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Sport

Dortmunds Trainer Favre

Doch ein Kerl

BVB-Trainer Lucien Favre wird vorgeworfen, er habe nach dem Revierderby den Titel aufgegeben. Die Debatte spiegelt aber mehr die Vorurteile seiner Kritiker wider als die tatsächliche Arbeit des Trainers.

Bernd Thissen DPA

BVB-Trainer Lucien Favre

Ein Kommentar von
Montag, 29.04.2019   19:12 Uhr

Lucien Favre, der Trainer von Borussia Dortmund, hat in der deutschen Öffentlichkeit zwei Gesichter. Das eine ist das des Taktikgenies, des Fußballbesessenen - man konnte das in der erfolgreichen Hinrunde des BVB fast täglich irgendwo lesen. Das andere Gesicht ist das des Zauderers, und das verlorene Revierderby am Wochenende gab einigen Medien Gelegenheit, dieses Bild ausgiebig zu zelebrieren.

Mit seinem Satz nach dem Abpfiff, der Titel sei "verspielt", hat Favre die Vorlage geliefert. Franz-Josef Wagner, der Postbote der "Bild"-Zeitung, legte vor: "Ich mag keinen Trainer, der aufgibt", schließlich gebe man nur auf, "wenn man nicht mehr atmen kann". "Bild"-Kolumnist Alfred Draxler, der drei Tage zuvor noch den Gegner Schalke in Grund und Boden geschrieben hatte, verlangte gar, der BVB solle sich von Favre trennen, wenn der Klub nach den Monaten als Tabellenführer am Ende nicht Meister würde. Wagners Urteil: "Für mich sind Sie kein Kerl."

Der "Focus" wusste, Favre "beweist nach dem Derby-Desaster, warum er keine Titel kann", und Eurosport sekundierte in einem Online-Kommentar, dass Favre den Titel aufgebe, sei "der eigentliche Skandal".

Am Mikrofon meistens mundfaul

Nun ist Lucien Favre wahrlich niemand, der den Medien im schnellen Interview besonders entgegenkommt. Am Mikrofon ist er meistens mundfaul, er macht keinen Hehl daraus, dass dieser Teil seiner Arbeit ihm unangenehm, vielleicht sogar zuwider ist. Auch das hat ihm den Ruf eingetragen, schwierig zu sein. Womit er womöglich leben kann, schließlich gehört "schwierig" zu seinen Lieblingswörtern in der Öffentlichkeit. Diese Haltung mag nicht besonders professionell sein, die Zeiten von Ernst Happel, der die Öffentlichkeit grundsätzlich anschwieg und dafür gefeiert wurde, sind nun einmal vorbei.

Tatsächlich könnte man auch darüber diskutieren, ob Favre in den beiden Schlüsselspielen der vergangenen Wochen in München und gegen Schalke zur falschen Taktik gegriffen hat, ob er das Verteidigen von Standardsituationen vernachlässigt hat, ob seine Mannschaft den Belastungen des Titelkampfs tatsächlich gewachsen ist oder warum einige Spieler in der Endphase der Saison nicht mehr in der Lage sind, ihre zuvor gezeigte Bestleistung zu zeigen.

Ein Satz verengt die Diskussion

Stattdessen jedoch wird die Diskussion auf den Zögerer Favre verengt, der mit einem Satz direkt nach dem Spiel dafür die Vorlage geliefert hat. Ein Satz, den im direkten Anschluss an die Partie im Übrigen nicht nur Favre, sondern mutmaßlich jeder gedacht hat: Das Ding ist durch, mit Marco Reus zudem der wichtigste Mann rotgesperrt. Dass Bayern München beim Tabellensiebzehnten 1. FC Nürnberg anschließend nicht gewinnen würde, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen.

Wer Favre kennt, weiß, dass er nicht der Trainer ist, der mit dem Messer zwischen den Zähnen dazu aufruft, alles rauszuhauen, jeden Blutstropfen zu vergießen, so lange rechnerisch alles möglich ist. Nur so haben nach der landläufigen Meinung einiger Kolumnisten Kerle auszusehen. Favres Qualitäten liegen woanders.

Er ist zweifellos kein Jürgen Klopp, der Motivationsguru der deutschen Trainergilde. Aber dem Schweizer jetzt wegen eines Satzes die Schuld daran zu geben, dass ein Titelkampf erfolglos bleibt, den er mit seiner Arbeit überhaupt erst ermöglicht hat? Das sind so die Dinge, die die Beschäftigung mit dem Fußball ermüdend machen. Oder um Wagners Bild aufzugreifen: Das ist schon sehr kurzatmig.

insgesamt 80 Beiträge
michamuc 29.04.2019
1. Das ist typisch....
Gleich wieder draufhauen und den Mann diskreditieren wofür? Er hat das gesagt was ca. 90% der Fans und Fußball Deutschland in dem Augenblick gedacht haben Verwerflich ? Nein ehrlich und Emotional. Ich denke nach dem gestrigen [...]
Gleich wieder draufhauen und den Mann diskreditieren wofür? Er hat das gesagt was ca. 90% der Fans und Fußball Deutschland in dem Augenblick gedacht haben Verwerflich ? Nein ehrlich und Emotional. Ich denke nach dem gestrigen Bayernspiel wird heute anders in der Kabine gesprochen. Hr. Fahre macht von allen Trainern den ehrlichsten Eindruck!
holzspalter-1 29.04.2019
2. Bild??
Wer will schon anderes erwarten von den Herren der BLÖD ZEITUNG. Es geht doch nur um die Schlagzeile. Wahr oder nicht, spielt keine Rolle. Erpresste Äußerungen sind an der Tagesordnung. Schlimm nur, dass diese Postille immer [...]
Wer will schon anderes erwarten von den Herren der BLÖD ZEITUNG. Es geht doch nur um die Schlagzeile. Wahr oder nicht, spielt keine Rolle. Erpresste Äußerungen sind an der Tagesordnung. Schlimm nur, dass diese Postille immer noch lebt. Leute, die sich für Sport interessieren, sollten die Finger davon lassen. Das hilft die Auflage nach unten zu bekommen!! Noch mal 10 Jahre und das Blatt ist verschwunden, hoffentlich.
amasan 29.04.2019
3. Favre ist ein sehr guter Trainer aber keiner der Titel gewinnt
Herr Ahrens, natürlich muss der BVB Favre überhaupt erst einmal dankbar sein, dass sie da stehen, wo sie stehen. Man muss das aber auch im Gesamtkontext sehen und ihm auch ankreiden, einen 9! Punkte Vorsprung mit vergeigt zu [...]
Herr Ahrens, natürlich muss der BVB Favre überhaupt erst einmal dankbar sein, dass sie da stehen, wo sie stehen. Man muss das aber auch im Gesamtkontext sehen und ihm auch ankreiden, einen 9! Punkte Vorsprung mit vergeigt zu haben und im Pokal zu früh für Dortmunds Ansprüche ausgeschieden zu sein. Das lassen Sie hier außer Acht, betrachten also nicht die gesamte Saison, sondern nur einen kleinen Teil und werfen dann aber den Kollegen Kurzatmigkeit vor..Klasse! Sie hätten ja auf genau die Punkte eingehen können, die Sie kritisieren: falsche Taktik, Schwäche bei Standards und eine gewisse Müdigkeit. Aber so ist das für mich ein nichts sagender Artikel, der versucht Favre in Schutz zu nehmen ohne echte Argumente zu liefern.
labuday 29.04.2019
4. wer Herrn Favre kennt und oft hört, weiß, daß er als Schweizer Dinge
sagt, die so, wie wir als Hoch-Deutsche das sagen, nicht gemeint sind. Auch wenn viele Deutsch sprechen, sprechen sie noch lange nicht Deutsch (in allen seinen Feinheiten und Hintersinnigkeiten). Mit Sicherheit hat er NICHT den [...]
sagt, die so, wie wir als Hoch-Deutsche das sagen, nicht gemeint sind. Auch wenn viele Deutsch sprechen, sprechen sie noch lange nicht Deutsch (in allen seinen Feinheiten und Hintersinnigkeiten). Mit Sicherheit hat er NICHT den Titel insgesamt gemeint, sondern genau nur dieses Spiel. Wir haben dieses Spiel um den Titel verspielt.
kessler 29.04.2019
5. Eine gwagte Hypothese
Natürlich kann die Anmerkung, dass die Meisterschaft entschieden ist, aus der Enttäuschung heraus erfolgt sein. Vielleicht war es aber die einzige und berechnete Möglichkeit, die Mannschaft des FCB so zu beeinflussen, dass sie [...]
Natürlich kann die Anmerkung, dass die Meisterschaft entschieden ist, aus der Enttäuschung heraus erfolgt sein. Vielleicht war es aber die einzige und berechnete Möglichkeit, die Mannschaft des FCB so zu beeinflussen, dass sie das Spiel gegen den Club nicht ernst genug nimmt. Selbst oder gerade wenn das stimmt, wird niemand diese Hypothese bestätigen.
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