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Sport

Guerrero-Ausraster

Arroganz ohne Substanz

Beim HSV klafft ein tiefer Graben zwischen Anspruch und sportlicher Wirklichkeit - und spätestens seit dem Ausraster von Paolo Guerrero auch zwischen Fans und Mannschaft. Eine Geldstrafe reicht nicht aus. Der Club sollte sich vom Stürmer und von Torhüter Rost trennen.

DPA

HSV-Keeper Rost: "Da hat er eben Pech gehabt"

Ein Kommentar von
Montag, 05.04.2010   17:01 Uhr

Es gibt Momente, da brennen einem die Sicherungen durch. Einen solchen Moment hatte Paolo Guerrero am Ostersonntag nach dem 0:0 des HSV gegen Hannover 96. Der Stürmer der Hamburger, der zur Halbzeit in die Partie gekommen war, hatte in der zweiten Hälfte eine Reihe von Großchancen vergeben und war am Ende für viele Fans der Sündenbock.

Diese verhielten sich nach dem Spiel mehrheitlich so, wie sie es immer nach schwachen Auftritten ihres Teams tun: Sie pfiffen und pöbelten. Eine an diesem Sonntag mehr als verständliche Reaktion. Am Ende der Hinrunde hatte das Team von Trainer Bruno Labbadia auf dem vierten Tabellenplatz gestanden, mit nur drei Punkten Rückstand auf einen sicheren Startplatz in der Champions League.

Fünf Spieltage vor dem Saisonende muss die Millionentruppe plötzlich um den Einzug in die Europa League - oder wie Franz Beckenbauer sagen würde, in den Cup der Verlierer - bangen. Da brennt manch einem Fan die Sicherung durch. Einer dieser Fans stand nach der Nullnummer gegen den Tabellenvorletzten aus Hannover direkt im Block neben dem Spielereingang und beschimpfte Guerrero.

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Ausraster im Fußball: Flaschenwürfe, Faustkämpfe und Kopfstöße
Was genau der mittelalte Mann im dunklen Anzug gerufen hat, ist bislang nicht überliefert. Guerrero solle zurück nach Peru gehen, ist die harmlosere Variante - "schwule Sau" die des Boulevard. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Jedenfalls verlor Guerrero die Beherrschung. Der 26-Jährige holte aus wie Handball-Nationalspieler Mimi Kraus und warf dem Pöbler seine Trinkflasche ähnlich zielsicher an den Kopf, wie der Lemgoer seine Tore erzielt. Nur einige Mitspieler konnten anschließend verhindern, dass noch mehr passierte.

So weit, so schlecht. Sicherlich ist es verständlich, dass Guerreros Nervenkostüm nach seinem Kreuzbandriss zu Beginn der Saison, der damit verbundenen monatelangen Reha-Zeit und nicht zuletzt wegen seiner Flugangst nicht das dickste ist. Und sicherlich muss sich ein Fußballer auch nicht alles gefallen lassen. Doch diese Reaktion ging zu weit. Viel zu weit. Ein Fan würde dafür Stadionverbot bekommen, wie beispielsweise nach dem Pokalspiel der Stuttgarter Kickers gegen Hertha BSC Berlin im Oktober 2006 geschehen.

Damals hatte ein Zuschauer den Schiedsrichter-Assistenten mit einem Plastikbecher getroffen. Das Spiel wurde abgebrochen und vor dem DFB-Sportgericht zugunsten der Gäste gewertet. Der Werfer erhielt Stadionverbot. Das hätte konsequenterweise jetzt auch das Strafmaß für Guerrero sein müssen. Da sein Vertrag in Hamburg ohnehin am Saisonende ausläuft, wäre der HSV gut beraten gewesen, Guerrero mit sofortiger Wirkung freizustellen. Denn der Club kann nicht auf der einen Seite wegsehen, wenn seine Anhänger aufgrund von bloßen Verdachtsmomenten mit Stadionverboten draußen bleiben müssen, auf der anderen Seite aber ein solch krasses Fehlverhalten eines seiner Angestellten innerhalb seines Stadions mit einer Geldstrafe abtun. Doch dies hat er nun getan.

Wenigstens Frank Rost sollte bei dieser Gelegenheit gleich seine Papiere ausgehändigt bekommen. Denn was der Torhüter nach dem Ausraster seines Mannschaftskollegen in die Mikrofone der anwesenden Reporter diktierte, war nicht nur vereinsschädigend, sondern schlicht und einfach die Verharmlosung einer Straftat, die im Allgemeinen als Körperverletzung bezeichnet wird - und zudem eine Verhöhnung des be- und getroffenen HSV-Fans.

Grenzenlose Arroganz als Ablenkung von mangelnder sportlicher Substanz

"Da hat er gut getroffen. Die New York Yankees würden ihn wohl gerne verpflichten", lautete Rosts zynischer Kommentar. Auch der Fan müsse sich hinterfragen, so Rost. "Da hat er eben Pech gehabt." Während man den Ausraster von Guerrero direkt nach dem Schlusspfiff noch als emotionalen Ausbruch bewerten kann, so lässt dieser verbale Ausfall des erfahrenen Torhüters nur auf eines schließen: grenzenlose Arroganz als Ablenkung von mangelnder sportlicher Substanz. Ein Verhalten, das sich der HSV nach solchen Vorstellungen und nach einem solchen Eklat den eigenen Fans gegenüber sicherlich nicht erlauben kann. Vermutlich leider ebenso wenig wie den Rauswurf seines Stammtorhüters.

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