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Sport

Liverpools Sieg über Barcelona

Absolute Giganten

Gegen jede Logik steht Jürgen Klopps Liverpool nach einem 4:0 gegen Barça im Champions-League-Finale. Dank eines der größten Spiele der Königsklasse bekommt der Trainer die Chance, einen Makel zu beheben.

REUTERS

Liverpool-Profis Georginio Wijnaldum (l.), Jordan Henderson (r.), Trent Alexander-Arnold (hinten)

Aus Liverpool berichtet
Mittwoch, 08.05.2019   07:18 Uhr

Es gibt Fußballspiele, deren Gewicht einen fast erdrückt. Dann steht man da nach dem Abpfiff, sucht nach Vergleichbarem. Aber alles, was man findet, fühlt sich unpassend an. Denn jeder Vergleich mit anderen Partien würde diesem einen Spiel den Platz rauben, seine Wirkung voll zu entfalten. Wie epochale Gemälde, die man im Museum zu dicht nebeneinander gehängt hat.

Das 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona im Rückspiel des Champions-League-Halbfinales gehört ohne jeden Zweifel in die Galerie der ganz großen Spiele dieses Wettbewerbs - vielleicht auch des Fußballs überhaupt. Denn selten hat es eine Mannschaft geschafft, derart gegen jede Logik dieses Sports zu triumphieren wie das Team von Jürgen Klopp in jener zauberhaften Nacht von Anfield.

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Liverpools 4:0 gegen Barcelona: This is Anfield

Liverpool kehrte nicht nur ein 0:3 aus dem Hinspiel um, was in der Historie der Königsklasse zuvor nur zwei anderen Klubs im Halbfinale gelungen war (Panathinaikos gegen Belgrad 1971 und dem FC Barcelona selbst 1986 gegen Göteborg). Liverpool schaffte dies auch gegen ein immer noch grandioses Barça-Team mit dem immer noch besten Spieler aller Generationen, Lionel Messi.

Klopps Paraderolle: eine Mannschaft emotionalisieren

Und das obwohl Klopp selbst nur über eine stark dezimierte Mannschaft verfügte. Er musste mit Roberto Firmino und Mohamed Salah zwei der begabtesten Angreifer der Welt ersetzen und im Laufe der Partie auch noch den fabelhaft stürmenden Außenverteidiger Andrew Robertson. Barças Luis Suárez hatte ihm im Vorbeilaufen vom Schiedsrichter unbemerkt ans Knie getreten. Dass Karmapunkte im modernen Fußballbusiness etwas zählen, ist eigentlich unwahrscheinlich. Aber vielleicht ja doch.

Vielleicht ja doch, das war auch Klopps Haltung zu diesem Spiel mit der scheinbar hoffnungslosen Ausgangslage. Vor dem Anpfiff hatte der 51-Jährige seiner Mannschaft gesagt: "Ich glaube nicht, dass es möglich ist." Aber dann habe er in die Gesichter gesehen, berichtete der Trainer später: "Weil ihr es seid, glaube ich, dass wir eine Chance haben", sagte Klopp seinen Spielern. "Der Grund dafür ist: Sie sind einfach mentale Riesen." Absolute Giganten.

Das ist Klopps Paraderolle: Wie kaum ein Zweiter kann der Trainer eine Mannschaft emotionalisieren. Das sah man gegen Barça, als er sich kurz vor Schluss am Seitenrand mit seinem Kapitän Jordan Henderson stritt, ihm dann aber zart über das Gesicht streichelte wie ein Vater und an sich riss, sodass Henderson wenig später zurück ins Feld lief, als wäre er tatsächlich ein Riese. Barças Trainer Ernesto Valverde sollte später sagen: "Liverpool hat uns buchstäblich überrannt."

Wen Klopp im Jubeltaumel nach dem Abpfiff nicht umarmte und in die Luft hob, der war nicht dabei. Und dann reihte er sich ein in die Spielerkette, die gemeinsam vor der Kop, der Tribüne hinter dem südwestlichen Tor des Stadions an der Anfield Road, die Hymne "You never walk alone" sang, dass sich einem die Oberarmhärchen aufstellten.

"Don't stop believin'"

Aber Klopp war nicht nur der Schamane dieses historischen Triumphs, der seine Mannschaft mit mentalen Wunderkräften zum Sieg trieb. Er traf auch die richtigen Entscheidungen: Divock Origi hatte in dieser Saison in Liga und Champions League zuvor erst viermal in der Startelf gestanden. Gegen Barcelona stellte ihn Klopp statt Daniel Sturridge ins Sturmzentrum, und der Belgier traf doppelt, was ihn zur Galionsfigur dieses Abends der außergewöhnlichen Geschichten machte.

Klopp entschied sich nach Robertsons Ausfall auch für Georginio Wijnaldum als Ersatz. Er schob James Milner dafür links in die Abwehr und Wijnaldum ins Mittelfeldzentrum. Hatte der Niederländer im Hinspiel noch als hängende Spitze agieren müssen und dabei keinen einzigen Torschuss zustande gebracht, so traf auch er nun doppelt - innerhalb von nur 120 Sekunden. "Was diese Jungs geleistet haben, das ist so besonders, und ich werde mich für immer daran erinnern", schwärmte Klopp.

Zu den Erklärungen dieses Sieges gehört aber auch der Ort, an dem er stattfand. Klopp weiß, wie Anfield verloren geglaubte Partien gewinnen kann. 2016 lag er mit Liverpool im Viertelfinale der Europa League gegen seinen Ex-Klub Dortmund nach einem 1:1 im Hinspiel im Rückspiel 1:3 hinten. Er siegte noch 4:3.

Auch gegen Barça war es ein Duett einer euphorisierten Mannschaft mit einem Stadion, das ihr Team so laut nach vorn brüllte, dass es den Beobachtern noch Stunden nach Abpfiff in den Ohren schrillen sollte. Bis 30 Minuten vor Spielbeginn erwärmten sich die Spieler noch fast allein im Rund. Dann aber strömten die Massen von den umliegenden Pubs auf die Tribünen, und das Stadion verwandelte sich binnen Minuten in eine Kampfbahn. Die Stadionregie spielte "Don't stop believin'", und im Spiel wurde nicht nur jedes gelungene Tackling wie ein Tor bejubelt, sondern auch der Linienrichter gefeiert, als er eine Abseitsstellung Barças erkannte.

Ikone der Dusseligkeit

Mit einem solchen Stadion schafft man Unmögliches. Liverpool hat daheim seit zwei Spielzeiten in der Liga nicht mehr verloren, in der Champions League seit 2014. "Wenn ich diesen Klub beschreiben müsste", sagte Klopp, "dann wäre das ein großes Herz. Und heute Abend hat es wie wild geschlagen."

PETER POWELL/EPA-EFE/REX

Anfield kann Spiele gewinnen

Zum Schlachtengemälde dieser Partie gehört schließlich noch ein skurriles Highlight: Eine schnell ausgeführte Ecke von Trent Alexander-Arnold, die Barças Defensive aussehen ließ, als sei sie soeben aus dem Spa-Bereich getreten, wurde zum Treffer, der den zweiten Finaleinzug in Serie für Liverpool bedeutete. Während die Katalanen noch langsam in den Strafraum trabten, spielte Alexander-Arnold bereits Origi flach am Fünfmeterraum an, der zum 4:0 einschob. Ist Messis Freistoßtreffer aus 30 Metern im Hinspiel zu Recht eine Ikone der Schönheit dieser Spielzeit gewesen, so muss man dieses unwirkliche Tor nach dieser unwirklichen Ecke als Ikone der Dusseligkeit verbuchen.

Klopp hat Liverpool nun zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren in ein europäisches Finale geführt. 2016 scheiterte er in der Europa League an Sevilla, 2018 in der Champions League an Real Madrid. Weil er schon mit dem BVB 2013 das Endspiel der Königsklasse gegen den FC Bayern verlor, haftet dem Trainer bei allen Erfolgen ein Makel an. "Ich weiß, was die Leute über mich sagen. Dass ich Endspiele verliere. Und sie haben recht", sagte Klopp. "Aber wir sind wieder dort, und das ist etwas Besonderes." Am 1. Juni bekommt er in Madrid die Chance, diesen Makel zu beheben.

insgesamt 80 Beiträge
paretooptimum 08.05.2019
1. Beste Spieler aller Generationen
Wenn Messi, der beste aller Zeiten wäre, dann wäre er Weltmeister geworden. Mit Maradonna, wären wir nicht Weltmeister geworden. Messi hat immer nur in einer der besten Mannschaften der Welt gespielt, wenn er was gewonnen hat. [...]
Wenn Messi, der beste aller Zeiten wäre, dann wäre er Weltmeister geworden. Mit Maradonna, wären wir nicht Weltmeister geworden. Messi hat immer nur in einer der besten Mannschaften der Welt gespielt, wenn er was gewonnen hat. Pele und Maradonna haben auch mit durchschnittlichen Teams was gerissen.
viceman 08.05.2019
2. als herr dembele am ende des hinspieles
seine zwei riesenchancen ( 1 x 100 %-ige ) nicht nutzte , ahnte ich schon schlimmes. barca hat es nicht drauf und der trainer, naja , erst recht nicht. für mich gehörte suarez bereits zur halbzeit raus und was die abwehr [...]
seine zwei riesenchancen ( 1 x 100 %-ige ) nicht nutzte , ahnte ich schon schlimmes. barca hat es nicht drauf und der trainer, naja , erst recht nicht. für mich gehörte suarez bereits zur halbzeit raus und was die abwehr fabrizierte war nicht cl-würdig. natürlich war liverpool stark und hat in der summe der spiele auch verdient gewonnen. hoffentlich klappt es mit dem cup !
tomaraya 08.05.2019
3. Gegen jede Logik!?
Das war nun alles andere als gegen jede Logik. Liverpool hat an sich geglaubt, und Barca war sich Ihrer Sache zu sicher. Barca gegen PSG in der vergangenen CL Saison, das war gegen jede Logik, weil nur mit Hilfe des [...]
Das war nun alles andere als gegen jede Logik. Liverpool hat an sich geglaubt, und Barca war sich Ihrer Sache zu sicher. Barca gegen PSG in der vergangenen CL Saison, das war gegen jede Logik, weil nur mit Hilfe des Schiedsrichters möglich!
ferryh 08.05.2019
4. Liverpool vs. Ajax im Finale
und dann sieht die CL-Saison der Bayern rückwirkend gar nicht mehr so negativ aus, wenn man bedenkt, welche Mannschaften hier auf diese Art und Weise performen. Glückwunsch Liverpool und Klopp. Anfield hat eine wirklich [...]
und dann sieht die CL-Saison der Bayern rückwirkend gar nicht mehr so negativ aus, wenn man bedenkt, welche Mannschaften hier auf diese Art und Weise performen. Glückwunsch Liverpool und Klopp. Anfield hat eine wirklich magische Atmosphäre. Viel Glück im Finale!
spon_2937981 08.05.2019
5.
Was hat sich Valverde eigentlich dabei gedacht, Vidal auszuwechseln? Der war der einzige bei Barca, der wach und entschlossen genug war. Aber vermutlich wollte er NOCH MEHR Ruhe ins Spiel bringen (und damit seine eigenen Jungs [...]
Was hat sich Valverde eigentlich dabei gedacht, Vidal auszuwechseln? Der war der einzige bei Barca, der wach und entschlossen genug war. Aber vermutlich wollte er NOCH MEHR Ruhe ins Spiel bringen (und damit seine eigenen Jungs vollends einlullen). Das war auch ein Sieg der Trainer-Mentalitäten und -Ausstrahlungen: Knäckebrot gegen Vulkan. Da kann das Knäckebrot schon mal alt aussehen.

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2009 FC Barcelona
2008 Manchester United
2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
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2000 Real Madrid
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1998 Real Madrid
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