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Sport

Bayern-Aus gegen Liverpool

Ohne Leidenschaft, ohne Mut

Nach dem Champions-League-Aus gegen Liverpool gärt es beim FC Bayern. Mats Hummels und Robert Lewandowski bemängeln fehlenden Mut und falsche Taktik. Eine Kritik, die sich gegen Trainer Niko Kovac richten dürfte.

Bongarts/Getty Images
Von Florian Kinast, München
Donnerstag, 14.03.2019   13:11 Uhr

Als die Spieler des FC Bayern eine knappe Stunde nach Abpfiff aus dem Kabinentrakt schlichen, wirkten sie in etwa so dynamisch wie während der 90 Spielminuten. Sie schlurften des Wegs, müde und antriebslos. Ob Manuel Neuer oder Niklas Süle, Robert Lewandowski oder Mats Hummels. Eine gewisse Brisanz bargen dagegen ihre Stellungnahmen vor den Diktiergeräten der Reporter, einige ihrer Aussagen wirkten spannender als der uninspirierte Auftritt im Spiel selbst.

Kritik an der Taktik, an der Ausrichtung und am Spielsystem, es war zu hören, dass gerade Mats Hummels und Robert Lewandowski nach diesem hoch verdienten 1:3 (1:1) gegen den FC Liverpool immens verärgert waren. Die Nerven lagen ziemlich blank.

Es war nicht so sehr die Tatsache, einfach gegen eine europäische Spitzenmannschaft verloren zu haben, als letzte deutsche Mannschaft ausgeschieden zu sein und damit erstmals seit 2011 nicht mehr das Viertelfinale der Champions League erreicht zu haben. Es war vor allem die Art und Weise.

Ein blutleerer Auftritt

Ein blutleerer Auftritt des FC Bayern, ohne Leidenschaft und ohne Mut. Immer wieder wollte man sich gerade während der zweiten Halbzeit an die großen Abende der Vergangenheit erinnern, mit welcher Vehemenz und Inbrunst sich die Bayern in den letzten zwei Jahren jeweils gegen Real Madrid wehrten. Wie beherzt sie - wenn auch vergebens - bis zur letzten Sekunde gegen das Aus kämpften, hier mal eine Fußspitze fehlte, dort mal der Schiri falsch pfiff.

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Bayern München in der Einzelkritik: Wo war Lewandowski?

Am Mittwoch gegen Liverpool fehlte dies alles. Eine einzige echte Torchance in der gesamten zweiten Halbzeit, als Lewandowski an einer Flanke von Serge Gnabry vorbeigrätschte, das war die ernüchternde Bilanz. "Wir haben einfach zu oft einen Sicherheitspass nach hinten gespielt", murrte Mats Hummels in einer ersten Spielanalyse, "wir hatten nicht die Lösung nach vorne. Da hätte uns ein Tick mehr Mut gutgetan, und am Ende des Tages hat das eben nicht gereicht. Das war zu wenig druckvoll."

Das stimmte so, doch gleich nach einer völlig verblüffenden Erkenntnis ("Liverpool hat besser verteidigt als Wolfsburg letzten Samstag") ging es um die Frage, ob das auch eine Kopfsache sei. Darauf Hummels: "Das ist eine rein fußballerische Angelegenheit, die ich jetzt nicht zu ausführlich diskutieren möchte. Wie soll ich das sagen, ohne dass ich dafür morgen auf die Mütze kriege. Da brauch ich ganz kurz."

"Am Ende wird morgen eine Überschrift draus"

Hummels senkte den Kopf, schloss die Augen, dachte nach, dann sagte er: "Wir haben eine gewisse Spielweise, die gegen pressende Mannschaften nicht immer zum 100-prozentigen Erfolg führt. Da täten uns ein, zwei andere Begebenheiten in unserem Spiel gut." Was er damit konkret meinte? "Ich möchte den Trainer in Schutz nehmen. Der Trainer fordert das oft, aber es klappt nicht immer so gut, wie er das sehen möchte auf dem Platz. Ich bleibe dabei, alles was ich jetzt sage, wäre inhaltlich spannend, aber ich weiß ja, was draus gemacht wird. Am Ende wird morgen eine Überschrift draus."

Aber gegen wen sich diese kryptisch formulierte Kritik richtete? Gegen einzelne Mitspieler wie Rafinha, der als Ersatz für den gesperrten Joshua Kimmich deutlich weniger Offensivakzente setzte wie der etatmäßige Rechtsverteidiger und zudem vor dem 0:1 patzte? Oder doch gegen den Trainer, der am Tag vor dem Spiel noch erklärt hatte: "Wir können ja nicht die Maske abreißen und - Holla, die Waldfee - nach vorne spielen." War da zu viel Sicherheitsdenken mit dabei?

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FC Liverpool in der Einzelkritik: Monsterkopfballspieler

Auch Lewandowski grummelte in einem nüchternen Resümee über die Spielweise seines Teams. "Wir haben zu defensiv agiert und auch im Hinspiel zu wenig nach vorne riskiert", sagte der Stürmer, gegen den Liverpools Innenverteidiger Virgil Van Dijk und Joel Matip wenig Probleme hatten. "So war das heute auch. In beiden Spielen hatten wir nicht so viele Chancen. In der Champions League musst du auch riskieren. Das haben wir zu wenig gemacht. So hast du keine Argumente, um weiterzukommen."

Und Niko Kovac? Der Bayern-Trainer hatte den Abend fast schon seltsam lethargisch an der Außenlinie verfolgt. So gerne er sich in der Bundesliga wie gegen Wolfsburg beim Stand von 5:0 mit dem vierten Offiziellen in Rage redet und seinen Spieler permanent Anweisungen gibt, so stand er größtenteils fast wie gelähmt vor der Trainerbank. Als sei ihm von Beginn an klar gewesen, dass dieser Abend so enden würde.

Seine Erkenntnis nach Abpfiff traf durchaus den Kern, als er sagte: "In zwei Spielen war Liverpool die bessere Mannschaft. Wir haben verdient verloren. Wir haben unsere Grenzen aufgezeigt bekommen." Das mit den aufgezeigten Grenzen dürfte er auch auf sich selbst bezogen haben, nach diesen bitteren eineinhalb Lehrstunden am Mittwochabend, aus denen er viel lernen kann und muss. Dass er bei seinem nächsten K.-o.-Spiel in der Champions League doch mit offenerem Visier spielen lässt. Mit mehr Mut.

Weniger Maske. Mehr Waldfee.

insgesamt 120 Beiträge
vegefranz 14.03.2019
1. Liverpool hat die teurere und bessere Mannschaft
das Ausscheiden ist keine Schande. Man sollte da jetzt kein Drama machen
das Ausscheiden ist keine Schande. Man sollte da jetzt kein Drama machen
adrian.ruest 14.03.2019
2. Warum spielten Ribery und Rafinha?
Für mich ist das Abschneiden der Buli gegenüber der PL jetzt kein Weltuntergang. Weder zwischen Bayern und Liverpool noch zwischen dem BVB und Tottenham war ein Klassenunterschied zu sehen. Es waren bis auf die zweite Hälfte [...]
Für mich ist das Abschneiden der Buli gegenüber der PL jetzt kein Weltuntergang. Weder zwischen Bayern und Liverpool noch zwischen dem BVB und Tottenham war ein Klassenunterschied zu sehen. Es waren bis auf die zweite Hälfte der Dortmunder im Hinspiel gegen Tottenham, als man dem Ausfall von fünf Stammspielern Tribut zollen musste, Spiele auf Augenhöhe. Was ich aber nicht verstehe ist, wie ein Trainer wie Kovac, der Millionen verdient und die Aufstellung eigentlich das einzige ist, was er wirklich in die Hand nehmen muss, Ribery und Rafinha bringen kann. Zwei 34ig-Jährige, die längst ihren Zenit überschritten haben, aber jeweils damit auffallen, dass sie massiv motzen, wenn sie nicht aufgestellt werden. Hier fehlte Kovac einfach der Mut, sich diesen zwei Spielern zu stellen. Er weiss doch sicher selbst, dass die auf so einem Niveau nicht mehr mithalten können. Coman wäre fit gewesen, auch James auf der Seite und Goretzka in der Mitte wäre denkbar gewesen - und mit Boateng als drittem Innenverteidiger hätte man eine Dreierkette spielen können. Stattdessen spielten Rafinha, dessen Gegenspieler zwei Tore machte und Ribery, der absolut nichts zustande brachte. Weder offensiv noch defensiv.
die_WahrheitXXL 14.03.2019
3. Schade aber wahr
im internationalen Vergleich hat der deutsche Fussball leider nichts mehr zu bieten. Vergleichen wir die Bundesliga beispielsweise mit la Liga in Spanien dann dürften auch unsere Mannschaften ab Platz 10 platzieren - aber nur [...]
im internationalen Vergleich hat der deutsche Fussball leider nichts mehr zu bieten. Vergleichen wir die Bundesliga beispielsweise mit la Liga in Spanien dann dürften auch unsere Mannschaften ab Platz 10 platzieren - aber nur dann wenn sie einen guten Lauf haben... Es ist schade, dass durch extrem hohe Summen stets die besten Spiele abgezogen werden.
Oihme 14.03.2019
4. Tja, ...
... so schnell fallen da einigen Fans ihre flotten Sprüche der letzten Tage a´la "jetzt muss es der FC Bayern international wieder einmal ganz alleine richten" krachend vor die Füße. Wer sich durch die [...]
... so schnell fallen da einigen Fans ihre flotten Sprüche der letzten Tage a´la "jetzt muss es der FC Bayern international wieder einmal ganz alleine richten" krachend vor die Füße. Wer sich durch die Kantersiege der Bayern gegen BuLi-Mannschaften, die schon bei Anfiff die Hosen randvoll hatten, nicht täuschen ließ, kann über das inzwischen traditionelle Ausscheiden der Bayern gegen den ersten, ernstzunehmenden CL-Gegner wenig überrascht sein. Zu alt, zu satt, zu überheblich. Der BVB hat wenigstens noch gekämpft und sich auch dann noch bemüht, als es nach dem Tor Tottenhams vollends hoffnungslos wurde. Und die Bayern?
Kurt Viles 14.03.2019
5. Kovac fehlt die Bayern-DNA
Genau richtig analysiert. Mir schwante schon böses als ich im Vorfeld Kovac von "der richtigen Balance" reden hörte. Da muss man rausgehen und sagen "Wir sind die Bayern, die hauen wir weg, zur Not auch 3:2!" [...]
Genau richtig analysiert. Mir schwante schon böses als ich im Vorfeld Kovac von "der richtigen Balance" reden hörte. Da muss man rausgehen und sagen "Wir sind die Bayern, die hauen wir weg, zur Not auch 3:2!" und dann entsprechende Leidenschaft zeigen. Man kann gegen Liverpool ausscheiden und auch mal auswärts ein 0:0 ermauern, aber zuhause muss man dann brennen. Defizite waren auch im Bereich körperliche Fitness und Dynamik zu erkennen. Viele Dinge haben mit dem Trainer zu tun. Und dann nach dem Spiel so tun als wäre der Gegner übermächtig, ist bei dem durchschnittlichen Mittelfeld von Liverpool nicht angebracht. Für mich passt er einfach nicht zum FCB.

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