarabi geisteskrank genannt, ist höchst unredlich. So bezeichnete er das Foul. Oder dürfen wir nun behaupten, Sie betrachteten Rummenigge als 'überflüssig', nur weil Sie dessen Forderung als überflüssig ansehen?
schueler79 19.09.2018
3. Wo er Recht hat
Das überharte Einsteigen muss wirklich unterbunden werden, was da in den ersten Spielen abgelaufen ist, war ja nicht mehr normal. Und: Bayern muss sich nicht in die Opferrolle begeben, sie sind tatsächlich Opfer. Ich finde [...]
Das überharte Einsteigen muss wirklich unterbunden werden, was da in den ersten Spielen abgelaufen ist, war ja nicht mehr normal. Und: Bayern muss sich nicht in die Opferrolle begeben, sie sind tatsächlich Opfer. Ich finde diesen Artikel auch sehr interessant. Eigentlich ein Paradebeispiel. Der Autor, Herr Helms, relativiert die unbestrittene Härte, um im Anschluss noch weiter anzustacheln mit dem Vermerk auf das Interview. Und da fragen Sie sich noch von welcher Öffentlichkeit gesprochen wird???
pjotrmorgen 19.09.2018
4. Prävention
41 zu 14 Fouls laut Kicker wurden in den ersten drei Bundesligaspielen gegen die Bayern begannen, d.h. in jedem Spiel wussten sich die Gegner nur zu helfen, indem sie mindestens doppelt so oft foulten. Für technisch und taktisch [...]
41 zu 14 Fouls laut Kicker wurden in den ersten drei Bundesligaspielen gegen die Bayern begannen, d.h. in jedem Spiel wussten sich die Gegner nur zu helfen, indem sie mindestens doppelt so oft foulten. Für technisch und taktisch versiertere Mannschaften wie Hoffenheim und Leverkusen ist das schon ein Armutszeugnis. So komplett überflüssig sind Rummenigges Forderungen nicht. Die nachträgliche harte Bestrafung schützt keinen Spieler, insbesondere bei Brutalofouls kann die Berufsunfähigkeit des Gefoulten hinzukommen. Fouls, die im zivilen Leben als Körperverletzung behandelt werden, sollten auch im Fussball viel härter bestraft werden. Am besten wäre ein Gehaltsabzug bzw. hohe Geldstrafen für den Übeltäter.
Freifrau von Hase 19.09.2018
5.
Ich bin Anhängerin der Bayern, aber auch ich muss einräumen, dass meine Bayern selber schuld sind, wenn sie jetzt personelle Probleme bekommen. Die meisten Pflichtspiele aller Bundesligisten aber gleichzeitig den kleinsten [...]
Ich bin Anhängerin der Bayern, aber auch ich muss einräumen, dass meine Bayern selber schuld sind, wenn sie jetzt personelle Probleme bekommen. Die meisten Pflichtspiele aller Bundesligisten aber gleichzeitig den kleinsten Kader? Das kann nicht funktionieren. Die Erfahrung lehrt: 3-5 Verletzte hat man eigentlich immer. Und mit Ribery, Robben, Coman, Gnabry, Boateng & Thiago sind auch einige Spieler im Kader dabei, die als sehr verletzungsanfällig gelten. Was haben sich Uli & Kalle da nur gedacht?
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