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Sport

DFB-Abwehr ohne Boateng und Hummels

Vorsicht, Hintermann!

Jahrzehntelang war der DFB stolz auf seine Abwehr. Nach der Ausmusterung von Jérôme Boateng und Mats Hummels ist die Innenverteidigung nun zur Risikoregion geworden. Das Spiel gegen die Niederlande wird zur Reifeprüfung.

Fabian Bimmer / REUTERS

Jonathan Tah (l.) und Antonio Rüdiger in der Pflicht

Aus Amsterdam berichtet
Sonntag, 24.03.2019   12:35 Uhr

Zu den immer wieder gern erzählten Sagen des Fußballs gehören die Geschichten vom rauschenden Offensivfußball der Niederlande und der Abwehrdisziplin der Deutschen. Oranje, das ist Voetbal total, mit einer Richtung, nämlich nach vorne. DFB - das bedeutet Spiel aus einer sicheren Abwehr mit Innenverteidigern, die wie Eichen sind. Förster, Kohler, Wörns, Namen wie blaue Flecken.

Die Dinge haben sich geändert. Wenn die Niederländer am Sonntag (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegen die DFB-Elf antreten, dann ist die Abwehr mit dem Innenverteidiger-Duo Virgil van Dijk und Mathijs De Ligt das holländische Prunkstück. Die deutsche Elf dagegen hat andere Qualitäten, schnelle, junge Leute im Angriff. Serge Gnabry, Julian Brandt, Leroy Sané, das sind die Hoffnungsträger. Die Abwehr dagegen ist das Unfertigste, was diese Mannschaft derzeit zu bieten hat.

Die alte Mitte existiert nicht mehr

Jahrelang hatte diese Elf in der Deckungszentrale ihr geringstes Problem. Mats Hummels und Jérôme Boateng, das waren so eine Art zeitlose van Dijks und De Ligts. Die Abwehrmitte war der Schlüssel für die Erfolge dieser Elf, die es immerhin bis zum Weltmeister brachte. Hummels und Boateng in ihrer Blüte: kaum bezwingbar, stark im Zweikampf, aber vielleicht noch stärker im Spielaufbau.

Diese Mitte existiert nicht mehr, sie wurde vor zwei Wochen vom Bundestrainer unvermittelt suspendiert. Boateng und Hummels, zweifellos in die Jahre gekommen, im Verein nicht mehr unumstritten, sind DFB-Vergangenheit.

AFP

Weltmeister-Abwehr: Mats Hummels (l.) und Jérôme Boateng

Dass der Trainer ab sofort auf beide verzichtet, gehört vielleicht zum wirklich Erstaunlichen des Löw-Moves von vor 14 Tagen. Möglicherweise hat der Bundestrainer sich nicht entscheiden können, wen von beiden er für abkömmlicher hält. Möglicherweise fehlten ihm die Argumente, warum auf den einen verzichten, auf den anderen nicht. In jedem Fall hat sich Löw mit diesem Schritt das größte Risiko auferlegt. Eine Totaloperation.

Bei Bayern München und beim DFB steht die eine Hälfte der Wachablösung längst parat. Niklas Süle hätte wohl auch bei Löw das Prä in der Innenverteidigung, wenn die zwei Verbannten noch im Kader geblieben wären. Schließlich ist Süle auch bei Bayern München mittlerweile der unumstrittenste Innenverteidiger. Aber im Verein hat Süle noch stets einen der zwei Arrivierten an seiner Seite. Das war bislang so, und das wird auch wieder so sein, wenn er von der Nationalmannschaft an die Säbener Straße zurückkehrt.

Tah und Rüdiger - die Risikovariante

In der Nationalelf sind die Alternativen für Boateng und Hummels fortan Jonathan Tah und Antonio Rüdiger. Tah hat am Mittwoch gegen die Serben keine Werbung in eigener Sache betrieben, und die wirklich tauglichen Länderspiele, die Rüdiger bislang abgeliefert hat, lassen sich auch an einer Hand abzählen.

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Nach 1:1 gegen Serbien: Die DFB-Elf in der Einzelkritik

Andererseits ist Rüdiger bekanntermaßen einer der Lieblinge des Bundestrainers. Und das liegt nicht nur daran, dass der heute 27-Jährige aus der VfB-Stuttgart-Schule kommt, der Löw von jeher nahesteht. Rüdiger hat sich in frühen Jahren taktisch weitergebildet, indem er bei AS Rom die italienische Verteidigerlehre mitbekommen hat. Auch beim FC Chelsea hat er sich durchgesetzt. Das sind schon zwei sehr gute Visitenkarten in Europa.

Trotzdem hat Rüdiger im DFB-Dress kaum überzeugt, seine Mittel im Spielaufbau haben sich im Lauf der Jahre zwar verbessert, aber sie sind immer noch limitiert. Wie Tah bringt er große körperliche Robustheit mit, Athletik, Kopfballstärke, dazu die Bereitschaft, auch auf der Außenseite zu verteidigen. Die Eleganz eines Boateng in dessen bester Zeit, die Spielintelligenz von Mats Hummels aus seinen Dortmunder und frühen Münchner Jahren haben beide nicht. Bei Weitem nicht.

Süle muss schon am Sonntag den Schritt nach vorne tun

Süle ist von der "ZEIT" zuletzt zwar noch als "eher der zweite Mann, der Führung braucht" bezeichnet worden, so wie er es in der Vergangenheit mit Hummels und Boateng beim DFB und bei den Bayern hatte. Aber ihm traut man den Schritt nach vorne nicht nur zu - am Sonntag in Amsterdam muss er ihn bereits tun. Ob er jetzt schon in der Lage ist, den neben ihm spielenden Rüdiger anzuleiten - und ob der Chelsea-Mann, der immerhin zwölf Länderspiele mehr aufzubieten hat, überhaupt willens ist, Süle als Autorität anzuerkennen - das sind die spannenden Fragen des Abends von Amsterdam.

Am Mittwoch gegen die Serben war die Innenverteidigung zeitweise eine ungeordnete, in einzelnen Szenen gar chaotisch organisierte Region. Es war allerdings auch ein Testspiel, quasi ohne Vorbereitung. Die serbischen Offensivkräfte erwiesen sich zudem in der Chancenverwertung als äußerst gnädig. Diverse mildernde Umstände, die am Sonntag so nicht mehr gelten dürften. Die Mannschaft ist ein paar Tage eingespielter und die Niederländer im Zweifel erheblich kälter vor dem gegnerischen Tor. Egal, wer spielt, Süle, Rüdiger oder Tah - für sie alle ist das ein Abend des Reifezeugnisses.

Als Tah dieser Tage vom DFB die Rückennummer fünf zugeordnet bekam, die Nummer, die bisher Mats Hummels getragen hatte, hat Tah den Bayern-Vorgänger angerufen und ihn gefragt, ob das so in Ordnung geht. Das ist sehr höflich, ausgesprochen anständig. Aber so lange der Innenverteidiger denjenigen, den er ersetzt, noch glaubt um Erlaubnis fragen zu müssen, ist die Ablösung bestenfalls im Werden.

insgesamt 17 Beiträge
hansfrans79 24.03.2019
1. Wenn spon über Fußball schreibt
Dann wird das fast immer ein Artikel wie aus dem Wirtschaftsressort.
Dann wird das fast immer ein Artikel wie aus dem Wirtschaftsressort.
halverhahn 24.03.2019
2. Die ewig Gestrigen...
Hummels und Boateng sind schon längst über ihren Zenit hinaus. Also hört auf, denen nachzuweinen!!! Beide mutierten auch mehr und mehr zu Risikofaktoren in der DFB-Elf. Weil inzwischen zu langsam geworden und damit insgesamt zu [...]
Hummels und Boateng sind schon längst über ihren Zenit hinaus. Also hört auf, denen nachzuweinen!!! Beide mutierten auch mehr und mehr zu Risikofaktoren in der DFB-Elf. Weil inzwischen zu langsam geworden und damit insgesamt zu behäbig und auch zu satt. Insofern kann es da nur besser werden. Sühle und die anderen werden es schon richten.
Yoroshii 24.03.2019
3. Rüdiger ist ein Klassemann
Er hat durchaus überzeugt in der NATI, auch wenn er quasi nur den Schuhputzer spielen durfte. Er hat einen genauen knallharten Flachpass, der blitzschnell die Spitzen innen erreichen kann. Keiner hat den! Wenn man ihm das [...]
Er hat durchaus überzeugt in der NATI, auch wenn er quasi nur den Schuhputzer spielen durfte. Er hat einen genauen knallharten Flachpass, der blitzschnell die Spitzen innen erreichen kann. Keiner hat den! Wenn man ihm das Selbstvertrauen nicht nimmt, wird aus ihm ein Großer. Die Spiele die ich gesehen habe, waren so, dass man Rüdiger oft als den letzten Retter gesehen hat, der ausgebügelt hat, was in einem unbeweglicher Lottermittelfeld verbockt wurde. Einen solchen Mann braucht das Team. Hat der Autor denn nicht gesehen, dass Rüdiger auch mit der Kugel umgehen kann?
ge1234 24.03.2019
4. Na ja...
... der Bundestrainer wird schon wissen was er tut. Als er die drei Bayernspieler ausgebootet hatte, wußte er ja angeblich auch, was er tut! Warten wir es also ab!
... der Bundestrainer wird schon wissen was er tut. Als er die drei Bayernspieler ausgebootet hatte, wußte er ja angeblich auch, was er tut! Warten wir es also ab!
stoffi 24.03.2019
5.
Sühle allein wird nicht alles aubügeln können und mit den anderen fährt Löw ein Risiko, wie nie zuvor. Keiner von denen kann auch nur annähernd Hummels und Boateng das Wasser reichen.
Zitat von halverhahnHummels und Boateng sind schon längst über ihren Zenit hinaus. Also hört auf, denen nachzuweinen!!! Beide mutierten auch mehr und mehr zu Risikofaktoren in der DFB-Elf. Weil inzwischen zu langsam geworden und damit insgesamt zu behäbig und auch zu satt. Insofern kann es da nur besser werden. Sühle und die anderen werden es schon richten.
Sühle allein wird nicht alles aubügeln können und mit den anderen fährt Löw ein Risiko, wie nie zuvor. Keiner von denen kann auch nur annähernd Hummels und Boateng das Wasser reichen.

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