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Sport

DFB-Sieg in den Niederlanden

Erst einmal Ruhe

Selten ist der Bundestrainer vor einer Partie so viel Risiko eingegangen wie vor dem Hollandspiel. Und seine Mannschaft hat ihn dafür belohnt. Löw hat jetzt die Ruhe, die er braucht.

Getty Images

Bundestrainer Joachim Löw (r.)

Aus Amsterdam berichtet
Montag, 25.03.2019   12:16 Uhr

Als diese aufregende Partie zu Ende war, wollten die Reporter Einblicke in die Gefühlswelt des Bundestrainers. Ob er denn glücklich sei nach diesem späten 3:2-Erfolg bei den starken Niederländern, ob er jetzt Genugtuung empfinde nach diesem für die Nationalmannschaft so schlimmen Jahr, nach all der Kritik an seiner Person.

Aber Gefühle hat Joachim Löw in seinen fast 13 Jahren als Cheftrainer des DFB selten offenbart. Und auch nach diesem Spiel war das nicht anders. Viel mehr als ein "Ich bin innerlich schon zufrieden" ließ sich Löw nicht entlocken. Dass dieser Sieg von Amsterdam auch und vor allem ein persönlicher Erfolg des Bundestrainers ist, das ist dennoch offensichtlich (sehen Sie hier Löws Aussagen im Video).

Vom mutigen Löw, vom Risiko-Löw, gar vom Radikalen war vor dieser Partie häufig zu lesen gewesen. Tatsächlich hatte sich der Bundestrainer mit seiner Personalpolitik angreifbar gemacht. Er hatte drei Weltmeister ausgemustert und damit auf viel Erfahrung verzichtet, er hatte gleichzeitig an seinem Torwart Manuel Neuer festgehalten. Obwohl viele sich den Einsatz von Barça-Keeper Marc-Andre ter Stegen gewünscht hätten. Und als sei das nicht genug, ließ er Marco Reus zunächst auf der Bank. Der Dortmunder hatte leichte Oberschenkelprobleme, wäre aber zu einem Einsatz durchaus bereit gewesen. Löw brachte ihn für die letzten drei Minuten.

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Deutscher Sieg gegen Niederlande: Umbruch gegen Umbruch

Das alles hätte richtig übel schief gehen können, aber das Erstaunliche dieses Abends: Alles ging auf. In der ersten Halbzeit mischten Serge Gnabry und Leroy Sané die hochgelobte niederländische Defensive auf, dahinter räumte Joshua Kimmich in der Zentrale fast jeden Ball und Gegner ab, und wenn dann doch mal ein Ball bis in den Strafraum durchgekommen war, rettete Neuer, als sei er in einen Jungbrunnen gestiegen. "Die erste Hälfte war von uns überragend", bilanzierte Löw, und niemand hätte ihm widersprechen können. Es waren die besten 45 Minuten, die diese Mannschaft seit Jahren am Stück abgeliefert hatte.

Die zweite Hälfte zeigte aber, was dieser Elf noch fehlt. Stabilität. Schon in der Nations League im Herbst hatte sie Spiele mit starken 45 Minuten gezeigt, dies über die gesamte Spielzeit zu halten, das schafft sie derzeit offenbar noch nicht. Das schnelle Anschlusstor von Oranje nach dem Wechsel veränderte das Spiel grundlegend, ab sofort war nur noch die Elf von Ronald Koeman am Drücker, das 2:2 fiel zwangsläufig. Das Reagieren auf Umstellungen des Gegners ist Löws Stärke nicht.

"Wir haben den Mut nicht verloren"

Entlastung gab es auch danach kaum noch. Bis zur Einwechslung von Ilkay Gündogan und Marco Reus - beide waren maßgeblich an der Vorarbeit zum Lucky Punch durch Nico Schulz in der vorletzten Minute beteiligt. "Ich hatte von draußen immer den Eindruck, die Mannschaft glaubt noch an den Sieg", so der Bundestrainer. Der Eindruck hat ihn nicht getrogen. "Nach dem 2:2 war es echt schwierig, aber wir haben den Mut nicht verloren und alles versucht und zum Glück noch das Siegtor erzielt", bestätigte ihn sein Kapitän Neuer.

3:2 beim schärfsten Konkurrenten in der Qualifikationsgruppe gewonnen, jetzt folgen die Spiele gegen Weißrussland und Estland. Das bedeutet: Löw hat jetzt erst einmal Ruhe, das ist ihm immer am liebsten gewesen. Die Wucht der Kritik, die ihn nach dem Umgang mit den Personalien Mats Hummels, Jérome Boateng und Thomas Müller getroffen hat, wird ab sofort nachlassen.

Joachim Löw - der Gewinner des Abends

Die turbulenten Monate nach der WM sind vorbei. Löw sagt: "Das Jahr 2018 habe ich abgehakt." Stattdessen kann er sich zurücklehnen und genüsslich darauf verweisen, alles richtig gemacht zu haben. Ein Treffer mehr für die Niederlande in deren Druckphase allerdings, und die Debatte wäre eine ganz andere. Die Dinge sind labil.

"Ich bin so lange dabei, ich kann mit Kritik längst umgehen und empfinde vieles gar nicht mal als Kritik", sagt Löw. Das ist vielleicht genau sein Geheimnis, das ist das, was viele an Löw mit dem Adjektiv entrückt zu beschreiben versuchen. Manches, was an ihm kritisiert wird, nimmt er gar nicht mehr wahr. Es hat ihm wieder einmal geholfen. Joachim Löw ist der Gewinner des Abends.

Niederlande - Deutschland 2:3 (0:2)
0:1 Gnabry (15.)
0:2 Sané (34.)
1:2 de Ligt (48.)
2:2 Memphis (63.)
2:3 Schulz (90.)
Niederlande: Cillessen - Dumfries, de Ligt, van Dijk, Blind - de Roon (90. L. de Jong), Wijnaldum, F. de Jong - Promes, Depay, Babel (46. Bergwijn)
Deutschland: Neuer - Süle, Ginter, Rüdiger - Kehrer, Kroos, Kimmich, Schulz - Goretzka (69. Gündogan) - Gnabry (88. Reus), Sané
Gelbe Karten: Blind
Schiedsrichter: Jesús Gil Manzano
Zuschauer: 54.990 in Amsterdam (ausverkauft)

insgesamt 75 Beiträge
hp22 25.03.2019
1.
Die Aussage "Selten ist der Bundestrainer vor einer Partie so viel Risiko eingegangen wie vor dem Hollandspiel" überrascht schon ein bischen. Löw hat extrem defensiv aufgestellt, meiner Meinung nach wollte er ein 0:0 [...]
Die Aussage "Selten ist der Bundestrainer vor einer Partie so viel Risiko eingegangen wie vor dem Hollandspiel" überrascht schon ein bischen. Löw hat extrem defensiv aufgestellt, meiner Meinung nach wollte er ein 0:0 ermauern, das ist nun wirklich nicht riskant. Ich denke er war selbst vom Spielverlauf überrascht und vor allem davon, wieviel die zuletzt hochgelobte holländische Defensive in der ersten Halbzeit zugelassen hat.
konterspieler 25.03.2019
2. Ja, die "Ruhe" ist genau das falsche Signal
für eine Mannschaft, die fast immer nur dann gut ist, nachdem sie einen ordentlichen "Tritt in den Hintern" gekriegt hat. Das scheint in der deutschen Mentalität, einem unausrottbaren Phlegma, zu liegen: man [...]
für eine Mannschaft, die fast immer nur dann gut ist, nachdem sie einen ordentlichen "Tritt in den Hintern" gekriegt hat. Das scheint in der deutschen Mentalität, einem unausrottbaren Phlegma, zu liegen: man "klotzt" nur dann so richtig ran, wenn es um etwas geht, ansonsten lässt man es "tiefenentspannt" angehen. Das war auch früher schon so. Die Ausnahme von dieser Regel war die letzte WM, aber auch dafür gab es einen ähnlichen Grund: die angeblich so "leichte Vorrundengruppe". Eine so "leichte" Gruppe ist "Gift" für deutsche Fussballprofis: da döst man in den Tag hinein, will alles "im Vorbeigehen" erledigen und dann passiert das "Undenkbare"... - Und jetzt kommt schon wieder so eine "leichte Gruppe", die überhaupt nicht geeignet ist eine Herausforderung darzustellen. Besser wäre es: die Deutsche Mannschaft würde in ihren Qualifikationen und Vorrunden auf schwere Gegner treffen, damit sie von Anfang an merkt, das hier Anstrengung und besondere Leistung gefordert sind. Da war Holland ein guter Anfang, aber jetzt kommen erst wieder die "leichten Gegner" und bei der EM wundert man sich dann das da überraschenderweise gar nichts mehr leicht ist ... -
zeisig 25.03.2019
3. Falsch !
Der Bundestrainer ist eben gerade KEIN Risiko eingegangen. Daß wir gute junge Leute haben weiß man inzwischen, diese aufzustellen war alternativlos. Gewinnt er dann mit diesen Leuten, hat er natürlich alles richtig gemacht. [...]
Der Bundestrainer ist eben gerade KEIN Risiko eingegangen. Daß wir gute junge Leute haben weiß man inzwischen, diese aufzustellen war alternativlos. Gewinnt er dann mit diesen Leuten, hat er natürlich alles richtig gemacht. Hätten wir verloren, hätte er auch alles richtig gemacht. Dann hätte es geheißen, die Jungen brauchen halt noch ein bischen Zeit, bis sie auch gegen die "Großen" bestehen können. Vielmehr ist es doch so, daß man sich fragen muß, warum Deutschland zuerst so tief sinken mußte. Für mich ist Löw inzwischen zu einem Glücksritter mutiert, der machen kann, was er will. Er hat immer recht und "verdient sein Geld im Schlaf".
r.macho 25.03.2019
4. Guter Tag für das DFB-Team
Löw ist zweifellos auf dem richtigen Weg. Nach dem WM-Schock hat er folgerichtig reagiert. Gegen das Oranje-Team zeigten sich nun erste Erfolge. Auch die Taktik-Änderung von Ronald Coeman hat Löw richtig beantwortet mit Reus [...]
Löw ist zweifellos auf dem richtigen Weg. Nach dem WM-Schock hat er folgerichtig reagiert. Gegen das Oranje-Team zeigten sich nun erste Erfolge. Auch die Taktik-Änderung von Ronald Coeman hat Löw richtig beantwortet mit Reus und Gündogan. Auffallend war auch die Kommunikation der Spieler untereinander und die beachtlichen Emotionen, die sie herausgelassen haben. Das läßt uns optimistisch in die Zukunft schauen.
Sysyphos unkaputtbar 25.03.2019
5. Löw hat seine Qualitäten
Ich bewundere ihn, wie er sich allen Querschüssen zum trotz im Amt gehalten hat und noch hält. Er hat Spieler aussortiert, die nicht ganz auf seiner Linie waren. Wahrscheinlich ist das auch der eigentliche Grund, warum er [...]
Zitat von zeisigDer Bundestrainer ist eben gerade KEIN Risiko eingegangen. Daß wir gute junge Leute haben weiß man inzwischen, diese aufzustellen war alternativlos. Gewinnt er dann mit diesen Leuten, hat er natürlich alles richtig gemacht. Hätten wir verloren, hätte er auch alles richtig gemacht. Dann hätte es geheißen, die Jungen brauchen halt noch ein bischen Zeit, bis sie auch gegen die "Großen" bestehen können. Vielmehr ist es doch so, daß man sich fragen muß, warum Deutschland zuerst so tief sinken mußte. Für mich ist Löw inzwischen zu einem Glücksritter mutiert, der machen kann, was er will. Er hat immer recht und "verdient sein Geld im Schlaf".
Ich bewundere ihn, wie er sich allen Querschüssen zum trotz im Amt gehalten hat und noch hält. Er hat Spieler aussortiert, die nicht ganz auf seiner Linie waren. Wahrscheinlich ist das auch der eigentliche Grund, warum er Boateng, Müller und Hummel aussortiert hat. Es gibt doch tatsächlich noch Leute, die glauben, beim Fußball geht es um Fußball.

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