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Sport

Vor dem Duell München gegen Dortmund

Müller und der Traum vom Zehnerraum

Thomas Müller war unter Niko Kovac nur zweite Wahl. Nach dessen Entlassung hat er die Chance, als Zehner in Bayerns Spielsystem wieder aufzutrumpfen. Seine größten Konkurrenten sind ein Mitspieler und der Zeitgeist.

Christof Stache/ AFP

Not-am-Mann-Müller: Er blüht auf, wenn andere das Herzstück des Spiels sind

Von Tobias Escher
Samstag, 09.11.2019   12:17 Uhr

"Thomas Müller spielt immer." Zehn Jahre ist es her, dass der damalige Trainer von Bayern München, Louis van Gaal, diese Aussage traf. Die Zeiten, in denen sie in München unumstößliches Gesetz war, sind längst vorbei.

Gerade einmal etwas mehr als die Hälfte der möglichen Spielminuten absolvierte Müller in dieser Saison. Vor einigen Wochen von einem Reporter auf Müllers Dasein als Reservist angesprochen, wiegelte Trainer Niko Kovac ab: Müller würde wieder spielen, sollte mal "Not am Mann" sein. Ein Affront. Kovac entschuldigte sich für die Aussage. Der öffentliche Eindruck, Trainer und Spieler fänden nicht zueinander, ließ sich aber nicht mehr kitten.

Die Entlassung von Kovac markiert einen Neuanfang für Bayern München, ganz besonders jedoch für Müller. Dem langjährigen Nationalspieler bietet sich die Chance, unter Interimscoach Hansi Flick auf seiner liebsten Position zu spielen: der des Zehners in einem 4-2-3-1-System. Müllers größte Konkurrenten sind sein Mitspieler Philippe Coutinho - und der taktische Zeitgeist.

Müller erfand das "Raumdeuten"

Rückblick: Dass Müller über Jahre sowohl bei den Bayern als auch in der Nationalelf gesetzt war, lag an seiner innovativen Interpretation der Zehner-Rolle. Nachdem Mitte der Nullerjahre die 4-2-3-1-Formation den Siegeszug im Weltfußball gefeiert hatte, veränderte sich das Spiel des Zehners: Seine Bewegungsfreiheit war plötzlich eingeschränkt. Die Gegner blockierten seinen Raum, indem sie ihre Viererketten immer enger stellten. Der Zehner als omnipräsenter Spielgestalter hinter den Spitzen? Das gehörte der Vergangenheit an.

Müller sah sich nie als Kreativspieler, sondern als Zuarbeiter: Er pendelte von Flügel zu Flügel, besetzte Räume, die seine Kollegen hinterließen, sorgte für Überzahlsituationen. Müller war da, wo er gebraucht wurde. Müller war nicht Fixpunkt des Spiels, sondern Verbinder: Er verband die beiden Flügel mit dem Sturmzentrum.

Müller taufte seine Interpretation der Zehnerposition in einem Interview "Raumdeuter": Er sieht Lücken, die kaum ein anderer sieht, und sprintet hinein, wieder und wieder. Müllers Spielart setzte sich durch, der Begriff "Raumdeuter" wurde selbst in England in die Fußballsprache aufgenommen.

Der taktische Zeitgeist ändert sich

Solange die 4-2-3-1-Formation das Maß aller Dinge war, war dies auch Müller. Doch die Fußballwelt steht nie still. Von den zehn bestplatzierten Teams der Bundesliga spielen nur zwei sie regelmäßig: Borussia Dortmund - und die Bayern.

Und Kovac stellte das 4-2-3-1 infrage. Als er im Sommer 2018 nach München kam, präferierte er ein 4-3-3-System. Müller musste auf der Außenstürmerposition spielen, meist auf dem rechten Flügel. Diese beherrscht er zwar auch. Seine große Stärke - das Verbinden der Flügel als Zehner - kann er hier nicht einbringen. Viel eher zeigen sich hier seine Schwächen: Bälle verspringen ihm, seine Flanken landen gern mal hinter dem Tor, seine Schussqualität schwankt.

Kovac strich Müller immer öfter aus der Mannschaft. Bundestrainer Joachim Löw beerdigte zur selben Zeit das 4-2-3-1-System endgültig, nachdem er schon die Jahre zuvor neue Formationen getestet hatte. Für Müller war kein Platz mehr.

Neue Saison, neue Probleme

In der vergangenen Rückrunde kehrte Kovac zum 4-2-3-1 zurück. Müller war wieder Stammspieler, in der Schlussphase der Saison knüpfte er an alte Leistungen an. Als Zehner deutete er wieder Räume, die niemand sonst sah.

In der neuen Spielzeit war Müller aber wieder nur zweite Wahl. Der Grund dafür ist Philippe Coutinho. Der aus Barcelona geliehene Brasilianer ist ein gänzlich anderer Spielertyp als Müller: ein Dribbler mit feinem Fuß und dem Auge für den richtigen Pass. Auch er fühlt sich auf der Zehn am wohlsten. Coutinho mag nicht so mannschaftsdienlich spielen wie Müller, seine Laufwege sind vorhersehbarer und weniger genial. Coutinho ist aber technisch eine, wenn nicht zwei Klassen stärker als Müller. Kovac schätzte dies an seinem neuen Superstar und zog ihn Müller vor.

Kovacs Entlassung beschert Müller eine neue Chance. Interimstrainer Hansi Flick ging in seinem ersten Spiel den Weg des geringsten Widerstands: Beim 2:0-Sieg gegen Olympiakos Piräus stellte er seine Mannschaft im 4-2-3-1 auf. Die vier Verteidiger und Joshua Kimmich verblieben tief, die fünf vorderen Akteure durften sich austoben. Die Bayern spielten erstmals seit Ende September wieder zu null - und Müller agierte als Zehner in seiner liebsten Rolle.

Gut möglich, dass Müller diese Rolle auch im Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund einnehmen darf (Samstag, 18.30 Uhr, live im SPIEGEL Ticker). Sein Glück: Auch Coutinho fremdelt mit dem Bayern-System. Ihm fehlen die Anspielstationen, wenn er in seinem geliebten linken Halbraum zum Dribbling ansetzt. Immer nur auf die Flügel passen, wie es die Bayern-Philosophie vorsieht, schränkt den kreativen Freigeist ein.

Müller ist das egal. Er blüht auf, wenn andere das Herzstück des Spiels sind. Solange Flick dem 4-2-3-1-System treu bleibt, steigen Müllers Chancen auf einen Stammplatz. Er kann indes nur hoffen, dass Flick oder ein etwaiger Nachfolger dem 4-2-3-1 treu bleiben oder zumindest auf ein System setzen, das Müller Platz im offensiven Mittelfeld bietet. Dann gilt vielleicht bald wieder van Gaals Satz: "Thomas Müller spielt immer."

insgesamt 17 Beiträge
chris.woo 09.11.2019
1. Leider sind Müllers große Jahre vorbei
Müller kann nicht mehr an seine Leistungen vor einigen Jahren anknüpfen. Deshalb hat ihn Jogi ausgemustert und auch Kovac hat Coutinho vorgezogen. Und das völlig zu recht.. Auch wenn Müller eine Münchner Legende ist, die [...]
Müller kann nicht mehr an seine Leistungen vor einigen Jahren anknüpfen. Deshalb hat ihn Jogi ausgemustert und auch Kovac hat Coutinho vorgezogen. Und das völlig zu recht.. Auch wenn Müller eine Münchner Legende ist, die Zeichen stehen auf Abschied. Leider.
erdbäre 09.11.2019
2. Der Moment,
an dem sich Müller entmüllerte. Wie wurde doch seine Fähigkeit bewundert freie Räume zu beherrschen und sich ankündigende Torchancen intuitiv für sich zu nutzen. In England nannte man ihn den "Spacecowboy" und so [...]
an dem sich Müller entmüllerte. Wie wurde doch seine Fähigkeit bewundert freie Räume zu beherrschen und sich ankündigende Torchancen intuitiv für sich zu nutzen. In England nannte man ihn den "Spacecowboy" und so spielte er auch. Manchmal ungelenk, aber immer erfolgreich, bis..... Ja, bis wohl eines Tages der Moment kam an dem er sich fragte:"Warum spiele ich eigentlich so wie ich spiele, was bringt mich dazu?" Und Schwupps gab es den Spacecowboy Müller nicht mehr; denn ein solches Talent hat man oder man hat es nicht. Das kann man nicht antrainieren und darüber nachzudenken lässt es gänzlich verschwinden. Auch Gerd Müller hatte ein solches Talent, aber der war einfach gestrickt und wollte nie von sich wissen:"Warum stehe ich immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um Tore zu schießen?"
vera gehlkiel 09.11.2019
3.
Die im Vergleich zum beispielsweise 4-4-2 hochstehenden Aussenspieler machen den Zehner im 4-2-3-1 stark davon abhängig, wie gut er im Zusammenwirken mit den beiden zentralen Mittelfeldspielern (zumeist ziemlich vereinfachend [...]
Die im Vergleich zum beispielsweise 4-4-2 hochstehenden Aussenspieler machen den Zehner im 4-2-3-1 stark davon abhängig, wie gut er im Zusammenwirken mit den beiden zentralen Mittelfeldspielern (zumeist ziemlich vereinfachend ausgewiesen als "Doppelsechs") funktioniert. Deshalb war bei van Gaal das Reuessieren Müllers, wie ich es sehe, auch damit verbunden, dass ein Mark van Bommel geholt wurde, ein Schweinsteiger auf zentral umgeschult wurde. War bei Heynckes dann Martinez der Mann fürs Absichern hinterm Zehner. Gab es bei dem angeblich ja körperlosen Fußball spielen lassendem Guardiola den mächtig koerperbetonten Vidal und den freien Rueckraummann Alonso. Gibt es die Casemiro, Kroos, Modric als echte Ensemblespieler... Und hängt bei Bayern alles nur noch am seidenen Faden der fortgesetzten Topform von Lewandowski...
knumue 09.11.2019
4.
Schon der vierte entbehrliche Artikel über Bayern München an diesem Wochenende, die anderen 17 Bundesligavereine scheinen in der Welt von SPON nicht mehr vorzukommen.
Schon der vierte entbehrliche Artikel über Bayern München an diesem Wochenende, die anderen 17 Bundesligavereine scheinen in der Welt von SPON nicht mehr vorzukommen.
dietmr 09.11.2019
5. Danke!
Endlich das Problem um und mit Müller, jenseits aller Formschwankungen, klar und verständlich erklärt!
Endlich das Problem um und mit Müller, jenseits aller Formschwankungen, klar und verständlich erklärt!

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