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Sport

Offensiv-Krise beim DFB

Der Angriff ist im A....

Mario Gomez fällt aus mit einer - ja - Gesäßmuskelverletzung. Das Problem ist symptomatisch für die Offensive der deutschen Nationalelf. Die Lösung, die Trainer Löw präsentiert, scheint schizophren.

Foto: REUTERS
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Samstag, 08.10.2016   16:32 Uhr

Eine Verhärtung der Gesäßmuskulatur - das klingt ein bisschen lustig und ist eine Verletzung, die man eventuell eher im deutschen Beamtentum verorten würde. Nichtsdestoweniger ist so etwas offensichtlich schmerzhaft genug, um nicht Fußball spielen zu können. Und diese Verletzung von Stürmer Mario Gomez wird dem Bundestrainer vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien (20.45 Uhr RTL, Liveticker SPIEGEL ONLINE) eher Sorgen bereitet haben, als dass er darüber hätte lächeln können.

Es hat etwas Schizophrenes an sich mit Joachim Löw und der Position des Mittelstürmers, die in Deutschland aktuell keiner besser verkörpert als der Neu-Wolfsburger Gomez. Jahrelang hat der Coach gepredigt, dass das moderne Spiel eine solche Position nicht mehr benötige. Offensivspiel habe ein Thema der gesamten Mannschaft zu sein, jeder Mittelfeldspieler, auch jeder Verteidiger habe sich daran zu beteiligen. Torgefahr sei kein Privileg der Nummer neun im Spiel. Im Gegenteil: Ein flüssiges, kollektiv angelegtes Angriffsspiel wird durch die statische Art und Weise des Mittelstürmers, der im Strafraum auf seine finale Aktion wartet, sogar behindert, gehemmt, gebremst. Und wer wollte ihm dabei widersprechen?

Mario Gomez war demnach ein Spielertyp von gestern, über Jahre dann auch ignoriert - so lange, bis die Mannschaft plötzlich Probleme hatte, das zu tun, wofür Fußball nun einmal da ist. "Wir haben wahnsinnig viele Chancen gebraucht, um ein Tor zu machen", sagt Löw, als er am Freitag noch einmal auf die jüngere Vergangenheit zurückblickte. Und unvermittelt rückte Gomez, der in der Türkei in der Vorsaison Torschützenkönig war, wieder in den Blickpunkt.

Die Renaissance des alten Torjägers

Bei der EM in Frankreich war der so lang vernachlässigte Gomez auf einmal der Hoffnungsträger. Der gute alte Mittelstürmer war zurück. Als er sich im Viertelfinale gegen Italien verletzte, schienen die deutschen Titelchancen plötzlich stark gesunken. Und das Resultat gab dem Recht. Gegen Frankeich im Halbfinale war die DFB-Elf das beherrschende Team, die Tore machten die Franzosen. Weil sie einen Torjäger hatten, der Antoine Griezmann heißt. Man hätte auch sagen können: Weil die Deutschen keinen Torjäger mehr hatten.

Löw hat mit Gomez, seiner Art zu agieren, seiner Vorliebe für das reine Strafraumspiel immer gefremdelt. Dass er bei der EM trotzdem auf ihn zurückgegriffen hat, kann man so interpretieren, dass der Bundestrainer auch nach zehn Jahren im Amt lernfähig ist. Dass er in der Lage ist, von einer sturen Haltung auch abzugehen. Aber es war auch ein Verlassen einer bis dahin konsequenten Linie.

"Wir haben kurioserweise schon bei der EM vieles viel besser gemacht als noch vor zwei Jahren in Brasilien", sagt Löw in der Rückschau. Man habe defensiv besser gestanden, man habe viel weniger Torchancen zugelassen, man habe das Spiel nach vorne sicherer gestaltet. Aber in Brasilien ist Deutschland Weltmeister geworden.

Auch weil dort wie in all den Jahren auf Thomas Müller Verlass war. Bei der EM hat der Bayernspieler erstmals geschwächelt, ihm gelang kein einziger Treffer, in der Bundesliga hat er diese Serie in den bisherigen sechs Spielen fortgesetzt. Müller ist ein Typ, der den Eindruck macht, dass man sich um ihn nie sorgen müsse, auch jetzt sagt Löw: "Ich bin überzeugt, dass der Thomas seine Tore wieder macht." Das war ein Satz, den der Bundestrainer auch bei der EM Spiel für Spiel vortrug, am Ende war es fast ein Mantra. Aber wenn Müller nicht trifft, dann hat die Mannschaft ein Problem.

Wie effektiv ist die Offensive?

Gomez, André Schürrle, Marco Reus - sie alle fehlen gegen die Tschechen, eine Mannschaft, "die sehr gut verteidigt und kontern kann", wie Löw als höflicher Gastgeber sagt. Es ist auch jetzt noch genug Offensivpotenzial im Team: Es gibt neben Müller schließlich Mario Götze, Julian Draxler, Mesut Özil. Alle drei Spieler mit einer perfekten Technik, aber man hat mittlerweile genug Länderspiele gesehen, in denen all ihre Fähigkeiten nicht dazu geführt haben, dass am Ende Tore fielen.

Früher war es im Fußball so, dass man vorne einen Typen brauchte, der flink und trickreich im Dribbling war, der Haken schlagen konnte, sich im eins gegen eins durchsetzte und passable Flanken schlug. Und daneben einen, der in der Mitte auf die Flanken wartete und sie in Treffer verwandelte, mit welchem Körperteil auch immer, zur Not eben auch unter Einsatz des Gesäßmuskels.

Fußball hat sich verändert, das Spiel der Nationalmannschaft vor allem hat sich verändert, heute hat Joachim Löw im Grunde beide Typen nicht mehr im Kader. Götze hat seine Fähigkeiten im Dribbling irgendwann liegenlassen und ist jetzt mühsam dabei, sie wieder zu suchen. Leroy Sané, auch so ein möglicher Dribbler in der DFB-Elf, ist in die U21 zurückgestuft worden. Und Gomez ist verletzt.

Dass man einen Mario Gomez vermisst, kann der 30-Jährige mit Recht als Kompliment für seine starke Leistung im Vorjahr verbuchen. Aber eigentlich ist es ein Armutszeugnis für die Kollegen.

insgesamt 23 Beiträge
pefete 08.10.2016
1. Kann mir
mal jemand erklären, warum wir uns, als amtierender Weltmeister, qualifizieren müssen? War es nicht so, dass der amtierende Weltmeister und der Veranstaltende Fussballverband automatisch qualifiziert waren?
mal jemand erklären, warum wir uns, als amtierender Weltmeister, qualifizieren müssen? War es nicht so, dass der amtierende Weltmeister und der Veranstaltende Fussballverband automatisch qualifiziert waren?
behindtheborderline 08.10.2016
2. Löw wird nicht umhin kommen
im Sturm nach jungen Alternativen zu suchen. Müller hat seinen Zenit vorbei, es braucht jemand mit einem Wumms, der auch aus 15m scharf schiesst
im Sturm nach jungen Alternativen zu suchen. Müller hat seinen Zenit vorbei, es braucht jemand mit einem Wumms, der auch aus 15m scharf schiesst
ray05 08.10.2016
3.
Guter, differenzierender Kommentar. Wenn die NM, die einen enormen Druck aus dem Mittelfeld und aus den Außenpositionen heraus auf Gegner jedweder Spielstärke ausüben kann (also known as "hinten reinnageln"), zu wenige Tore [...]
Guter, differenzierender Kommentar. Wenn die NM, die einen enormen Druck aus dem Mittelfeld und aus den Außenpositionen heraus auf Gegner jedweder Spielstärke ausüben kann (also known as "hinten reinnageln"), zu wenige Tore macht, dann heißt das ja nicht notwendigerweise, dass man einen sogenannten Strafraumstürmer bräuchte, um dem abzuhelfen. Im heutigen Fußball ist der Strafraum ein hochsensibler Bereich, in den der Stürmer oder die offensiven Mittelfeldleute wechselweise hineinstoßen sollen, um ein Tor zu machen. Sie sollen diesen Strafraum aber nicht okkupieren oder in ihm herumstehen und auf den idealen Pass warten, wie es der Strafraumstürmer Gomez leider nur allzu oft gemacht hat. Reine Strafraumstürmer sind gut und hilfreich, wenn sie die idealen Assists, die sie vielleicht bekommen, auch wirklich reinmachen. Gomez ist – bei aller Liebe – nicht der Mann, der das zuverlässig zuwege bringt. Wenn das Spiel auf ihn zugeschnitten ist, und er trifft wieder nicht, dann verliert die NM das Spiel. Es geht also wirklich darum, den offensiven Mittelfeldspielern – die im angewandten Löwschen 4-2-4-0 ja auch Stürmer sind – wieder beizubringen, dass auch von ihnen Torabschlüsse erwartet werden.
com.mentar 08.10.2016
4. Das Austragungsland ist automatisch dabei,
aber selbst der Weltmeister muss durch die Quali, seit 2006 gibt es diese neue Regel !!!
aber selbst der Weltmeister muss durch die Quali, seit 2006 gibt es diese neue Regel !!!
jeger866 08.10.2016
5. Guter Kommentar.
Nichts zu nörgeln. Samstag versaut :o)
Nichts zu nörgeln. Samstag versaut :o)

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