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Sport

Deutscher Sieg gegen Weißrussland

Das Tut-gut-Spiel

Die deutsche Nationalelf schafft den zweiten Erfolg in der EM-Qualifikation - ohne gegen Weißrussland auch nur in die Nähe einer Höchstleistung kommen zu müssen. Warum das dem Team in der Selbstfindungsphase trotzdem guttut.

Marius Becker / DPA

Matthias Ginter, Niklas Süle, Manuel Neuer und Jonathan Tah (von links) feiern den Sieg in Weißrussland

Aus Borissow berichtet
Sonntag, 09.06.2019   12:16 Uhr

Auch Fußballnationalspieler wissen manchmal nicht, was nach einem Spiel angebracht ist. Ausgiebig mit den eigenen Anhängern das völlig verdiente, aber kaum ruhmreiche 2:0 (1:0) in der EM-Qualifikation gegen Weißrussland feiern, das wollten Manuel Neuer und seine Kollegen eigentlich nicht.

Aber als die mitgereisten Fans am Samstagabend nach dem Abpfiff im Borissower Stadion zu jubeln anfingen und gar die Welle machten, da ließ sich die DFB-Auswahl doch noch von der Freude anstecken. Neuer und Co. nahmen sich bei den Händen und rissen sie hoch, wie ein Team, das gerade etwas Großes geschafft hat.

Ohnehin war an diesem Sommerabend vieles angenehm nach den unangenehmen Monaten als WM-Versager. Marco Reus etwa wurde von einheimischen Balljungen belagert, als er Interviews geben sollte. Manuel Neuer wurde gar von den lokalen Fans frenetisch beklatscht, als er in die Kabine verschwinden wollte. Selig winkte der Kapitän zurück. Oben auf der Tribüne saß die DFB-Spitze um Interimspräsident Reinhard Rauball hinter einer Glaswand und bekam Kaltgetränke serviert. Alles wahnsinnig entspannt in Weißrussland. Schon mal ein Fortschritt zu den Zeiten, als sich der abgestürzte Weltmeister eingestehen musste, dass er für die Rückkehr an die Weltspitze einen radikalen Umbau benötigt. "So ein Spiel, das tut auch mal gut", sagte Mittelfeldspieler Joshua Kimmich.

Solide Wertarbeit in der Selbstfindungsphase

Es gibt Teams, die Siege dringlicher brauchen als andere. Und dann ist es egal, ob geglänzt wird oder ob es sich um solide Wertarbeit handelt. Deutschland ein Jahr vor der EM 2020 und ein Jahr nach der WM-Bruchlandung von Russland ist so eine Mannschaft. Sie befindet sich in der größten Selbstfindungsphase, seit Joachim Löw 2006 Bundestrainer wurde.

Da kommen Abende wie Samstag gerade recht. Wenn der Gegner so schwach ist wie Weißrussland und keine Höchstleistungen abfordert. Wenn einem selbst ausreichend viel gelingt, dass am Ende keiner groß meckern kann. "Siege sind für die Entwicklung dieser Mannschaft sehr wichtig", sagte Marcus Sorg, der den nach einem Sportunfall verhinderten Löw vertrat.

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EM-Qualifikation: Das DFB-Team in der Einzelkritik

Sorg hatte gleich nach Abpfiff einen Anruf von seinem Chef erhalten, erzählte der Aushilfs-Chefcoach nach der Partie. Löw habe ihm seine Zufriedenheit mitteilen wollen. Auch der 59-Jährige wird wissen, dass er es mit einem fragilen Gebilde im Aufbau zu tun hat, das man schnell noch überfordern kann. Deshalb ordnete er vom Genesungsbett an, trotz des zu erwartenden schwachen Gegners auf eine Dreier-Abwehrkette zu setzen, mit der man allgemein eher für Kompaktheit im eigenen Verteidigungsbund sorgt. Zumindest, wenn davor noch zwei Sechser platziert werden wie diesmal mit Ilkay Gündogan und Kimmich. "Wir hatten einen großen Wechsel im Team seit dem vergangenen Jahr. Nach dem tollen Spiel in Holland im März (3:2), wollten wir der Mannschaft in diesem System Halt geben", erklärte Sorg. Auch gegen Oranje wählte Löw die Dreierkette.

Am Samstag wollte der Bundestrainer sich während des Spiels telefonisch bei DFB-Direktor Oliver Bierhoff melden, wenn er etwas ändern hätte wollen. "In der Halbzeitpause habe ich mal auf mein Handy geguckt, aber da war nichts", berichtete Bierhoff. Der 51-Jährige tat nicht so, als habe er eine Galavorstellung vom eigenen Team erlebt. Selbst beim DFB sind sie nach 2018 näher an die Realität gerückt. Aber Bierhoff fand dann schon, dass es "ein Schritt in die richtige Richtung" gewesen sei. Natürlich habe es weiterhin Unzulänglichkeiten gegeben - vor allem im Ausnutzen der Torchancen. Aber: "Das Schöne ist, dass man merkt: Hier wächst etwas zusammen", sagte Bierhoff. Und er könnte recht haben.

"Eine gute Konstellation"

Diese Mannschaft hat das Potenzial, um vielleicht noch nicht bei der EM 2020, wohl aber bei der WM 2022 wieder konkurrenzfähig in der Weltelite zu sein: Sie hat Qualität, was der wieder einmal als Torjäger aufgetretene Leroy Sané gut illustrierte. Und sie kann sich leiden. "Die Stimmung bei uns ist gut, wir mögen uns untereinander. Das ist schon einmal eine gute Konstellation", sagte Kimmich. Dass das neue Gebilde dann irgendwann nicht mehr so fragil daherkommt, "das entsteht auf dem Platz".

Deshalb war diese Partie gegen ein nur kurz mal aufmuckendes Weißrussland ein Tut-gut-Spiel für diese Nationalelf im Wandel. Für den nächsten und übernächsten Entwicklungsschritt wird sie stärkere Gegner benötigen, um an ihnen zu wachsen. Der EM-Qualifikationsspielplan sieht diesbezüglich nur noch das Rückspiel gegen die Niederlande im September vor. Estland am Dienstag in Mainz (20.45 Uhr/Liveticker bei SPIEGEL ONLINE, TV: RTL) sowie Nordirland im September, die beiden weiteren Gruppengegner, taugen nicht als Wachstumsmittel.

insgesamt 3 Beiträge
BurekTomate 09.06.2019
1. Nur der Trainer stört da noch
Wenn Löw endlich weg wäre, dann könnte es wirklich wieder was werden mit dem WM-Titel. Fragt bei Klopp nach, der will diesen Job schon seit Jahren, wie man zwischen den Zeilen deutlich spüren kann.
Wenn Löw endlich weg wäre, dann könnte es wirklich wieder was werden mit dem WM-Titel. Fragt bei Klopp nach, der will diesen Job schon seit Jahren, wie man zwischen den Zeilen deutlich spüren kann.
marcuhlig 09.06.2019
2.
ich frag mich was #1 soll, warum sollte Klopp sich das antun, der kann in Liverpool richtig Geld auf den Kopf hauen, aus dem vollen schöpfen und wird geliebt. der wird als nächstes versuchen die Meisterschaft zu holen, nie und [...]
ich frag mich was #1 soll, warum sollte Klopp sich das antun, der kann in Liverpool richtig Geld auf den Kopf hauen, aus dem vollen schöpfen und wird geliebt. der wird als nächstes versuchen die Meisterschaft zu holen, nie und nimmer wird der in absehbarer Zeit Liverpool verlassen.
ichwarschonimmerda 10.06.2019
3. Niemals
Jürgen Klopp wird niemals Bundestrainer. Er benötigt die wöchentlichen, in der PL in Verbindung mit CL, FA-Cup und Ligalpokal fast täglichen Adrenalinschübe, ansonsten geht der ein. Ich bin auch kein Fan von Löw, aber er hat [...]
Jürgen Klopp wird niemals Bundestrainer. Er benötigt die wöchentlichen, in der PL in Verbindung mit CL, FA-Cup und Ligalpokal fast täglichen Adrenalinschübe, ansonsten geht der ein. Ich bin auch kein Fan von Löw, aber er hat den Karren in den Dreck gesetzt, jetzt soll er beweisen, dass er ihn wieder rausholen kann.

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