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Sport

Rekordsieg der USA gegen Thailand

Ist es respektlos, noch ein 13. Tor zu wollen?

Wie kann es bei einer Weltmeisterschaft einen 13:0-Sieg geben? An guten Tagen sind die USA einfach unschlagbar, Superstar Alex Morgan traf fünf Mal. Doch an dem Torhunger gab es auch Kritik.

Christian Hartmann / REUTERS

US-Star Alex Morgan tröstet Thailands Sukanya Chor Charoenying

Aus Reims berichtet
Mittwoch, 12.06.2019   08:02 Uhr

Ein 13:0-Sieg bietet viele Geschichten. Doch wer verstehen möchte, wie es zu diesem WM-Rekordergebnis kommen konnte, muss eine eigentlich belanglose Szene aus der 74. Minute betrachten: Die USA führten gegen Thailand 7:0, Abwehrspielerin Abby Dahlkemper spielte einen kniehohen, kaum zu kontrollierenden Pass auf Alex Morgan und handelte sich einen Rüffel der Stürmerin ein.

Die Botschaft war eindeutig: Für Morgan ist ein Spiel erst beendet, wenn der Schlusspfiff ertönt. Eine Minute später erhielt sie das nächste Anspiel, drehte sich im Strafraum auf engstem Raum und erzielte mit einem trockenem Schuss ins linke Eck das schönste Tor des Tages.

Morgan traf insgesamt fünf Mal, einmal per Kopf (12. Minute), mit einem Abstauber (53.) und mit drei unhaltbaren Schüssen (75./81./87.). Sie legte drei weitere Tore auf und zeigte eine der bemerkenswertesten Leistungen in der WM-Historie.

Bisher hatte Deutschland die Bestenliste der höchsten Siege mit einem 11:0 gegen Argentinien angeführt. "Das wussten wir nicht", sagte Rechtsverteidigerin Kelley O'Hara und wollte nichts von einer bewussten Rekordjagd wissen. Fünf Treffer von einer Spielerin in einer WM-Partie hatte es zuvor einmal gegeben, Morgans Landsfrau Michelle Akers war das 1991 gegen Taiwan gelungen.

Das waren jedoch noch andere Zeiten, hohe Siege waren nicht unüblich, die Leistungsunterschiede extrem groß. Diese WM in Frankreich stand bisher für eine Zeitenwende. Kleine Fußballnationen wie Argentinien, Kamerun oder Neuseeland wissen mittlerweile, wie effektives Verteidigen funktioniert. Knappe Ergebnisse sind üblich geworden. Doch dann kommen die dreifachen Weltmeisterinnen aus den USA und machen aus Thailand in 90 Minuten ein fußballerisches Entwicklungsland.

Die USA thronen über allen anderen Teams

Doch Vorsicht. Dieser historische Abend im Stade Auguste-Delaune hat vielmehr mit Morgans Torhunger, mit den Tricks von Tobin Heath, mit der Urgewalt von Samantha Mewis - sprich mit der außergewöhnlichen Leistung der US-Nationalspielerinnen - als mit den bemitleidenswerten Thailänderinnen zu tun.

Denn die USA zeigte sich in nahezu allen Belangen besser als die anderen Teams, die zum Favoritenkreis gehören. Passschärfe, Zweikampfverhalten, erste Ballkontakte, direktes Kombinationsspiel, tiefe Läufe bis zur Grundlinie, eine klare Spielidee im 4-3-3 - die Liste könnte noch fortgeführt werden.

Trainerin Jill Ellis wurde nach dem Spiel gefragt, ob es nicht respektlos gegenüber Thailand gewesen wäre, immer weiter nach vorne zu spielen. Dem trat die 52-Jährige entschieden entgegen. "Ich glaube nicht, dass solche Fragen nach einem hohen Sieg bei Männer-Weltmeisterschaften gestellt worden wären", sagte Ellis, die sich im Vorfeld mit der Kritik von Ex-Torhüterin Hope Solo auseinandersetzen musste. "Ich halte es im Gegensatz sogar für respektvoll, gegen alle Teams bis zum Schluss mit voller Kraft zu spielen. Es ist nicht meine Aufgabe, meine Spielerinnen zu bremsen."

Morgans Kampf für Gleichberechtigung

Respektvoller Umgang war dafür nach dem Abpfiff gefragt. Einige Thailänderinnen konnten das Ergebnis nicht fassen und hatten Tränen in den Augen. Die US-Spielerinnen nahmen ihre Gegnerinnen in den Arm - allen voran Morgan. Sie tröstete Miranda Nild, die in den USA aufgewachsen ist und an der Universität von Kalifornien Fußball spielt. "Ich habe ihr gesagt, dass es eine Weltmeisterschaft ist und sie noch zwei Spiele hat, um zu zeigen, was sie kann", sagte Morgan.

Mittlerweile hat die 29-Jährige in 164 Länderspielen für die USA 106 Tore geschossen. Doch das allein ist nicht der Grund dafür, dass den ganzen Tag über unzählige junge Mädchen mit Morgan-Trikots durch die Straßen von Reims gelaufen waren. Morgan ist mehr als eine erfolgreiche Fußballspielerin.

Sie kämpft für mehr Gleichberechtigung im Sport, Morgan führt die Klage der Nationalspielerinnen gegen den US-Verband für gleiche Bezahlung an. Sie schreibt Kinderbücher, spielt in dem Film "Alex and me" sich selbst, hat fast sechs Millionen Follower bei Instagram und trägt stets ein rosafarbenes Haarband, mit dem sie auf den Kampf gegen Brustkrebs aufmerksam macht.

Doch auch sie wird nicht in jedem Spiel fünf Tore erzielen können. "Es wird noch eine harte Weltmeisterschaft", sagte Ellis. "Das war erst das erste Spiel." Es folgen die Gruppenspiele gegen Chile (16. Juni) und Schweden (20. Juni) sowie ein vermeintlich leichter Achtelfinalgegner. Doch schon im Viertelfinale könnte es zum Aufeinandertreffen mit Gastgeber Frankreich kommen - und dann zählen 13 Tore gegen Thailand nichts mehr.

USA - Thailand 13:0 (3:0)
1:0 Morgan (12.)
2:0 Lavelle (20.)
3:0 Horan (32.)
4:0 Mewis (50.)
5:0 Morgan (53.)
6:0 Mewis (54.)
7:0 Lavelle (56.)
8:0 Morgan (74.)
9:0 Rapinoe (79.)
10:0 Morgan (81.)
11:0 Pugh (85.)
12:0 Morgan (87.)
13:0 Lloyd (90.+2)
USA: Naeher - O'Hara, Ertz (69. Pugh), Dahlkemper, Dunn - Horan, Mewis, Lavelle (57. Lloyd) - Rapinoe, Morgan, Heath (57. Press)
Thailand: Charoenying - Phetwiset (70. Srimanee), Saengkoon, Chinwong, Srangthaisong - Phancha, Sungngoen, Boothduang (35. Khuenapet), Intamee, Thongsombut (66. Danga) - Nildhamrong
Schiedsrichterin: Laura Fortunato (Argentinien)
Gelbe Karten: - / Dangda
Zuschauer: 18.597

insgesamt 70 Beiträge
stammtischschreck 12.06.2019
1. Respektlos ist, seinen Gegner nicht ernst zu nehmen.
Ich verstehe die Frage nicht! Wenn man in einer anderen Sportart (sagen wir Tennis, Tischtennis o.ä.) gnadenlos unterlegen ist, und der Gegner nimmt den Fuß von Gas, schlägt nicht mehr voll konzentriert auf, und "spielt [...]
Ich verstehe die Frage nicht! Wenn man in einer anderen Sportart (sagen wir Tennis, Tischtennis o.ä.) gnadenlos unterlegen ist, und der Gegner nimmt den Fuß von Gas, schlägt nicht mehr voll konzentriert auf, und "spielt ein wenig", fühlt man sich doch auch vera.... Dann lieber eine saftige Klatsche, und man weiß, wo man steht. Die entscheidendere Frage ist, ob man die WM nicht zahlenmäßig so begrenzen sollte, dass da niemand mehr auf dem Platz steht, dem so etwas passiert. Aber dafür kann das Team der USA nichts.
Korken 12.06.2019
2. Ist doch nur Sport
Ist doch nichts abwegiges dabei, wenn eine Mannschaft (sorry, Frauschaft) eindeutig besser ist. Das war hier nunmal so und mal ehrlich, hätten sie sich zurückgehalten, wären sie dafür schräg angeschaut worden. Nein, alles ok, [...]
Ist doch nichts abwegiges dabei, wenn eine Mannschaft (sorry, Frauschaft) eindeutig besser ist. Das war hier nunmal so und mal ehrlich, hätten sie sich zurückgehalten, wären sie dafür schräg angeschaut worden. Nein, alles ok, beim Fußball hat man einfach zu liefern und wer schlechter war, der kann anschließend Mitleid erhalten aber Spiel ist Spiel.
andiwe 12.06.2019
3. Respektlos wäre es gewesen
wenn die Amerikanerinnen in der 2. Halbzeit ihre Spitzenspielerinnen vom Platz genommen hätten und nur noch den Ball hin- und hergeschoben hätten um sich für das nächste Spiel zu schonen. Oder wenn die Top-Spielerinnen in [...]
wenn die Amerikanerinnen in der 2. Halbzeit ihre Spitzenspielerinnen vom Platz genommen hätten und nur noch den Ball hin- und hergeschoben hätten um sich für das nächste Spiel zu schonen. Oder wenn die Top-Spielerinnen in Erwartung des schwachen Gegners gleich auf der Bank geblieben wären und die Thailänderinnen ihren Ersatzspielerinnen überlassen hätten. So etwas hat es in der Bundesliga schon oft gegeben. Das hier geht ok, wenn man überlegen ist, gewinnt man eben hoch. Und rein taktisch ist das auch klug, weil die nächsten Gegner jetzt erst recht Angst bekommen. Und weil das Torverhältnis auch entscheiden kann, selbst wenn es höchst unwahrscheinlich ist, dass die USA das brauchen werden.
pjotrmorgen 12.06.2019
4. Es war wohl eher der exzessive Torjubel
der wohl den hoffnungslos unterlegenen Thailänderinnen besonders weh tat und sogar zu Tränen führte. "An guten Tagen sind die USA einfach unschlagbar". Diese Aussage ist dann doch zu simpel und man darf sich [...]
der wohl den hoffnungslos unterlegenen Thailänderinnen besonders weh tat und sogar zu Tränen führte. "An guten Tagen sind die USA einfach unschlagbar". Diese Aussage ist dann doch zu simpel und man darf sich fragen, warum die USA nur gute Tage gegen schwächere Teams haben. 2019 spielten die USA jeweils gegen England und Japan unentschieden und verloren sogar gegen den WM-Mitfavoriten Frankreich. Es ist äusserst unwahrscheinlich, dass die USA gegen die Topteams der Weltrangliste dreimal schlechte Tage hatten. Sobald ein starker Gegner auf dem Platz ist sind die USA eben nicht mehr unschlagbar.
rumpyho 12.06.2019
5. Naja
Ich weiß nicht, was die amerikanischen Soccer Männer machen würden, aber bei den Herren im American Football ist "running up the score" total verpönt. Selbst die Zuschauer des siegreichen Teams gehen dann in der [...]
Ich weiß nicht, was die amerikanischen Soccer Männer machen würden, aber bei den Herren im American Football ist "running up the score" total verpönt. Selbst die Zuschauer des siegreichen Teams gehen dann in der Regel früher - und ich habe auch schon gesehen, dass bei Live Übertragungen zu anderen Spielen umgeschaltet wurde, weil sich "so etwas ja keiner anschauen möchte".

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