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Sport

RB-Kapitän Orban im Interview

"Leipzig kann ein Vorbild sein"

Selbstbewusst geht RB Leipzig in das Pokalfinale gegen den FC Bayern. Kapitän Willi Orban sieht sein Team auf Augenhöhe. Im Interview spricht er über den neuen Trainer und die Fanfeindschaft gegen RB.

Jan Woitas DPA

RB-Kapitän Willi Orban

Ein Interview von und
Samstag, 25.05.2019   15:08 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Orban, Ihr großes Vorbild in der Jugend war Harry Koch - der legendäre Verteidiger des 1. FC Kaiserslautern, Ihrem Heimatverein. Wissen Sie, wofür er außerhalb von Kaiserslautern noch steht?

Orban: Für seine Frisur?

SPIEGEL ONLINE: Das auch. Aber auch dafür, dass er ein Bayern-Bezwinger war. Er warf sie 1994 mit Vestenbergsgreuth aus dem Pokal und gewann 1998 mit dem Aufsteiger Kaiserslautern die Meisterschaft - vor den Bayern.

Orban: Ich war damals erst fünf oder sechs Jahre alt, aber ich habe noch die Bilder vor Augen, wie die Menschen in Kaiserslautern gefeiert haben. Bayern-Bezwinger, da schließt sich vielleicht ein Kreis. Vielleicht kann auch ich das jetzt mit Leipzig im Pokalfinale schaffen.

Zur Person

Willi Orban, geboren 1992 in Kaiserslautern und Sohn ungarisch-polnischer Eltern, hat seine fußballerische Ausbildung beim Heimatverein FCK verbracht. Dort stieg er zum Profi und zum Kapitän auf. 2015 wechselte er zu RB Leipzig, hier ist er mittlerweile ebenfalls der Spielführer des Teams. Orban absolvierte zwei U21-Länderspiele für Deutschland, entschied sich aber dann für eine Nationalmannschaftskarriere in Ungarn.

SPIEGEL ONLINE: Warum gewinnen Sie mit Leipzig das Endspiel gegen die Bayern?

Orban: Sie haben immer noch eine starke Mannschaft. Aber wir fühlen uns schon fast auf Augenhöhe. Dass wir in diesem einen Spiel auch gewinnen können, ist durchaus realistisch. Wir sind zum ersten Mal im Finale, das ist eine große Sache für RB, die Stadt Leipzig und die gesamte Region. Aber nun wollen wir auch den Pokal.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie genau die Art von Mannschaft, die den Bayern in dieser Saison Probleme bereiten kann: jung, schnell, aggressiv?

Orban: Wir haben schon beim 0:0 vor zwei Wochen in Leipzig gesehen, dass sie mittlerweile auch Respekt vor uns haben. Kein Verteidiger spielt gern gegen Timo Werner. Für uns geht es darum, die Momente zu nutzen, die wir mit Sicherheit bekommen werden. Frankfurt hat es vor einem Jahr vorgemacht. Wir haben das Potenzial dazu, das auch zu schaffen. Und dafür brauchen wir einen perfekten Tag.

Jan Woitas / DPA

Willi Orban und Co in stetem Jubel in der Rückrunde

SPIEGEL ONLINE: Beide Teams, Bayern und Leipzig, sind nicht unbedingt jedermanns Liebling in Deutschland. In den sozialen Netzwerken gibt es Stimmen, die sagen, sie würden sich das Pokalfinale gar nicht erst ansehen. Man wisse nicht, für wen man sein könne.

Orban: Wenn wir dabei sind, liest man so etwas vereinzelt immer mal wieder. Aber dann schaut man nach dem Spiel auf die Statistik und erfährt, dass wir eine enorm hohe Einschaltquote haben. Ich bin mir sicher, dass das Finale gesehen wird: Das Duell polarisiert. Und wir als RB Leipzig brauchen uns nicht zu verstecken. Wir spielen einen berauschenden Fußball, der Leute begeistert - egal, ob sie uns als Verein gut finden. Die Leute wollen guten Fußball sehen, und den bieten wir zurzeit.

SPIEGEL ONLINE: RB Leipzig hat gerade sein zehnjähriges Bestehen gefeiert. Immer noch aber kämpft der Verein um Anerkennung. Wo steht der Klub diesbezüglich?

Orban: Ich glaube, wir gewinnen insgesamt als Klub von Jahr zu Jahr mehr Anerkennung. Das ist repräsentativ belegt und fühlt sich auch so an. Für die Mannschaft ist es wichtig, dass sie ihren Weg weitergeht. Gegen die Bayern beim 0:0 standen acht Spieler in der Startelf, die schon zu Zweitligazeiten dabei waren. Das finde ich beachtlich und spiegelt auch ganz gut unsere klare Philosophie wider. Sicher, RB hat größere finanzielle Mittel als manch andere Klubs, aber wir haben auch das Know-how, wir sind beharrlich und akribisch. Wir haben einen Plan, und den setzen wir seit Jahren konsequent um. Diese Konstanz wird belohnt. Die Spieler hier werden bestmöglich weiterentwickelt, und ich glaube, dass die Reise noch lange nicht beendet ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen vom 1. FC Kaiserslautern, einem Traditionsverein, der aktuell schwer Schieflage hat. Man kann die These aufstellen, dass diese alten Vereine von den neuen Klubs wie RB und Hoffenheim aus der Bundesliga verdrängt wurden. Dass es da einen Gentrifizierungsprozess gegeben hat.

Orban: Mir wäre das zu einfach, die Schuld auf andere zu schieben. Der FCK hat ein unheimliches Potenzial, in den vergangenen Jahren aber auch nicht nur richtige Entscheidungen getroffen. Es gibt auch Gegenbeispiele von Traditionsklubs, bei denen gute Arbeit gemacht wird, und die ein fester Bestandteil der Bundesliga bleiben. Natürlich ist es für Klubs wie den FCK nicht einfach, aber dann braucht es ein umso besseres Konzept. Das sehe ich dort leider nicht. Sicher, der Konkurrenzkampf ist für die Traditionsvereine härter geworden. Aber die sogenannten neuen Klubs machen viel richtig, was man sich als Traditionsklub auch ansehen kann.

Robert Michael DPA

Im Zwiegespräch mit Thomas Müller

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen RB also als Vorbild, obwohl die Klubstrukturen nicht zu vergleichen sind?

Orban: Ja, RB kann ein Vorbild sein - nicht nur, aber vor allem auch im sportlichen Bereich, was die Spielphilosophie angeht und die Infrastruktur im Nachwuchsbereich.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielten 18 Jahre lang für einen Traditionsverein, der in der dritten Liga gelandet ist, und laufen nun für einen neu entworfenen Klub auf. Können Sie noch Fußballromantiker sein?

Orban: Der Fußball ist heutzutage einfach durchkapitalisiert. Die Klubs sind Wirtschaftsunternehmen. Für mich als Spieler jedoch schließt das die Romantik nicht aus. Es zählt für mich, dass ich alles dafür tue, damit sich der Fan mit meiner Mannschaft identifizieren kann. Selbst wenn mittlerweile immer mehr Geld im Spiel ist.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns auf die sportliche Entwicklung von RB schauen. Sie stellen die beste Defensive der Liga, nachdem Sie vergangene Saison in der Abwehr noch einige Probleme hatten. Was ist passiert?

Orban: Das hat sicher mit Ralf Rangnick zu tun. Unser Fokus liegt zuerst auf dem Spiel gegen den Ball. Rangnick ist fast schon besessen davon, das perfekt machen zu wollen. Aber das ist absolut positiv, denn damit steckt er uns alle an. Es ist für ihn keine Übergangssaison, obwohl er uns nur ein Jahr lang betreut. Es war beachtlich zu sehen, wie sehr er noch für diesen Job brennt.

SPIEGEL ONLINE: Rangnick gilt als sehr verbissen. Das ist nicht immer nur gut.

Hendrik Schmidt DPA

"Ich glaube, dass er früher verbissener war": RB-Noch-Coach Ralf Rangnick

Orban: Ich glaube, dass er früher verbissener war. Er hat mittlerweile eine gute Balance gefunden. Das mag man draußen nicht erwarten, aber er macht auch mal Witze in der Kabine. Wenn er ihn auspackt, hat er einen wirklich guten Humor. Wir sind eine sehr junge Mannschaft, aber er hat uns im Griff, weil er eine coole Art hat, mit uns umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Bedauern Sie, dass er als RB-Trainer aufhört?

Orban: Ich glaube, wir wären auch mit ihm weiter erfolgreich. Aber er hat die Entscheidung getroffen, wieder auf die Position des Sportdirektors zu rücken. Und er geht uns ja nicht verloren. Mit Julian Nagelsmann hat er auch für einen sehr guten Nachfolger gesorgt.

SPIEGEL ONLINE: Wird RB mit Nagelsmann auf Dauer ein echter Titelkonkurrent für die Bayern?

Orban: Ich bin davon überzeugt, dass uns Julian Nagelsmann mit seiner taktischen Raffinesse noch besser machen kann. Kombiniert man das Potenzial der Mannschaft mit dem neuen Trainer, dann könnten wir ein Team bilden, das in den nächsten Jahren ganz oben mitspielt.

SPIEGEL ONLINE: Timo Werner könnte dennoch im Sommer von Leipzig nach München wechseln. Ist er RB entwachsen? Oder haben Sie ihm als Verein noch genug zu bieten?

Orban: Wir haben ihm eine Mannschaft mit riesigem Potenzial zu bieten. Das sind vielleicht auch Timos Gedanken, die ihm die Entscheidung schwer machen. Ob er diese Elf verlassen will in einem Moment, in dem wir auf dem aufsteigenden Ast sind. Klar gibt es große Vereine, die deutlich mehr Gehalt zahlen können. Aber ich hoffe nach wie vor, dass er bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Auch Sie haben eine Karriereentscheidung getroffen. Im Herbst haben Sie erstmals für Ungarn gespielt, das Land ihres Vaters. Zuvor hatten Sie lange auf ein Zeichen des DFB gewartet. Was gab den Ausschlag?

Orban: Es war ein Bauchgefühl. Der frühere ungarische Trainer Bernd Storck hatte schon vorher versucht, mich zu überzeugen. Damals war ich noch nicht bereit. Jetzt schon. Und ich bereue es nicht, mich haben die Länderspiele sehr bereichert. Der Fußball ist anders als im Verein. Noch emotionaler.

Jan Woitas DPA

Mittlerweile auch Nationalspieler - für Ungarn

SPIEGEL ONLINE: Hat es Sie bei Ihrer Entscheidung beschäftigt, dass die politische Führung Ungarns aktuell sehr in der Kritik steht?

Orban: Ich habe darüber nachgedacht. Aber für mich hat es am Ende nicht dazu geführt, dass ich nicht für Ungarn spielen wollte. Ich habe Viktor Orbán, den Ministerpräsidenten, so kennengelernt, dass er unheimlich viel für den Sport tut. Über seine Politik kann man streiten. Aber für mich als Fußballer ging es um meinen Job auf dem Platz.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie mit Ihrem Vater darüber gesprochen?

Orban: Ja, wir haben kurz darüber geredet. Mein Vater war unheimlich stolz, dass ich für sein Land spiele. Die Politik war aber daher eher ein nebensächliches Thema.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einst für die deutsche U21 gespielt. Kurz nach Ihrer Entscheidung für Ungarn wurden Mats Hummels und Jérôme Boateng aus der Nationalelf gestrichen. Hätten Sie länger warten müssen?

Orban: Vielleicht. Aber ich mache mir keine Gedanken darüber. Ich wollte nicht mehr warten. Und ich wusste auch, dass ich bei Ungarn Führungsspieler sein würde. So ist es gekommen. Und darauf bin ich stolz.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns zum Abschluss in die Zukunft gucken. Es gibt RB Leipzig jetzt zehn Jahre. Wo wird der Klub in weiteren zehn Jahren stehen?

Orban: Ich gehe davon aus, dass wir dann noch ein Bestandteil der Bundesligaspitze sein werden. Und dass wir dann bereits einige Titel gesammelt haben werden.

insgesamt 21 Beiträge
Ienz 25.05.2019
1. Schade!
Leider hat er die Chance verpasst, klar Stellung gegen den Autokraten aus Budapest zu beziehen. Entweder hat er die Hose voll und befürchtet Repressionen (was ich nachvollziehen kann), oder er ist wirklich rechtsnational drauf. [...]
Leider hat er die Chance verpasst, klar Stellung gegen den Autokraten aus Budapest zu beziehen. Entweder hat er die Hose voll und befürchtet Repressionen (was ich nachvollziehen kann), oder er ist wirklich rechtsnational drauf. "Ich habe Viktor Orbán, den Ministerpräsidenten, so kennengelernt, dass er unheimlich viel für den Sport tut." Ja, Willi, super, denn Sport ist ja schließlich wichtiger als politische Freiheit. Und es gab es auch noch andere Politiker, die viel für den Sport getan haben.
widower+2 25.05.2019
2. Seltsames Spiel
Völlig egal wer gewinnt. Keine der beiden Mannschaften hat es verdient, in diesem Finale zu stehen. Die einen sind da durch einen lächerlichen Elfmeter und die anderen durch finanzielles Doping.
Völlig egal wer gewinnt. Keine der beiden Mannschaften hat es verdient, in diesem Finale zu stehen. Die einen sind da durch einen lächerlichen Elfmeter und die anderen durch finanzielles Doping.
Davids und Del Piero 25.05.2019
3.
Ein Fußball-Söldner durch und durch. Mit solchen Sätzen zu seinem Namensvetter hat er sich schön selbst demontiert. Und "Gegen die Bayern beim 0:0 standen acht Spieler in der Startelf, die schon zu Zweitligazeiten dabei [...]
Ein Fußball-Söldner durch und durch. Mit solchen Sätzen zu seinem Namensvetter hat er sich schön selbst demontiert. Und "Gegen die Bayern beim 0:0 standen acht Spieler in der Startelf, die schon zu Zweitligazeiten dabei waren. Das finde ich beachtlich und spiegelt auch ganz gut unsere klare Philosophie wider." Das zeigt einfach nur, dass RB schon zu Zweitliga zeiten jenseits von Gut und Böse war. Ich werde bei RB niemals Emotionen haben, die der Fußball sonst bei anderen Clubs hervorruft (diese Saison z.B. die Eintracht).
steueragent 25.05.2019
4. Schon witzig, der Fussballer als Politiker.
Zumindest scheinen das einige hier zu erwarten. Was für ein Quatsch. Der Junge ist Fussballer auf hohem Niveau. Nicht mehr und nicht weniger.
Zumindest scheinen das einige hier zu erwarten. Was für ein Quatsch. Der Junge ist Fussballer auf hohem Niveau. Nicht mehr und nicht weniger.
gedu49 25.05.2019
5. Finanzielles Doping ?
Glauben Sie etwa dass z.B. der FC Bayern mit der Sammelbüchse durch München zieht ? Im heutigen Fussball gilt eben " ohne Moos nix los". Das gilt für die Vereine im Osten Deutschland in gleicher Weise wie im [...]
Zitat von widower+2Völlig egal wer gewinnt. Keine der beiden Mannschaften hat es verdient, in diesem Finale zu stehen. Die einen sind da durch einen lächerlichen Elfmeter und die anderen durch finanzielles Doping.
Glauben Sie etwa dass z.B. der FC Bayern mit der Sammelbüchse durch München zieht ? Im heutigen Fussball gilt eben " ohne Moos nix los". Das gilt für die Vereine im Osten Deutschland in gleicher Weise wie im alten Bundesgebiet. Mal sehen was die " fairen " Fussballfans zu meckern haben falls eine zweite Mannschaft aus dem Osten Deutschlands in die erste Bundesliga aufsteigen sollte.

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2019 FC Bayern München
2018 Eintracht Frankfurt
2017 Borussia Dortmund
2016 FC Bayern München
2015 VfL Wolfsburg
2014 FC Bayern München
2013 FC Bayern München
2012 Borussia Dortmund
2011 FC Schalke 04
2010 FC Bayern München
2009 Werder Bremen
2008 FC Bayern München
2007 1. FC Nürnberg
2006 FC Bayern München
2005 FC Bayern München
2004 Werder Bremen
2003 FC Bayern München
2002 FC Schalke 04
2001 FC Schalke 04
2000 FC Bayern München
1999 Werder Bremen
1998 FC Bayern München
1997 VfB Stuttgart
1996 1. FC Kaiserslautern
1995 Borussia Mönchengladbach
1994 Werder Bremen
1993 Bayer Leverkusen
1992 Hannover 96
1991 Werder Bremen
1990 1. FC Kaiserslautern

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