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Sport

Ehemaliger Uefa-Boss Johansson

Nicht dreist genug

Lennart Johansson war über viele Jahre der Gegenspieler von Joseph Blatter - der Schwede wollte selbst Fifa-Chef werden, Blatter wurde es. Weil sein Konkurrent cleverer war.

REUTERS

Keine Freunde: Joseph Blatter und Lennart Johansson

Von
Mittwoch, 05.06.2019   17:27 Uhr

Als ob das Schicksal mitgewirkt hat. Die Nachricht vom Tod des langjährigen Uefa-Bosses Lennart Johansson platzt mitten hinein in den Fifa-Kongress von Paris, der seinen Präsidenten Gianni Infantino an diesem Tag in die Wiederwahl applaudiert.

Der Schwede Johansson wollte einst selbst dahin, wo Infantino jetzt ist. Das war 1998, und es war auch im Juni, es war auch in Paris. Dass er damals nicht Präsident des Weltverbandes wurde und vor allem wie er es nicht wurde, erzählt sehr viel über die Fifa.

Die Geschichte von Johansson und der Fifa ist zuallererst die Geschichte einer Feindschaft. Der Schweizer Joseph Blatter und der Schwede Lennart Johansson sind sich über die Jahre in tiefer Abneigung verbunden gewesen. 1994 hatte der Uefa-Präsident Johansson den damaligen Fifa-Generalsekretär Blatter in einer Sitzung frei heraus gefragt: Er habe gehört, dass Blatter gegen seinen eigenen Chef João Havelange anzutreten gedenke. Ob das denn stimme?

Showdown in Paris 1998

Blatter, der es immer gewohnt war, seine Karriere im stillen Kämmerlein voranzutreiben, war düpiert und musste seine Pläne offenlegen. Ja, er wolle antreten. Wenn das so sei, so Johansson, dann könne er nicht mit der Unterstützung Europas rechnen. Einen Putsch gegen den eigenen Chef, so etwas mache die Uefa nicht mit. Havelange wurde zu einer letzten Amtszeit wiedergewählt, und Blatter hat diese Kränkung sein Leben lang nicht vergessen.

Vier Jahre später kam es in Paris zum Showdown. Havelange trat endgültig ab, Johansson wollte sein Nachfolger werden. Und Blatter stand als Gegenkandidat bereit. Die Gräben zwischen Uefa und Fifa waren da schon metertief. Der Weltverband nahm den Europäern übel, dass sie unter Johansson die finanziell so lukrative Champions League etabliert hatten. Zudem hatte Johansson vor, die Fifa zugunsten der Kontinentalverbände zu schwächen. Die Uefa ihrerseits sah argwöhnisch zu, wie die Fifa begann, die Fernsehrechte für die WM-Turniere zur Cash Cow zu machen. Es ging um persönliche Animositäten, aber mehr noch ging es, wenig überraschend, um sehr viel Geld.

Diese Wahl 1998 ist einer der Sündenfälle des Weltfußballs, beispielhaft dafür, wie die Fifa in jenen Zeiten Mehrheiten organisierte - und die Fifa bedeutet im Klartext: Joseph Blatter, der sich selbst so gerne Sepp nennen ließ. Johansson wähnte die Hausmacht Europa in seinem Rücken, wer sollte dagegen aufstehen? Blatter ließ ihn in dem Glauben. Und machte das, was er über viele Jahre am besten konnte. Er suchte sich Verbündete. Und er fand sie in Afrika.

Blatter hat Afrika mit der WM geködert

Der afrikanische Kontinent hatte bis dahin noch nie eine Weltmeisterschaft ausgetragen. Blatter köderte die Delegierten mit dem Versprechen, mit ihm als Fifa-Boss werde die WM 2006 nach Südafrika gehen. Und es soll nicht bei einem Versprechen geblieben sein. Bis heute wird davon gesprochen, Blatters Vertraute sollen auch mit Koffern gereist seien. Von 50.000 Dollar pro Delegiertem war die Rede. Blatter hat das empört zurückgewiesen.

Auch die Gegenseite soll sich spendabel gezeigt haben, heißt es, Johansson war auch kein Engel, sonst hätte er es in der Hierarchie der Fußballfunktionäre nicht so weit gebracht. Aber ihm ging die Härte seines Konkurrenten ab, auch die Dreistigkeit, für die Blatter berühmt, besser berüchtigt war. Am Ende hatte der umtriebige Bauernsohn aus dem Wallis 111 Stimmen auf sich vereinigt, für Johansson stimmten lediglich 80 Delegierte. Die WM 2006 ging dann doch nicht nach Afrika, sondern nach Deutschland. Wie es dazu kam, ist eine andere Geschichte.

Jahrelang hat der Schwede danach versucht, Blatter zu stürzen, 2002 gerieten beide ins Herz einer Schlammschlacht, Johansson organisierte die Gegenkandidatur des Kameruners Issa Hayatou. Blatter schien schon so gut wie gestürzt und gewann am Ende, oh Wunder, doch die Wahl. Der begnadete Netzwerker hatte wieder einmal triumphiert.

Johansson war ab dann ein geschlagener, man kann auch sagen, ein gebrochener Mann. 2007 wurde er auch an der Uefa-Spitze abgewählt. Wieder geschah dies unter dubiosen Umständen, der Schwede selbst sprach von "Verrat". Gegenkandidat Michel Platini, von Blatter gepusht, hatte sich im Vorfeld intensiv um die osteuropäischen Verbände gekümmert. Die wählten Platini, und die Ukraine und Polen erhielten drei Monate später den Zuschlag für die Europameisterschaft 2012. So, wie im Fußball Politik gemacht wird.

Johansson wurde von Platini zum Ehrenpräsidenten der Uefa weggelobt. Seine Macht war vorbei. Platini machte einen seiner Gefolgsleute bei der Uefa zum Generalsekretär. Sein Name: Gianni Infantino.

Infantino sagte am Mittwoch: "Die Nachricht vom Tod von Lennart Johansson bricht mir das Herz. Er war ein Vorbild, vor allem im Menschlichen."

insgesamt 2 Beiträge
schueler79 05.06.2019
1. Johansson war schon immer der DFB Favorit
Kann mich noch gut an die Berichterstattung in den 90ern erinnern, stets hatte man an Blatter etwas auszusetzen und stets wurde Johansson als Heilsbringer angepriesen. Zunächst verstand ich dies nicht, bis mir klar wurde, dass [...]
Kann mich noch gut an die Berichterstattung in den 90ern erinnern, stets hatte man an Blatter etwas auszusetzen und stets wurde Johansson als Heilsbringer angepriesen. Zunächst verstand ich dies nicht, bis mir klar wurde, dass Johansson die Interessen des DFB viel mehr unterstützt hätte als Blatter, der sich dem Druck nicht beugen wollte. Diese Darstellung diente also einem Zweck. Ich denke mit Johansson hätte es nicht so schnell eine WM in Asien bzw. Afrika gegeben.
ramon 05.06.2019
2.
Wenn ich mich recht erinnere, war es ja auch so, dass es in den 90ern eine Absprache zwischen DFB und englischen Fußballverband gab. Es ging um die gegenseitige Unterstützung bzw Verzicht bei der Kandidatur um die EM 1996 und [...]
Wenn ich mich recht erinnere, war es ja auch so, dass es in den 90ern eine Absprache zwischen DFB und englischen Fußballverband gab. Es ging um die gegenseitige Unterstützung bzw Verzicht bei der Kandidatur um die EM 1996 und WM2006. Die Engländer bekamen dann ja auch die EM96, nur sahen sie sich aber nicht mehr an ihr Wort gebunden und bewarben sich um die WM06. Johansson als UEFA Präsident stellte sich öffentlich auf die Seite von Deutschland und argumentierte bei einer Pressekonferenz mit "a gentlemen's agreement is a gentlemen's agreement".

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