Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Seleção bei der Copa América

Wie sich Brasilien von Neymar emanzipiert

Die Seleção geht ohne den verletzten Superstar Neymar in die Südamerika-Meisterschaft im eigenen Land - und wirkt wie befreit. Anders sieht es in Argentinien aus. Und warum ist eigentlich Japan dabei?

REUTERS/Ueslei Marcelino

"Neymar, welcher Neymar?"

Von
Freitag, 14.06.2019   14:58 Uhr

Als das Thema Neymar abgehakt war und man in Brasilien wieder nur über Fußball reden konnte, da ging es plötzlich ganz leicht. Sieben Tore, darunter einige schöne, kein Gegentor, eine irgendwie befreit wirkende Mannschaft, die zeigte, dass sie auch ohne ihren besten, kapriziösesten Spieler aufregenden Fußball spielen kann.

Okay, der Gegner war Honduras, der zudem noch weite Teile der Partie zu zehnt spielte, aber dennoch. Man konnte sehen, dass Brasilien auch ohne Neymar Júnior ein äußerst konkurrenzfähiges Team hat. "Die brasilianische Nationalmannschaft ist ohne Neymar viel besser als die argentinische ohne Messi", befand anschließend Tostão, Weltmeister von 1970 und heute so etwas wie der Chefkritiker der Seleção.

Wie sehr Medien und Fans mittlerweile die Eskapaden des 27-Jährigen nerven, konnte man an den Kommentaren nach dem Sieg gegen das überforderte Honduras ablesen. Das Spiel wurde hochgejazzt zu einer schweren Generalprobe auf die Copa América, die am Freitag mit dem Eröffnungsspiel des Gastgebers gegen Bolivien (21.30 Uhr Ortszeit, Samstag, 2.30 MESZ) beginnt.

"Neymar, welcher Neymar?", fragte der bekannte Fußball-Kolumnist Cosme Rímoli nach dem Spiel. Brasilien beginne die Erleichterung zu spüren, die mit der Abwesenheit des Stürmers von Paris Saint-Germain einhergehe, der das Turnier wegen einer Knöchelverletzung verpasst. Nachdem sich in den vergangenen Wochen alles um Neymar drehte, dem von einer Frau vorgeworfen wird, sie in Paris vergewaltigt zu haben, und der nun erneut von der Polizei verhört wurde, hat Gastgeber Brasilien nun endlich Lust auf das Turnier.

Sebastião Moreira/EPA-EFE/REX

Gabriel Jesús

Vor allem Gabriel Jesus, Stürmer vom englischen Meister Manchester City, trat in dem Spiel gegen die Zentralamerikaner aus dem Schatten Neymars. Auch die neuen Gesichter, David Neres von Ajax Amsterdam und Richarlison vom FC Everton, zeigten, dass sie die Lücke im Angriff schließen können, die der PSG-Stürmer lässt. Und Philippe Coutinho, der beim FC Barcelona ein verlorenes Jahr erlebt hat, bekommt ohne Neymar hinter den Spitzen nun alle Freiheiten.

Brasilien habe gezeigt, dass es wahrhaft kollektiven und kreativen Fußball spielen könne, sagt Experte Rímoli. Ohne die so oft kritisierte "Neymardependencia", die Abhängigkeit vom Ausnahmespieler, ergäben sich ganz neue Möglichkeiten für das Team, sagte Breiller Pires, Seleção-Experte, dem SPIEGEL. "Hinten sichern die alten Routiniers wie Dani Alves, Miranda und Thiago Silva ab und vorne toben sich die neuen jungen Wilden aus." So könne Brasilien eine erfolgreiche Copa spielen.

Auch für Trainer Tite war das Spiel gegen Honduras eine Erleichterung. Der Coach, der für viele Brasilianer zu lange zu nachsichtig mit Neymar war, feierte mit dem 7:0 den höchsten Sieg seiner Amtszeit. Er, das Team und das ganze Land haben nun die Gewissheit, dass es erfolgreichen Fußball auch ohne Neymar geben kann.

Argentiniens letzter Copa-Gewinn liegt lange zurück

So weit sind die anderen Favoritenteams noch lange nicht. In Argentinien und Kolumbien dreht sich nach wie vor alles um ihre Stars Leonel Messi und James Rodríguez. Allerdings dominiert vor allem beim 14-fachen Copa-Sieger Argentinien dieses Mal das Understatement, zu frisch ist die Erinnerung an die beiden verlorenen Finals der vergangenen Ausgaben 2015 und 2016, als die himmelblau-weiße Auswahl erst im Elfmeterschießen Chile unterlag.

Messi, der bereits einmal seinen Rücktritt vom Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte und sich nach dem WM-Achtelfinal-Aus vom Team distanzierte, führt seine Mannschaft nun wieder als Kapitän in die Südamerika-Meisterschaft. Es ist eine Auswahl, in die Neutrainer Lionel Scaloni viele junge und nicht mehr ganz so junge Spieler integriert hat, wie zum Beispiel den 27-Jährigen Germán Pezzella (AC Florenz) und den 25 Jahre alten Rodrigo de Paul (Udinese Calcio).

Joedson Alves/EPA-EFE/REX

Messi

"Wir fahren wie immer mit großer Lust und Hoffnung zur Copa, aber unsere Mannschaft hat einige Spieler, die noch keinen Wettbewerb auf diesem Niveau gespielt haben", sagte Messi dem Sender "TyC Sports". "Wir sind nicht wie bei anderen Turnieren die Favoriten. Das ist Brasilien." Argentiniens letzter Copa-Gewinn liegt zudem bereits 16 Jahre zurück.

Und für den besten Fußballer der Welt ist es im Herbst seiner Karriere vielleicht die letzte Chance, doch noch mit der Nationalmannschaft einen Titel zu holen und den Makel des Unvollendeten abzustreifen. Viermal hat er mit dem FC Barcelona die Champions League gewonnen, zehnmal die spanische Meisterschaft und sechsmal den Pokal. Viermal wurde er Weltfußballer. Die Copa 2019 könnte nun die letzte Chance sein auf einen Titel im Argentinien-Trikot. Bei der Weihnachts-WM Ende 2022 in Katar wird Messi 35 Jahre alt sein. Ob er bis dahin weitermacht, hängt vielleicht auch vom Abschneiden der Argentinier jetzt in Brasilien ab.

Mit dabei: Katar und Japan

Auch die Kolumbianer wollen nach ihrem unglücklichen WM-Achtelfinal-Aus gegen England mit dem neuen portugiesischen Trainer Carlos Queiroz ein besseres Ergebnis bei der Copa erreichen. Bei Kolumbien dreht sich alles um Ex-Bayern-Spieler James Rodríguez, der gemeinsam mit Altstar Radamel Falcao (AS Monaco) eine vorsichtig verjüngte Mannschaft ins Turnier führt. Spielt James ein großes Turnier, kann Kolumbien bis ins Finale kommen. Ist er uninspiriert oder wie in Russland verletzt, wird es trotz toller Einzelkönner wie Yerry Mina (FC Everton), Davinson Sánchez (Tottenham) und Guillermo Cuadrado (Juventus) eng.

Zu den Dauerfavoriten gehören wie immer auch die Uruguayer, die mit ihren scheinbar alterslosen Stars Edinson Cavani (32, PSG), Luis Suárez (32, FC Barcelona) und Diego Godín (33, Atlético Madrid) antreten. Die Männer aus dem Drei-Millionen-Einwohner-Land haben schon 15 Mal die Copa América gewonnen, so oft wie keine andere Mannschaft.

Mexiko fehlt dieses Mal als eines von zwei Gastländern. Die Nordamerikaner wollen lieber den "Gold Cup" - das Copa-América-Pendant in Nordamerika und der Karibik - gewinnen. Dafür dürfen Katar und Japan in Brasilien mitspielen. Für den Gastgeber der nächsten WM ist es die Chance, sich auf großer Bühne zu beweisen, schließlich sind die Katarer für die Heim-WM automatisch qualifiziert. Japan hingegen ist nach 1999 zum zweiten Mal dabei, damals schieden die Asiaten schon in der Vorrunde aus.

insgesamt 8 Beiträge
klichti 14.06.2019
1.
Und warum sind sie jetzt dabei, die Japaner? Warum Israel im European Song Contest ist, weiß ich. Die Japaner sind also von Feinden umgeben und dürfen nicht an der Copa Asiatica teilnehmen?
Und warum sind sie jetzt dabei, die Japaner? Warum Israel im European Song Contest ist, weiß ich. Die Japaner sind also von Feinden umgeben und dürfen nicht an der Copa Asiatica teilnehmen?
kaibrasil 14.06.2019
2. Japan und Qatar bei der Copa América
Der Suedamerikanische Verband CONMEBOL hat nur zehn Mitglieder. Um fuer die Vorrundenspiele drei Vierergruppen bilden zu koennen, hat man zwei Mannschaften eingeladen: Japan und Qatar.
Der Suedamerikanische Verband CONMEBOL hat nur zehn Mitglieder. Um fuer die Vorrundenspiele drei Vierergruppen bilden zu koennen, hat man zwei Mannschaften eingeladen: Japan und Qatar.
chicoalemão 14.06.2019
3.
Es gehoert zwar nicht direkt zum Thema, aber die 4,5 Teilnehmer des Conmebol bei den Weltmeisterschaften bei nur 10 Mitgliedern ist extrem ungerecht.
Es gehoert zwar nicht direkt zum Thema, aber die 4,5 Teilnehmer des Conmebol bei den Weltmeisterschaften bei nur 10 Mitgliedern ist extrem ungerecht.
halverhahn 14.06.2019
4. @ klichti
Es gibt durchaus ein Pendant zur Südamerika-Fußballmeisterschaft Copa America: die Asien Fußballmeisterschaft, kurz AFC Asian Cup genannt. Und da ist auch Japan und Katar mit von der Partie sowie beim letzten Turnier noch [...]
Es gibt durchaus ein Pendant zur Südamerika-Fußballmeisterschaft Copa America: die Asien Fußballmeisterschaft, kurz AFC Asian Cup genannt. Und da ist auch Japan und Katar mit von der Partie sowie beim letzten Turnier noch weitere 22 asiatische Mannschaften (mit "asiatischen Exoten" wie bspw Libanon, Palästina und Australien lol). Übrigens bei diesem letzten Turnier im Januar/Februar 2019 standen Japan und Katar im Finale und Katar hat da gesiegt...
jensen12345 14.06.2019
5. Neymar ist im Nationalteam wohl der beste Spieler weltweit
der letzten 5 - 6 Jahre. Mit Neymar auf dem Platz hat Brasilien seit Herbst 2013 gerade mal zwei Spiele verloren. In den allermeisten Fällen spielt Neymar im Trikot der Selecao überragend. Mit 27 Jahren kommt er schon jetzt auf [...]
der letzten 5 - 6 Jahre. Mit Neymar auf dem Platz hat Brasilien seit Herbst 2013 gerade mal zwei Spiele verloren. In den allermeisten Fällen spielt Neymar im Trikot der Selecao überragend. Mit 27 Jahren kommt er schon jetzt auf 60 Tore und 40 Torvorlagen. Das ist absolut herausragend. Ohne Neymar ist Brasilien bei der WM 2014 im eigenen Land mit 1:7 gegen Deutschland ausgeschieden. Ohne Neymar auf dem Platz ist Brasilien kläglich bei den vergangenen beiden Südamerika-Meisterschaften ausgeschieden. Vor ein paar Monaten reicht es ohne Neymar für die Selecao gegen den krassen Außenseiter Panama sogar nur zu einem 0:0. Neymar ist wohl der beste Nationalspieler weltweit der letzten 5 - 6 Jahre. Sein Verlust ist für Brasilien sicherlich schwerer als wenn bei Argentinien Messi ausfiele.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP