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Sport

Deutsche Fußballerinnen bei der WM

Operation am offenen Herzen

Siege gegen China und Spanien, noch kein Gegentor, so gut wie im Achtelfinale: Deutschlands Fußballerinnen rauschen nur so durch die Weltmeisterschaft. Von wegen!

Michel Spingler / AP

Martina Voss-Tecklenburg (r.) hat noch nicht die optimale Aufstellung gefunden

Aus Valenciennes berichtet
Donnerstag, 13.06.2019   15:19 Uhr

Ein Fußballspiel erzählt zwei Wahrheiten; eine handelt vom Ergebnis, die andere davon, wie das Resultat zustande gekommen ist. Oft heißt es, was zählt, ist das Ergebnis, und schon übermorgen interessiert sich niemand mehr dafür, wie es eigentlich zustande gekommen ist. Fußball ist ein Ergebnissport.

Das ist letztlich die gute Nachricht für die deutschen Fußballerinnen bei der Weltmeisterschaft in Frankreich. Die Ergebnisse, sie stimmen. Der Sieg gegen Spanien war nach dem Auftakterfolg gegen China das zweite 1:0. Zwei Spiele, zwei Siege, fast im Achtelfinale, der Gruppensieg winkt, in der ersten K.-o.-Runde würde dann ein leichterer Gegner warten, und Stand jetzt nicht die Titelverteidigerinnen aus den USA, das schwerste Los.

Entsprechend groß war nach dem Duell gegen Spanien die Erleichterung im deutschen Lager. Mit Schlusspfiff fielen sich die Spielerinnen in die Arme, Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg rannte zu Torhüterin Almuth Schult, die erneut ohne Gegentor geblieben war. "Wir hatten zwei schwere Auftaktpartien, wir haben sechs Punkte. Wir haben komplizierte Aufgaben erfolgreich gelöst", sagte die Cheftrainerin später, und sie ergänzte: "Heute überwiegt bei mir der Stolz."

Lücke zwischen Ergebnis und Auftritt

Und es stimmt auch: Ihr Team setzte sich in einem von harten Fouls geprägten Duell gegen China durch, und ihr Team gewann auch ohne seine Starspielerin Dzsenifer Marozsán gegen den stärksten Gruppengegner Spanien. Aber es gibt eben zwei Wahrheiten, und im Fall des deutschen Teams klafft eine Lücke zwischen Ergebnis und Auftritt. Eine große Lücke. Bundestrainerin Voss-Tecklenburg hatte zu Beginn des Turniers den Plan, mutig und aktiv zu spielen. Bisher müssen die deutschen Spielerinnen aber vor allem reagieren.

Denis Charlet / AFP

Alexandra Popp (l.) half sogar im defensiven Mittelfeld aus

Gegen Spanien benötigte es erneut diverse Umstellungen, um die Spielhoheit zurückzugewinnen. Die junge Lena Oberdorf war im linken Mittelfeld kein Faktor, erst als sie ab der 30. Minute vermehrt nach innen zog, konnte die 17-Jährige ihr großes Talent andeuten. Alexandra Popp war in einer Doppelspitze abgemeldet und bekam keine Bälle, am Ende half sie als defensive Mittelfeldspielerin und mit ihrer enormen Kopfballstärke gar als Abrissbirne vor der Abwehr aus; und Giulia Gwinn musste erneut als Allzweckwaffe dienen. Die Bundestrainerin ist noch auf der Suche, sie operiert das Team am offenen Herzen, während einer WM. Das sind normalerweise schlechte Voraussetzungen.

All die Umstellungen waren nötig, weil die DFB-Auswahl in einem 4-4-2-System anfing und ihr darin die Stabilität im Mittelfeld fehlte. Sie hatte zu Beginn mehrfach Glück, als Spanien mit hohen, langen Pässen dreimal die deutsche Innenverteidigung aus Marina Hegering und Sara Doorsoun austrickste, aber keine seiner Chancen nutzte. Und sie hatte Glück, dass Verena Schweers bei einer vermeintlichen Notbremse nicht vom Platz flog. Auch gegen China waren etliche wackelige Momente dabei, unter anderem ein Pfostenschuss beim Stand von 0:0. Dass die deutsche Mannschaft noch kein Gegentor kassiert hat, ist jedenfalls kein Ausdruck der Stärke.

Doch es wäre unfair, die deutsche Mannschaft allein aufs Glück zu reduzieren. Gegen Spanien gewann das Team auch, weil es effizient mit seinen Chancen umging. Weil es kämpferisch ist, das Siegtor von Sara Däbritz per Grätsche steht symbolisch für die Mentalität der Mannschaft. Die Torschützin nannte den Erfolg später einen "Sieg des Willens". Und das Team gewann auch, weil es sich steigern kann: Innenverteidigerin Doorsoun zeigte nach ihrem wackeligen Auftritt gegen China eine deutlich bessere Leistung. Die deutsche Auswahl hat Potenzial.

Doch die noch junge Mannschaft mit 15-WM-Debütantinnen braucht nun Stabilität, um gegen die Topteams in der K.-o.-Phase eine Chance zu haben. Eine Stammelf, klarere Zuordnungen, keine permanenten Positionswechsel wie es aktuell der Fall ist. Gegen Spanien ging das noch mal gut, gegen Frankreich, die Niederlande oder USA könnte das aber schiefgehen.

Die Maßnahme mit Popp im Mittelfeld könnte jedenfalls eine Lösung sein. Die Wolfsburgerin hilft auch im Verein schon mal vor der Abwehr aus, auch wenn es nicht gerade ihr favorisierter Platz auf dem Feld ist. Die Kapitänin sieht sich im Sturmzentrum, sagte aber nach der Partie, sie werde dort spielen, wo sie gebraucht werde. Ihre Wucht in Luftduellen scheint derzeit eher als Sicherheitsmaßnahme gebraucht zu werden, weniger zur Vollstreckung im gegnerischen Strafraum. Dort könnte die 18 Jahre alte Klara Bühl die Popp-Rolle übernehmen, gegen Spanien hinterließ sie nach ihrer Einwechslung einen guten Eindruck.

Im letzten Gruppenspiel am kommenden Montag (18 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) trifft die deutsche Mannschaft auf Südafrika, einen absoluten Außenseiter bei dieser WM. Aber auch ein Team, das gern offensiv spielt und somit eine Gefahr für die wackelige Defensive darstellt. Ein deutscher Erfolg und der Gruppensieg wäre perfekt; eine starke Leistung und die kritischen Stimmen am Auftritt wären leiser.

insgesamt 13 Beiträge
andibaer 13.06.2019
1. Na ja
Grundsätzlich stimme ich der Analyse zu. Allerdings ist Herr Löw ja 2018 unter anderem deshalb gescheitert, weil er sich bzw. die Mannschaft nicht auf unterschiedliche Gegner einstellen konnte. MVT hat gegen die überaus hart [...]
Grundsätzlich stimme ich der Analyse zu. Allerdings ist Herr Löw ja 2018 unter anderem deshalb gescheitert, weil er sich bzw. die Mannschaft nicht auf unterschiedliche Gegner einstellen konnte. MVT hat gegen die überaus hart agierenden Chinesinnen ebenso ein Mittel gefunden wie ohne ihre Spielmacherin gegen spielerisch starke Spanierinnen. Und die passenden Spielerinnen und ein bisschen Glück braucht man natürlich auch. Wenn diese Mischung weiter so funktioniert und keine Störungen hinzukommen (z.B. weitere Ausfälle), sehe ich durchaus Potential für das Halbfinale. Aber wie immer im Fußball kann es auch ganz anders kommen.
justus65 13.06.2019
2. Ergebnis zählt
Ja, das Ergebnis zählt, wer gewinnt hat recht. Eine Spende für das Phrasenschwein ist wohl fällig. Deutschland hatte gestern an Ende sogar mehr gute Chancen, aber wie das Spiel ablief gibt doch zu denken. Viel zu viele Pässe [...]
Ja, das Ergebnis zählt, wer gewinnt hat recht. Eine Spende für das Phrasenschwein ist wohl fällig. Deutschland hatte gestern an Ende sogar mehr gute Chancen, aber wie das Spiel ablief gibt doch zu denken. Viel zu viele Pässe auf gut Glück, viele Pässe auch über kurze Distanzen so, dass die eigene Mitspielerin kein Chance auf den Ball hatte, sondern die Gegenspielerin die bessere Position hatte. Das sah bei den Spanierinnen schon eher nach Fußball aus. Vor Beginn der WM hat man/frau sich oft beschwert, dass der Frauenfußball nicht die gleiche Aufmerksamkeit und die gleichen Prämien bekommt wie der Männerfußball. Also, wer die ersten Spiele der WM verfolgt hat, für den stellt sich diese Frage mit Sicherheit nicht mehr. Man stellt sich eher die Frage, warum derart viel Sendezeit für derartige Leistungen belegt wird und die Sender für diese Übertragungen auch noch Geld bezahlen. Fußball auf diesem Niveau kann man in vielen Dorfclubs im Amateurbereich bewundern, da gehört es hin und es ist gut, dass darüber mediales Schweigen herrscht (außer in den Lokalnachrichten). ie dortige mediale Aufmerksamkeit und die dort vorhandene finanzielle Begleitung wären durchaus angemessen.
ray05 13.06.2019
3.
Der Autor scheint wesentlich mehr erwartet zu haben. Womöglich schwelgt er noch in den alten Zeiten, als die deutschen Frauen gerade mal die USA zu fürchten hatten und ansonsten lediglich über die Höhe der Siege diskutiert [...]
Der Autor scheint wesentlich mehr erwartet zu haben. Womöglich schwelgt er noch in den alten Zeiten, als die deutschen Frauen gerade mal die USA zu fürchten hatten und ansonsten lediglich über die Höhe der Siege diskutiert wurde. :) Diese Phase der klaren Dominanz gehört dauerhaft der Vergangenheit an und zwar naturgemäß. Als in England, Frankreich, Holland und Spanien endlich der Frauenfußball (mit Verspätung) gefördert und professionalisiert wurde, war eigentlich klar, dass dort der Rückstand auf Deutschland (und die Skandinavier) sukzessive verringert werden würde. Die sind ja nicht gottgewollt schwächer als die Unsrigen. Heute haben wir in Europa keinen klaren Favoriten mehr, ganz wie bei den Männern spielen sechs oder sieben Teams auf nahezu gleichem Spitzenniveau. Wenn man das weiß, dann kann man die Leistung gestern gegen Spanien auch angemessen wurdigen: nämlich als einen bravourösen Kampf der sehr jungen deutschen Mannschaft. Ja, dass selbst das Siegtor noch gegrätscht worden ist, mag derzeit als Sinnbild verlorengegangener technisch-taktischer Dominanz dastehen, aber es steht auch da als Sinnbild dafür, dass sich die Truppe zu wehren weiß.
ptb29 13.06.2019
4. Ja aber, gewonnen haben sie, oder?
Auch im Frauenfussball gibt es keine leichten Gegner mehr. Die deutschen Frauen haben nicht haushoch überlegen gespielt, sie haben trotzdem gewonnen.
Auch im Frauenfussball gibt es keine leichten Gegner mehr. Die deutschen Frauen haben nicht haushoch überlegen gespielt, sie haben trotzdem gewonnen.
dr.joe.66 13.06.2019
5. Ich fand es gut!
@justus65: Meine Güte, mein Neffe läuft auf 100 m auch schneller als die Olympiasiegerin bei den Frauen... Diese Vergleiche sind total unsinnig. Dann schauen sie doch Amateurfußball... Ich fand die Spiele bisher alle gut und [...]
@justus65: Meine Güte, mein Neffe läuft auf 100 m auch schneller als die Olympiasiegerin bei den Frauen... Diese Vergleiche sind total unsinnig. Dann schauen sie doch Amateurfußball... Ich fand die Spiele bisher alle gut und interessant. Und die jungen Spielerinnen haben echt meinen Respekt.

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