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Sport

Chelsea-Trainer Sarri

Wie ein sturer Sportlehrer kurz vor der Rente

Wegen fehlender Flexibilität droht Maurizio Sarri das Aus beim englischen Ligapokal-Finalisten FC Chelsea. Der Trainer trägt aber nicht allein die Schuld an der Krise.

REUTERS

Maurizio Sarri

Von , Manchester
Sonntag, 24.02.2019   15:34 Uhr

Im Grunde könnte der FC Chelsea zuversichtlich in das Finale um den englischen Ligapokal gegen Manchester City an diesem Sonntag (17.30 Uhr, TV: Dazn) gehen. Im Dezember fügte der Klub aus Londons Südwesten dem amtierenden Meister die erste Niederlage der Saison zu. Bei dem 2:0-Erfolg durch Treffer von N'Golo Kanté und David Luiz zeigte Chelsea die bis dahin beste Leistung unter Trainer Maurizio Sarri, der im Sommer vom SSC Neapel als Nachfolger von Antonio Conte gekommen war.

Das Problem: Vor zwei Wochen traten Chelsea und Manchester City wieder gegeneinander an. Sarris Mannschaft lag schon nach 25 Minuten 0:4 hinten, am Ende stand es 0:6. Es war eine Kapitulation, wie man sie selten erlebt in der angeblich so umkämpften Premier League. Das Ergebnis manifestierte den rasenden Verfall, der nach dem guten Saisonstart Besitz ergriffen hat von dem Verein von der Stamford Bridge.

Nach drei Niederlagen aus den vergangenen vier Ligaspielen ist Chelsea auf den sechsten Tabellenplatz abgerutscht. Das Saisonziel, der Einzug in die Champions League, ist in akuter Gefahr. Im FA-Cup ist die Mannschaft gerade durch ein 0:2 gegen Manchester United ausgeschieden. Die Zuschauer begleiteten die Partie im eigenen Stadion mit Häme gegen Sarri.

Sarri muss liefern

Der 60 Jahre alte Italiener hat ihr Vertrauen verloren und weiß, dass er Ergebnisse liefern muss, um sein frühzeitiges Aus beim notorisch ungeduldigen FC Chelsea (acht Trainerwechsel in den vergangenen zehn Jahren) zu verhindern. "Wir müssen drei, vier Spiele nacheinander gewinnen. Das ist die einzige Lösung", sagt der kettenrauchende Ex-Banker, der mit seinem blauen Trainingsanzug, dem dünnen Haar und der Brille an einen Sportlehrer kurz vor der Pensionierung erinnert.

Sarri ist Dogmatiker. Er steht für eine klare Philosophie, die sogar nach ihm benannt ist, nämlich den Sarrismo. Oder, so nennen es die Engländer: Sarriball. Diese Spielform basiert auf Ballbesitz und kurzen Pässen in einer 4-3-3-Formation. Wichtigster Spieler ist der Mann im defensiven Mittelfeld. Er diktiert das Tempo und steuert das Geschehen. Sarri hat für diesen Job den Italiener Jorginho aus Neapel mitgebracht. Dafür musste Kanté auf eine ungeliebte, etwas offensivere Position ausweichen. Der Kanté, der seit Frankreichs WM-Erfolg in Russland als bester defensiver Mittelfeldspieler des Planeten gilt.

Zu Saisonbeginn sah es so aus, als wäre es Sarri problemlos gelungen, sein Spielsystem aus Italien in die Premier League zu importieren. Chelsea blieb mehr als drei Monate ungeschlagen. Doch mittlerweile haben sich die Gegner auf Sarris Fußball eingestellt. Sie umzingeln Jorginho und machen Chelsea damit manövrierunfähig. Kanté wirkt auf fremder Position zunehmend verzweifelt. Auch Eden Hazard, der größte Star des Teams, macht in Sarris System einen verlorenen Eindruck.

Die Zuschauer laufen Sturm gegen die Spielweise des Trainers. "Fuck Sarriball!", sangen sie bei der Niederlage im FA-Cup gegen Manchester United. Dass Fußballfans eine bestimmte Taktik beschimpfen, dürfte in der langen Geschichte der Beschimpfungen durch Fußballfans einzigartig sein. Trotzdem hält Sarri an seiner Herangehensweise fest. Seine Sturheit könnte ihm den Job kosten. Allerdings wäre es zu einfach, die Schuld für Chelseas verfahrene Lage nur bei ihm zu suchen. Der Verein ist ebenso in der Verantwortung.

Fehlende Mittel, düsteres Bild

Wer einen Trainer verpflichtet, der so klar mit einer bestimmten Spielidee verbunden ist wie Sarri, der muss wissen, was er bekommt und kann sich nicht beklagen, wenn der Trainer unter allen Umständen auf dieser Idee beharrt. Außerdem kann man zu Sarris Entlastung anführen, dass ihm Chelsea nicht die nötigen Mittel für eine Neuausrichtung zur Verfügung stellt.

Er durfte Jorginho für 57 Millionen Euro aus Neapel mitbringen und bekam leihweise Mateo Kovacic von Real Madrid. Dazu kam Kepa Arrizabalaga, den Chelsea mit 80 Millionen Euro zum teuersten Torwart der Welt machte, weil der Verein nach dem Weggang von Thibaut Courtois nach Madrid in Panik geriert. Im Januar besserte der Klub mit der Ausleihe des ehemaligen Sarri-Schülers Gonzalo Higuaìn von Juventus nach.

Ansonsten muss der Trainer mit der Mannschaft seines Vorgängers Conte arbeiten - und wird auch in absehbarer Zeit keine weiteren Verstärkungen bekommen. Die Fifa hat den Meister von vor zwei Jahren gerade mit einer Transfersperre bis 2020 belegt. Das trägt zum düsteren Bild bei Chelsea bei und macht Sarris Arbeit nicht einfacher. Zum Vergleich: Pep Guardiola, der Hohepriester des Systemfußballs, durfte in seinen ersten beiden Saisons bei Manchester City mehr als eine halbe Milliarde Euro für neues Personal ausgeben und eine Mannschaft nach seinen Wünschen bauen.

Neben den genannten Problemen wird gerade ersichtlich, wie viel Substanz Chelseas Kader nach und nach verloren hat. Der Verein hat Leistungsträger (und wichtige Charaktere) stets mit schlechteren Spielern ersetzt. Torwart Arrizabalaga hat nicht das Niveau von Courtois, die Innenverteidiger Antonio Rüdiger und David Luiz nicht das von Klublegende John Terry, der im Moment zu Atlético verliehene Angreifer Álvaro Morata nicht das von Diego Costa. Der Trend dürfte sich fortsetzen. Denn es ist schwer vorstellbar, dass Christian Pulisic auf Anhieb Eden Hazard ersetzen kann, falls sich dieser wie vermutet Real Madrid anschließt.

Pulisic wechselt im Sommer von Borussia Dortmund zu Chelsea. Gut möglich, dass Sarri dann schon längst weg ist.

insgesamt 2 Beiträge
widower+2 24.02.2019
1. Einzigartig?
"Dass Fußballfans eine bestimmte Taktik beschimpfen, dürfte in der langen Geschichte der Beschimpfungen durch Fußballfans einzigartig sein." Nicht ganz. Werder-Fans erinnern sich immer noch mit Schaudern an die [...]
"Dass Fußballfans eine bestimmte Taktik beschimpfen, dürfte in der langen Geschichte der Beschimpfungen durch Fußballfans einzigartig sein." Nicht ganz. Werder-Fans erinnern sich immer noch mit Schaudern an die "Duttball" getaufte Spielweise mit langem Hafer nach vorne aus einer brüchigen Deckung heraus ohne Anspielstationen in der gegnerischen Hälfte.:)
rubraton 24.02.2019
2. verlorenes Potenzial ein Spieler ?
meines Erachtens hat die Mannschaft ein sehr gutes Potenzial dass sie eben auch ausschöpfen sollte, frage mich natürlich auch ob man die 80 Millionen für ein Torwart hätte auch anders in noch effizientere Spieler investieren [...]
meines Erachtens hat die Mannschaft ein sehr gutes Potenzial dass sie eben auch ausschöpfen sollte, frage mich natürlich auch ob man die 80 Millionen für ein Torwart hätte auch anders in noch effizientere Spieler investieren können.

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