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Sport

Frankreichs Sieg gegen Norwegen

"Wir sind immer noch Außenseiter"

Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land kann an die Nerven gehen - Gastgeber Frankreich hat sich davon gegen Norwegen beeindrucken lassen. Die selbsternannten Außenseiterinnen brauchen dringend mehr Gelassenheit.

Eric Gaillard/REUTERS

Französische Fans beim Spiel gegen Norwegen: Die Stimmung ist gut

Aus Nizza berichtet
Donnerstag, 13.06.2019   16:11 Uhr

Wendie Renard marschierte nach dem Abpfiff zu Eugenie Le Sommer, drückte die 24 Zentimeter kleinere Teamkollegin von Olympique Lyon fest an sich und bedankte sich für deren Siegtreffer. Frankreich gewann dank des verwandelten Foulelfmeters von Le Sommer gegen Norwegen 2:1 (0:0) und braucht im letzten Gruppenspiel der WM 2019 nur noch einen Punkt, um als Gruppensieger ins Achtelfinale einzuziehen.

Im bis dahin besten Spiel dieser Weltmeisterschaft war es Renard, die die Französinnen mit einem kuriosen Eigentor in Bedrängnis gebracht hatte. Les Bleues schienen nach dem Führungstreffer von Valérie Gauvin (46. Minute) schon auf dem Weg zu einem sicheren Sieg, als die zweifache Torschützin aus dem Eröffnungsspiel einen Querpass von Isabell Herlovsen hätte stoppen, oder neben das Tor schießen, oder aus dem Fünfmeterraum schlagen können. Stattdessen schob sie den Ball unbedrängt ins eigene Tor (54.).

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Bis auf wenige Ausnahmen wie die omnipräsente Kapitänin Amandine Henry, die Torhüterin Sarah Bouhaddi oder Außenstürmerin Kadidiatou Diani war es den meisten französischen Spielerinnen anzumerken, dass der 4:0-Erfolg zum Auftakt gegen Südkorea etwas ausgelöst hat. Die Euphorie ist da. Sicher nicht im gesamten Land, aber wenn in Nizza Familienväter im Le-Sommer-Trikot ins Stadion gehen, hat das im Land der Männer-Weltmeister eine Bedeutung. Mit Euphorie entwickelt sich aber auch Druck. Und der Umgang mit einer solchen Erwartungshaltung muss gelernt werden. Das gelang gegen Norwegen nicht allen - willkommen bei der Heim-WM. Deutschland war 2011 im eigenen Land auch daran gescheitert.

Frankreichs Trainerin Corinne Diacre war bemüht, die beiden Erfolge kleinzureden. "Wir sind immer noch Außenseiter", sagte sie nach dem Sieg gegen Norwegen und versuchte dabei, möglichst ernst zu schauen. Sie wusste um ihre eigene Koketterie. Die USA sind spektakulär in die WM gestartet, ansonsten gibt es kein Team, das bisher einen stärkeren Eindruck hinterlassen hat als Frankreich. England zeigte eine gute Halbzeit, Japans Umbruch bereitet Probleme, Brasilien hatte mit Jamaika einen leichten Gegner und die deutsche Mannschaft gewinnt, spielt aber keinen schönen Fußball.

CHRISTOPHE SIMON / AFP

Valérie Gauvin

In den guten Phasen erinnerte das französische Spiel gegen Norwegen an den klaren Sieg gegen Südkorea, einzig im letzten Drittel fehlte die Präzision. Aber es gab auch Fehler in der Ballannahme, weite Pässe ins Nichts oder überhastete Abschlüsse. Und Les Bleues ließen sich von der teilweise harten Zweikampfführung der Norwegerinnen beeindrucken. Die Gegnerinnen werden Frankreich jedoch auch im weiteren WM-Verlauf nicht durch das Turnier spazieren lassen.

Norwegen war dank einer überraschend offensiven Ausrichtung mitverantwortlich für das hohe Niveau dieser Partie. Bei den Torchancen von Karina Saevik (11.), Ingrid Syrstad Engen (15.) und erneut Saevik (33.) kam der Gedanke auf, was an diesem Tag wohl möglich gewesen wäre, wenn Weltfußballerin Ada Hegerberg mitgespielt hätte. Die Stürmerin ist dafür bekannt, nur wenige Möglichkeiten für ein Tor zu benötigen. Doch sie hat wegen eines Streits mit dem norwegischen Verband freiwillig auf die WM verzichtet.

Diacres Aufgabe wird es in den kommenden Tagen sein, mehr Gelassenheit in den französischen Kader zu bringen. "Ich kann die Fehler der ersten Hälfte nicht erklären", sagte Torschützin Gauvin, die als Spielerin des Spiels ausgezeichnet wurde. Vor 34.872 Zuschauern brauchte es ein Eingreifen des Video-Assistenten Felix Zwayer, der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus auf ein Foul von Engen im Strafraum hinwies. In der realen Geschwindigkeit war das Vergehen kaum zu erkennen, aber die Norwegerin traf das Bein von Marion Torrent. Der Elfmeter war berechtigt und Le Sommer machte die Trikotträger auf den Tribünen mit ihrem platzierten Rechtsschuss noch zufriedener.

In der Nachspielzeit sang ein Großteil der Zuschauer die Marseillaise, im Stade de Nice war es extrem laut. Und diese Atmosphäre sollte Diacre immer wieder ins Bewusstsein ihrer Spielerinnen bringen: Euphorie kann ein Erfolgsgarant sein. Das haben die niederländischen Nationalspielerinnen bei ihrem EM-Titelgewinn vor zwei Jahren im eigenen Land erlebt.

Willkommen bei der Heim-WM.

insgesamt 2 Beiträge
hileute 13.06.2019
1. Klar, der ganz große Favorit sind wie immer die usa
aber schon ziemlich kurz danach sehe ich die französinnen schon
aber schon ziemlich kurz danach sehe ich die französinnen schon
K. Larname 13.06.2019
2. Randnotiz
Randnotiz: Ich sehe hier bei SPON vereinzelt Berichterstattung, die nur von "Nationalmannschaft" und "Weltmeisterschaft" spricht. Das finde ich sehr gut. Solange nicht von einer Nationalmannschaft der [...]
Randnotiz: Ich sehe hier bei SPON vereinzelt Berichterstattung, die nur von "Nationalmannschaft" und "Weltmeisterschaft" spricht. Das finde ich sehr gut. Solange nicht von einer Nationalmannschaft der Männer oder einer WM der Männer geschrieben wird, sollte das auch nicht bei den Frauen getan werden. Ein kleiner Schritt Richtung Gleichbehandlung, der auch dem ÖR gut täte. PS: Da der andere Artikel (noch?) kein Forum hat: Schöne Einschaltquoten!

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