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Sport

BVB-Remis in Freiburg

Nicht panisch, aber ratlos

Borussia Dortmund könnte Tabellenführer sein, verstolperte jedoch erneut die Chance. Vom Gegner aus Freiburg könnten die Dortmunder lernen.

Ralph Orlowski / REUTERS

Lucien Favre erlebte das dritte Bundesliga-Remis seines Teams in Folge

Aus Freiburg berichtet
Sonntag, 06.10.2019   11:30 Uhr

Zu viele Gegentore, nicht genug Spielintelligenz, mangelhafte Raumaufteilung - das ist kein Rundumschlag eines übereifrigen Fernsehkommentators gegen den Meisteraspiranten Borussia Dortmund. Es ist das Urteil der schwarzgelben Spieler selbst. "Wir haben ein paar Baustellen", fasste es Julian Brandt am Samstagabend nach dem 2:2 beim SC Freiburg diplomatisch zusammen.

Schon wieder 2:2. Für den BVB war es das dritte Bundesligaspiel in Folge mit diesem Ergebnis, vor der Partie in Freiburg hatte der Vizemeister gegen Eintracht Frankfurt und Werder Bremen seine Führungen verspielt. Am Samstag reichten weder ein Volleytor von Axel Witsel noch ein von Achraf Hakimi erzwungener Treffer zum Dortmunder Sieg. Luca Waldschmidt glich für die Gastgeber zum zwischenzeitlichen 1:1 aus, in der 90. Minute prallte ein harmloser Freiburger Pass vom Bein des BVB-Verteidigers Manuel Akanji ins Netz. Die Freiburger feierten den späten Ausgleich wie einen Siegtreffer, während die Gäste aus Dortmund bedient das Feld verließen.

Eigentlich hat der BVB ein hochveranlagtes Team mit Titel-Potenzial. Europaweit können nicht viele Mannschaften gegen die Dribblings von Jadon Sancho, die Passsicherheit von Axel Witsel und die Schnelligkeit von Achraf Hakimi bestehen. Eigentlich. Doch in dieser Saison schaffen die Dortmunder zu selten, Erfolg aus ihrer Qualität zu schöpfen. Woran das liegt? "Wenn wir das wüssten, würden wir es ja ändern", klagte Brandt nach dem Spiel.

Das Problem mit den späten Gegentoren

Die Dortmunder Mannschaft hatte den Ball häufiger und hielt ihn gerade in der ersten Halbzeit sicherer als ihr Gegner, und sie erarbeitete sich elf Eckbälle. Doch aus den zahlreichen Standards entsprang nur ein Treffer, im ganzen Spiel gelangen dem BVB nur sieben Torschüsse - lediglich einer mehr als Freiburg.

"Mehr Kontrolle" fordert der Dortmunder Trainer Lucien Favre gern nach erfolglosen Spielen, zuletzt nach dem 2:2 gegen Bremen. Aber in der aktuellen Spielzeit zeigt sich überdeutlich, dass souveränes Ballgeschiebe nicht ausreicht. "Vielleicht kontrollieren wir zu viel und greifen nicht genug an", mutmaßte der Dortmunder Mittelfeldspieler Thomas Delaney am Samstag. Sein Kapitän Marco Reus drückte das noch drastischer aus: "Unsere Ballbesitzphasen sind in Ordnung, aber ohne jegliche Gefahr für den Gegner."

Ralph Orlowski / REUTERS

Mats Hummels auf dem Weg zur Aussprache in der BVB-Kabine

Diese Harmlosigkeit mit dem Ball haben die BVB-Spieler laut Mats Hummels gleich nach dem Spiel in der Kabine diskutiert. Dabei ging es offenbar auch hitzig zu.

Für die ehrgeizige Borussia ist die bisherige Saisonbilanz ernüchternd. Doch ein Grund zur Panik ist sie noch nicht. In der Bundesliga-Tabelle lagen am Samstagabend nur vier Punkte zwischen den ersten zehn Plätzen. Ohne die beiden späten Eigentore gegen Bremen und Freiburg sähe die Lage für Dortmund ganz anders aus. "Man muss realistisch sehen, dass wir nicht perfekt spielen", räumte Hummels am Samstag ein, "aber man muss auch sehen, dass wir mit ein bisschen Glück Tabellenerster wären." Trotzdem: Die hohen Ansprüche hat Borussia Dortmund dieses Jahr eindeutig formuliert. Gerecht wird das Team ihnen bisher aber nicht.

Was Freiburg stark macht

Vom bescheidenen, überglücklichen Tabellenzweiten aus Freiburg können sich auch die BVB-Stars dabei noch einiges abgucken. Im Gegensatz zur Ratlosigkeit auf höchstem Dortmunder Niveau scheinen die Profis aus dem Breisgau genau zu wissen, was sie für ihren Erfolg benötigen.

"Es gibt eine Grundbasis, die ist unabhängig vom Spielertyp", sagte SC-Trainer Christian Streich am Samstag: Man müsse bereit sein, sich zu quälen. "Energie, Power, Dynamik, Glaube, nicht aufzugeben", zählte Streich auf, das sei in jedem seiner Spieler zu spüren gewesen.

Patrick Seeger / DPA

Luca Waldschmidt erzielte gegen Dortmund bereits seinen vierten Saisontreffer

Symptomatisch eine Szene in der 60. Minute, als sich Freiburgs Lucas Höler an der linken Außenbahn entlangarbeitete und erst von drei BVB-Spielern gestoppt werden konnte. Das Publikum bejubelte den Einsatz des Stürmers, Streich tobte fäusteballend an der Seitenlinie. Sein Team hatte die bessere Zweikampfbilanz, ließ der Dortmunder Offensive vor dem Strafraum kaum Raum und verdiente sich so einen Punkt. Waldschmidt nannte das eine Willensleistung. Die Dortmunder reden nicht gern über Mentalität.

Während es beim BVB knirscht, ruht der SC Freiburg in sich selbst. Die Fans feierten vor dem Spiel den neuen DFB-Präsidenten, ihren ehemaligen Klubpräsidenten Fritz Keller, so herzlich, dass dem 62-Jährigen die Tränen kamen. Im Gespräch mit dem SPIEGEL warnte der oberste DFB-Funktionär allerdings vor zu viel Zufriedenheit: "Nach außen hin ist Ruhe wichtig, aber intern muss immer alles in Frage gestellt werden." Die größten Fehler mache man immer, wenn es einem zu gut gehe.

An diesem Samstagabend ging es den Freiburgern gut. Sehr gut. Der Einsatz, die Taktik, das Ergebnis, auch das Spielglück stimmte. "Die Zuschauer waren begeistert", sagte Christian Streich, "und an diesem Tag muss ich zugeben: ich auch."

SC Freiburg - Borussia Dortmund 2:2 (0:1)
0:1 Witsel (20.)
1:1 Waldschmidt (55.)
1:2 Kübler (Eigentor, 67.)
2:2 Akanji (Eigentor, 90.)
Freiburg: Schwolow - Kübler, Koch, Heintz - Schmid, Abrashi, Höfler, Günter - Waldschmidt, Höler, Haberer
Dortmund: Bürki - Piszczek, Akanji, Hummels, Guerreiro - Witsel, Delaney - Hakimi, Reus, Hazard - Götze
Schiedsrichter: Jablonski
Zuschauer: 24.000

insgesamt 58 Beiträge
Wunderläufer 06.10.2019
1. Einfach
Früher hieß das "Über den Kampf zum Spiel finden"; wer in Schönheit stirbt gewinnt alles, aber keine Meisterschaft
Früher hieß das "Über den Kampf zum Spiel finden"; wer in Schönheit stirbt gewinnt alles, aber keine Meisterschaft
Abel Frühstück 06.10.2019
2.
Nur zwei Punkte Rückstand ist eigentlich erstaunlich. Aber darauf kann man sich wirklich nicht ausruhen, das werden ganz schnell mehr, bzw. die anderen Vereine holen eben auch noch Punkte - und dann steht man da wie der HSV [...]
Nur zwei Punkte Rückstand ist eigentlich erstaunlich. Aber darauf kann man sich wirklich nicht ausruhen, das werden ganz schnell mehr, bzw. die anderen Vereine holen eben auch noch Punkte - und dann steht man da wie der HSV letzte Saison, der am Ende aus "knapp dran" ein solides "verfehlt" abrechnene musste. Punkte hin oder her - dieses öde Gekicke vom BVB ist viel frustrierender. Kaum Pressing, kein Tempo nach vorne. Brandt und Akanji bislang herbe Enttäuschungen. Von mir aus können die verlieren, aber ich will spektakulären fußball liefern, den der BVB die letzten zehn Jahre bot.
troihmel 06.10.2019
3. Mit ein bisschen Glück
wären auch andere Mannschaften an der Tabellenspitze, Herr Hummels. Aber es scheint so, als wären einige Spieler mittlerweile nicht mehr mit der Spielweise eines Herrn Favre einverstanden. Wie lange das Geknirsche im Getriebe [...]
wären auch andere Mannschaften an der Tabellenspitze, Herr Hummels. Aber es scheint so, als wären einige Spieler mittlerweile nicht mehr mit der Spielweise eines Herrn Favre einverstanden. Wie lange das Geknirsche im Getriebe des BVB noch gut geht bleibt abzuwarten.
konterspieler 06.10.2019
4. "The same precidure as every year...?"
Der Trainer ist der Aufgabe und der Mannschaft nicht gewachsen und die Mannschaft wächst demzufolge "unter sich hinunter" ... - Was tun? Gar nichts? Die Glaskugel befragen? Offensichtlich ist, das ein guter Trainer [...]
Der Trainer ist der Aufgabe und der Mannschaft nicht gewachsen und die Mannschaft wächst demzufolge "unter sich hinunter" ... - Was tun? Gar nichts? Die Glaskugel befragen? Offensichtlich ist, das ein guter Trainer mehr sein muss, als ein guter Trainer, wie ein guter Dirigent mehr sein muss, als ein guter Dirigent, um aus einem normalen Orchester ein erstklassiges Orchester zu machen. Das ist beides oft genug in der Praxis bewiesen worden. - Ausserdem hat Dortmund immer noch und wieder einmal - wie in der letzten Saison auch - Probleme in der Verteidigung! Wichtiger als die Frage, wo und ob Brandt spielt, wäre demnach die Frage: Wer spielt hinten wo und wie! Die Achillesferse des BVB ist die Verteidigung.
Nonvaio01 06.10.2019
5. ich musste lachen
bei diesen Zeilen.. Eigentlich hat der BVB ein hochveranlagtes Team mit Titel-Potenzial. Europaweit können nicht viele Mannschaften gegen die Dribblings von Jadon Sancho, die Passsicherheit von Axel Witsel und die [...]
bei diesen Zeilen.. Eigentlich hat der BVB ein hochveranlagtes Team mit Titel-Potenzial. Europaweit können nicht viele Mannschaften gegen die Dribblings von Jadon Sancho, die Passsicherheit von Axel Witsel und die Schnelligkeit von Achraf Hakimi bestehen. Was fuer eine verzerrte wahrnehmung. Naja wenn man so denkt wird es noch viele "ueberraschende" Niederlagen oder Unentschieden geben. Freiburg ist in der tabelle vor dem BVB und das aus gutem grund, zu tun als wenn man die weghauen muesste ist total arrogant und verkennt die situation voellig.

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