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Sport

Frankfurts dramatisches Aus in der Europa League

So kurz vor der Ewigkeit

Eintracht Frankfurts phänomenale Reise durch die Europa League endet auf die dramatischste Art und Weise beim FC Chelsea im Halbfinale: Im Elfmeterschießen scheitert ausgerechnet einer der besten Spieler auf dem Platz.

Arne Dedert / DPA

Spieler von Eintracht Frankfurt beim Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea

Von
Freitag, 10.05.2019   09:41 Uhr

Fazit des Spiels: Der Fußball ist gerade derart in Geberlaune, dass man vor dem Rückspiel des Europa-League-Halbfinals zwischen dem FC Chelsea und Eintracht Frankfurt hoffen konnte, er habe noch eine unfassbare Geschichte übrig. Eine dieser Storys, mit der er die Welt derzeit verzaubert. Und tatsächlich tat er Donnerstagabend fast alles dafür, dass man lange glauben konnte, sich nach den Wundern von Anfield am Dienstag und dem von Amsterdam am Mittwoch vielleicht in der größten Woche der Fußballgeschichte zu befinden.

Frankfurt stand kurz vor der Ewigkeit, hatte Chelsea am Rande des Ausscheidens - und scheiterte dann doch auf die dramatischste aller Arten: im Elfmeterschießen, als man eigentlich schon vorn lag. So endete der wundersame Roadtrip der Eintracht durch Europa, ohne dass Adi Hütters Team dort ankam, wo es hinwollte. Aber eigentlich ist es ja so: Die Reise war das wahre Ziel. Die Eintracht hat ihr erstes Europacupfinale seit 1980 verpasst, aber Herzen gewonnen - und jede Menge Erinnerungen.

Das Ergebnis: 5:4 für den FC Chelsea nach Elfmeterschießen. Nach einem glücklichen 1:1 im Hinspiel in Frankfurt, war das 1:1 nach 90 Rückspielminuten in London für die Eintracht verdient. Weil in der Verlängerung kein Tor mehr fiel, kam es zum finalen Showdown. Frankfurt schied aus, und Chelsea trifft am 29. Mai in Baku im Finale auf den FC Arsenal. Hier geht es zum Spielbericht.

Die erste Hälfte: Die ersten 15 Minuten spielte Frankfurt auf Augenhöhe mit dem Champions-League-Sieger von 2012. Danny da Costa, der formidable Dauerläufer der Eintracht, hatte sogar die Chance zur Führung. Aber Kepa parierte seinen Volleyschuss (14.). Danach übernahm der Tabellendritte der Premier League komplett die Kontrolle. Olivier Giroud scheiterte noch an Kevin Trapp im Eintracht-Tor (23.), Makoto Hasebe rettete auf der Linie gegen Willian (24.). Dann aber schickte Eden Hazard vier Frankfurter mit zwei Körpertäuschungen in die falsche Richtung und spielte Ruben Loftus-Cheek im Strafraum frei. Und der Engländer, der in Statur, Spielstil und Torgefahr an den ehemalige Chelsea-Mittelfeldspieler Michael Ballack erinnert, schob zum 1:0 ein (28.). Baku war zu diesem Zeitpunkt eine Galaxie weit entfernt für Frankfurt.

Die zweite Hälfte: Aber Frankfurt hat bereits gezeigt, dass das Team die Maßstäbe verrücken kann. Als hätte Trainer Hütter der Elf die Highlights der eigenen Europasaison vorgeführt, so kam die Eintracht aus der Kabine: mit dem Glauben an sich selbst. Und prompt fiel der Ausgleich: Ein langer Ball von Hasebe, Jovic ließ ihn an der Strafraumgrenze von der Brust zu Mijat Gacinovic tropfen und bekam ihn so zurück, dass er allein vor Kepa auftauchte. Noch bevor der Stürmer das Spielgerät erreicht hatte, riss Ante Rebic schon die Arme in die Luft. Der Kroate wusste: Jovic ist ein Eisschrank. Tor, 1:1, die Frankfurter Anhänger hinter dem Chelsea-Tor kollabierten fast vor Freude. Sollte hier der Wahnsinn wirklich weitergehen?

Wie einst Huntelaar: Für Jovic war es bereits der zehnte Treffer in dieser Europa-League-Saison. Damit stellte der Serbe einen Rekord ein:

Verlängerung: Frankfurt hatte sich zurück auf Augenhöhe gekämpft - und blieb jetzt dort. Trapp musste noch einmal gegen Giroud parieren, dann war die Verlängerung erreicht. Für Chelsea war das hier das 60. Pflichtspiel der Saison, für Frankfurt das 48. - jetzt ging es an die Reserven. Chelsea brachte Gonzalo Higuaín, der Juve 2016 mal 90 Millionen Euro wert war, Frankfurt zuvor Sebastién Haller, der im Sommer mit sieben Millionen Euro Ablöse der teuerste Transfer der Vereinsgeschichte war: Das sind die Verhältnisse. Haller aber hatte die größte Chance der Verlängerung: Der Franzose kam am Fünfmeterraum frei zum Schuss, traf den Ball jedoch nicht richtig, sodass David Luiz noch auf der Linie retten konnte (100.). Zentimeter waren es nur noch bis Baku.

Tragischer Held: Martin Hinteregger spielte bis Januar noch gegen den Abstieg mit Augsburg. Vier Monate später machte Frankfurts Innenverteidiger im Europa-League-Finale gegen Chelsea das Spiel seines Lebens. Wenn der Weltmeister Giroud mit 1,93 Meter und 93 Kilogramm an jemandem abprallt, dann muss das ein Riese sein. Hinteregger, den sie in Frankfurt "Hinti-Army" nennen, gewann nach der Halbzeitpause gefühlt jeden Zweikampf, stand immer richtig - und blockte auch den letzten Chelsea-Versuch in der Verlängerung von Pedro. Die Ein-Mann-Armee trug damit die gesamte Frankfurter Elf auf den Schultern - bis ins Elfmeterschießen. Dort sollte Hinteregger zur tragischen Figur werden.

Elfmeterschießen: "Heroes" von David Bowie spielte die Stadionregie vor dem finalen Akt dieses Abends: "And the shame, was on the other side. Oh, we can beat them, forever and ever. Then we could be heroes just for one day", heißt es da. Der Held für mehr als nur einen Tag hätte Trapp werden können. Nachdem Haller und Jovic ihre Versuche verwandelt hatten, parierte der Keeper gegen Cesar Azpilicueta. Ganz dicht war jetzt Baku, aber dann kam Hinteregger, schoss, wie er spielte, mit voller Wucht. Doch Kepa blieb stehen und hielt. Der Spanier, mit 80 Millionen Euro der teuerste Torwart der Welt, sollte zum Helden für einen Tag werden: Er parierte auch gegen Gonçalo Paciênca. Und weil Hazard cool blieb, war die Frankfurter Reise beendet.

Sieg auf der Tribüne: Was die Eintracht-Fans an diesem Abend zeigten, war ein weiteres Mal ganz, ganz großes Kino. Schon vor dem Anpfiff war die Stamford Bridge eingenommen - obwohl offiziell nur 2235 Karten an den Eintracht-Anhang gegangen waren.

Nach dem Abpfiff feierten die Frankfurter ihre Mannschaft für eine grandiose Europatournee. Hatte in Liverpool die Menge dem Sieger gehuldigt, hatte in Amsterdam das Stadion einer jungen, knapp gescheiterten Ajax-Elf den Respekt gezollt, den sie verdiente, so stand dieser Auftritt der Eintracht-Fans dem in nichts nach. Als das Londoner Publikum längst gegangen war, feierten die Frankfurter noch lange ihr Team, sich selbst - und den Fußball.

FC Chelsea - Eintracht Frankfurt 5:4 nach Elfmeterschießen
1:0 Loftus-Cheek (28.)
1:1 Jovic (49.)
Elfmeterschießen:
1:2 Haller
2:2 Barkley
2:3 Jovic
Trapp hält gegen Azpilicueta
2:4 de Guzmán
3:4 Jorginho
Kepa hält gegen Hinteregger
4:4 David Luiz
Kepa hält gegen Paciência
5:4 Hazard
Chelsea: Kepa - Azpilicueta, Christensen (74. Zappacosta), David Luiz, Emerson - Jorginho - Loftus-Cheek (86. Barkley), Kovacic - Willian (63. Pedro), Giroud (96. Higuaín), Hazard
Frankfurt: Trapp - Abraham, Hinteregger, Falette - Costa, Rode (70. de Guzmán), Hasebe, Kostic - Gacinovic (119. Paciência) - Jovic, Rebic (90.+3 Haller)
Schiedsrichter: Hategan (Rumänien)
Gelbe Karten: Kovacic, Azpilicueta / Falette, Rode, de Guzmán
Zuschauer: 40.853

insgesamt 15 Beiträge
olive66 10.05.2019
1. zur sog. "Live"-Übertragung bei RTL..
Im Schweizer Kabelnetz konnte man das Spiel sowohl auf RTL als auch beim Schweizer SRF 2 schauen. Abgesehen vom grauslig hysterischen Kommentar bei RTL: Nicht zum ersten Mal fiel dabei auf, dass RTL ein Livespiel im Vergleich zur [...]
Im Schweizer Kabelnetz konnte man das Spiel sowohl auf RTL als auch beim Schweizer SRF 2 schauen. Abgesehen vom grauslig hysterischen Kommentar bei RTL: Nicht zum ersten Mal fiel dabei auf, dass RTL ein Livespiel im Vergleich zur echten Livebild mit rund einer halben Minute Verspätung sendet. Der Spieluhrvergleich des RTL-Bildes mit dem SRF lässt keine Zweifel offen. Zwei, drei Sekunden, so etwas kennt man bei Livebildern zwischen Satellit und Kabel, ein technisch bedingtes Ärgernis zu WM oder EM Zeiten, wenn der Nachbar etwas früher jubelt. Im Fall von RTL ist es schlicht ein Beschiss am Publikum. Um Werbung dazwischen schieben zu können, wird das Livebild zur zeitversetzten Übertragung umgebaut. Der Zuschauer ist ja eh zu blöd und wird schon nix merken. Eben nicht, liebes RTL.
eurusiii 10.05.2019
2. Seltsam
Keiner schreibt, dass zwei Spieler von Chelsea für Fouls mit gestrecktem Bein vom Platz gehört hätten ! Schade, Frankfurt hätte es absolut verdient gehabt. Verdammte Konjunktive.
Keiner schreibt, dass zwei Spieler von Chelsea für Fouls mit gestrecktem Bein vom Platz gehört hätten ! Schade, Frankfurt hätte es absolut verdient gehabt. Verdammte Konjunktive.
Wini Walter 10.05.2019
3. Ist das nur meine SGE-Brille ...
oder hat Schiri Hategan wirklich noch keiner gesagt, daß man auch gegen große Namen mal Hand pfeifen darf? Und Gelb geben bei taktischen Vergehen ... wie z.B. schon nach 10 Minuten der ersten Hälfte, als ein Chelsea Spieler in [...]
oder hat Schiri Hategan wirklich noch keiner gesagt, daß man auch gegen große Namen mal Hand pfeifen darf? Und Gelb geben bei taktischen Vergehen ... wie z.B. schon nach 10 Minuten der ersten Hälfte, als ein Chelsea Spieler in Nähe des Frankfurter Strafraums den Ball grußlos mit der Hand stoppte, um den SGE Konter zu unterbinden. Aber egal! Die SGE hat eine Riesensaison gespielt und ist immer noch verdammt gut und eben nur schwer zu überwinden. In der Buli jetzt noch mal alles geben, um auch nächstes Jahr wieder europäisch dabei zu sein. Und Hinteregger fix verpflichten, denn der hat uns schließlich erst so weit gebracht. Und Rode, und Trapp ... wow ist es geil Frankfurter zu sein! Danke Jungs, danke Adi Hütter, danke Fredi Bobic und Bruno Hübner!
Broko 10.05.2019
4.
Meyns Phrasometer ist wirklich beeindruckend: Den Cup der Verlierer mit so vielen Tschnellen zu begleiten, ist an Absurdität kaum noch zu übertreffen ...
Meyns Phrasometer ist wirklich beeindruckend: Den Cup der Verlierer mit so vielen Tschnellen zu begleiten, ist an Absurdität kaum noch zu übertreffen ...
hoffnungstraeger078 10.05.2019
5. Elfmeterschießen
ist spannend und, so finde ich, doch irgendwie ungerecht. Denn es macht das Ergebnis von Einzelleistungen abhängig. Damit in der Verlängerung ausreichend spielentscheidende Tore fallen, schlage ich vor, für die Dauer der [...]
ist spannend und, so finde ich, doch irgendwie ungerecht. Denn es macht das Ergebnis von Einzelleistungen abhängig. Damit in der Verlängerung ausreichend spielentscheidende Tore fallen, schlage ich vor, für die Dauer der Verlängerung die Abseitsregel aufzuheben.

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1995 AC Parma
1994 Inter Mailand
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1991 Inter Mailand
1990 Juventus Turin
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