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Sport

Bayern München auf den Spuren von 1974

Die verrückteste Reise der Vereinsgeschichte

Am Donnerstag reist der FC Bayern von Brüssel nach Mönchengladbach. Wie schon 1974. Frühere Spieler erinnern sich an das absurdeste Auswärtsspiel der Vereinsgeschichte.

imago Sportfotodienst
Von Florian Kinast, München
Mittwoch, 22.11.2017   15:01 Uhr

An diesem Dienstagvormittag hoben die Bayern am Münchner Flughafen ab, mit Flug LH2570 ging es um 11 Uhr nach Brüssel. Es war der Auftakt einer längeren Dienstreise: Am Abend tritt der Rekordmeister in der Champions League beim RSC Anderlecht an (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF), und anstatt - wie sonst üblich - tags darauf wieder heimzufliegen, fährt die Mannschaft am Donnerstag mit dem Bus gleich weiter, ins 170 Kilometer entfernte Mönchengladbach. Dort bereitet sie sich vor auf das Spitzenspiel der Bundesliga am Samstagabend (18.30 Uhr) im Borussia-Park.

Es ist eine Reiseroute, die bei früheren Bayern-Spielern Erinnerungen wachruft. Denn mit dem Bus von Brüssel nach Mönchengladbach fuhr eine Mannschaft des FC Bayern schon einmal: Vor mehr als 43 Jahren, als auf einen historischen Triumph das absurdeste Spiel der Vereinsgeschichte folgte - und das bedeutungsloseste Debakel aller Zeiten. Der heute 64-jährige Bernd Dürnberger, damals Stürmer bei den Bayern neben Gerd Müller, sagt am Telefon: "Diese Situation war irrsinnig grotesk. Heute ist das unvorstellbar."

Es war der 15. Mai 1974, ein Mittwoch, als der FC Bayern in Brüssel erstmals in einem Endspiel des Europapokals der Landesmeister stand. Gegner im Heysel-Stadion: Atlético Madrid. Nach torlosen 90 Minuten traf Luis Aragonés in der 114. Minute zum 1:0. Dann aber kam Vorstopper Hans-Georg Schwarzenbeck, genannt "Katsche", Franz Beckenbauers ewiger Edelhelfer, und hämmerte den Ball Sekunden vor Ende der Verlängerung aus gut 25 Metern zum Ausgleich ins linke Eck. Und weil es damals im Finale noch kein Elfmeterschießen gab, stand ein Wiederholungsspiel an. "Dass das zwei Tage später stattfindet", sagt Dürnberger, "haben wir dann in der Kabine erfahren."

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Fotostrecke: Via Brüssel nach Mönchengladbach

Am folgenden Freitagabend gewannen die Bayern vor halbleeren Rängen locker 4:0, zweimal traf Gerd Müller, zweimal Uli Hoeneß. Der erste Triumph im Europapokal der Landesmeister war perfekt. Dann ging es zum Feiern, bei einem großen Gelage samt Ehefrauen im Mannschaftshotel ein wenig außerhalb Brüssels. Einige Spieler fuhren tief in der Nacht noch in eine Bar im Stadtzentrum, als sie zurückkehrten, war es schon wieder hell. Eigentlich nicht so verwunderlich, immerhin war es der bis dahin größte Triumph der Vereinsgeschichte. Ungewöhnlich aber war: Am Nachmittag, 15.30 Uhr, stand das Auswärtsspiel in Gladbach ein. Bundesliga, 34. Spieltag.

"Geschlafen hat von uns in dieser Nacht keiner", sagt Bernd Dürnberger, "irgendwann am Morgen kam im Hotel von Robert Schwan die Ansage, dass der Bus um 11 Uhr abfährt." Schwan war der Manager der Bayern, deren großes Glück war, dass sie mit drei Punkten Vorsprung auf Gladbach (damals galt noch die Zwei-Punkte-Regel pro Sieg) bereits vor dem Saisonabschluss als Deutscher Meister feststanden - deshalb war ihnen das Spiel auch herzlich egal.

Auf der Fahrt von Brüssel Richtung Bökelberg fielen manchen im Bus die Augen zu, andere füllten, wie Sepp Maier einmal erzählte, Schampus in den Henkelpott und reichten ihn durch die Reihen. "Unterwegs sind wir in einem Gasthaus noch schnell auf ein Mittagessen eingekehrt", erzählte Schwarzenbeck, es war nach viel Flüssigkeitszufuhr endlich wieder etwas feste Nahrung. "Und zum Anpfiff am Bökelberg haben wir's dann gerade noch so rechtzeitig geschafft."

Vor Spielbeginn schlug Manager Schwan im Gladbacher Mittelkreis mit Pfeife im Mund einen Purzelbaum, eine eingelöste Wette nach dem Europacup-Triumph, während Torhüter Maier zeitgleich die Chancen auf einen Sieg auf "drei Promille" bezifferte.

"Beckenbauer hatte Standschwierigkeiten"

Im Spiel selbst trabten die Bayern entsprechend orientierungslos umher, im Bericht des ZDF-Sportstudios umschrieb der Kommentator später höflich: "Uli Hoeneß verständlicherweise kraftlos." Oder: "Nicht nur Beckenbauer hatte Standschwierigkeiten." Eine halbe Stunde hielten die tapferen Münchner das 0:0, dann brachen sie ein, zur Halbzeit führte Gladbach 4:0, am Ende stand es 5:0.

Einzig Gerd Müller nahm die Partie richtig ernst, schließlich ging es noch um den Titel des Torschützenkönigs. Mit zwei Treffern Vorsprung ging Müller ins Spiel, am Ende teilte er sich die Torjägerkanone mit dem Doppel-Torschützen der Gladbacher an diesem Nachmittag: Mit Jupp Heynckes, dem heutigen Bayern-Trainer.

Am Abend fuhren die Bayern nach München zurück. Mit Meisterschale und dem Europapokal. Und wahrscheinlich immer noch nicht völlig nüchtern. Spieler wie Bernd Dürnberger, dem nach Titeln erfolgreichsten deutschen Fußballprofi, der nie ein A-Länderspiel bestritt, traten dann den Sommerurlaub an. Sieben andere gingen zur Nationalmannschaft: Maier, Breitner, Beckenbauer. Müller, Hoeneß, Schwarzenbeck - und Jupp Kapellmann, der allerdings zu keinem WM-Einsatz kam. Vorbereitung auf die Heim-WM. Immerhin stand das erste Gruppenspiel erst am 14. Juni gegen Chile an. Fast vier Wochen nach Brüssel und Gladbach. Am Ende gewannen sie auch den Weltmeistertitel.

insgesamt 8 Beiträge
tmhamacher1 22.11.2017
1. Gegen Chile!
Das 1. Gruppenspiel war gegen Chile und wurde 1:0 gewonnen, erst das 2. Spiel war gegen Australien (3:0).
Das 1. Gruppenspiel war gegen Chile und wurde 1:0 gewonnen, erst das 2. Spiel war gegen Australien (3:0).
yoda56 22.11.2017
2. Bitte Bildunterschrift Nr.7 korrigieren
Es war der Katsche und nicht der Bulle - habs im zarten Alter von 18 höchstselbst gesehen!
Es war der Katsche und nicht der Bulle - habs im zarten Alter von 18 höchstselbst gesehen!
Joinme66 22.11.2017
3.
Bernd Dürnberger, nach über 40 Jahren realisier ich erst das du nie in der NM warst. Solltest du das lesen...du wirst immer einer meiner Lieblingsspieler bleiben. ?
Bernd Dürnberger, nach über 40 Jahren realisier ich erst das du nie in der NM warst. Solltest du das lesen...du wirst immer einer meiner Lieblingsspieler bleiben. ?
Bochumfan 22.11.2017
4. Ich war bei dem Spiel auf dem Bökelberg
Ich hatte damals Karten für das Spiel. Denn es hatte lange so ausgesehen, als würde es am letzten Spieltag quasi ein Endspiel zwischen Gladbach und Bayern geben. Leider verloren die Gladbacher am vorletzten Spieltag gegen [...]
Ich hatte damals Karten für das Spiel. Denn es hatte lange so ausgesehen, als würde es am letzten Spieltag quasi ein Endspiel zwischen Gladbach und Bayern geben. Leider verloren die Gladbacher am vorletzten Spieltag gegen Düsseldorf. Hätte Gladbach gewonnen, wären sie nur einen Punkt hinter Bayern gewesen. Dann hätte man das Spiel wohl verlegt. Denn das wäre den Bayern nicht zuzumuten gewesen.
antonius 22.11.2017
5. Alkoholverdunstungsstunde
So nannte der unvergessene Udo Lattek das Spiel in Gladbach. Selbst die Borussen verloren nach dem letzten Tor die Lust am Spiel. Der Ball rollte so gut wie nicht mehr. Man soff und feierte gemeinsam weiter. Auf dem Platz. Es war [...]
So nannte der unvergessene Udo Lattek das Spiel in Gladbach. Selbst die Borussen verloren nach dem letzten Tor die Lust am Spiel. Der Ball rollte so gut wie nicht mehr. Man soff und feierte gemeinsam weiter. Auf dem Platz. Es war vergnüglich, den Spielbericht in der Sportschau zu verfolgen.

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