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Sport

Jubel über 8:0-Erfolg des DFB-Teams

Ein brüchiger Frieden

Der Gegner war sehr schwach, dennoch muss man auch gegen Estland erst einmal acht Tore schießen. Die deutsche Nationalelf versprühte in Mainz etwas, was lange vermisst war: Freude am Fußball. Doch das Gerüst ist noch labil.

Foto: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX
Aus Mainz berichtet
Mittwoch, 12.06.2019   10:15 Uhr

Irgendwann hatten sie es auf der Ehrentribüne aufgegeben. Am Anfang waren die Damen und Herren von DFB-Manager Oliver Bierhoff bis Ex-Nationalspielerin Célia Sasic noch bei jedem Tor gesammelt aufgesprungen, bei Treffer sieben oder acht jedoch standen sie nur noch vereinzelt auf ihren Stühlen. Einige bleiben sitzen, sie hatten genug gejubelt. Für das Feierpublikum in Mainz war es an diesem Abend vermutlich anstrengender als auf dem Rasen. Dort wurde allerdings auch 90 Minuten gefeiert, die Rückkehr der Lust.

Sie werden beim DFB genug Vernunft walten lassen, um dieses 8:0 über Estland richtig einzuordnen. Selten hatte die deutsche Mannschaft in den vergangenen Jahren einen so in allen Belangen unterlegenen Gegner, die bedauernswerten Esten hätten an diesem Abend gar Probleme gehabt, dem Vergleich mit Teams wie San Marino oder Gibraltar standzuhalten. So schwindelig wurden die Gäste von der DFB-Elf gespielt. Die Partie erinnerte an die ganz, ganz alten Zeiten, als die Nationalmannschaft ihre acht Tore gegen Malta machte und selbst Berti Vogts ein Kopfballtor gelang.

Dennoch: Auch gegen eine solche Mannschaft muss man erst einmal acht Tore erzielen. Und das ging nur, weil die deutsche Offensive von Beginn an unbändig spielfreudig war. Marco Reus und Ilkay Gündogan legten noch einmal nachdrückliche Beweise vor, wie sehr sie durch ihre schweren Verletzungen der DFB-Auswahl in manchen Situationen der Vergangenheit gefehlt haben. Von beiden angetrieben war ein Team zu sehen, das Freude am Fußballspiel vermittelte. Ein vergangen geglaubtes Gefühl. Mainz, wie es singt und lacht.

Abend hätte auch Löws Popularität gutgetan

"Dieses Team ist so unglaublich gewillt", sagte Aushilfstrainer Marcus Sorg anschließend, und er fügte an: "Da wächst was zusammen, das hat man hoffentlich gesehen." Es gehört zu den Anekdoten, dass Sorg, der getreue Assistent, jetzt mit dieser Renaissance verbunden wird. Joachim Löw saß daheim und war nach seinem Sportunfall zum Zuschauen verurteilt. Ein solcher Abend hätte auch seinen Popularitätswerten gutgetan.

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Einzelkritik des DFB-Teams gegen Estland: Weltstar in Westfalen

Vor genau einem Jahr ist die deutsche Delegation nach Russland zur WM angereist, Weltmeister war man damals noch und wollte den Titel vom trostlosen Quartier Watutinki aus verteidigen. Es wurde ein Desaster auf vielen Ebenen, ein Jahr später ist von all dem Mehltau des Vorsommers nicht mehr so viel zu merken. Das Team hat sein Gesicht deutlich verändert, und was noch viel wichtiger ist: Es hat sein Spiel verändert. Serge Gnabry, Leroy Sané, aber auch Thilo Kehrer und Joshua Kimmich auf neuer Position stehen für einen Spielstil, der dazu in der Lage ist, Team und Zuschauer wieder miteinander zu versöhnen.

In Mainz waren schon wieder all die Rituale aus der guten Löw-Zeit zu beobachten: Das Publikum begleitete jede gelungene Aktion mit Extrabeifall, die Welle schwappte schon nach 30 Minuten - die Zuschauer hatten ihren Frieden mit dieser Mannschaft gemacht. Heile heile Gänsje, ist bald wieder gut. Jeder in Mainz kennt das.

"Wir stehen am Anfang einer Entwicklung"

Noch ist es allerdings ein brüchiger Frieden, noch ist nicht alles gut, ab September warten wieder schwierigere Aufgaben auf die Elf, dann geht es zum Rückspiel gegen die Niederlande und gegen die in der Tabelle bislang noch verlustpunktfreien Nordiren. In der jetzigen Gemütslage würde man vermuten, dass der Mannschaft dann auch der eine oder andere Rückschlag verziehen wird. Aber alles ohne Garantie.

"Wir stehen am Anfang einer Entwicklung", hat Sorg das Länderspieljahr 2018/2019 bilanziert. Es ehrt den Interimscoach, dass er so vorsichtig formuliert. Aber man darf ihm ruhig widersprechen: Diese Mannschaft hat schon ein Stück der Entwicklung hinter sich. Der wichtige Erfolg in Amsterdam im März, das couragierte Gegenhalten gegen Weltmeister Frankreich im Oktober, die wiedergefundene Form von Torwart Manuel Neuer, die stark verbesserte Chancenverwertung gegen die Esten - das alles werden sie beim DFB zurecht als Fortschritte bewerten können.

Allerdings wurde gegen Frankreich am Ende doch noch verloren, in den Niederlanden hatte die Mannschaft eine deutliche Schwächephase in der zweiten Hälfte zu überstehen. Das Gerüst, es wackelt noch, es ist noch labil, aber es ist immerhin als ein Gerüst erkennbar. Schon der Herbst wird zeigen, was der Architekt daraus machen kann. In exakt einem Jahr beginnt die Fußball-EM. Wer dann kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Deutschland - Estland 8:0 (5:0)
1:0 Reus (10.)
2:0 Gnabry (17.)
3:0 Goretzka (20.)
4:0 Gündogan (26., Foulelfmeter)
5:0 Reus (37.)
6:0 Gnabry (62.)
7:0 Werner (79.)
8:0 Sané (88.)
Deutschland: Neuer - Kehrer, Ginter, Süle, N. Schulz (ab 46. Minute Halstenberg) - Kimmich, Goretzka , Gündogan (ab 52. Draxler) - Gnabry, Reus (ab 65. Werner), L. Sané Estland: Lepmets - Teniste, Tamm, Vihmann, Mets, Pikk - Kams, Ar. Dmitrijev (ab 59. Minute Käit), Vassiljev (ab 82. Minute Kreida), S. Puri - Zenjov (ab 71. Minute Ojamaa) Schiedsrichter: Ali Palabiyik (Türkei)
Zuschauer: 26.050 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Tamm

Alle Spiele, Ergebnisse und wichtigen Informationen zur EM-Qualifikation finden Sie hier.

insgesamt 35 Beiträge
RalfHenrichs 12.06.2019
1. Zur Einordnung
Am 13.11.2016 im Rahmen der WM-Qualifikation verlor Estland in Belgien 1:8. Das zeigt zweierlei: 1. Ja, die Esten sind so schwach. Und wahrscheinlich werden die Niederländer ähnlich hoch gewinnen. 2. Nur richtig gute [...]
Am 13.11.2016 im Rahmen der WM-Qualifikation verlor Estland in Belgien 1:8. Das zeigt zweierlei: 1. Ja, die Esten sind so schwach. Und wahrscheinlich werden die Niederländer ähnlich hoch gewinnen. 2. Nur richtig gute Mannschaften wie die Belgier und die Deutschen gestern schießen acht Tore gegen Estland.
pjotrmorgen 12.06.2019
2. Ende 2018 bis Anfang 2019
Also erst vor kurzem siegte Estland gegen Griechenland und Finnland, spielte Unentschieden gegen Island, sodass die Einordnung auf Gibraltarniveau nicht wirklich zutreffen kann. Es war wohl eher so, dass Deutschland gestern [...]
Zitat von RalfHenrichsAm 13.11.2016 im Rahmen der WM-Qualifikation verlor Estland in Belgien 1:8. Das zeigt zweierlei: 1. Ja, die Esten sind so schwach. Und wahrscheinlich werden die Niederländer ähnlich hoch gewinnen. 2. Nur richtig gute Mannschaften wie die Belgier und die Deutschen gestern schießen acht Tore gegen Estland.
Also erst vor kurzem siegte Estland gegen Griechenland und Finnland, spielte Unentschieden gegen Island, sodass die Einordnung auf Gibraltarniveau nicht wirklich zutreffen kann. Es war wohl eher so, dass Deutschland gestern eine herausragende Leistung zeigte. Trotz guter Entwicklung der Niederländer schwankt deren Leistung zumindest seit dem Umbruch unter Trainer Koeman immer noch erheblich, sodass ein ähnlich hoher Sieg gegen Estland fraglich ist.
Nonvaio01 12.06.2019
3. ein quali spiel
nicht mehr und nicht weniger. Voellig ohne aussage und es gibt keinen grund jetzt eine veraenderung im deutschen team zu sehen. Zur EM sind die karten eh voellig neu gemischt und ein resultat in der Quali hat Null aussagekraft, [...]
nicht mehr und nicht weniger. Voellig ohne aussage und es gibt keinen grund jetzt eine veraenderung im deutschen team zu sehen. Zur EM sind die karten eh voellig neu gemischt und ein resultat in der Quali hat Null aussagekraft, wir hatten uns fuer die WM locker qualifiziert, den rest kennt man ja. Also alle ruhig bleiben.
vogelsberg 12.06.2019
4. Es fehlen die Leitwölfe
Die Spieler sind alle top, aber es fehlen die echten Führungsspieler, die, wenn es eng wird, eine Mannschaft mitreißen. Die Geschichte des deutschen Fußballs ist von solchen Legenden geprägt. Bei dieser truppe und zumal bei [...]
Die Spieler sind alle top, aber es fehlen die echten Führungsspieler, die, wenn es eng wird, eine Mannschaft mitreißen. Die Geschichte des deutschen Fußballs ist von solchen Legenden geprägt. Bei dieser truppe und zumal bei diesem Trainer hat man den Eindruck eines "Einheitsbreis". Alle haben sich lieb, alle wollen nach vorn, alle sind kritisch, alle sind politisch korrekt, alle geben tolle Statements ab. Die Qualität der Mannschaft wird sich erst dann zeigen, wenn es eng wird. Die letzte Qualifikation wurde auch problemlos durchlaufen und danach kam bei der WM das böse Erwachen. Man kann nur hoffen, dass sich die Führungsspieler, die auch Ecken und Kanten haben, entwickeln und eine tolle Mannschaft um sich mitentwickeln.
doppelnass 12.06.2019
5. Deutschland gewinnt 8:0
Die DFB Elf gewinnt mit neuem Team mitten im Umbruch 8:0. Fazit: Obacht! Mit dem Hinweis, dass gegen die sonst so hyper-gefeierten Vorbild-Holländer zwar gewonnen wurde, die jedoch in der zweiten Halbzeit echt gefährlich wurden. [...]
Die DFB Elf gewinnt mit neuem Team mitten im Umbruch 8:0. Fazit: Obacht! Mit dem Hinweis, dass gegen die sonst so hyper-gefeierten Vorbild-Holländer zwar gewonnen wurde, die jedoch in der zweiten Halbzeit echt gefährlich wurden. Ich bin gespannt, wann es mal irgend etwas Positives über die DFB-Elf zu berichten gibt. Denn selbst der WM Titel war ja nicht überzeugend, denn das Tor von Götze war glücklich und beim Sieg gegen Brasilien war es so, dass Brasilien einfach schlecht war. Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern, dass ich einen durchweg positiven Artikel über eine Nationalmannschaft gelesen habe. Also über eine deutsche, denn die anderen sind immer super.

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Name Jahre Spiele
Lothar Matthäus 1980-2000 150
Miroslav Klose 2001-2014 137
Lukas Podolski 2004-2016 129
Bastian Schweinsteiger 2004-2016 121
Philipp Lahm 2004-2014 113
Jürgen Klinsmann 1987-1998 108
Jürgen Kohler 1986-1998 105
Hans-Jürgen Dörner 1969-1985 105
Joachim Streich 1969-1984 105
Per Mertesacker 2004-2014 104
Franz Beckenbauer 1965-1977 103
Jürgen Croy 1967-1981 102
Thomas Häßler 1988-2000 101
Ulf Kirsten 1985-2000 100

Quelle: DFB

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