Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Bayern-Sieg gegen Wolfsburg

Robben, der Retter

Die Erwartungen waren riesig, Arjen Robben hat sie übertroffen: Mit zwei Toren beim Liga-Debüt schoss der neue Bayern-Stürmer den Meister aus Wolfsburg fast allein ab. Zusammen mit Frank Ribéry soll der Niederländer die Spielkultur zurück nach München bringen - und seinem Trainer den Job sichern.

dpa
Von Sebastian Winter, München
Samstag, 29.08.2009   23:38 Uhr

Es war eine Woche, die ein Regisseur nicht besser hätte inszenieren können: Die Bayern hatten in Mainz verloren, eine Halbzeit lang waren sie lustlos über den Platz geschlichen, als Schatten ihrer selbst. Es musste Kritik hageln, die löchrige Abwehr samt Torwart Rensing wurde in Frage gestellt, die Zugänge, gar das ganze System. Trainer Louis van Gaal wurde sehr dünnhäutig, keine Rede mehr vom dicken Wintermantel, als den er den FC Bayern bei seinem Antritt bezeichnet hatte. Der Holländer hatte gar Gedanken geäußert, wonach er gehe, falls er kein Vertrauen mehr spüren sollte.

Doch dann platzte ein Mann in dieses bayerische Krisentheater nach dem schlechtesten Saisonstart seit 43 Jahren, der alle überraschte: Arjen Robben. In einem Blitztransfer hatten die Münchner den 25-jährigen Flügelstürmer von Real Madrid verpflichtet, wo der holländische Nationalspieler nicht mehr erwünscht war. "Er ist seit langer Zeit unser absoluter Wunschspieler, wir waren an ihm schon vor Jahren interessiert", sagte Sportdirektor Christian Nerlinger zu dem Last-Minute-Einkauf. Alles musste sehr schnell gehen, Freitag bis 12 Uhr musste Robben auf die Transferliste gesetzt werden, damit er gegen Wolfsburg spielen kann. Auch dies gelang, und so nahm die Geschichte ihren Lauf, an der Louis van Gaal maßgeblichen Anteil hatte - schließlich hatte der Bayern-Trainer kürzlich mit Robben telefoniert, "was mir sehr geholfen hat", sagt der Angreifer.

Zur Dramaturgie des Stückes passt es, dass sich der spektakuläre Zugang das zweite Heimspiel der Bayern gegen den amtierenden Meister VfL Wolfsburg erst von der Bank anschaute. Doch spätestens, als Robben sich in der Halbzeitpause im Trikot mit der Nummer zehn (die seit dem Abschied von Roy Makaay 2007 nicht mehr vergeben worden war) vor der jubelnden Südkurve aufwärmte, war klar: Die Fans hatten den schnellen Offensivspieler schon als Retter auserkoren. Als die zweite Halbzeit begann, stand er plötzlich auf dem Platz, für den wenig überzeugenden Hamit Altintop, als rechter Flügelstürmer vor Philipp Lahm.

Perfekte Dramaturgie in der zweiten Halbzeit

In der 68. Minute schickte ihn der kurz zuvor eingewechselte Franck Ribéry auf die Reise Richtung Wolfsburger Tor. Der trockene Schuss landet im Netz hinter Benaglio. Als er zwölf Minuten später, erneut nach Vorarbeit von Ribéry, die Wolfsburger Deckung überlief und das 3:0 einschob war klar: Dieser Mann bringt mit seinen überfallartigen Attacken eine neue Qualität ins Offensivspiel der Bayern. Mit Ribéry bildet er ein läuferisch und technisch überragendes Offensivpaar, das wild kreuzt, die Abwehr überläuft und mit hohem Tempo von den Flügeln Richtung Tor strebt.

24 bis 25 Millionen Euro soll Robben die Bayern gekostet haben, damit wäre er der drittteuerste Zugang nach Mario Gomez, der gegen Wolfsburg das 1:0 schoss und Franck Ribéry, den zweifachen Vorbereiter.

Robben war mit Eindhoven einst Meister in den Niederlanden, mit Chelsea Meister in England und mit Real Madrid Meister in Spanien. Die Bayern haben ihn verpflichtet, um die offensive Abhängigkeit von den Künsten eines Ribéry zu reduzieren. Mit dem Spiel in der zweiten Halbzeit haben sie angedeutet, wie die sogenannte Flügelzange mit Ribéry und Robben aussehen kann. Und wie sich das Spiel auf zwei kongeniale Partner verlagert.

Das Comeback der Spielkultur beim FC Bayern

Auch die stark kritisierte Abwehr stand gegen den Wolfsburger Meistersturm mit Grafite und Dzeko gut. Holger Badstuber machte gegen Dzeko ein starkes Spiel. Jörg Butt, der den unglücklichen Michael Rensing erneut aus dem Bayern-Tor verdrängt hatte, war ein sicherer Rückhalt.

Dennoch könnte den Bayern nach dem Robben-Transfer für die Defensive ein weiterer Coup gelingen: Eine Verpflichtung des Brasilianers Rafinha vom FC Schalke noch vor Ende der Transferperiode am Montag steht immer noch im Raum. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge dementierte die Nachricht, eine Verstärkung wäre Rafinha aber allemal. So könnte auch Philipp Lahm wieder auf seine linke Seite zurückkehren.

Die Zuschauer würden auch Rafinha willkommen heißen. Selten hat man sie in letzter Zeit so euphorisch erlebt wie an diesem Samstag. Applaus zur Halbzeit. stehende Ovationen nach 90 Minuten. Und das im 100. Pflichtspiel der Bayern in der Arena. Dennoch: Es ist Arjen Robben, der die Bayern schnell wieder in die Realität zurückholt: "Wir haben erst fünf Punkte auf dem Konto." Nach vier Spieltagen ist das noch immer keine gute Bilanz, ebenso wenig wie Tabellenplatz sieben die Verantwortlichen zufrieden stellen wird. Doch die Spielkultur ist zumindest an diesem Abend zurückgekehrt nach München.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP