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Sport

Islands EM-Einstand

Es ist Liebe

Wer noch unentschlossen ist, zu wem er bei der EM halten soll: Wie wäre es mit Island? Die Mannschaft gewann gegen Portugal mehr als nur einen Punkt.

imago/Eibner Europa
Aus Saint-Étienne berichtet
Mittwoch, 15.06.2016   09:35 Uhr

Ein historischer Tag für Islands Fußball fand eine halbe Stunde nach Mitternacht vor dem Bahnhof Châteaucreux in Saint-Étienne ein stilles Ende. Hunderte Fans der isländischen Nationalmannschaft warteten auf dem Vorplatz auf den Regionalzug ins rund 60 Kilometer entfernte Lyon. Die Stimmung war vollkommen friedlich, auch als ein Bediensteter der französischen Bahn mitteilte, dass sich die Abfahrt noch eine Weile verzögern wird. Hin und wieder wurde gesungen, zu Ehren von Mittelfeld-Regisseur Gylfi Sigurdsson zum Beispiel: "Gylfi's on fire!" Doch die Gesänge verstummten schnell wieder, sodass nur noch eine leise murmelnde Menschenmasse zu hören war. Islands Fans waren erschöpft am Ende dieses Tages. Sie hatten einiges erlebt.

Die Isländer schreiben Geschichte bei dieser Europameisterschaft. Zum ersten Mal überhaupt sind sie bei einem großen Turnier dabei. Und sie haben bereits bewiesen, dass sie nicht nach Frankreich gekommen sind, um sich nur eine EM-Teilnahme in den Lebenslauf schreiben zu können. Gleich im ersten Spiel gelang ihnen einen mittelgroße Sensation mit dem 1:1 gegen Portugal.

Die Isländer haben an diesem Abend im Stade Geoffroy-Guichard mehr gewonnen als nur einen Punkt: auch die Herzen des Publikums. Wer bei dieser EM noch unentschlossen ist, zu wem er halten soll: Wie wäre es mit Island?

Schöne Geschichten sind noch möglich

Natürlich, die Isländer hatten allerhand Vorschuss-Sympathien bekommen im Vorlauf auf das Turnier, weil sie ein exotischer Außenseiter sind. Noch nie hatte ein Land mit so wenigen Einwohnern an einer EM teilgenommen. Beim Spiel gegen Portugal zeigten sie, dass es wirklich gute Gründe gibt, sich in sie zu verlieben. Die angenehmen Fans. Der sympathische Trainer. Die Mannschaft ohne Stars, die Leidenschaft mit einer guten taktischen Ordnung mischt. Schöne Geschichten im Fußball sind also noch möglich.

Nur 330.000 Menschen leben auf Island, knapp jeder Zehnte von ihnen ist angeblich in Frankreich, um den EM-Einstand des Teams zu erleben. Deutschland hat 82 Millionen Einwohner. Man stelle sich vor, mehr als acht Millionen Menschen würden das Team des DFB begleiten. Wobei: Das würde ja auch noch mehr deutsche Hooligans in Frankreich bedeuten, das will man sich lieber nicht vorstellen.

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EM-Analyse: Wie Island gegen Portugal ein Remis erkämpfte

Die Isländer stehen für eine andere, für eine nette EM. Unter den Fans sind auffällig viele Familien. Die Frauen haben die dunkelblaue Nationalflagge mit dem rot-weißen Kreuz ins Gesicht gemalt, die Kinder tragen Trikot, Hose und Stutzen. Als würden sie darauf warten, selbst eingewechselt zu werden.

"Unsere Fans waren fantastisch"

Beim Spiel gegen Portugal sangen die Fans 90 Minuten lang, selbst nach der hochverdienten Führung der Portugiesen durch Nani in der 31. Minute, als zu befürchten war, dass der erste EM-Auftritt mit einer Klatsche enden würde. "Wir haben uns gefühlt wie bei einem Heimspiel. Unsere Fans waren fantastisch", sagte Heimir Hallgrímsson, der die Mannschaft zusammen mir Lars Lagerbäck trainiert.

Die Isländer sind kein Kanonenfutter. Außenseiter schön und gut, aber noch schöner wäre das Achtelfinale. Und so suchten sie weiter ihre Chance - mit Erfolg: Fünf Minuten nach der Pause glich Island durch Birkir Bjarnason aus. Es war ein Tor aus dem Nichts.

Dass sie das Remis ins Ziel brachten, lag an der großartigen Leistung von Torhüter Hannes Halldórsson und an der taktischen Ordnung. Die Mannschaft spielt ein solides 4-4-2. Keine Raute, keine abkippende Sechs, kein Schnickschnack. Wenn der Gegner den Ball hat - also eigentlich immer - hilft das komplette Team beim Verteidigen.

"Das war ein Erfolg der ganzen Mannschaft. Es ist schwer, einen einzelnen Spieler herauszupicken", sagte Trainer Hallgrímsson - und hielt dann eine umfassende Lobrede auf die Portugiesen. Eine der besten Mannschaften des Turniers. So viele tolle Einzelspieler. Stark bei Kontern. Stark im Abschluss und so weiter. "Bevor wir über uns sprechen, wollen wir dem Gegner den Respekt zollen, den er verdient", sagte Hallgrímsson.

In einer historischen Stunde für den isländischen Fußball dachten die Isländer zuerst an den Kontrahenten. Ungefähr zur gleichen Zeit fantasierte Cristiano Ronaldo im Untergeschoss des Stade Geoffroy-Guichard übrigens über die angeblich schlechte Einstellung der Isländer, weil sie das Remis gefeiert hätten wie einen EM-Titel.

Dass es im Fußball noch mehr zu gewinnen gibt als Meisterschaften und Pokale, versteht Ronaldo vermutlich nicht.

Im Video: Isländische Fans freuen sich über das EM-Debüt

insgesamt 117 Beiträge
torflut 15.06.2016
1. von Herzen gegönnt
Ich habe Ronaldo den verlorenen Dreier von Herzen gegönnt! Spielte er doch (vor dem Ausgleich!) auf der linken Seite aufreizend arrogant Hackentrickpässchen zum Nebenmann... als wollte er sagen: "Euch Nieten nehmen wir [...]
Ich habe Ronaldo den verlorenen Dreier von Herzen gegönnt! Spielte er doch (vor dem Ausgleich!) auf der linken Seite aufreizend arrogant Hackentrickpässchen zum Nebenmann... als wollte er sagen: "Euch Nieten nehmen wir nicht ernst"! Gut so Island! Ihr seid eine Bereicherung!
Bueckstueck 15.06.2016
2. Lehrgang bei den Isländern
Das ist schon eine tolle Geschichte. Vorallem die Fans sind ganz grosse Klasse! Wenn Buuhnaldo sch tatsächlich über deren ehrliche Freude ausgelassen hat, dann sollte er gleich mal bei ihnen einen Lehrgang fürs menschlich [...]
Das ist schon eine tolle Geschichte. Vorallem die Fans sind ganz grosse Klasse! Wenn Buuhnaldo sch tatsächlich über deren ehrliche Freude ausgelassen hat, dann sollte er gleich mal bei ihnen einen Lehrgang fürs menschlich sein buchen, denn Fussball besteht nicht bloss aus gockelhafter Selbstdarstellung im Erfolgsfall.
martin.brunnemann440 15.06.2016
3. Hach
wie sympathisch ist doch so eine Elf, wie von damals
wie sympathisch ist doch so eine Elf, wie von damals
MatthiasPetersbach 15.06.2016
4.
Nun, es ist leicht, Sympathie für die Isländer zu haben. Das sind durch die Bank durch Jungs, denen der ganze südeuropäische Goldkettchenfußball am Hintern vorbeigeht. Von der Einstellung eher Handballer. Und es ist [...]
Nun, es ist leicht, Sympathie für die Isländer zu haben. Das sind durch die Bank durch Jungs, denen der ganze südeuropäische Goldkettchenfußball am Hintern vorbeigeht. Von der Einstellung eher Handballer. Und es ist leicht, neidisch zu sein. Auf ein Land, eine eigene Insel, auf der der einzelne noch der Illusion nachgehen kann, er könne was bewirken, statt durch die Masse fremdstimmt zu sein. Demokratie eben. Geht nur mit richtigen Menschen und in kleiner Zahl. Und es ist leicht, für Herrn Ronaldo keine Sympathie zu empfinden. Es tut mir leid: wer ohne berührt zu werden und ohne Not ein Foul vortäuscht und sich beim Schiedsrichter noch darüber BEKLAGT, gehört nicht in ne WM. Der gehört nichtmal auf nen Fußballplatz und genaugenommen nichtmal auf diese Welt. Dem sollte niemand die Hand geben. Mal abgesehen davon, daß er einen Riesenstuß zusammengekickt hat.
jhea 15.06.2016
5. Jaja
Ronaldo wünscht sich den EM Titel (stand hier in nem anderen Artikel) und jetzt ist er traurig, da die fiesen Isländer ihm den nicht einfach schenken :( Erinnert mich fast an die Geschichte von Menowin bei DSDS. Wo wir alle [...]
Ronaldo wünscht sich den EM Titel (stand hier in nem anderen Artikel) und jetzt ist er traurig, da die fiesen Isländer ihm den nicht einfach schenken :( Erinnert mich fast an die Geschichte von Menowin bei DSDS. Wo wir alle wussten dass der Name für 'Me No Win - Now me sad' steht

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