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Bundesligist Mönchengladbach

Das Hecking-Paradoxon

Borussia Mönchengladbach trennt sich zum Saisonende von Trainer Dieter Hecking. Er hat das Team zwar unter die besten fünf der Tabelle geführt, aber dem Verein ist er für die Zukunft nicht gut genug.

Sascha Schürmann AFP

Borussia-Trainer Dieter Hecking: bis zum bitteren Ende

Von
Dienstag, 02.04.2019   19:20 Uhr

An diesem Tag, an dem im deutschen Fußball so viel von Uhren die Rede ist, kann man es so formulieren: Bei Borussia Mönchengladbach gehen die Uhren noch etwas anders.

In der Vorsaison, die für Fans und Verein mit einem unbefriedigenden neunten Tabellenplatz endete, stand Sportdirektor Max Eberl zum Trainer. Dieter Hecking war umstritten, durfte aber bleiben. Jetzt, da die Borussia trotz ihrer fast klassischen Rückrundendelle noch auf Rang fünf steht, nach Monaten in der Champions-League-Region, verkündet der Sportdirektor das Ende der Zusammenarbeit mit Hecking im Sommer - mit dem Trainer also, dessen Vertrag Eberl im November erst verlängert hatte.

"Ich habe eine strategische Entscheidung zur Zukunft des Klubs gefällt", begründete Eberl vor der Presse. Neben ihm saß Hecking, auch das ist in solchen Fällen nicht üblich. Es sei sein gutes Recht, "eine Neuausrichtung anzustreben, wenn sie möglich ist", so der Sportdirektor. Das lässt sich nur so interpretieren, dass ein Nachfolger schon gefunden und bereit steht, und dass Eberl jetzt die Gelegenheit ergreift. Laut "Bild" soll das Marco Rose sein, der von vielen Klubs umworbene Trainer von RB Salzburg, die "Rheinische Post" bringt zudem den Namen des Young-Boys-Trainers Gerardo Seoane aus Bern ins Gespräch.

Schritt jetzt leichter zu verkaufen

"Diese Entscheidung hat nichts mit der aktuellen Situation zu tun", beteuerte Eberl. Zufällig dürfte es aber nicht sein, dass sie jetzt verkündet wird. Nach der schwachen Leistung beim 1:3 in Düsseldorf, nach nur einem Sieg aus den vergangenen sieben Spielen, ist so ein Schritt der Öffentlichkeit weit leichter zu verkaufen als in den Erfolgswochen zuvor.

Thilo Schmülgen REUTERS

Borussia-Sportdirektor Max Eberl: "Strategische Entscheidung gefällt"

Sowohl Eberl als auch Hecking betonen seit Wochen, dass die Mannschaft in dieser Saison "etwas Außergewöhnliches spielt", die Elf "spielt im Grunde über ihrem Limit", sagte Hecking, derzeit "spielt sie wahrscheinlich erstmals seit Langem normal".

Das könnte der Grund sein, warum Eberl sich zum Handeln gezwungen sieht: "Wir wollen in Zukunft einiges anders machen, und das betrifft nicht nur den Trainer", sagte er, bei diesem Satz horcht man auf. So könnten sich auch im Kader umfassendere Dinge tun, als man das bisher gedacht hatte.

"Bis zum bitteren Ende"

Die Borussia hat einen der älteren Kader der Liga (im Schnitt ist ein Gladbachprofi 25,6 Jahre alt) - das schien gut zu passen zum Moderator und Trainer-Routinier Hecking. Rasanter Tempofußball, von jungen wilden Spielern, das ist nicht die Sache Heckings gewesen. Er hatte in dieser Saison schon viel gegen den Ruf des Coachs mit der zu ruhigen Hand getan. Das Spielsystem der Borussia hatte sich verändert, Spieler wie Jonas Hofmann waren aus der Lethargie erwacht. Das alles reicht Eberl aber offensichtlich noch nicht, oder er sieht es nicht als perspektivisch erfolgreich an.

"Mit meiner Gelassenheit, die ich mittlerweile habe, habe ich die Entscheidung ab einem gewissen Punkt akzeptieren können", sagte Hecking. Es sei Eberls "gutes Recht", so zu handeln, er werde als Trainer "jetzt bis zum Saisonende abarbeiten, was mir auferlegt ist". Das klingt nicht nach der großen Leidenschaft, aber diese Eigenschaft wurde dem 54-Jährigen noch nie attestiert.

Er fügte an: "Wir ziehen das jetzt durch bis zum bitteren Ende", merkte aber dann, dass das vielleicht nicht die glücklichste Formulierung war: "Und das bittere Ende soll süß sein."

Sportlich in einer merkwürdigen Situation

Der Verein ist sportlich in einer merkwürdigen Situation. Auf der einen Seite betonen alle Verantwortlichen, "was in dieser Saison Großartiges geleistet wird" - tatsächlich wurde die Borussia zu Rückrundenbeginn sogar als möglicher Meisterschaftsanwärter gehandelt. "Das hat der Mannschaft doch keiner zugetraut", sagte Hecking, und damit dürfte er Recht haben. Auf der anderen Seite hat die Rückrunde aber auch die Defizite der Mannschaft aufgezeigt, die in der Hinrunde durch die Ergebnisse überdeckt worden waren: die Mängel im Tempospiel, die Abhängigkeit von drei, vier Leistungsträgern. Wenn die schwächeln wie der abwanderungswillige Stürmer Thorgan Hazard, passiert nicht mehr viel im Borussenspiel.

So ist die paradoxe Situation eingetreten, dass Hecking aus dieser Mannschaft womöglich das Beste herausgeholt hat. Und weil mehr nicht drin ist, muss er einem Anderen weichen.

insgesamt 23 Beiträge
gammoncrack 02.04.2019
1. Die können ja als Nachfolger Doll holen.
Der steht spätestens dann zur Verfügung. Und er wird entweder die CL-Quali oder sogar die Deutsche Meisterschaft versprechen. Es ist nun einmal der Beste, den wir haben. Allein wie er Hannover vor dem Abstieg rettet, ist doch [...]
Der steht spätestens dann zur Verfügung. Und er wird entweder die CL-Quali oder sogar die Deutsche Meisterschaft versprechen. Es ist nun einmal der Beste, den wir haben. Allein wie er Hannover vor dem Abstieg rettet, ist doch aller Ehren wert.
amberstar 02.04.2019
2. Die Konstante
Ich kann das nicht verstehen. Erst heute hatte ich mit einem Kollegen das Team Eberl/Hecking als vorbildlich gelobt und nun das.... Da erreicht man mit diesem Trainer die beste Hinrunde der Klubgeschichte und das ist nun der Dank [...]
Ich kann das nicht verstehen. Erst heute hatte ich mit einem Kollegen das Team Eberl/Hecking als vorbildlich gelobt und nun das.... Da erreicht man mit diesem Trainer die beste Hinrunde der Klubgeschichte und das ist nun der Dank dafür, weil die Mannschaft nun wieder ins normale Fahrwasser zurückgekehrt ist? Und warum so eine Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt? Hätte man nicht erstmal abwarten können welcher Tabellenplatz am Ende raus springt? Ich bin ja mal auf den angeblich neunen jungen hungrigen Trainer gespannt, der diese großartige Mannschaftsleistung nun zur Regel machen soll (Tedesco?). Ich befürchte jedoch nichts gutes. Jedoch halte ich Eberl für einen der Besten seiner Zunft. Bleibt nur zu hoffen, dass wir als Beobachter den ganzen Plan noch nicht sehen können. Danke Dieter Hecking für die gute Arbeit der letzten 3 Jahre - in Wolfsburg wird im Sommer was frei.
Mikrator 02.04.2019
3. Eberl ist zwar kein eitler Glücksspieler...
Eberl überrascht uns Fohlen Fans mit diesem harten Schnitt , aber andererseits waren die nahezu widerstandslosen Niederlagen 2019 besorgnisserregend - nachdem Heckings Plan A nicht griff. Wenn sein Plan A greift, klappt es dann [...]
Eberl überrascht uns Fohlen Fans mit diesem harten Schnitt , aber andererseits waren die nahezu widerstandslosen Niederlagen 2019 besorgnisserregend - nachdem Heckings Plan A nicht griff. Wenn sein Plan A greift, klappt es dann erfreulicherweise, doch Schablonen sind eben auch gut ausrechenbar. Ich glaube Eberl hat wohl vor , mit den Einnahmen 2018 den Erfolg nicht zu konsolidieren, sondern zu optimieren - in taktischer Hinsicht flexibler und "internationaler" zu werden. Der Manager weiss wohl schon, mehrere Spielerwechsel werden in diesem Jahr bei BMG stattfinden. Ist Hecking für neue Spieler und Spielsysteme dynamisch genug und spielt flexibel genug mit ? Immerhin hat Hecking schon auf 3er Kette im Oktober umstellen lassen , und kommt dann mit 5 er Mittelfeld überraschender für den Gegner zu Ballbesitz beim Gegenpressing. Der Manager glaubt eben nicht an Heckings "Wandelbarkeit " nach diesen schweren, einfallslosen Einbrüchen, und hatte eben einen Plan B und setzt ihn jetzt um. Hohes Risiko, aber mit klarer Linie.
xlabuda 02.04.2019
4. Bei BMG war schonmal ein sehr guter Trainer tätig, der auch
nicht weiter kam. - jetzt ist er sehr erfolgreich bei einer anderen Borussia, Scheint ja wohl doch an was anderem zu liegen als am Trainer - wenn dan schon die Mannschaft nicht mehr bringen kann, liegt es eindeutig an der [...]
nicht weiter kam. - jetzt ist er sehr erfolgreich bei einer anderen Borussia, Scheint ja wohl doch an was anderem zu liegen als am Trainer - wenn dan schon die Mannschaft nicht mehr bringen kann, liegt es eindeutig an der Führung. Was zum Teufel zeichnet einen Eberl eigentlich aus ? Bringt der die Bälle ins Tor ? Kann der die Mannschaft motivieren oder was macht der, daß alle ihn so hoch loben ? Der ist genauso Durchschnitt wie Heldt und Co. - wenn überhaupt.
halverhahn 02.04.2019
5. Eberl hat sich nun selbst ins Fadenkreuz manövriert
Verfehlt Gladbach nach der nächsten Saison die Championsleaque-Plätze mit dem neuen Trainer und ggf runderneuertem Kader, dann kann er sich das ans eigene Knie nageln, sprich die Verantwortung dafür übernehmen und dann auch [...]
Verfehlt Gladbach nach der nächsten Saison die Championsleaque-Plätze mit dem neuen Trainer und ggf runderneuertem Kader, dann kann er sich das ans eigene Knie nageln, sprich die Verantwortung dafür übernehmen und dann auch konsequenterweise seinen Hut nehmen! Klappt es, dann darf er sich auf die eigenen Schultern klopfen, da alles richtig gemacht. Ich prophezeie aber das erste Szenario. Hazard geht weg und ggf. auch noch der eine oder andere weitere Leistungsträger. Und das bekommt BMG durch die Neuzugänge nicht kompensiert. Und dann geht der "sportliche Schuss" nach hinten los... Und dann heißt es Servus Max...

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