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Sport

Vorwürfe gegen Neymar

"Das kann der Wendepunkt in seiner Karriere werden"

Die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Superstar Neymar erschüttern Brasiliens Fußball - kurz vor dem Start der Copa América. Bei vielen Fans hat der PSG-Profi seinen Kredit ohnehin schon eingebüßt.

Ricardo Moraes REUTERS

Neymar im Trainingslager vor der Copa América

Von , Mexiko-Stadt
Mittwoch, 05.06.2019   18:00 Uhr

Alle haben sich in Brasilien zu Wort gemeldet zu diesem Thema: Die Fans, die Kollegen, der Trainer, am Stammtisch wird es diskutiert. Das Urteil über Neymar Júnior fällt dabei nie einhellig, aber immer kategorisch aus. Schuldig oder unschuldig. Vergewaltiger oder Opfer der perfiden Strategie einer Frau. Das Thema spalte die brasilianische Gesellschaft und die brasilianischen Fans, sagt Breiller Pires, Fußball-Experte und intimer Kenner der Nationalmannschaft. "Aber Neymar hat sich dieses Jahr schon so viele Affären auf und neben dem Platz erlaubt, dass sein Kredit aufgebraucht ist."

Viele in Brasilien befürchten, dass die jüngsten Vergewaltigungsvorwürfe gegen den besten brasilianischen Fußballer der Gegenwart auch noch die Mission Titelgewinn gefährdet. In einer guten Woche startet die Copa América, die Südamerika-Meisterschaft im eigenen Land. Und nun endlich nach den WM-Pleiten 2014 und 2018 soll der Titel her. Aber die Vorbereitung vor dem Eröffnungsspiel Brasiliens gegen Bolivien am 14. Juni ist empfindlich gestört.

Taktik und Technik treten im Trainingslager in Teresópolis in den Hintergrund. Viele Mitspieler seien inzwischen von dem Hin und Her um den Star von Paris St. Germain (PSG) genervt, so Pires im Gespräch mit dem SPIEGEL. Die Affäre um die mögliche Vergewaltigung Neymars einer Frau in Paris habe sich für die Nationalmannschaft längt zu einem "Pulverfass" entwickelt.

Der Verband versucht zu beschwichtigen

Zuletzt äußerte sich Rogério Caboclo, Präsident des brasilianischen Fußballverbands CBF. Ausgerechnet aus Frankreich ließ sich Cabloco beschwichtigend vernehmen und versuchte, die aufgewühlte Nation wieder auf Fußball einzuschwören. Er habe volles Vertrauen in die Nummer 10 der Seleçao. Er gehe davon aus, dass Neymar bei der Copa für die Nationalmannschaft auflaufe. "Wir wissen, was für ein Mensch und was für ein Sportler er ist", versicherte der CBF-Präsident.

Dabei gibt es an beidem derzeit erhebliche Zweifel. Der Vorwurf der Vergewaltigung einer Brasilianerin in einem Pariser Hotel am 15. Mai ist bisher undurchsichtig. Der Star und die Frau, deren Identität unbekannt ist, lernten sich demnach über die sozialen Netzwerke kennen. Dann sandte Neymar ihr ein Flugticket, reservierte nahe dem Triumphbogen ein Hotelzimmer und traf sich dort mit ihr an dem fraglichen Abend. Dass es zum Sex kam, ist unstrittig, fraglich sind nur die Umstände. War es einvernehmlicher Geschlechtsverkehr - oder hat der Fußballer die Frau unter Alkoholeinfluss missbraucht und zum Sex gezwungen? So zumindest gab sie es rund zwei Wochen nach der Tat daheim in Brasilien bei der Polizei zu Protokoll. Um sofort in Paris Anzeige zu erstatten, sei sie zu aufgewühlt gewesen, sagte sie.

Lucas Figueiredo AFP

"Heikelste Phase seiner Laufbahn": Neymar

Brasiliens Justiz nahm sofort Ermittlungen gegen den Sportler auf. Gewalt gegen Frauen ist in Südamerikas größtem Land sehr verbreitet. Neymar ging in die Offensive und behauptete in einer Videobotschaft: "Ich bin in eine Falle getappt." Zum Beweis veröffentlichte er die Chat-Protokolle mit der Frau, die auch - ihre Echtheit vorausgesetzt - noch nach der vermeintlichen Tat vertrauliche Konversationen zeigt. Für Neymar allerdings folgte gleich das nächste Ermittlungsverfahren wegen Verletzung der Privatsphäre.

Vorladung Neymars soll verschoben werden

Seither überschlagen sich die Ereignisse. Der TV-Sender Globo meldet, die Anwälte der Frau hätten ihr Mandat aufgrund widersprüchlicher Angaben ihrer Mandantin niedergelegt. Die Nachrichtenseite "UOL Esporte" berichtete, sie habe Zugang zu einem ärztlichen Gutachten, wonach die Frau Hämatome an Beinen und Gesäß habe sowie an posttraumatischen Symptomen leide. Das Gutachten sei allerdings erst sechs Tage nach dem vermeintlichen Übergriff erstellt worden.

Der Fußballverband versucht nun, Neymars für Freitag geplante Vorladung zur Aussage auf Montag zu verschieben. Am Sonntag spielt Brasilien ein Vorbereitungsspiel gegen Honduras. Da soll der Star unbedingt mitmischen. Allerdings nicht mehr als Kapitän. Die Binde hatte ihm Nationaltrainer Tite schon zu Beginn der Vorbereitung auf die Copa Ende Mai abgenommen.

Es war die Quittung für ein Jahr, das bei Neymar gezeichnet war von Verletzungen und Verfehlungen. "Der Zoff mit seinem Mitspieler Edison Cavani um die Elfmeter, die Arroganz und die ständigen Streitereien mit seinen Teamkollegen, das Beschimpfen und Ohrfeigen der Fans und das Verfluchen der Schiedsrichter", zählt Breiller Pires auf. Das sei dann unter dem Strich doch zu viel gewesen. "Sein Image war schon vor der Affäre ziemlich beschädigt, ein Idol ist er für die brasilianischen Fußballfans schon lange nicht mehr", sagt Pires.

Der Seleçao-Kenner fürchtet, dass unter Umständen sogar die Karriere des 27-Jährigen in Gefahr sei. "Es ist der heikelste Moment in seiner Laufbahn. Das kann der Wendepunkt in Neymars Karriere werden."

Es ist kaum zu erwarten, dass der Stürmer ab kommender Woche in sportlicher und psychologischer Bestform das wichtige Turnier für Brasilien bestreiten kann. Aber alles andere als der Titel beim Finale am 7. Juli im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro wäre eine Enttäuschung für die Brasilianer. Zuletzt konnte die Seleçao vor zwölf Jahren die Südamerika-Meisterschaft gewinnen, die mit der Fußball-Europameisterschaft zu vergleichen ist.

Der Druck auf Trainer Tite ist groß. Holt er die Copa nicht, wird er wohl gehen müssen. Also hängt sein Schicksal in gewisser Weise auch an dem PSG-Star. Gegenüber der Presse äußerte sich der Trainer dann auch mit einer Unschärfe, die Spitzendiplomaten zur Ehre gereichen würde: Neymar sei bei der Copa América selbstverständlich "unentbehrlich" für die Nationalmannschaft. "Aber er ist keineswegs unersetzlich."

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