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Sport

Löw mustert Weltmeister aus

Das ist sein verdammter Job

Joachim Löw hat mit der Ausmusterung von drei Weltmeistern große Aufregung ausgelöst. Die Spieler sind enttäuscht, die Öffentlichkeit beklagt den stillosen Umgang. Dabei blieb dem Bundestrainer kaum eine andere Wahl.

DPA

Bundestrainer Joachim Löw

Ein Kommentar von
Freitag, 08.03.2019   13:26 Uhr

Was ist die Aufgabe eines Trainers? Eine Mannschaft zu formen, die erfolgreich Fußball spielt. Die nach eigenem Bekunden aktuell passendsten Leute dafür zusammenzustellen. Darüber hinaus das Binnenklima im Team zu beachten, damit es auch dort keine Störungen gibt.

Man sollte davon ausgehen, dass diese Kriterien auch für Joachim Löw gelten.

Der Bundestrainer hat in dieser Woche drei langjährige Nationalspieler mehr oder weniger ausgemustert. Jérôme Boateng, Mats Hummels, Thomas Müller, drei Spieler, die unter Löw Weltmeister wurden und daran ihren gehörigen Anteil hatten. Erschwerend kommt hinzu, dass alle drei beim Rekordmeister FC Bayern München ihr Geld verdienen, dem Verein mit dem größten Einfluss auf die öffentliche Meinung in Deutschland.

Die betroffenen Spieler sind über die Entscheidung nachvollziehbar enttäuscht und haben dies in ihren Stellungnahmen auch deutlich kundgetan, der Verein hat sich "irritiert" über den Schritt gezeigt, in zahlreichen Medien herrscht die Tonalität vor: So kann man mit verdienten Spielern nicht umgehen.

Auch Schalke, Dortmund, Bayern handeln so

Warum eigentlich nicht? Der Fußball ist - zumal auf diesem Niveau - nicht dafür bekannt, zuallererst romantische Gefühle zu pflegen und Stilfragen zu kultivieren. Wenn ein Trainer der Ansicht ist, dass ein Spieler nicht mehr in die Vorstellungen passt, die sich der Coach von der Mannschaft macht, dann hat dieser Spieler schlechte Karten. Das ist in der Nationalmannschaft nicht anders als im Verein.

Schalke hat im Vorjahr die Identifikationsfigur Benedikt Höwedes kaltherzig verabschiedet, für Borussia Dortmund war Neven Subotic, auch einer der Publikumshelden, irgendwann nicht mehr gut genug, beim FC Bayern wurde selbst Bastian Schweinsteiger zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr als unverzichtbar für die Mannschaft erachtet und war von einem Tag auf den anderen weg. Drei Jahre später bekam er dann sein Abschiedsspiel in München.

Die Trainer gehen in solchen Fällen ein hohes Risiko ein, sie verstoßen damit gegen das Fan-Sentiment, aber als die Verantwortlichen müssen sie solche Maßnahmen fällen, wenn sie von der Richtigkeit ihres Tuns überzeugt sind. Löw ist offensichtlich der Ansicht, dass diese Mannschaft eine neue Hierarchie benötigt und dass es junge Spieler gibt, die die Rolle der Arrivierten kurz- und mittelfristig besser ausfüllen. Spät genug von ihm, zu dieser Einschätzung zu kommen.

Müller, Boateng, Hummels hätten einen anderen Abschied verdient, heißt es. So einen wie Lukas Podolski, der mit einem rauschenden Abschiedsfest ging. Aber das waren andere Zeiten, da hatte Löw als unantastbarer Weltmeistertrainer den Raum für solche Benefits. Seit dem WM-Desaster jedoch steht er unter Druck, sein Nimbus ist dahin, er ist nicht weniger in der Pflicht, Leistung abzuliefern als Domenico Tedesco bei Schalke 04. Es geht künftig auch in jedem wichtigen Spiel um Löws Job. Er ist seit Russland zu einem ganz normalen Trainer geschrumpft.

Nach der WM hat Joachim Löw bei der Nominierung seines Kaders auf Sami Khedira verzichtet, einen Spieler, der über viele Jahre zum Gerüst dieser Mannschaft gehört hat wie Müller, Boateng, Hummels. Khedira war davon auch nicht begeistert, schließlich hat er als Stammspieler bei Juventus bewiesen, dass er in der europäischen Spitze noch mithalten kann. Dennoch wurde das vom Spieler, vom Verein, von der Öffentlichkeit akzeptiert.

Niemand hat damals lauthals verlangt, dass Khedira einen anderen Umgang verdient hätte. Aber er spielt ja auch nicht bei Bayern München.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, der DFB plane offiziell vorerst nicht mit Hummels, Boateng und Müller. Das "vorerst" steht allerdings nicht in der DFB-Erklärung. Wir haben die Passage entsprechend korrigiert.

insgesamt 209 Beiträge
parmenides2 08.03.2019
1. Löw hätte
diese drei incl. Kroos, Neuer und Özil schon VOR der WM aussortieren müssen und nach der WM SICH selbst.
diese drei incl. Kroos, Neuer und Özil schon VOR der WM aussortieren müssen und nach der WM SICH selbst.
mullertomas989 08.03.2019
2. "Vorerst"?
Na, dann ist doch für Müller alles ok. Spielt er wieder dauerhaft in der Form von 2010 bis 2014, kommt Löw sowieso nicht an ihm vorbei, dann wird er wieder nominiert. Wobei.... War da nicht in den letzten Tagen ein Video auf [...]
Na, dann ist doch für Müller alles ok. Spielt er wieder dauerhaft in der Form von 2010 bis 2014, kommt Löw sowieso nicht an ihm vorbei, dann wird er wieder nominiert. Wobei.... War da nicht in den letzten Tagen ein Video auf Instagram? Vielleicht wird erst durch dieses Video das "vorerst" gestrichen.... Mensch, Thomas!
AlternativeMeinung 08.03.2019
3. Keine Wahl beim stillosen Umgang?
Das Spieler die (National-) Mannschaft verlassen müssen, ist selbstverständlich. Nur mach Löw hier große Unterschiede. Poldi wurde jahrelang mit durchgeschleppt und kam dank Minuteneinsätze auf eine nicht gerechtfertigte [...]
Das Spieler die (National-) Mannschaft verlassen müssen, ist selbstverständlich. Nur mach Löw hier große Unterschiede. Poldi wurde jahrelang mit durchgeschleppt und kam dank Minuteneinsätze auf eine nicht gerechtfertigte Länderspieleinsatzbilanz. Özil durfte selber zurücktreten nach unglaublichen Vorwürfen an den DFB. Wagner wurde abserviert nachdem Löw ihm den Wechsel zu den Bayern empfohlen hatte. Jetzt die drei die anscheinend vom Weg der Business Lounge zum Flugzeug mal kurz angerufen wurden. Nee, Stil geht anders. Und das traurige ist, daß eigentlich Löw, Bierhof und Grindel für ihrre Politik und Öffentlichkeitsdarbietungen gehen müßten. Das empfinden viele für unfair.
gammoncrack 08.03.2019
4. Danke
für diesen Artikel. Vielleicht begreifen es jetzt ein paar weitere Foristen, dass Löw genau das gemacht hat, was man von ihm erwarten sollte. Mit den Spielern persönlich sprechen und ihnen mitteilen, dass er die Zulunft [...]
für diesen Artikel. Vielleicht begreifen es jetzt ein paar weitere Foristen, dass Löw genau das gemacht hat, was man von ihm erwarten sollte. Mit den Spielern persönlich sprechen und ihnen mitteilen, dass er die Zulunft ohne sie plant. Und genau das ist das Problem für die Spieler und deren Fans. Das macht man mit Spielern von Bayern München nicht. Das entscheiden in Deutschland die Spieler und das Management von Bayern München - nach deren Meinung.
Papazaca 08.03.2019
5. Ohne jede Sentimentalität. Der Kommentar bringt es auf den Punkt
Besser hätte man es kaum schreiben können. Wobei zwei Punkte besser herausgestellt werden müßten. Dieser Abschied hätte besser sofort nach der WM erfolgen müssen. Und die Spieler hatten es selbst in der Hand, Ihren eigenen [...]
Besser hätte man es kaum schreiben können. Wobei zwei Punkte besser herausgestellt werden müßten. Dieser Abschied hätte besser sofort nach der WM erfolgen müssen. Und die Spieler hatten es selbst in der Hand, Ihren eigenen Rücktritt zu verkünden. Siehe Lahm. Und jetzt haben wir ein wahres Geheule. Phnatomschmerzen des FC Bayern, der gerade dabei ist, sich neu zu erfinden, Zahnschmerzen inbegriffen. Da kommt der Sündenbock Löw gerade recht.

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