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Sport

Nach Platini-Verhör

Konsequenzen? Doch nicht bei der Fifa

Das Verhör des früheren Uefa-Chefs Michel Platini dauerte Stunden, die Ermittlungen zur WM-Vergabe 2022 gehen weiter. Und doch: Katar muss sich um die Ausrichtung des Turniers keine großen Sorgen machen.

Franck Fife/AFP

Fifa-Boss Gianni Infantino beschwichtigt

Eine Analyse von
Mittwoch, 19.06.2019   15:08 Uhr

Über Stunden hat die Polizei den ehemaligen Uefa-Boss Michel Platini vernommen, um seine Rolle im Bestechungsskandal um den Fußball-Weltverband Fifa zu klären. Es gehe um "aktive und passive Korruption", hatte die französische Justiz verlauten lassen. Am späten Abend durfte der 63-Jährige das Kommissariat in Nanterre bei Paris wieder verlassen. "Viel Lärm um nichts", kommentierte Platinis Anwalt, William Bourdon, anschließend.

Ermittelt wird in Frankreich zum Fifa-Komplex zwar bereits seit 2016. Jetzt haben die französischen Ermittler aber mutmaßlich neue Erkenntnisse. Anders wäre die jetzige Gewahrsamnahme Platinis nicht zu erklären. Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, dass die Ermittler seit Januar Zugang zu den Daten aus den Football Leaks haben. Detail am Rande: Platini-Anwalt Bourdon ist auch Rechtsbeistand von Football-Leaks-Quelle Rui Pinto.

Wie geht es jetzt weiter mit Platini, mit der Fifa und der Katar-WM 2022? Hier sind die wichtigsten Fragen und Antworten.

Welche Konsequenzen hat die Angelegenheit für Platini?

Die Behörden teilten mit, dass es zunächst kein Verfahren gegen Platini geben werde, dieser sei als Zeuge vernommen worden. Dennoch ist die Aktion ein empfindlicher Rückschlag für mögliche Comeback-Pläne Platinis. Die von der Ethikkommission der Fifa gegen ihn verhängte vier Jahre lange Sperre läuft im Oktober ab, danach könnte er sich wieder für Ämter im Weltfußball bewerben.

Platini hatte sich zuletzt rund um den Fifa-Kongress von Paris erstmals seit langer Zeit wieder zu Wort gemeldet und ausgewählte Journalisten empfangen. Dabei hatte er Spitzen gegen den jetzigen Fifa-Boss Gianni Infantino platziert und sich zum wiederholten Male als Unschuld im Fifa-Sumpf dargestellt. Zudem wollte er in der kommenden Woche bei der Trauerfeier für den früheren Uefa-Chef Lennart Johansson erstmals nach langer Zeit auch wieder öffentlich im Kreis der Topfunktionäre auftreten. All das wirkte so, als bereite er eine Rückkehr auf die Fußballbühne vor.

Geht es nur um die Vergabe der WM 2022?

Nur vordergründig. Tatsächlich hat ein Sprecher Platinis mitgeteilt, der Franzose habe auch Auskunft zur Vergabe der EM 2016 an Frankreich gegeben. Dieses Turnier war bislang noch von Korruptionsverdächtigungen frei. Möglicherweise haben die Ermittler auch hier neue Erkenntnisse gewonnen - sodass auch dieses EM-Turnier in Platinis Heimat in den Fokus gerät.

Platini selbst sagte nach seiner Vernehmung, er sei auch über die WM-Vergabe 2018 nach Russland und den französischen Spitzenklub Paris Saint-Germain befragt worden. PSG wird von einer katarischen Investorengruppe geführt.

Platinis Äußerung im Video:

Foto: DPA

Wie reagieren die Verbände?

Äußerst zurückhaltend. Weder von der Fifa noch von der Uefa gab es offizielle Kommentare zu Platinis Einvernahme. Die Verbände haben derzeit keinen Anlass, das Kapitel Platini wieder zu öffnen - in der Fifa steht mit Infantino der frühere Generalsekretär des Franzosen an der Spitze. In einem Job, den Platini selbst am liebsten übernommen hätte. Dass Infantino die Sperre seines früheren Chefs nutzte, um selbst Fifa-Boss zu werden, hat Platini ihm nicht verziehen. Die Uefa unter ihrem Chef Aleksander Ceferin müht sich derzeit um ein saubereres Image. Auch deswegen hält man die Füße still.

Eine Reaktion kam allerdings vom früheren Fifa-Präsidenten Joseph Blatter. Der 83-Jährige stellte fest, Platini sei "ganz sicher kein Krimineller". Der Fall kann damit zu den Akten.

Was sagen die Sponsoren?

Adidas-Chef Kasper Rorsted hat in der "Welt" Konsequenzen des Topsponsors erst einmal ausgeschlossen. "Wir haben eine sehr klare Meinung. Wenn bei einem Verband ein Rechtsbruch stattfindet, werden wir uns damit auseinandersetzen." Bislang scheinen die Vorgänge um Fifa und Uefa dafür aus Adidas-Sicht noch nicht schwerwiegend genug zu sein. Rorsted hat den beiden Großverbänden "Fortschritte" attestiert. Immerhin hat er eingeräumt: "Katar ist nicht unser Lieblingsstandort für eine WM."

Muss Katar um die WM fürchten?

Das ist kaum vorstellbar. Zwar wird in einzelnen Medien über diese Möglichkeit spekuliert, die "Welt" titelte: "Wegen Platini droht Katar sogar der Verlust der WM", aber das klingt eher so wie die monatlichen Meldungen aus den USA, wo es nach jeder neuen Enthüllung heißt, jetzt werde es aber eng für den US-Präsidenten Donald Trump. Und dann geht es doch so weiter.

Theoretisch sehen die Fifa-Regularien vor, dass einem Ausrichter das Turnier entzogen wird, sollte es Beweise für Korruption geben. Fifa-Boss Infantino hat aber bisher alles dafür getan, den Ermittlungseifer im eigenen Hause zu dämpfen. Die Zeit bis zur WM währt mit zweieinhalb Jahren nun auch nicht mehr ewig, die ersten Stadien sind gebaut. Ein Entzug der WM würde all dem widersprechen, wie man die Fifa bisher kennengelernt hat.

insgesamt 3 Beiträge
NichtdeinErnst 19.06.2019
1. Überall dasselbe.
Warum sollte es bei der FIFA anders sein als in der Politik? Auch hier werden Aufträge vergeben, die kein Mensch braucht und an denen sich nur Wenige bereichern. Und entlassen wird da auch grundsätzlich niemand, die fallen alle [...]
Warum sollte es bei der FIFA anders sein als in der Politik? Auch hier werden Aufträge vergeben, die kein Mensch braucht und an denen sich nur Wenige bereichern. Und entlassen wird da auch grundsätzlich niemand, die fallen alle verdammt weich. Unfähigkeit ist auch kein Kriterium (siehe Maut). So what? So lange niemand in die persönliche Verantwortung genommen wird, ändert sich nichts. Nirgends. Nie.
rolz-reus 19.06.2019
2. Weil es dann so schön und feierlich war ...
... wird man sich darauf einigen, dass die Meisterschaft auch 2026 und 2030 in Katar ausgerichtet wird. Ich selbst merke, seit dem Vuvuzelaturnier in Südafrika, dass die Stimmung stetig abnimmt. Wenn dann erst einmal die 48 [...]
... wird man sich darauf einigen, dass die Meisterschaft auch 2026 und 2030 in Katar ausgerichtet wird. Ich selbst merke, seit dem Vuvuzelaturnier in Südafrika, dass die Stimmung stetig abnimmt. Wenn dann erst einmal die 48 besten Mannschaften der Welt antreten, dann hat man es geschafft, das Pferd WM kaputtzureiten!
morkvamork 19.06.2019
3.
"...Welt antreten, dann hat man es geschafft, das Pferd WM kaputtzureiten!" Das glaube ich nicht. Weil es genug Fußballfans gibt, die zwar kein Geld haben, aber ihren Sport (vorm Fernsehdinges oder der Tribüne) [...]
Zitat von rolz-reus... wird man sich darauf einigen, dass die Meisterschaft auch 2026 und 2030 in Katar ausgerichtet wird. Ich selbst merke, seit dem Vuvuzelaturnier in Südafrika, dass die Stimmung stetig abnimmt. Wenn dann erst einmal die 48 besten Mannschaften der Welt antreten, dann hat man es geschafft, das Pferd WM kaputtzureiten!
"...Welt antreten, dann hat man es geschafft, das Pferd WM kaputtzureiten!" Das glaube ich nicht. Weil es genug Fußballfans gibt, die zwar kein Geld haben, aber ihren Sport (vorm Fernsehdinges oder der Tribüne) nie aufgeben würden.

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