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Sport

Beckham-Entdecker Harrison ist tot

Der größte unbekannte Trainer seiner Zeit

Als Nachwuchscoach bei ManUnited hat Eric Harrison spätere Stars wie David Beckham und Ryan Giggs entdeckt. Nun ist er gestorben. Seine "Class of '92" erinnert sich an einen einfühlsamen und gnadenlosen Mann.

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Eric Harrison mit Ryan Giggs, Nicky Butt, David Beckham, Gary Neville, Phil Neville, Paul Scholes und Terry Cooke im Jahr 1992

Ein Nachruf von , Manchester
Freitag, 15.02.2019   11:48 Uhr

Der Fußball-Lehrer Eric Harrison hat sich noch für seine Schüler verantwortlich gefühlt, als sie längst keine Schüler mehr waren. Der ehemalige englische Nationalverteidiger Phil Neville hat zum Tode Harrisons eine elf Jahre alte Anekdote erzählt, wie er nach einem Sieg mit dem FC Everton gegen Arsenal eine Nachricht auf seinem Handy hatte. Sie kam von Harrison, seinem ehemaligen Jugendtrainer bei Manchester United.

Ob sie telefonieren könnten, er müsse Neville dringend sprechen. Also telefonierten sie, am Montag nach dem Spiel. Harrison ermahnte Neville, weil dieser Arsenals Angreifer Thierry Henry in einer Situation den Rücken zugekehrt und damit eine Torchance zugelassen hatte. Daran hätten sie früher jeden Tag gearbeitet, sagt Neville. "Selbst als ich 31 war, hat er mich nicht aufgegeben und war immer für mich da", sagt der inzwischen 42 Jahre alte Neville.

Harrison ist keine bekannte Figur im internationalen Fußball. Die Nachricht von seinem Tod im Alter von 81 Jahren, die Donnerstag bekannt wurde, erreicht in Spanien, Italien oder Deutschland wahrscheinlich nur wenige. Dabei spielte Harrison eine wichtige Rolle beim Aufstieg von Manchester United zur besten Vereinsmannschaft der Welt um die Jahrtausendwende. Als Nachwuchstrainer, der von 1981 für den Klub tätig war, formte er Gary und Phil Neville, Nicky Butt, Paul Scholes, Ryan Giggs und David Beckham. Weltklassespieler.

1992 gewann er mit ihnen den FA Youth Cup. Sieben Jahre später bildeten seine Schützlinge das Gerüst von Manchester Uniteds Profi-Mannschaft, die das historische Triple aus Meisterschaft, FA-Cup und Champions League holte. Der dramatische 2:1-Erfolg im Finale gegen den FC Bayern durch zwei Tore in der Nachspielzeit war die Krönungsmesse der sogenannten Klasse von 1992. Sie wäre ohne Harrison nicht möglich gewesen.

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Eric Harrison

Wie groß sein Ansehen bei United war, zeigen die Trauerbekundungen seiner früheren Schüler. "Wir haben den Mann verloren, der uns zu dem gemacht hat, was wir sind", heißt es in einer Nachricht, die von den beiden Nevilles, Giggs, Scholes, Butt und Beckham unterschrieben ist. Beckham erinnert sich, wie Harrison auf Uniteds altem Trainingsgelände "The Cliff" am Fenster gestanden und mit einem Lächeln auf seine Spieler herabgeschaut oder mit der Faust gegen die Scheiben geschlagen hatte. "Ich höre ihn immer noch sagen: 'Keine Hollywoodpässe mehr!", schrieb er bei Instagram.

Beckham war der erste Popstar im Fußball der Neuzeit, ist nach Angaben seiner früheren Teamkollegen aber immer auf dem Boden geblieben. "Das haben wir Eric zu verdanken", sagt Gary Neville. Der Jugendtrainer hat seine Schüler nicht nur auf die Zeit als Fußballer vorbereitet, auch auf das Leben.

Seine Methodik war das, was die "Times" als "compassionate ruthlessness" bezeichnet, also eine einfühlsame Gnadenlosigkeit. Harrison war ein Trainer alter Prägung, hart und herausfordernd. Seine Frau nannte ihn einmal "eine Schande". Unter anderem ließ er seine Spieler im Schnee Rugby spielen und erklärte zu Beginn der Saisonvorbereitung, dass sie ihre Fußballschuhe in den kommenden Wochen erst mal nicht benötigen würden. Stichwort: Kondition bolzen.

Harrison konnte aber auch behutsam sein. Robbie Savage, einer aus der Mannschaft von 1992 ohne die ganz große Karriere in den Folgejahren, berichtet von einem Brief, den ihm Harrison nach seinem Aus bei Manchester United geschrieben habe. Darin habe er ihn ermutigt, weiter an sich zu glauben.

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Eric Harrison im Jahr 1981

"Wenn du gut gespielt hast, war er der erste, der dir auf die Schulter klopft. Aber er hat dir auch klar gemacht, wenn du nicht gut gespielt hast", sagt Scholes: "Diese Vorbereitung war ideal für alles, was danach kam." Zur Erinnerung: Danach kam das Profi-Dasein unter Sir Alex Ferguson. Dessen Wutanfälle waren so berühmt, dass sie einen eigenen Spitznamen haben - "hairdryer treatment", die Haartrockner-Behandlung.

Es ist fraglich, ob Harrisons Herangehensweise (Giggs: "Es war wie in der Armee") heute noch funktionieren würde. Trainer, die ihre Spieler quälen, sind aus der Mode gekommen. An der Seitenlinie stehen oft sanfte Charismatiker wie Englands Nationaltrainer Gareth Southgate, Intellektuelle wie Pep Guardiola (Manchester City) oder lächelnde Norweger wie Ole Gunnar Solskjær (United). In den Achtziger- und Neunzigerjahren schien Harrison allerdings die Idealbesetzung. Für Ferguson ist er "einer der größten Trainer unserer Zeit".

Man muss vielleicht ergänzen: der größte unbekannte Trainer unserer Zeit.

insgesamt 2 Beiträge
wallaceby 15.02.2019
1. "Die Krönungsmesse 1999"...
...im CL-Endspiel gegen den FC Bayern München soll das also gewesen sein... Soso?! Ich habe da eine ganz andere Erklärung dafür, warum nicht der FC Bayern München dieses Endspiel gewonnen hat. Der Grund heißt zum einen [...]
...im CL-Endspiel gegen den FC Bayern München soll das also gewesen sein... Soso?! Ich habe da eine ganz andere Erklärung dafür, warum nicht der FC Bayern München dieses Endspiel gewonnen hat. Der Grund heißt zum einen Lothar Matthäus, der einen eher etwas fragwürdigen Abgang noch vor Spielende in Führung liegend genommen hat, und zum anderen der Spieler Thorsten Fink, der durch sein eher stümperhaftes Defensivverhalten beim Stand von 1:0 kurz vor Ende der regulären Spielzeit erst den Ausgleichstreffer der Engländer möglich gemacht hat. Und dann kam natürlich leider, aus Bayern-Sicht, auch noch Solskjaer dazu... Aber entscheidend für diese schmerzhafte Niederlage des FC Bayern in den Schlußminuten waren doch wohl eher nur diese genannten Bayern-Spieler selber und weniger der Gegner. Die waren über die 90 Minuten vorher nicht besonders gefährlich und hätten den Sieg auch nicht verdient gehabt, bei den vorher auch noch katastrophal vergebenen FC Bayern-Chancen auf das 2:0. So wie hier beschrieben kann man also nach 20 Jahren die Gründe für Siege oder Niederlagen auch umdeuten oder ganz verfälschen. Nichts gegen Mr. Harrison, der bestimmt hervorragende Nachwuchsarbeit geleistet hat, aber niemand hätte nach einem 1:0 Sieg der Bayern danach groß von ManU gesprochen. Der angebliche "Triumphzug" dieses Clubs hat meines Wissens eher so nicht stattgefunden. Das war immer mehr auch ein gewisser Medienhype, von Spielern wie D. Beckham damals auch schon angefacht, als er damals schon eher "der Spieler mit der Freundin von den Spice Girls" war. Am Deutlichsten ist das alles ja immer viel besser am bis heute ausgebliebenen "internationalen Erfolg" der englischen Nationalmannschaft zu sehen. Sie haben seit 1966 nie mehr einen Titel geholt, und das sagt wesentlich mehr über diese Generation von international viel zu sehr gehypten Spielern aus, als dieser Duselsieg von Manchester United in der Champions League 1999! Wenn es einen Verein gibt, der hier wohl Einzigartiges geschafft hat, dann ist es doch wohl Real Madrid, mit ihrer CL-Siegesserie in den letzten Jahren. Auch der FC Bayern München ist mit seinen Siegen, Final-Niederlagen und mit seinen CL Serien-Halbfinaleinzügen trotz letzten Endes leider viel zu oft versäumterTitel in den letzten 20 Jahren doch wohl klar vor ManU einzustufen. Also wie immer nur die bekannten England- bzw. Premier League Lobeshymnen, die aber für mich nicht völlig nachvollziehbar sind.
spon1899 16.02.2019
2.
Ja, da ist wohl ein Großer von ManU gegangen. Der CL-Titel von 1999 dürfte sowohl für ihn als auch für die Spieler die Belohnung für alles gewesen sein, denn schöner kann man ein solch wichtiges Spiel nicht gewinnen.
Ja, da ist wohl ein Großer von ManU gegangen. Der CL-Titel von 1999 dürfte sowohl für ihn als auch für die Spieler die Belohnung für alles gewesen sein, denn schöner kann man ein solch wichtiges Spiel nicht gewinnen.

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